Wirtschaft

WM in Brasilien

Wir wollen Ihnen die WM ja nicht madig schreiben, aber ein paar Fakten können nicht schaden

Brasilien verspricht sich gerade von der WM und den Olympischen Spielen 2016 entscheidende Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung. Doch eine WM lohnt sich nicht, wie ein Vergleich zeigt.

11.06.14, 14:27 25.06.14, 09:49

Wenn am Donnerstag das Eröffnungsspiel in São Paulo angepfiffen wird, steht Brasilien im Fokus der Weltöffentlichkeit. Und zwei Jahre später wird das grösste lateinamerikanische Land abermals die Sommeragenda dominieren: Dann nämlich ist Rio de Janeiro Gastgeber der Olympischen Sommerspiele. Die Welt schaut in den kommenden Jahren auf ein Land, das sich innerhalb einer Dekade zu einem der wichtigsten Schwellenländer hochgewirtschaftet hat. Und das alles daran setzt, sich als modernes, sicheres und wirtschaftlich leistungsstarkes Land zu präsentieren. Dafür erhält es nun die grosse Bühne. 

Tatsächlich hat das Land, das mit 8,5 Millionen Quadratkilometern die Hälfte des südamerikanischen Kontinents einnimmt, einiges geleistet. Wirtschaftlich gehört Brasilien neben Russland, Indien und China zu den grossen aufstrebenden Ländern, die als sogenannte BRIC-Länder bekannt sind.

Doch obwohl Brasilien ansehnliche Jahre mit hohem Wirtschaftswachstum hinter sich hat, offenbaren sich heute viele ungelöste Probleme – wirtschaftliche und soziale. Mittlerweile wird Brasilien neben der Türkei, Südafrika, Indien und Indonesien zu den «fragilen Fünf» gezählt, die als besonders anfällig und verwundbar gelten, gerät die Weltwirtschaft in Turbulenzen. 

Enttäuschung programmiert

Von der WM versprechen sich Funktionäre sowie politische und wirtschaftliche Eliten des Landes einen wirtschaftlichen Boost, der sich lohnen soll. Aber tun das nicht alle Länder, die einen Mega-Event beherbergen? Ja, sie hoffen und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Das Hamburgische Wirtschaftsinstitut hat nun den Fall Brasilien untersucht und mit vergangenen Sportereignissen verglichen. Die Studienautoren ziehen eine ernüchternde Bilanz: «Enttäuschte wirtschaftliche Erwartungen bei den Gastgeberländern sind quasi programmiert.» Das erstaunt nicht. Wer sich einmal die Brachen der olympischen Stätten in Athen mit eigenen Augen angeschaut hat, weiss, wovon die Studienautoren sprechen. 

Olympisches Beachvolleyball-Stadion in Athen, aufgenommen 2012. Bild: AP

Die Autoren warten mit einer klaren Botschaft auf: «Trotz des immensen gesellschaftlichen Stellenwerts, den Olympische Spiele und Fussball-Grossereignisse haben, hängt die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes nicht davon ab, ob es eines dieser Events ausrichten darf.» Der Wohlstand steige durch gute Wirtschaftspolitik, durch eine gut ausgebildete Bevölkerung und durch die richtigen politischen Weichenstellungen.

Immerhin gebe es zumindest für kurze Zeit einen gewissen Feel-good-Faktor in der Bevölkerung des Gastgeberlandes, so die Autoren. Nur, davon werden die 10,5 Prozent der Brasilianer, die in extremer Armut leben, nicht satt. 

Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie im Überblick: 

Der wirtschaftlichen Effekte des Karnevals

Der jährliche Karneval in Brasilien hat – im Gegensatz zur WM – immense wirtschaftliche Effekte für Brasilien. Schätzungen belaufen sich auf 3,2 Milliarden US-Dollar allein aus dem Tourismus anlässlich des Karnevals, rund 628 Millionen US-Dollar davon fliessen nach Rio de Janeiro. Der Karneval dort lockt 850'000 Besucher an. Mit der grossen Parade erlöst Rio 42,7 Millionen US-Dollar aus dem Ticketverkauf, Sponsoring und Werbung sowie den TV-Rechten. Mit diesen Zahlen rangiert der Karneval unter den weltweit bekannten Events mit dem grössten wirtschaftlichen Einfluss. 

