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Der Businessjet nach dem Fast-Absturz von aussen. bild: bfu

Dann brach die Hölle los ... Airbus-Luftwirbel brachten anderes Flugzeug fast zum Absturz

Ein Gutachten dokumentiert einen beunruhigenden Unfall, der Folgen für den Luftverkehr haben dürfte: Ein Airbus A380 hat einen deutschen Businessjet fast in den Absturz geschleudert.

17.05.17, 04:26 17.05.17, 07:52

Marco Evers

Ein Artikel von

7. Januar, Malé auf den Malediven. Nach einem Neujahrsurlaub besteigen sechs Passagiere einen deutschen Privatjet vom Typ «Challenger 604». Sie wollen zurück nach Berlin. Empfangen werden sie von einer 28-jährigen Flugbegleiterin und zwei Mann im Cockpit, einem 39-jährigen Kapitän und einem 41-jährigen Co-Piloten. Kurz vor Mittag Ortszeit hebt die in München stationierte 20-Tonnen-Maschine ab.

Drei Minuten später startet weit weg in Dubai ein fabrikneuer Airbus A380, das grösste Verkehrsflugzeug der Welt. Das Ziel von Emirates-Flug EK 412 lautet Sydney in Australien. Sein Gesamtgewicht: Mehr als 520 Tonnen.

Von beiden Jets hat nur einer sein Ziel erreicht. Welches Drama sich hoch oben über dem Arabischen Meer ereignet hat, das hat die Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in einem am Dienstag erschienenen Bulletin erhoben. Die Lektüre eignet sich kaum für Menschen mit latenter Flugangst.

300 Meter Höhenabstand müssen genügen

Beide Passagiermaschinen sind noch keine zwei Stunden in der Luft, als der Kapitän des kleinen Challenger-Jets den heranfliegenden A380 sieht – zunächst auf einem Warngerät im Cockpit, wenig später leibhaftig und deutlich vor und über sich. Der A380 donnert in entgegengesetztem Kurs über den Business-Flieger hinweg.

Zwischen beiden Flugzeugen liegen 300 Meter Höhenabstand. Das mag nach wenig klingen, entspricht jedoch exakt den Vorschriften: Beide Maschinen hatten ihre jeweiligen Flughöhen von der Flugsicherung zugewiesen bekommen.

Nach dem Zusammentreffen bleibt es ruhig – genau 48 Sekunden lang. Dann bricht die Hölle los, zumindest für den Privatjet: Er rüttelt und schüttelt, dann dreht er sich mindestens dreimal linksherum um die eigene Längsachse, der Autopilot fällt aus, wichtige Cockpit-Bildschirme werden schlagartig dunkel.

Das Flugzeug rast in die Tiefe

Der Kapitän verliert sein Headset, das zur Maschine gehörende Handbuch flattert in Fetzen durch die Pilotenkanzel. Rasch verliert die Maschine an Höhe, in kaum 30 Sekunden rast sie mehr als 2700 Meter in die Tiefe.

Vier der sechs Passagiere hatten ihre Gurte schon gelöst, die Flugbegleiterin bereitete gerade den Service vor. Plötzlich schlägt der linke Flügel nach unten weg, alles fliegt umher, panisch versuchen die Passagiere sich festzuhalten, es gelingt nicht, sie schlagen an die Decke und auf die Sitze, viele schreien, Blut fliesst, Möbel gehen zu Bruch.

Im Cockpit versucht der Kapitän, die Kontrolle wiederzuerlangen. Er orientiert sich an den Wolken, um ein Gefühl für die Fluglage zu bekommen. Endlich gelingt es ihm, die Maschine abzufangen. Momente später der nächste Alarm: Eines der beiden Triebwerke ist gefährlich heissgelaufen. Der Kapitän stellt es ab.

Schwere Verletzungen

Die nur leicht verletzte Flugbegleiterin holt den Erste-Hilfe-Kasten und kümmert sich um die Verletzten. Wie sich später herausstellt, hat ein Passagier einen Rippenbruch erlitten, dazu Kopfverletzungen, ein anderer hat sich einen Wirbel gebrochen.

Die Piloten entscheiden, das überhitzte Triebwerk wieder in Betrieb zu nehmen. Und sie entscheiden, die Luftnotlage zu erklären und nach Muscat in Oman auszuweichen. Mehr als zwei Stunden nach dem Ereignis landet die gebeutelte Maschine, die Verletzten werden ins Krankenhaus gebracht.

