Wirtschaft
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Sieht rabenschwarz: Der ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers.
Bild: RUBEN SPRICH/REUTERS

Weltwirtschaft: Jetzt kann nur noch das scheinbar Unvernünftige eine schwere Krise verhindern!

Larry Summers, ehemaliger US-Finanzminister, warnt in einem dramatischen Aufruf vor der schlimmsten Krise der Weltwirtschaft seit dem Herbst 2008.

08.10.15, 17:50 09.10.15, 15:40


Lawrence (Larry) Summers, 61, gilt als ökonomisches Wunderkind. Er war Chefökonom der Weltbank, amerikanischer Finanzminister unter Bill Clinton, Rektor der Harvard University und ökonomischer Berater von Präsident Barack Obama.

«Der traditionelle Weg, sich auf ausgeglichenes Staatsbudget zu konzentrieren und Inflation zu vermeiden, heisst, ein Desaster zu riskieren.»

Lawrence Summers

In den Neunzigerjahren bildete Summers zusammen mit Alan Greenspan und Robert Rubin das «Trio zur Rettung der Welt». Die drei hatten in der Mexiko- und der Asienkrise das Schlimmste verhindert. Nun sieht Summers die Weltwirtschaft erneut am Abgrund. Deshalb hat er am Vorabend des Jahrestreffens des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Peru in der «Financial Times» einen dramatischen Appell veröffentlicht.

Auch der IWF warnt

«Die Gefahren, die heute die Weltwirtschaft bedrohen, sind schlimmer als je seit dem Bankrott von Lehman Brothers im Jahr 2008», schreibt Summers. Und: «Die Politiker unterschätzen zwei Gefahren: Die einer neuen Rezession und die einer lang anhaltenden Wachstumsschwäche.»

Die jüngsten Daten der Weltwirtschaft sind in der Tat ernüchternd. Auch der IWF hat seine Wachstumsprognosen für 2015 nach unten revidiert – von 3,5 auf 3,1 Prozent – und fordert die Regierungen auf, Massnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft zu unternehmen. Nicht nur die Schwellenländer wie China sind von der Wachstumsschwäche betroffen. In den USA scheint der Aufschwung seinen Höhepunkt bereits überschritten zu haben, in der Eurozone hat er nie wirklich stattgefunden.  

Der Markt wird es nicht richten

Larry Summers spricht von einer neuen Epoche, «in der die Risiken einer Deflation grösser sind als die einer Inflation, und in der wir uns nicht mehr darauf verlassen können, dass der Markt allein die Wirtschaft wieder ins Lot bringt.» Deshalb ist er überzeugt, dass die Weltwirtschaft «jetzt dringend einen substanziellen Strategiewechsel braucht.»

Der Markt selbst sendet derzeit bedrohliche Signale aus. Obwohl die US-Notenbank seit Monaten eine Leitzinserhöhung in Aussicht stellt, sind die Zinsen für amerikanische Staatsanleihen sehr tief. Das wird noch länger so bleiben. «Es wird erwartet, dass der durchschnittliche Realzins in den Industrieländern bei Null bleiben wird», stellt Summers fest.

Darum wird das Geld lange billig bleiben

Die tiefen Zinsen sind zwar von den Notenbanken mit dem Quantitativen Easing bewusst erzeugt worden. Vier andere Gründe werden dafür sorgen, dass dies so bleiben wird. Es sind dies:

Der grosse Irrtum lautet: Die Wirtschaft heilt sich selbst

In den letzten Jahren haben die Schwellenländer mit ihrem rasanten Wachstum die drohende Stagnation abwenden können. Das wird künftig nicht mehr der Fall sein. China befindet sich im Übergang in eine Dienstleistungsgesellschaft und wird länger mit sich selbst beschäftigt sein (Überalterung, Urbanisierung). Russland leidet unter einem tiefen Ölpreis und den Sanktionen des Westens, Brasilien unter sinkenden Rohstoffpreisen und einem gigantischen Korruptionsskandal.