Das brasilianische Wirtschaftsministerium schätzt, dass die Fussball-WM 2014 rund 5,5 Milliarden US-Dollar an Einnahmen aus dem Tourismus erlösen wird. Auch die Olympischen Spiele 2016 in Rio werden kaum einen grösseren direkten wirtschaftlichen Effekt haben als der jährliche Karneval. Den Nachweis zu erbringen, als Land beziehungsweise als Stadt eine Fussball-WM oder Olympische Spiele ausrichten zu können, hat indes eine ganz andere Qualität als der Karneval. Der Adressat dieses Signals dürfte zudem ein ganz anderer sein. (sza)

Hässliche Andenken

Ein weiterer wichtiger Grund dafür, dass die Sportereignisse keinen signifikanten Effekt auf die Wirtschaftsentwicklung haben, sind die immensen Infrastrukturkosten und andere Ausgaben. Über zehn Milliarden Euro hat Brasilien in Strassen, Bahnen, Stadien, Telekommunikation und in die Sicherheit investiert. Zwar bleiben diese Investitionen im Land. Aber in vielen Fällen hätte Brasilien die Ausgaben ohnehin getätigt; sie werden also nur vorgezogen. 

15. Mai 2014: Die Arena Corinthians in São Paulo. Bild: EPA

Die Kosten von Grossereignissen seien mittlerweile so hoch, dass die Ausrichtung solcher Sportevents nicht mehr nur als Konsum betrachtet werden könne, schreiben die Autoren, sondern als Investition, die eine möglichst hohe Rendite erzielen sollte. «Oftmals verbleiben als Andenken an solche Sportgrossereignisse nur überdimensionierte Sportstätten, für die es keine anschliessende Verwendung gibt.» So fehlt das Geld an anderer Stelle. «Gerade für Schwellenländer sind die Opportunitätskosten eines Sportevents wie der Fussball-WM im Allgemeinen sehr hoch, da die Investitionen alternativ in Bildung und Gesundheit fliessen könnten», heisst es im Papier. 

Noch deutlicher wird das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Trotz gegenteiliger Beteuerungen von Sportfunktionären und Politikern brächten sportliche Mega-Events den Ausrichterländern von Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften keine positiven wirtschaftlichen Impulse. «Die Durchführung eines relativ teuren Sportspektakels wie der Fussball-WM ist für ein Schwellenland angesichts erheblicher infrastruktureller Rückstände ein volkswirtschaftlicher Luxus», schrieben DIW-Vorstandsmitglied Gert G. Wagner und DIW-Konjunkturexperte Karl Brenke kürzlich im «Tagesspiegel».

Brasilien investiert 768 Millionen Franken in die Sicherheit. Bild: EPA

Von nichts kommt nichts

In den vergangenen zehn Jahren gab es eine Reihe von Gastgeberländern, die im Anschluss an die Sportevents eine bemerkenswerte wirtschaftliche Entwicklung genommen haben. Nur, betonen die Autoren: Nichts davon hatte etwas mit der Rolle als Gastgeberland zu tun.

Ein paar Beispiele:

Vor der WM in Brasilien sind in São Paulo Streiks der U-Bahn-Beschäftigten teils gewaltsam eskaliert. Das Eröffnungsspiel könnte vom Verkehrschaos betroffen sein. Bild: AP