Was geschehen ist, steht für die Gutachter der BFU fest: Der Challenger-Jet ist durch die Wirbelschleppe des A380 geflogen, also durch eine kompakte Turbulenzzone im Gefolge der Maschine. Sie bestätigen damit einen Spiegel-Bericht aus dem Frühjahr.

Bekanntes Phänomen

Jedes Flugzeug verursacht solche Wirbelschleppen; sie sind ein physikalisch unvermeidbarer Begleiter des aerodynamischen Auftriebs. Kleine Flugzeuge ziehen kleine Wirbelschleppen hinter sich her – und grosse Maschinen grosse.

Aus Studien ist zudem bekannt, das Jets mit sehr grosser Spannweite bei ungünstigen meteorologischen Umständen Wirbelschleppen erzeugen können, die bis in die Flugbahn des direkt darunter fliegenden Verkehrs reichen können. Der A380 hat mit 80 Metern mehr Spannweite als jedes andere zivile Flugzeug.

Schon bevor der A380 vor fast zehn Jahren in Dienst ging, haben Experten unter anderem von Airbus untersucht, ob seine Wirbelschleppen oder auch die anderer grosser Verkehrsflugzeuge wie zum Beispiel der Boeing 747-400 im Reiseflug zu einer Gefahr werden könnten.

Die BFU-Gutachter haben diese Studien nun wieder hervorgeholt und ihrem Bulletin, einer Mahnung gleich, angehängt. Dort heisst es: «Das mit Wirbelschleppen verbundene Risiko wird derzeit für akzeptabel erachtet; allerdings wird empfohlen, dass diese Problematik weiterhin untersucht wird.»

Muss es Konsequenzen geben?

In der Fliegerei wird für gewöhnlich jeder Vorfall tiefgehend aufgeklärt; das Ziel lautet, neu entdeckte Gefahren für die Zukunft auszuschliessen. Was also folgt aus dem gefährlichen Rendezvous des A380 und des Challenger-Jets hoch über dem Arabischen Meer? Muss der vertikale Abstand zwischen allen Flugzeugen erhöht werden?

Das würde den Luftraum empfindlich verkleinern und für die Fluggesellschaften höhere Kosten bedeuten. Reicht es, wenn grosse Flugzeuge auf der einen Seite der Luftstrasse fliegen, kleinere auf der anderen? Die BFU wird in den kommenden Monaten einen Abschlussbericht erarbeiten, dem in der Branche weltweite Aufmerksamkeit sicher sein dürfte.

Der aus München stammende Privatjet wird nie wieder fliegen. Äusserlich unbeschadet, doch innen verwüstet: Wie Techniker ermittelt haben, ist das Flugzeug bei seinem Beinahe-Crash über alle Grenzen beansprucht worden. Der Betreiber MHS Aviation aus Oberhaching musste den 17 Jahre alten Flieger abschreiben.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • John Smith (2) 17.05.2017 10:55
    Highlight Warum müssen Meldungen über Flugunfälle eigentlich immer so reisserisch «aufgepeppt» werden? Ist ein einfacher Tatsachenbericht zu wenig sensationell? Übrigens handelt es sich nicht um «ein Gutachten» sondern um den offiziellen Unfall-Zwischenbericht. Das ist nicht nur Wortklauberei.
    12 2 Melden
  • Don Quijote 17.05.2017 09:37
    Highlight Inkludiert doch auch noch die Bildergalerie des Spiegels. Dort sieht man auch Tracking-Daten und vorallem ein Bild der Maschine von innen...
    15 0 Melden
  • Bijouxly 17.05.2017 07:52
    Highlight Wow... Gottlob ist nochmals alles gut gegangen und der Pilot hatte die Lage im Griff! Chapeau dafür!
    36 1 Melden
  • 7immi 17.05.2017 07:35
    Highlight der artikel ist nicht ganz korrekt. so hat die flugzeuggrösse oder spannweite nur einen geringen einfluss auf die wirbelschleppen. der grösste einfluss hat das gewicht. so kann auch ein kleinflugzeug wie die An-2 grosse und gefährliche wirbel auslösen.
    20 0 Melden
  • pamayer 17.05.2017 07:02
    Highlight Wie ein durchfahrender Schnellzug dich am Bahnhof per Luftwirbel mitreisen kann, wenn du zu nahe am Gleis stehst.
    46 1 Melden
    • John Smith (2) 17.05.2017 10:48
      Highlight Mitreisen. Etwas makaber formuliert.
      6 0 Melden
    • pamayer 17.05.2017 14:12
      Highlight mitreiSSen.


      Alles klar. Versuchte, es etwas freundlicher rüberzubringen.
      3 0 Melden

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