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«Meet the Hitlers»

«Wie geht es einem, wenn man Hitler heisst?»

29.09.14, 16:46 30.09.14, 11:19

Dieser Frage geht ein neuer Dok-Film nach: «Meet the Hitlers» von Regisseur Matt Ogens feiert am 17. Oktober am New Orleans Film Festival Premiere. Darin porträtiert der britische Filmemacher diverse Menschen, die den Namen Hitler tragen – vom gemütlichen Rentner Gene Hitler bis zum fanatischen Neonazi Heath Campbell, der seinen Sohn nach dem Führer taufte. watson sprach mit dem Regisseur über seinen Film.

Matt Ogens, wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, die verbleibenden Hitlers dieser Welt aufzutreiben? 
Durch Neugier. Wenn jemand einen einzigartigen, berüchtigten oder berühmten Namen trägt, beeinflusst das den Charakter in irgendeiner Weise? Ich war neugierig, ob ein Name die individuelle Identität formen kann. Und falls ja, wie sich das manifestiert. Wir denken meist nicht über etwas so Selbstverständliches wie unsere Namen nach. Aber: Was wäre, wenn man den berüchtigtsten Namen der Weltgeschichte tragen würde? Anfangs wusste ich gar nicht, wie viele solcher Leute überhaupt existierten.  

Alles Gute zum Geburtstag! Bild: Vimeo/Screenshot

War es schwierig, Herr und Frau Hitler zum mitmachen zu bewegen?
Als ich mit der Recherche für diesen Film anfing, legten viele das Telefon auf. Ich wollte ihnen eine Möglichkeit bieten, zu zeigen, wer sie wirklich sind – statt sie wegen ihres Namens zu verurteilen. Doch sie wollten schlicht nicht noch mehr Aufmerksamkeit als sie bereits in ihrem Leben erfahren hatten. Und das verstehe ich. 

Im Filmtrailer sinniert der betagte Gene Hitler darüber, weshalb er nie seinen Namen änderte ...
Ich kann nicht für andere entscheiden, was für sie das Beste ist. Ich verstehe aber Genes Standpunkt. Es ist der Name seiner Vorväter und war lange vor dem Zweiten Weltkrieg in den USA der Familienname. Er teilt sicherlich keine von Adolf Hitlers Überzeugungen. Weshalb also sollte er den Namen ändern? 

Diese Haltung – eine der nachvollziehbareren – bleibt trotzdem problematisch. Was würden Sie in einem solchen Fall tun? 
Ich persönlich würde den Namen ändern. Alleine schon weil ich jüdisch bin. Das würde nicht besonders gut ankommen. Aber obwohl ich das Recht habe, meinen eigenen Namen zu behalten, glaube ich nicht, dass es sich lohnt, tagaus tagein mit dieser Last durchs Leben gehen zu müssen oder das meinen Kindern aufzubürden. Ich bewundere aber Genes Stolz auf seinen Namen. Ich glaube nicht, dass er je einmal einen Namenswechsel erwog. 

Rüstiger Renter: Gene Hitler.  Bild: Vimeo/Screenshot

Haben Sie Menschen kennengelernt, die unter ihrem Namen gelitten hatten? 
Ja. Für Gene Hitlers vier Töchter war es hart, mit dem Familiennamen aufzuwachsen. Glücklicherweise hatten sie liebevolle und unterstützende Eltern, doch sie mussten einiges an Hänseleien erdulden in der Schule. Das kann nicht einfach gewesen sein. Wir wissen ja, wie grausam Kinder zueinander sein können. Und Hitler Gutierrez, ein Schreiner aus Ecuador, der in Connecticut lebt, wurden Jobs wegen des Namens verweigert.

Emily Hittler geht zum Bowling ... Bild: Vimeo/Screenshot

Und wie verhält es sich mit der 16-jährigen Emily Hittler, die sagt, Teenager zu sein sei alleine schon genug Drama? 
Emily Hittler wirkt etwas weniger isoliert – vielleicht weil sie einer jüngeren Generation angehört, die nochmals eine Generation vom Holocaust entfernt ist und vielleicht weil sie in einer kleinen Stadt lebt. Mal sehen, wie hart es wird, wenn sie ihr Zuhause verlassen, zum College gehen oder ausserhalb ihres Städtchens einen Job suchen muss. Ich hoffe, nicht, dass es hart wird. Ich hoffe, dass man ihr gegenüber tolerant sein wird. Eine der Fragen, die im Film angesprochen werden, ist ja, ob man jemand nach dem Namen beurteilen soll oder nach Taten. 

