Wirtschaft

GI-Karikatur. bild: Shutterstock

Polit-Trends

«Amis go Home» – der Gassenhauer der 68er – ist wieder mega angesagt

Der Anti-Amerikanismus ist in Europa wieder in: Bei Rechten und Linken, bei Intellektuellen und Industriellen. 

17.09.14, 18:30

Dave Eggers Roman «The Circle» schildert ein IT-Unternehmen, das auffallend grosse Ähnlichkeit mit Google aufweist. Eine junge Frau macht in dieser Firma Karriere, zahlt dafür aber einen hohen Preis: Den totalen Verlust ihrer Privatsphäre. «The Circle» gilt als eine Adaption der klassischen Zukunfts-Horror-Romane, Aldous Huxleys «Schöne Neue Welt» und George Orwells «1984».

Als der Roman im Spätherbst letzten Jahres in den USA veröffentlicht wurde, war er ein Erfolg. Die kürzlich veröffentlichte deutsche Übersetzung ist bereits Kult. Eggers trifft die Befindlichkeit der europäischen Seele auf den Punkt genau. Kritik an den IT-Giganten aus dem Silicon Valley und Distanz zu den USA liegen im Trend. Anti-Amerikanismus ist angesagt, bei Linken und Rechten, aber auch bei Intellektuellen und Industriellen.

Der geplante neue Hauptsitz von Apple. Bild: 

Vor allem Deutschland ist derzeit gar nicht gut auf die Vereinigten Staaten zu sprechen. Seit im Zuge der Geheimdienstaffäre bekannt wurde, dass selbst das Handy der Bundeskanzlerin von der NSA abgehört wurde, gibt es kein Halten mehr: In der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) werden Google, Amazon & Co. als «Gefahr für die Gesellschaft» bezeichnet.

Das deutsche Establishment als Speerspitze des USA-Bashing

Die «Zeit» wirft derweil dem Online-Anbieter Amazon vor, er würde «die Regeln diktieren, nach denen Bücher gelesen, geschrieben und publiziert» werden. Und Springer-Chef Mathias Döpfner warnt vor einer «immer vollständigeren Kontrolle durch Google».

FAZ, Zeit, Springer – es ist das gut bürgerliche deutsche Establishment, das sich derzeit mit anti-amerikanischen Zitaten gegenseitig zu übertrumpfen sucht. Die Kreise also, die vor Schrecken bleich wurden, als die Aktivisten der 68er-Generation bei ihren Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg «Amis go Home» skandierten.

«Amazon diktiert die Regeln, nach denen Bücher gelesen, geschrieben und publiziert werden.»

Die «Zeit»

Heute haben die Linken dieses Privileg verloren. Selbst die neue, rechtskonservative Partei «Alternative für Deutschland» profiliert sich mit Kritik an den USA und fordert mehr Verständnis für Russland.

USA-Bashing ist auch in höchsten Regierungskreisen angesagt. Um die Macht der IT-Giganten zu brechen, fordert SPD-Chef und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, dass Google die Geheimnisse seines Algorithmus aufdecken muss und am besten in Einzelteile zerschlagen werden soll. Seine Forderung begründet Gabriel damit, dass die «in neu-feudaler Selbstherrlichkeit auftretenden Monopolisten sich den rechtsstaatlichen Regeln entziehen». 

Will Google entflechten: SPD-Chef Sigmar Gabriel Bild: Getty Images Europe

Da mögen auch die Richter nicht hinten anstehen. Ein Frankfurter Gericht hat in erster Instanz gegen den neuen Internet-Taxi-Betreiber Uber ein einstweiliges Verbot ausgesprochen. Inzwischen ist dieser Bann wieder aufgehoben worden. Doch Uber stösst in Deutschland auf erbitterten Widerstand, nicht nur bei den Taxifahrern, sondern auch bei den ungleich mächtigeren Gewerkschaften.

Auch die Franzosen wollen gegen die IT-Giganten vorgehen

In Deutschland wogen die Wellen des Anti-Amerikanismus derzeit besonders hoch. Doch auch die Franzosen machen Druck auf Jean-Claude Juncker, den neuen Präsidenten der EU-Kommission, härter gegen die IT-Giganten aus Übersee vorzugehen.

Der seit Jahren andauernde Steuerstreit hat auch hierzulande dazu geführt, dass kritische Töne gegen die USA auch aus bürgerlichen Kreisen zu hören sind. Für die SVP gehört USA-Bashing zum Tagesgeschäft.