Das Fazit ist schnell gezogen: Ein Mega-Event kann für das Image des Gastgeberlandes förderlich sein, der wirtschaftliche Effekt hingegen tendiert gegen null. Das weiss auch die brasilianische Bevölkerung, ihr Unmut hat sich bereits in Massendemonstrationen entladen. Die Bevölkerung will mehr als einen WM-Titel: nämlich soziale und wirtschaftliche Sicherheit. Fussball hin oder her.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 11.06.2014 22:40
    Highlight Hier noch mehr zum Thema:
    0 0 Melden
  • alessandro 11.06.2014 18:50
    Highlight So toll ich eine WM auch finde, in diesem Fall hoffe ich, dass es noch viel grössere Krawalle geben wird. Spiele verhindern wäre die einfachste Variante sich auf der Weltbühne anständig Gehör zu verschaffen. Guten Grund dazu hätten sie allemal. Dass es Leute gibt die noch hinter der FIFA stehen ist unglaublich.
    3 1 Melden
  • LeLaenz 11.06.2014 17:33
    Highlight So und jetzt sind wir dann alle happy dass das Ding auch endlich losgeht. Das ganze Vorgeplänkel trübt langsam die Vorfreude.
    Am Ende wird es ungefähr sein wie in Sochi wo auch alles kritisiert wurde was kritisiert werden konnte. Die Stadien in Brasilien werden zerfallen und die Menschen nehmen wieder ihren gewohnten Alltagsrhythmus auf (all in one rhythm), Brasilien wird etwas Tourismus hinzugewinnen und die Preise für ein Bier werden etwas höher sein als vor der WM. Aber berichten wird niemand mehr darüber was die WM zurückgelassen hat - allenfalls mit der Ausnahme von einer Bildstrecke bei der nächsten WM, welche zeigt, welche Fehler nicht mehr gemacht werden dürfen.
    Man wird einen weiteren Weltmeister in die Annalen reinschreiben und hochgelobte "Experten" werden sich in einigen Jahren sportlicher Höhepunkte an diesem Turnier entsinnen.
    Trotzdem, ich freu mich auf 4 Wochen Ausnahmezustand in der sonst so zurückhaltenden Schweiz!
    In diesem Sinne: Lasst die Spiele beginnen!
    0 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 11.06.2014 19:11
      Highlight Ja genau lasst uns in fröhliche Stimmung fallen und die ethnische Säuberung der Armenvierteln vergessen! All die Kinder die von der Polizei erschossen wurden weil sie nicht Platz machen wollten, alles nicht so schlimm... lasst uns das ganze vergessen und endlich feiern!!! sorry aber ohne mich...
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    • LeLaenz 11.06.2014 21:52
      Highlight Versteh mich bitte nicht falsch. Ich bin ganz bestimmt nicht für solche Gräueltaten. Was mich stört ist dass diese ganzen "Säuberungsaktionen" immer in Verbindung mit der WM gesehen werden. Diese fanden vorher statt un werden, wenn die WM das Thema nicht einschlägig beleuchtet hat, auch weitergehen. Ich fände es aber falsch, die WM ausschliesslich negativ zu betrachten. Gerade dieses Ereignis zeigt die Probleme des Landes auf, zieht ihnen sozusagen die Tarnung des Desinteresses weg. Und genau so können in Zukunft solche Misstände bekämpft werden. Es wäre aber auch unfair all denjenigen gegenüber, welche für dieses Ereignis Opfer brachten, nun ein schlechtes Gewissen zu machen und alles zu verteufeln.
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  • Gelöschter Benutzer 11.06.2014 15:45
    Highlight "Ein Mega-Event kann für das Image des Gastgeberlandes förderlich sein, der wirtschaftliche Effekt hingegen tendiert gegen null."

    "ihr Unmut hat sich bereits in Massendemonstrationen entladen."

    Und sollte brasilien den cup nicht gewinnen, wird erst recht der teufel los sein.

    my 5 cents ;

    Unheimlich viel geld wurde in "kosmetische" infrastruktur gesteckt, es musste alles sehr schnell gehen, die qualitaet blieb auf der strecke. z.B. Die gleichen strassen die fuer den konfederation cup "renoviert" wurden sind neu "aufgeglaenzt" und in einem jahr ist wieder alles am ar......

    Die stadien wurden zum groessten teil an bereits bestehenden orten gebaut, entweder wurden teile oder das ganze entfernt und neu aufgebaut, so weit so gut. Das problem dabei - es waren zweckbauten aus beton und stahl ohne grossen zusaetzlichen schnickschnack, einfache sportarena´s vor allem pflegeleicht. Jetzt sind es "luxusbauten" nach fifa-norm, plastik, bestuhlt, verglast, verkleinert, entstanden sind orte mit fast schon unueberblickbarem wartungsaufwand (an orten in dem wartung und pflege ein fremdwort ist). Es sieht zwar alles ganz ganz toll aus und glaenzt doch keiner wird sich den aufwand/kosten auf zeit leisten koennen.
    In wenigen jahren .....
    5 0 Melden

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