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Kinshasa, damals Léopoldville, in den 1950er Jahren.  bild via skyscrapercity.com

Aids-Epidemie

Forscher rekonstruieren Ursprung von HIV: Es passierte anno 1920 in Kinshasa, Kongo

Die weltweit häufigste Variante des HI-Virus ist wahrscheinlich um 1920 in Kinshasa entstanden. Entlang von Fährverbindungen und Bahnlinien breitete sich der Erreger aus – auch begünstigt durch die Politik der einstigen deutschen Kolonialmacht.

03.10.14, 16:57

Ein Artikel von

Aus der statistischen Analyse genetischer HIV-Sequenzen hat ein internationales Forscherteam die frühe Geschichte des Aids-Erregers rekonstruiert. Die Wissenschaftler erklären die Ausbreitung im Magazin «Science» mit den sozialen und historischen Bedingungen im Kongobecken während des 20. Jahrhunderts.

Bekannt war bereits, dass Varianten des SI-Virus (Simian Immunodeficiency Virus) vermutlich im frühen 20. Jahrhundert mindestens 13-mal von Affen auf Menschen übertragen wurden –darunter viermal die häufigste und aggressivere Form HIV-1. Erste Berichte über Aids erschienen Anfang der Achtzigerjahre in den USA, identifiziert wurde das HI-Virus 1983.

Insgesamt haben sich bisher fast 75 Millionen Menschen damit infiziert. Bei HIV-1 entfallen die weitaus meisten Infektionen auf die Gruppe M, die wiederum in diverse Subtypen unterteilt ist. Dagegen ist die zweithäufigste Gruppe O weitgehend auf Afrika beschränkt.

Die ältesten HIV-Sequenzen stammen aus zwei Blutproben, die Ende der Fünfzigerjahre in Kinshasa – damals Léopoldville – entnommen wurden, der Hauptstadt der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Aus Analysen von Erregervarianten aus der Region erstellten die Forscher um Oliver Pybus von der englischen Universität Oxford und Philippe Lemey von der belgischen Universität Löwen einen HIV-Stammbaum, den sie mit historischen Daten abglichen.

Ursprung in Kinshasa

Die Analyse bestätigt, dass die Übertragung auf den Menschen vermutlich vor 1920 im südlichen Kamerun erfolgte. Dortige SIV-Stämme, die bei Schimpansen gefunden wurden, ähneln HIV-Erregern der Gruppe M besonders stark. «Nach dieser lokal begrenzten Übertragung, vermutlich als Ergebnis der Jagd auf Primaten, reiste das Virus wahrscheinlich per Fähre entlang des Sangha-Flusssystems nach Kinshasa», schreiben die Autoren. Begünstigt wurde dies demnach durch den Umstand, dass die frühere deutsche Kolonialmacht in Kamerun die Flussverbindungen nach Kinshasa förderte.

Der geografische Ursprung der HIV-1-Gruppe M liegt demnach höchstwahrscheinlich in Kinshasa, vermutlich um das Jahr 1920. Dies erkläre sowohl, warum in der Stadt die grösste genetische HIV-Vielfalt auftritt, als auch, warum von dort die ältesten Proben stammen. Von Kinshasa breitete sich das M-Virus im Kongobecken aus, vor allem entlang des Eisenbahnnetzes.

Kinshasa hatte damals eine besonders gute Verkehrsanbindung. «Daten aus Kolonialarchiven zeigen, dass bis Ende der Vierzigerjahre mehr als eine Million Menschen jedes Jahr mit der Eisenbahn durch Kinshasa reisten», sagt Erstautor Nuno Faria von der Universität Oxford. Das nur wenige Kilometer entfernte Brazzaville auf der anderen Seite des Kongo-Flusses wurde demnach spätestens bis 1937 erreicht. Auch in Städten im Süden des Kongo, wie etwa Lubumbashi, tauchte das Virus bis Ende der Dreissigerjahre auf.

«Manche Zusammenhänge zur HIV-Verbreitung recht spekulativ»

In andere Gebiete der Region kam der Erreger vermutlich erst bis Anfang der Fünfzigerjahre. «Gruppe M trat zunächst in den drei grössten Bevölkerungszentren auf - Brazzaville, Lubumbashi und Mbuji-Mayi -, die besser mit Kinshasa verbunden waren, was auf eine entscheidende Rolle von Verkehrsverbindungen bei der frühen Verbreitung und Etablierung von HIV-1 von seinem Epizentrum aus hindeutet», folgern die Autoren.