... «Welchen Namen soll ich notieren?» 
«Hittler.»
«Hitler?»
«Ja: Hittler mit zwei ‹t›.»
«Netter Schnauz!»
Bild: Vimeo/Screenshot

Wenn man Hitler heisst, musst man jeder neuen Bekanntschaft a) sofort die Familiengeschichte erläutern, b) erklären, warum man den Namen behalten hat und c) jede Menge immer gleiche Witze ertragen. Wird das nicht irgend wann mal blöd?
Bestimmt. Bestimmt ist es ermüdend. Aber es gibt auch Charaktere wie Heath Campbell, der Antagonist im Film. Er nannte sein Kind Adolf Hitler. Er suhlt sich geradezu in der Aufmerksamkeit, die ihm deswegen zuteil wird. 

Wie war es, Campbell und seine Partnerin zu filmen? War es für Sie schwierig, ruhig zu bleiben? 
Anfänglich war es anstrengend. Ich finde, Rassismus und Vorurteile sind ignorant. Aber um meinen Job zu erledigen, versuchte ich während des Interviews und Drehs objektiv zu bleiben. Ich teile die Überzeugungen der Campbells nicht. Ich finde, ihr Kind Adolf Hitler zu nennen, ist Missbrauch. Ganz zu schweigen davon, dass ich jüdisch bin und Verwandte habe, die im Holocaust gestorben sind.  

In Deutschland findet man keine Hitlers mehr, in Asien gibt es Hilter-Cafes. In den USA scheinen sich einige Betroffene mit ihrem Namen arrangiert zu haben. Hat das auch mit der geografischen wie historischen Distanz zum Dritten Reich zu tun? 
Doch, es gibt einen in Deutschland: Romano Hitler. Meines Wissens ist er einer von ganz, ganz wenigen – vielleicht sogar der einzige Hitler in Deutschland. Und in gewisser Weise ist er von allen am meisten betroffen. Ob nur wegen seines Namens oder auch aus anderen Gründen, darüber kann man diskutieren. Und Hitler Gutierrez wuchs in Ecuador auf. Sein Vater wollte ihm einen einzigartigen Namen verleihen, einen der niemand sonst hatte. Und da sah er einen Hitler-Bericht in der Zeitung. Offenbar wusste man in seinem entlegenen Dörfchen nicht, wer Hitler war oder was er getan hat. 

Versuchten Sie auch, Hinterbliebene von Adolf Hitlers Familie zu kontaktieren? Einige leben ja noch. 
Da müssen Sie und Ihre Leser den Film abwarten. Ich sage nur: Ja, wir versuchten, die letzten Hinterbliebenen von Adolf Hitler zu kontaktieren. Das Thema ist ein zentraler Punkt des Films. 

Trailer: «Meet the Hitlers»

Video: Vimeo/The Name Project

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • obi 30.09.2014 10:58
    Highlight Aus dem Telefonbuch: http://bit.ly/1BydmDv
    1 0 Melden
    • Tom Garret 30.09.2014 14:28
      Highlight Tja einfach falsch geschrieben ;-)
      Man kann ja froh sein das Hitler nicht Müller, Meier oder Keller hiess ;-)
      0 0 Melden
  • 7immi 29.09.2014 20:34
    Highlight Spannend, dass immernoch hitler herhalten muss... Es war ganz klar schrecklich, was damals passierte, trotzdem gab es auch andere massenmörder, die lieber vergessen werden werden... Lieber an hitler denken - und so seinem willen entsprechen:dass man ihn für immer in erinnerung behält !
    8 4 Melden
  • Nosgar 29.09.2014 17:44
    Highlight Eigentlich ist es ja nicht der Name, der den Charakter verändert, sondern die Reaktion des Umfelds. Oder wie im Fall des Ami-Nazis, der Charakter, der den Namen beeinflusst.
    11 0 Melden
    • Tomlate 30.09.2014 09:36
      Highlight Auf den Punkt gebracht.
      3 0 Melden

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