«Die Politiker unterschätzen zwei Gefahren: Die einer neuen Rezession und die einer lang anhaltenden Wachstumsschwäche.»

Lawrence Summers

Für diese Wachstumsschwäche hat Summers bereits früher den Begriff der «säkularen Stagnation» geprägt. Zu glauben, sie sei bloss eine Folge der Krise von 2008 und würde sich bald selbst heilen, hält er für absurd. Ebenso die Vorstellung, die Notenbanken könnten das Übel mit ihrer Geldpolitik bewältigen.

Wird die Weltwirtschaft von der japanischen Krankheit befallen?

Summers fordert stattdessen eine andere Wirtschaftspolitik. Um einen Absturz der Weltwirtschaft zu verhindern, müssen jetzt auch die Staaten aktiv werden und massiv in die Infrastruktur investieren. Dank den tiefen Zinsen können sie dies tun, ohne einen Staatsbankrott zu riskieren. «Der traditionelle Weg, sich auf ausgeglichenes Staatsbudget zu konzentrieren und Inflation zu vermeiden, heisst, ein Desaster zu riskieren», warnt Summers.  

Japan befindet sich nun seit 25 Jahren im Zustand einer säkularen Stagnation. Ohne drastische Massnahmen droht dieses Schicksal der gesamten Weltwirtschaft. Deshalb sind die bisher gültigen Regeln auf den Kopf gestellt. Oder wie Summers sich ausdrückt: «Angesichts der säkularen Stagnation besteht die Ironie darin, dass alles, was bisher als Unvernünftig galt, jetzt der einzig vernünftige Weg nach vorn geworden ist.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • sowhatopinion 08.10.2015 23:03
    Highlight Regulierung um Regulierung macht die Menschen taub und mutlos. Dies geschiet immer im Irrglauben die Menschen würden durch Regulierung ganz natürlich "vernünftige" Lösungen finden. Wohl kaum, es macht uns taub., manipulierbar und stumpft einen ab. Nicht die liberale Wirtschafts- ordnung und Wachstum macht uns krank, sondern der Irrglaube an PoliticalCorrecness und blinde Systemgläubigkeit ohne Widerspruch und Zivilcourage, welche mafiöse Struktuten mehr fördert denn behindert....
    0 1 Melden
  • Rodolfo 08.10.2015 19:46
    Highlight Philipp Löpfe, Du kannst es! Einen vermutlich recht komplizierten, komplexen und für den Laien schwerverständlichen dramatischen Aufruf des Wirtschaftsgurus Lawrence Summers auch mir verständlich zu machen!
    13 3 Melden
  • HansDampf_CH 08.10.2015 19:23
    Highlight Eine Cassandra. Aber kein Politiker steht hin und kann die verteufelnden Schulden nun vertreten.
    Erst wenn es knallt...
    4 1 Melden
  • n245 08.10.2015 18:36
    Highlight So ähnlich hat das Herr Ospel vor gut einem Jahr proklamiert. Jedoch ist er höchstwahrscheinlich nicht der Sympathieträger der eine solche Message der Bevölkerung übermitteln kann. Herr Summers bringt es genau auf den Punkt. In der heutigen Sozialwirtschaft brauchen wir einen starken Staat mit bedachten Intervention. Staatliche Intervention bedeutet aber nicht zwingend das Erlassen von Regulatorien, die die Wirtschaft beschränken, sondern sollten auch Prosperität fördern. Genau das ist nun gefordert, nur scheinbar stösst das auf taube Ohren und wir können nur auf die nächste Rezession warten.
    14 1 Melden
    • Jazzomaniac 08.10.2015 22:02
      Highlight Es war Grübel, nicht Ospel. Aber der Vorschlag war tatsächlich bedenkenswert...
      6 0 Melden
    • n245 09.10.2015 05:42
      Highlight Stimmt, danke für die Anmerkung.
      1 0 Melden

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