Wirtschaft
Öl Pipeline Baku

Öl- und Gaspipelines in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku, von wo schon bald Erdgas nach Westeuropa fliessen soll. Bild: REPORTERS/LAIF

Retourkutsche

EU schliesst die Schweiz aus Gaskrisengruppe aus 

Wegen der Masseneinwanderungs-Initiative ist der Beitritt zum EU-Krisenmechanismus in weite Ferne gerückt – das könnte bei einer Gasversorgungskrise zum Problem werden.

02.04.14, 04:50 02.04.14, 12:24

lorenz honegger, aargauer zeitung

Ein Artikel der Aargauer Zeitung

Die Krim-Krise zeigt es: Europa ist stark abhängig von russischem Erdgas. Die Mitgliedsstaaten decken gut einen Drittel ihres Verbrauchs mit Gas aus Russland. Die Schweiz ist nicht ganz so stark betroffen, aber auch hierzulande beträgt der Anteil des russischen Gases mehr als 20 Prozent. Zum Vergleich: Das ist gleich viel, wie das Atomkraftwerk Gösgen, das zweitgrösste der Schweiz, in einem Jahr an Energie produziert: rund 8000 Gigawattstunden. 

Die hiesigen Importeure spielen die Bedeutung des mächtigen Lieferanten zwar gern herunter. Doch die geopolitischen Risikoszenarien sind real. Was ist, wenn der russische Präsident Wladimir Putin die gewaltigen Erdgasreserven seines Landes als politische Waffe einsetzt? Das erste Mal wäre es nicht. 2006 und 2009 kam es in ost- und mitteleuropäischen Ländern zu Versorgungsengpässen, nachdem Russland im Streit mit der Ukraine den Gashahn Richtung Europa zudrehte – und das mitten im Winter. 

Bedingungen wären erfüllt

Die EU hat reagiert: Nach 2009 baute sie ihr Gaskrisenmanagement stark aus und rief eine «Koordinierungsgruppe Erdgas» ins Leben. Die Mitgliederländer verpflichteten sich, einander in Notfallsituationen auszuhelfen. Vier Mal pro Jahr treffen sie sich zur Planung des Vorgehens bei künftigen Versorgungsunterbrüchen. 

Der Bundesrat wäre gerne mit von der Partie, wie er in seiner Botschaft zur Energiestrategie 2050 mehrmals betont. «Drittländer werden im Krisenfall erst in zweiter Linie berücksichtigt, was einen Versorgungsnachteil darstellen könnte», heisst es. 

Die Schweiz erfüllt bereits heute einen grossen Teil der Aufnahmekriterien der Koordinierungsgruppe. Aber nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar hat Brüssel die Frage des Beitritts genauso wie die Verhandlungen über das Stromabkommen auf Eis gelegt. «Ob die Schweiz tatsächlich in die Koordinierungsgruppe eingebunden wird, ist offen», schreibt eine Sprecherin des Bundesamtes für Energie der «Nordwestschweiz». 

«Ob die Schweiz tatsächlich eingebunden wird, ist offen.»

Bundesamt für Energie.

Das ist bitter, denn eines ist unbestritten: Der Energieträger Erdgas wird in der Schweiz massiv an Bedeutung gewinnen. Wenn die Atomkraftwerke in den kommenden Jahren schrittweise vom Netz gehen, werden Gaskombikraftwerke an ihre Stelle treten. 

Bislang verfügt die Schweiz über keine grossen strategischen Gasspeicher, sondern nur über kleine Anlagen für den Tagesausgleich. Der Bundesrat dürfte mit der Beteiligung am EU-Krisenmechanismus daher kaum zuwarten wollen, bis sich das vertrackte Verhältnis zu Brüssel wieder entspannt. 

Die Notfallklauseln in den Langfristbezugsverträgen der Schweizer Gasbranche reichen ihm offenbar nicht: Laut einem hochrangigen Vertreter der Gasindustrie strebt er Sicherheiten auf Länderebene an, wie sie in der «Koordinierungsgruppe Erdgas» bestehen. Das Bundesamt für Energie und das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung sind dem Vernehmen nach darum bemüht, mit einzelnen EU-Staaten auf informeller Ebene Garantien für den Krisenfall auszuhandeln. 

«Drittländer werden erst in zweiter Linie berücksichtigt.»

Energiestrategie 2050 des Bundesrates.

Informelle Garantien? 

