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Gefährlicher Brocken aus dem All (künstlerische Darstellung): Gegen einen grossen Asteroiden würde auch eine Interkontinentalrakete nichts ausrichten können.
Bild: Shutterstock

Mit Interkontinentalraketen: Russischer Ingenieur will Asteroiden abschiessen

Wie kann sich die Welt vor dem Einschlag eines gefährlichen Himmelskörpers schützen? Aus Russland kommt jetzt ein eher unkonventioneller Plan. Er setzt auf Raketen, die sonst Atomsprengköpfe tragen.

14.02.16, 14:58 14.02.16, 15:29

Christoph Seidler

Ein Artikel von

Nach kosmischen Massstäben war 2016 CM194 ein Winzling. Irgendwas zwischen fünf und neunzehn Metern gross, nach ersten Schätzungen. Die Welt war zu keiner Zeit in Gefahr, als der kleine Asteroid am Samstag mit zwölf Kilometern pro Sekunde an der Erde vorbeirauschte, nach NASA-Messungen in etwa 77'000 Kilometern Entfernung.

Zum Vergleich: Die Internationale Raumstation zieht gut 400 Kilometer über der Erdoberfläche ihre Bahnen, Wetter- und Erdbeobachtungssatelliten sind oft in etwa 36'000 Kilometern Höhe unterwegs. Und doch ist 2016 CM194 uns verdammt nahe gekommen – und zumindest für Fachleute eine Erinnerung daran, dass der Einschlag eines Asteroiden auf der Erde womöglich katastrophale Folgen haben kann.

Auch wenn Actionfilme à la «Armageddon» das Gegenteil nahelegen: Die Welt hat bisher keine Werkzeuge, sich vor einem katastrophalen Impakt zu schützen. Schlaue Pläne zur Asteroidenabwehr gibt es ohne Zahl, aber praktisch einsetzbare Technik fehlt. Jetzt machen russische Ingenieure mit einem – eher unkonventionellen – Vorschlag Schlagzeilen, der das ändern soll.

Die Nachrichtenagentur Tass zitiert Sabit Saitgarayev vom Staatlichen Raketenzentrum Makejew mit dem Vorschlag, russische Interkontinentalraketen umzurüsten. Und zwar zur Asteroidenabwehr. An entsprechenden Plänen arbeite sein Haus bereits, das sich normalerweise vor allem mit dem Raketendesign für Russlands Atom-U-Boot-Flotte befasst.

Das Problem mit Raketen sei normalerweise, dass diese mit tagelangem Vorlauf mit Flüssigtreibstoff betankt werden müssten. Das sei ziemlich unpraktisch, wenn es um die Abwehr eines drohenden Asteroideneinschlags gehe, so Saitgarayev.

Die Bahndaten eines kosmischen Geisterfahrers seien oft erst mit wenigen Stunden Vorlauf bekannt. Und das stimmt tatsächlich, vor allem bei kleineren Himmelskörpern wie jetzt 2016 CM194. Auch der Tscheljabinsk-Meteorit vom Februar 2013 – er war mit 20 Metern ähnlich gross – kam ohne Vorwarnung.

Raketenexperte Saitgarayev argumentiert nun, dass Russlands Raketenstreitkräfte ohnehin Flugkörper in Dauerbereitschaft hielten. Entsprechende Finanzmittel und Genehmigungen vorausgesetzt, könnten diese für den Schutz der Erde vor Asteroiden mitgenutzt werden. Dann sei ein Start innerhalb kürzester Zeit möglich. Man könne auf Asteroiden von 20 bis 50 Metern Durchmessern zielen.

Ob es eine Chance gibt, das Geld – es geht um Millionen – oder die politische Zustimmung tatsächlich zu bekommen, dazu sagt die Meldung, in der der Raketenforscher zitiert wird, freilich nichts.

Ein mögliches Testobjekt für seinen Vorschlag hat Saitgarayev dagegen schon. Der Asteroid Apophis, der sich der Erde im Jahr 2036 nähern soll – noch vor einigen Jahren hatten einige Experten sogar einen Einschlag für möglich gehalten –, könne Ziel für die umgerüsteten Raketen sein, erklärte er. Apohis hat allerdings einen Durchmesser von mehr als 300 Metern, wäre also eigentlich zu gross. 

Vorerst wird vor allem studiert

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Saitgarayev den Plan präsentiert, mit Interkontinentalraketen auf Asteroiden zu schiessen. Schon nach dem Auftreten des Tscheljabinsk-Meteoriten hatte er solch einen Vorschlag gemacht. Damals waren 1500 Menschen verletzt worden, vor allem durch kaputte Fensterscheiben.

Von der praktischen Abwehr von Asteroiden ist die Welt derzeit noch ziemlich weit entfernt. Vorerst geht Studieren über Probieren. Die Nasa etwa will im Herbst die Sonde «Osiris Rex» starten, die dem Asteroiden Bennu erst einmal nur eine Probe entnehmen soll. Er könnte, so das Kalkül, der Erde irgendwann einmal gefährlich nahe kommen. Also wäre es gut, mehr über seine Zusammensetzung zu wissen.

Bei der Esa wird über eine «Asteroid Impact Mission» diskutiert, die sich dem Doppel-Asteroiden Didymos nähern könnte. Wenn es dafür Geld gibt – und sicher ist das keinesfalls. Auch die NASA interessiert sich mit ihrem «Double Asteroid Redirection Test» für Didymos, womöglich könnte man gemeinsam fliegen.

Mehr Aufmerksamkeit auf die Gefahr durch Asteroiden zu lenken, das haben sich gerade die Unterstützer des Asteroid Day vorgenommen. Zu ihnen gehören «Apollo»-Veteranen wie Jim Lovell oder Rusty Schweickart, ihr russischer Raumfahrerkollege Alexei Leonow und zahlreiche Forscher – aber auch Queen-Gitarrist Brian May, ein promovierter Astrophysiker.

Anfang der Woche präsentierte die Gruppe im Europäischen Weltraumforschungs- und Technologiezentrum (Estec) im niederländischen Noordwijk ihre Pläne für eine globale PR-Offensive: Am 30. Juni soll die Welt bei zahlreichen Aktionen über die Risiken aus dem All aufgeklärt werden – auch um anschliessend besser über Abwehrmassnahmen diskutieren zu können.

Der Tag ist bewusst gewählt: Am 30. Juni 1908 verwüstete eine Katastrophe in der sibirischen Tunguska-Region mehr als 2000 Quadratkilometer Wald. Verlässliche Berichte über mögliche menschliche Opfer in dem extrem dünn besiedelten Gebiet gibt es nicht.

Nach Ansicht vieler Experten detonierte damals ein kleinerer Himmelskörper in der Erdatmosphäre. Es ist freilich nicht ganz ausgeschlossen, dass die Katastrophe doch ganz irdische Gründe hatte: Demnach könnten vulkanische Feuerbomben aus dem Boden geschossen sein.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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