Bis etwa 1960 verbreiteten sich die Gruppen M und O langsam und fast in ähnlichem Masse. Ab 1960 stieg die Ausbreitung von M fast um das Dreifache. Dazu trug demnach eine grössere Verbreitung der Prostitution bei sowie eine damalige medizinische Praxis: Während der Fünfzigerjahre wurden Spritzen bei der Behandlung von Geschlechtskrankheiten nicht sterilisiert. Dies decke sich mit der Beobachtung, dass zu jener Zeit auch andere Krankheiten wie Hepatitis B und Hepatitis C (HCV und HBV) zunahmen.

In Kinshasa entstand demnach innerhalb der M-Viren bis 1944 der Subtyp B, der weltweit stark verbreitet ist. Er erreichte bis 1964 Haiti, vermutlich über haitianische Gastarbeiter, die nach der Unabhängigkeit ins damalige Zaire kamen und vornehmlich aus Kinshasa in ihre Heimat zurückkehrten. Von Haiti aus gelangte dieser Erregertyp dann in die USA.

Subtyp C, auf den inzwischen etwa die Hälfte der Infektionen entfallen, blieb dagegen zunächst in Afrika. Er entstand vermutlich in den Bergbaugebieten der Demokratischen Republik Kongo und verbreitete sich - ebenfalls über Migranten - nach Sambia, Angola und in andere Länder Afrikas südlich der Sahara, inzwischen auch in anderen Weltregionen.

«Die Studie zeigt sehr schön die Anfänge und die frühe Ausbreitungsgeschichte von HIV-1-Viren der Gruppe M», sagt Frank Kirchhoff von der Universitätsklinik Ulm. Allerdings seien manche Zusammenhänge zur HIV-Verbreitung recht spekulativ. «Beispielsweise bleibt unklar, warum die Zunahme der Prostitution und Änderungen in der damaligen medizinischen Praxis einen unterschiedlichen Effekt auf die Ausbreitung von Viren der Gruppen M und O gehabt haben sollen.»

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 04.10.2014 10:57
    Highlight "Begünstigt durch die Politik der einstigen deutschen Kolonialmacht" ?!?Weil der Handel gefördert und Eisenbahnen gebaut wurden? Es erstaunt mich immer wieder, wie krampfhaft wir Europäer bei uns selbst die Schuld an allem Elend der Welt suchen.
    10 8 Melden
    • sewi 04.10.2014 18:31
      Highlight Genau richtig erkannt. Das hat man den Afrikanern solange eingeredet bis sie jetzt glauben die bösen Weissen seien am ganzen Elend Afrikas schuld
      8 7 Melden
    • smoe 05.10.2014 05:17
      Highlight be­güns­ti­gen
      Wortart: schwaches Verb
      Bedeutungen
      a. jemandem, einer Sache, einem Vorhaben günstig, förderlich sein; positiv beeinflussen
      b. bevorzugen, besonders fördern; jemandem [auffällig] seine Gunst zuwenden
      c. (Rechtssprache) (einen Täter) unterstützen, (ihm) helfen, sich seiner Bestrafung zu entziehen

      Es erstaunt mich immer wieder, wie krampfhaft Leute Schuldzuweisungen suchen, wo keine sind.
      3 3 Melden
  • Zeit_Genosse 03.10.2014 21:26
    Highlight Durch die hohe Mobilität des Menschen ist er zum idealen Wirt geworden. Ergo werden Viren trotz der medizinisch extremen Forschung (die wissen das ja nicht) weiterhin auf dieses mobile Biosystem, der Mensch, einlassen. Also "grind abe und sekle" damit der Kampf zu Gunsten der Menschen gewonnen werden kann.
    4 2 Melden
  • papparazzi 03.10.2014 17:16
    Highlight Dann ist es also kein Gerücht mehr, dass dieser Virus wie auch der Ebola Virus aus Afrika kommt. Und das mit dem Affen Urvirus ist auch kein Gerücht mehr. ut (dp)
    3 3 Melden
    • Bowell 03.10.2014 17:43
      Highlight Nun, der geografische Ursprung war kaum umstritten. Die Affenarten welche vom Virus befallen sind leben nun mal in Afrika. Der Zeitpunkt konnte ein bischben genauer eingeschätzt werden.
      4 0 Melden
    • hektor7 03.10.2014 17:47
      Highlight Scharf analysiert, Sherlock. Und was willst uns damit sagen?
      4 1 Melden
    • smoe 05.10.2014 05:56
      Highlight Ja, genau! Ganz übel. Und nicht nur das! Von Afrika aus hat sich auch das – nach dem Moskito – zweittödlichste Tier der Welt über den ganzen Planeten verbreitet: Der Mensch.
      6 0 Melden

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