Wirtschaft
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US-VW-Chef im Kongress: «Was werden Sie im Gefängnis lesen?»

Mit einer grossen Geste der Entschuldigung tritt der Amerika-Chef von Volkswagen vor den US-Kongress. Die Verantwortung für die Schummel-Software schiebt Michael Horn einzelnen Technikern zu. Manchem Abgeordneten fällt es da schwer, die Ruhe zu bewahren.

09.10.15, 08:39 09.10.15, 09:01

Veit Medick, Washington



Ein Artikel von

Das fängt ja gut an. «VW hat die Nation betrogen. Es ist an der Zeit, die Sache wiedergutzumachen - oder von der Strasse zu verschwinden», ruft ein Abgeordneter aus Michigan zu Beginn der Sitzung. «Sie haben uns belogen», sagt der Kollege aus Kalifornien. «Wir lassen uns nicht als Crash-Test-Dummies behandeln.» Und Mister Welch aus Vermont fragt: «Was werden Sie im Gefängnis lesen?»

Die Amerikaner sind im Alltag meist umgänglich, aber vor Kongress-Ausschüssen möchte man lieber nicht sitzen, schon gar nicht, wenn man einen grossen Skandal zu erklären hat. Die Sitzungen sind öffentlich, sie werden im Fernsehen übertragen, und so werden viele der Aufklärungsverhöre zu wahren Schaukämpfen. An diesem Donnerstag ist das Michael Horn, Amerika-Chef von VW, der wie ein Angeklagter vor den Abgeordneten sitzt.

epa04968897 Volkswagen Group of America President and CEO Michael Horn prepares to testify before a  House Oversight and Investigations Subcommittee hearing on 'Volkswagen's Emissions Cheating Allegations: Initial Questions' in the Rayburn House Office Building on Capitol Hill in Washington, DC, USA, 08 October 2015. Horn's testimony focuses on the 'defeat device' that has triggered the car manufacturer's emissions scandal that affects 11 million vehicles worldwide.  EPA/JIM LO SCALZO

Michael Horn vor dem Kongress.
Bild: JIM LO SCALZO/EPA/KEYSTONE

Es ist ein sehr unangenehmer Auftritt für den VW-Manager. Horn ist der erste aktive VW-Manager, der so öffentlich und ausführlich Fragen zur Abgasaffäre beantwortet. Im September flog auf, dass Volkswagen in bestimmten Dieselmotoren eine illegale Software installiert hatte, die den Schadstoffausstoss manipulierte. Seitdem tut VW sich schwer, die Hintergründe des Skandals zu erklären.

Jedes Wort muss sitzen, das ist auch Michael Horn bewusst. Der VW-Mann, der seit 25 Jahren für den Konzern arbeitet, hat eine dreiseitige Stellungnahme vorbereitet. Schnell wird klar: Er ist vor allem gekommen, um sich zu entschuldigen. «Im Namen unseres ganzen Unternehmens und meiner Kollegen in Deutschland möchte ich eine aufrichtige Entschuldigung anbieten», sagt der VW-Manager. «Ich habe nicht gedacht, dass so etwas bei VW passieren kann.» Kurzer Augenaufschlag und weiter geht's im Mea-Culpa-Kurs.

«Fix these things»

Horn versichert, mit den Behörden kooperieren zu wollen, die Autos schnellstmöglich von der Schummel-Software zu befreien und alles dafür zu tun, das Vertrauen amerikanischer Kunden zurückzugewinnen. Er macht das sehr ausführlich. Aber die Aufklärer sind dennoch unzufrieden. Horn ist nicht konkret genug. Er kann nicht sagen, bis wann genau VW das Problem gelöst haben wird, er kann auch nicht berichten, wie die Reparatur der betroffenen Modelle aussehen soll. Das ist schlecht, denn die Abgeordneten hätten es gerne konkret.