Der Anti-Amerikanismus der 68er-Generation war getragen von einer Wut gegen einen amerikanischen Imperialismus und gegen den unsinnigen und grausamen Vietnamkrieg. Das aktuelle Kritik hingegen wird von nackter wirtschaftlicher Angst genährt. Google ist nicht nur für den Verleger Döpfner eine Bedrohung geworden. Auch die viel bedeutsamere Autoindustrie gerät unter Druck. Autos werden zunehmend zu Smartphones auf vier Rädern, IT wird auch in dieser Industrie immer wichtiger.

Das geplante Google-Mobil fährt ohne Lenker Bild: reuters

Google experimentiert mit Software-Fahrzeugen und hat bereits ein Google-Mobile angekündigt. Tesla will Milliarden in eine neue Batteriefabrik investieren und das Elektroauto massentauglich machen. Die Manager von VW, Mercedes und BMW werden daher von einem neuen Albtraum geplagt: Werden die stolzen Hersteller von Premiumprodukten immer mehr zu Zulieferern von banaler Hardware in einer ebenfalls von Software – und damit von einer von den USA – dominierten Branche?

Die USA sind wieder eine Wirtschaftsmacht

Dank billigem Gas und im Vergleich zu Europa tieferen Löhnen sind die USA zudem im Begriff, wieder zu alter wirtschaftlicher Stärke zurückzufinden. Spötter sprechen bereits davon, die Vereinigten Staaten seien «das Schwellenland mit den viel versprechendsten Zukunftsaussichten» geworden.

Die ökonomische Zukunft Europas hingegen wird derzeit in düsteren Tönen geschildert. Das geplante Freihandelsabkommen zwischen den beiden Kontinenten löst daher mehr Bammel als Freude aus.

Die Gefahr droht nicht aus dem Westen, sondern aus dem Osten

Kritik an den USA ist angebracht. So widmet selbst das amerikanische Elitemagazin «Foreign Affairs» seine aktuelle Nummer einer vernichtenden Analyse der aktuellen Schwächen der Vereinigten Staaten. Doch das grassierende Bashing der USA in Europa hat einen schlechten Beigeschmack, nicht nur weil es arg populistisch, sondern weil es geopolitisch fehl am Platz ist. Die eigentliche Gefahr droht nicht aus dem Westen, sondern aus den Osten –, und ohne amerikanische Hilfe wird es für Europa eng werden, Putin in die Schranken zu weisen. 

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • manhunt 18.09.2014 23:29
    Highlight @asfd:
    sie wollen die beweise offenbar nicht sehen. die gewaltsame annexion der krim durch russlandist tatsache und keine erfindung der westlichen medien. die unterstützung der prorussischen separatisten ebenso. genauso ist es tatsache das igor strelkov durch den kreml gestützt wird. den abschuss der malaysischen maschine habe ich bewusst nicht erwähnt, weil es dazu tätsächlich keine stichhaltigen beweise gibt. der ursprung der sanktionen liegt aber auch nicht im abschuss dieses flugzeugs. desweiteren wurden auch genügend beweise vorgelegt, das russische streitkräfte wiederholt die ukrainische überquert haben. desweiteren berichteten darüber auch russische medien. sicher nicht in einem ausmass wie westliche medien, weil es in russland sehr schwierig ist, entgegen der offiziellen aussagen der regierung zu berichten. soviel zu ihrem vorwurf ich würd 1:1 glauben was in unseren zeitungen steht. würde mich nun einmal interessieren welche beweise sie vorbringen, sämtliche westliche medien seien von den amerikanern kontrolliert.
    0 1 Melden
  • Negan 18.09.2014 10:12
    Highlight Top Artikel!!