Der informelle Weg ist nicht per se zum Scheitern verurteilt. Als wichtiges Durchgangsland für Erdgas im Herzen Europas befindet sich die Schweiz in einer vergleichsweise guten Position. In einigen Jahren sollen die Schweizer Pipelines zudem nicht mehr nur von Norden nach Süden, sondern auch von Süden nach Norden Gas transportieren können. Wenn sich Deutschland, Italien und Frankreich dereinst in einer Krise gegenseitig aushelfen sollten, wird das Gas über die Schweiz laufen. All dies verbessert die Chancen auf eine Teilnahme am EU-Krisenmechanismus. 

Längerfristig strebt der Bundesrat ein umfassendes Energieabkommen mit Brüssel an. Darin soll auch die Gasfrage ein für alle Mal geklärt werden – doch bis es so weit ist, wird es noch Jahre dauern. 

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
Themen
10
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Celtico 02.04.2014 09:46
    Highlight Das Problem ist nicht die EU sondern unser Bundesrat der meint, überall mitmachen zu wollen.
    0 3 Melden
  • 7immi 02.04.2014 08:00
    Highlight Das niveau der eu sinkt immer mehr. Nun nutzen sie Erpressung. Sie sind kein Bisschen besser als Russland. Wir sind nicht EU Mitglied und so sollen wir auch behandelt werden. Eigentlich ist das ganze ja gut, das wahre Gesicht der EU zeigt sich immer mehr: Solange man ja und amen sagt, funktioniert alles gut. Aber wehe man hat Ansprüche....
    8 0 Melden
  • schoc 02.04.2014 07:47
    Highlight Bitte etwas Objektivität: die russische Wirtschaft ist am Boden und dringend auf die Verkäufe von Gas und Öl angewiesen.
    2 1 Melden
  • Neptun 02.04.2014 07:42
    Highlight Erstaunen tut es mich nicht. Aber es ist wie beim Strom. Irgendwie ist die EU dann doch auf die CH angewiesen. Amüsiere mich aber trotzdem über diesen Kindergarten hüben wie drüben
    6 1 Melden
  • Suzan_77 02.04.2014 07:21
    Highlight Wer sich kindisch benimmt muss sich nicht wundern wenn die Gegenseite mitmacht! Die CH-Bevölkerung soll lernen, dass man nicht " s'füferli und s'Weggli" bekommt!
    6 13 Melden
  • Freddie248 02.04.2014 06:57
    Highlight Dies ist ja der grösste Kindergarten in Brüssel....
    11 2 Melden
    • greatunknown 02.04.2014 07:28
      Highlight Oder in der Schweiz...? Brüssel reagiert ja nur.
      8 9 Melden
    • Azrag 02.04.2014 08:49
      Highlight Auf was reagiert Brüssel ihrer Meinung nach denn? Schliesslich ist die PFZ nach wie vor in Kraft.
      2 0 Melden
    • Chaose 02.04.2014 11:18
      Highlight @Jaing: Vielleicht auf die Schweiz als unberechenbaren Partner. Mal so, mal so, je nach dem wie der Wind im Volk grad so bläst. Da wäre ich nach dem jüngsten 50/50-Volksentscheid auch vorsichtig was die weitere Zusammenarbeit betrifft.
      1 0 Melden
    • Jonasn 02.04.2014 11:33
      Highlight Das sind ja seitens der EU auch keine Aufkündigungen, sondern nur zeitliche Verschiebung der Gespräche und der Aufnahme in dieses Programm. Die PFZ ist nach wie vor in Kraft, aber die Schweiz war beim obigen Programm noch nicht dabei bisher. Wenn die PFZ jedoch dann von der Schweiz gekündigt wird, dann kommt es noch erheblich schlimmer als nur das siehe oben.
      0 0 Melden

Julius Bär 2017 mit Rekord-Gewinn

Die Julius Bär Gruppe hat im Geschäftsjahr 2017 die Gewinnzahlen klar verbessert und hat die verwalteten Vermögen nicht zuletzt dank guter Neugeldzuflüsse deutlich gesteigert.

Der um Integrations- und Restrukturierungskosten adjustierte Konzerngewinn lag mit 806 Mio. Franken um 14 Franken über dem Vorjahreswert. Der Konzerngewinn gemäss IFRS legte ebenfalls 14 Prozent auf 705 Millionen Franken zu, wie der Vermögensverwalter am Mittwoch mitteilte.

Die von der Bank verwalteten Vermögen (AuM) lagen …

Artikel lesen