«Fix these things», ruft ein Abgeordneter Horn entgegen. «Bringen Sie diese Dinge in Ordnung.» Auch in anderer Hinsicht ist es ein unglücklicher Auftritt des Volkswagen-Managers. Denn so demütig er sich auch gibt: Was seine eigene Rolle angeht, hat Horn auffällig wenig zu verkünden. Im Kern sagt Horn nur: Ich war nicht für die Software verantwortlich. Die Sache haben andere verbockt: Ingenieure. Die Technikabteilung. Wolfsburg.

Rep. Diana DeGette, D-Colo, ranking member on the House Oversight and Investigations subcommittee holds a Volkswagen manual which shows the exhaust system as she questions Volkswagen Group CEO Michael Horn, on Capitol Hill in Washington, Thursday, Oct. 8, 2015, during the subcommittee's hearing on Volkswagen's emissions-rigging scandal. (AP Photo/Cliff Owen)

Die Republikanerin Diana DeGette machte dem Deutschen Dampf.
Bild: AP/FR170079 AP

Dabei ist es schwer zu glauben, dass er gänzlich unbeteiligt war. Schaut man sich die Zeitleiste an, ist es - man muss das so hart sagen - erstaunlich, dass Horn noch immer im Amt ist. Vor dem Ausschuss gibt Horn an, im Frühjahr 2014 erstmals von den Unregelmässigkeiten bei den Emissionstests erfahren zu haben - mehr als ein Jahr, bevor VW den Betrug eingestand. Unter seiner Führung startete VW im Frühjahr 2015 in den USA einen Rückruf, der den Umweltbehörden eine Lösung vorgaukeln sollte. Unter seiner Führung verheimlichte Volkswagen bis September 2015 den Einsatz der Software.

Horn verweist auf «seine Experten» und die «deutsche Technikabteilung». Diese hätten ihm im Frühjahr 2014 einen Plan versprochen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Darauf habe er sich verlassen. Ich wurde getäuscht, das ist die Botschaft. Doch selbst wenn das stimmte, stünde Horn als jemand da, der seinen Laden nicht unter Kontrolle hat. Hat Horn das Problem unterschätzt? Hat er es nicht wahrhaben wollen? Oder bewusst die Details von sich gehalten? Dazu äussert sich Horn nicht.

Von der Software habe er übrigens erst rund um den 3. September erfahren, jenem Tag, als der Autokonzern den Einsatz offenlegte. Das fällt vielen im Saal dann doch sehr schwer zu glauben. «Ich kann», ruft ein Abgeordneter aus Texas, «nicht akzeptieren, dass Sie den Betrug auf ein paar Techniker abwälzen.»

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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • malu 64 18.09.2017 12:21
    Highlight Es ist eine Tatsache, dass alle Autos Dreckschleudern sind. Aber einer der grössten Umweltsünder ist die Schiffahrt. Schiffe fahren meist mit Schweröl. In Häfen ohne Bordstrom laufen Generatoren, welche permanent Emmisionen verursachen. Zudem sind sie zur Übersäuerung der Meere verantwortlich. Grosse Teile der Ostsee sind schon jetzt so gut wie tot. Laut Schätzungen von Experten sterben in Europa pro Jahr rund 50'000 Menschen vorzeitig. Mich wundert, dass diese Umweltzerstörer nicht tagtäglich am Pranger stehen!
    1 0 Melden
  • M.O. 09.10.2015 09:00
    Highlight die schummelei war sicher nicht korrekt. was läuft in anderen konzernen, auch anderer branchen ab? da dürfte noch vieles zu erwarten sein.
    wird vw ausgelöscht, gibt das tausende arbeitslose. die vielen migranten die dazu unterstützt werden müssen.....
    so kann europa auch geschwächt werden.




    9 5 Melden
  • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 09.10.2015 08:47
    Highlight Ich finde es immer peinlich, wenn die Reaktion auf einen Schaden mehr Schaden anrichtet, als der Schaden selbst.
    Und schon alleine, dass die die Schummelsoftware gemacht haben, ohne daran zu denken, wie man vorgeht, wenn es entdeckt wird, ist einfach nur superpeinlich.
    Von WV hätte ich erwartet, dass sie so weit denken....
    12 1 Melden

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