    Thxxxxxx!
    2 1 Melden
  • asdf 17.09.2014 22:39
    Highlight Dieser Artikel gefällt mir weniger... Einmal mehr fehlt die journalistische Neutralität, die man hierzulande eigentlich erwarten dürfte: Das "America Bashing" als einen vorübergehenden europäischen "Trend" zu beschreiben, um abschliessend dann wieder mit der alten Leier - der "wahren Gefahr aus dem Osten" - zu kommen. Welche Gefahr? Schliesslich verfolgt Russland unter Putin - genau wie der Westen - schlicht und einfach seine Interessen, und diese haben kaum mit einer Expansion gegen Westen zu tun. Im Gegensatz zum Westen ist Russland in den letzten Jahren wirtschaftlich erstarkt. Einen mächtigen Konkurrenten will der Westen jedoch um jeden Preis verhindern und verletzt internationales Recht, indem er - basierend auf reinen Mutmassungen - Sanktionen verhängt, um Russland wieder zurückdrängen zu können.
    Sorry fürs USA Bashing, aber anscheinend folge ich ja nur kurz einem blöden Trend, der spätestens nach genügend anti-russischen Berichterstattungen in unseren Medien wieder vorübergeht. ;)
    14 7 Melden
    • cbaumgartner 17.09.2014 23:00
      Highlight Sehr böse... Aber eigentlich nicht einmal falsch...
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    • manhunt 17.09.2014 23:36
      Highlight Ja genau, der Westen verletzt mit seinen Sanktionen internationales Recht, als Antwort auf die "Humanitäre Hilfe" die Russland in der Ostukraine leistet. Und die Annexion der Krim durch nicht gekennzeichnete Luftlandetruppen in Fahrzeugen mit russischen Kennzeichen ist eine reine Mutmassung. Politische Gegner Putins werden auch nicht Mundtot gemacht und sämtliche Wahlen in Russland sind ohne Unregelmässigkeiten abgelaufen. Auch objektive und regierungskritische Berichterstattung ist in Russland kein Problem. Alles andere sind bloss Lügen des Westens.
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    • asdf 18.09.2014 11:24
      Highlight Da haben Sie aber fleissig Zeitung gelesen und übernehmen diese Anschuldigungen 1:1.. Aber wo bleiben die Bewise? Nichts wird konkret belegt! Es gibt beispielsweise keinen einzigen handfesten Beweis dafür, dass Russland etwas mit dem Flugzeugabschuss (MalaysiaAirlines) zu tun gehabt hätte, trotzdem wurden die Sanktionen daraufhin nochmals verschärft. Man stelle sich Mal vor, wie viele westliche Beobachter tagein tagaus intensiv nach handfesten Beweisen für eine russische Aggression suchen, die man Russland zu Last legen könnte. Bis heute habe ich noch keine konkrete Beweise vernommen, und Sie?
      4 3 Melden
    • cbaumgartner 18.09.2014 13:02
      Highlight So ist es! Zu viele Leute geben einfach nur 1:1 wieder was sie in unserer (westlichen) Presse lesen.
      Weil wir ja eig. (schein-)Pressefreiheit haben. Unsere Medien sind amerikanisch Kontrolliert grösstenteils, da ist es klar, dass Russland schlecht da steht, die Amis müssen ja die Helden bleiben!
      Wer denkt es herrsche Pressefreiheit in den USA, der hat sich geschnitten, es gibt Karten, welche das Gegenteil beweisen (Google is your friend: "press freedom map").

      Natürlich sind die russischen Medien nicht besser. Aber zu viele Leute glaben einfach blind was in den Medien hier steht.
      1 1 Melden
  • cbaumgartner 17.09.2014 22:24
    Highlight Na entschuldigung. Bei dem ganzen Kulturimperialismus den diese Affen da Übersee produzieren wird man ja fast anti-Amerikanisch. Ich bin weiss Gott kein Rassist, und ich glaube auch nicht das Rassismus der Ursprung ist für das erneute hochleben von "Ami Go Home", vielmehr denke ich dass es eine (meiner Meinung nach berechtigte) Angst vor der absoluten amerikanischen Kontrolle.
    Ich meine, wo sind die Amis denn nicht?! USA ist in unserem Alltag so allgegenwärtig und vorallem wir, die Deutsch sprechen haben so viele Anglizismen.

    Ich mein ja nur...

    In dem Sinne: "Ami go home!"
    3 3 Melden
  • Yamou 17.09.2014 20:43
    Highlight Gute Analyse! Aber der Schluss des Artikels? Könnte kurzfristig stimmen. Aber längerfristig...
    6 2 Melden
    • cbaumgartner 17.09.2014 22:35
      Highlight Bin ich vollkommen der selben Meinung. Meine Meinung mag zwar ein bisschen voreingenommen sein da ich nicht sehr abgeneigt gegenüber Jürgen Elsässer bin, aber trotzdem sehe ich in Russland keine größere Gefahr als in den USA.

      Fakt ist, mit einem der beiden muss Europa sich gut verstehen, denn spätestens wir beide als Feind haben, DANN wird es eng!
      5 3 Melden

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