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Es ist nie zu spät, um mit dem Sport anzufangen. Bild: shutterstock

Vom Leben mit Übergewicht zum Supersportler: Fit sein kann jeder – nur der Wille muss da sein

Die einen sitzen mit Übergewicht und Bluthochdruck auf dem Sofa, andere haben es mit Sport übertrieben und leiden an Arthrose. Wie finden Menschen mit Beschwerden die passende Bewegungsart?

04.05.15, 06:54 04.05.15, 10:06

Jörg Römer / spiegel online

Ein Artikel von

Er litt unter Bluthochdruck, Diabetes, Fettleibigkeit und Arthrose – eigentlich gab es nur wenig, was Hans-Arthur Müller nicht hatte. Bis zu 60 Zigaretten rauchte er am Tag. Die Abende verbrachte der IT-Manager jahrelang im Fernsehsessel. «Nach der Arbeit war ich wie tot», sagt er. Das Bücken fiel ihm schwer, dazu war er müde und antriebslos. Gut 20 Jahre war es mit seiner Gesundheit bergab gegangen – und mit dem Gewicht bergauf. 107 Kilogramm brachte er zu schlimmsten Zeiten auf die Waage. Bei einer Grösse von 1.78 Metern.

Aber den müden Dicken aus dem Fernsehsessel gibt es seit fast fünf Jahren nicht mehr. Müller ist jetzt ein drahtiger Mann von 60 Jahren, der mehrere Marathonläufe absolviert hat. «Ich habe nie im Leben geglaubt, dass ich noch mal zu so einer Leistung fähig sein würde», sagt er. Es war ein langer Weg.

Menschen wie der IT-Manager sind in einem Teufelskreis gefangen. Jahrelang haben sie ihren Körper vernachlässigt, sich schlecht ernährt. Diabetes, Gelenk- und Rückenschmerzen – sie leiden unter dem gesamten Repertoire der Zivilisationskrankheiten. Dann geht irgendwann ein Warnschuss los. Vielleicht ist es ein Arztbesuch oder ein dummer Spruch der Kollegen: Plötzlich wollen sie ihr Leben ändern, wollen Sport treiben. Aber wie soll das gehen, wenn man Übergewicht herumschleppt und die Gelenke schon im Sitzen weh tun?

Andere waren jahrelang aktiv, klagen aber nach etlichen Sportverletzungen über chronische Schmerzen in Knien oder Hüfte. Wie also finden Menschen mit Beschwerden die passende Bewegungsart?

Die Kollegin beeindruckte ihn

Bei Hans-Arthur Müller war es seine Zahnärztin, die ihn zum Nachdenken brachte: Im Zahnfleisch hielt aufgrund des jahrelangen Nikotinkonsums kein Implantat mehr – ein künstliches Gebiss sollte her. Er gab das Rauchen auf, nahm zunächst noch mehr zu. Dann, im Sommer 2010, beeindruckte ihn eine Kollegin durch eine erfolgreiche Diät. Das wollte er auch schaffen. Also stellte er seine Ernährung nach dem Vorbild der Kollegin um. Und verlor Kilo um Kilo, während sein Bewegungsdrang zunahm.

An Joggen war anfangs nicht zu denken. Zunächst spazierte Müller stark schnaufend um den Golfplatz in seinem Heimatdorf bei Bonn. Schliesslich wurde aus dem Spazieren moderates Walking – erst ganz langsam streute er kleine Laufstrecken ein. Gleichzeitig trainierte er im Fitnessstudio seine Rumpfmuskulatur. Es war der richtige Weg: «Das Abnehmen hat mir geholfen, mich überhaupt bewegen zu können. Viele Menschen starten mit hohem Übergewicht, damit kann man aber nur schlecht Sport treiben.»

Nicht gleich losrennen: Walking ist für den Anfang gut geeignet. Bild: HANDOUT/REUTERS

Der Hamburger Allgemeinmediziner Christian Hottas bestätigt das. Generell rät er Patienten mit ähnlichen Problemen zum Ausdauersport – bei langsam steigender Belastung, je nach Vorgeschichte. «Einige sollten zunächst mit Walking anfangen und sich heranarbeiten.» Gerade bei Anfängern bestehe die Gefahr der Überlastung: Um orthopädische Probleme wie Knieschmerzen zu vermeiden, sollten sie sich zunächst jeden zweiten Tag nicht länger als 15 bis 20 Minuten, dann 30 bis 40 Minuten moderat bewegen.

Realistische Ziele

Häufig unterschätzt wird zudem der Spassfaktor. Die Motivation leidet stark, wenn Ziele zu ambitioniert sind oder das Tempo zu hoch. Gerade am Anfang ist es der Fortschritt im Leistungsvermögen, der zum Weitermachen motiviert. «Es geht darum, Sport langfristig als Lebensstil zu etablieren», erklärt Hottas. Für den Wiedereinstieg rät er Menschen, sich zunächst mit ihrem Hausarzt zusammenzusetzen. «Nahezu jeder kann sich in irgendeiner Form bewegen. Aber welche Sportart die richtige ist, muss individuell entschieden werden.»

Auch Hottas selbst begann Mitte der 80er-Jahre mit dem Laufen, weil er zu dick war. Inzwischen ist er ein König unter den Marathonläufern. Mehr als 2000 Mal hat er die 42,195 Kilometer absolviert – rund dreimal läuft er die Distanz jede Woche. Damit hält der 58-Jährige weltweit den inoffiziellen Rekord für die meisten absolvierten Langstreckenläufe.

Häufig wird er mit weit verbreiteten Vorurteilen konfrontiert: 
Laufen mache die Knie kaputt, löse Arthrose aus und schade den Gelenken. Ernsthafte Verletzungen hat Hottas aber nie erlitten. Seine Knie seien beschwerdefrei, sagt er. Allerdings lässt er sich fünf bis sechs Stunden Zeit für einen Marathonlauf, das schont seine Gelenke.

Studien bestätigen, dass die Kniegelenke durch richtig ausgeführten Laufsport nicht leiden. Matthias Marquardt, Internist aus Hannover, hat sich intensiv mit dem Laufsport beschäftigt. Er sagt: «Probleme im Kniegelenk treten bei richtig dosiertem Training auch auf Asphalt eher selten auf. Das Risiko steigt allerdings, wenn Anfänger übermotiviert sind und sich überlasten.»

Erhöhtes Arthrose-Risiko durch Sport

Was aber, wenn jemand wirklich ein Problem im Bewegungsapparat hat? Leiden Patienten etwa unter einer Arthrose, kann es kompliziert werden. Das musste auch Hans Reimers* erfahren. Der 42-Jährige spielte bereits in der Jugend leistungsorientiert Basketball. Im Lauf der Zeit verletzte sich der ehemalige Regionalligaspieler mehrmals – meistens am Sprunggelenk. Zudem steht er als Sportlehrer fast jeden Tag in der Turnhalle. Irgendwann kamen die ersten Beschwerden in der Hüfte.

Mit Reimers Vorgeschichte ist eine Arthrose nicht ungewöhnlich: Laut dem Berufsverband für Unfallchirurgie verletzen sich jährlich rund 1.5 Millionen Deutsche beim Sport. Dadurch steigt das Risiko, 20 Jahre später unter Arthrose zu leiden, deutlich an – bei einer Meniskus- oder Kreuzbandverletzung auf bis zu 80 Prozent.

«Übungen im Unterricht vormachen, kann ich schon lange nicht mehr», sagt Reimers. Inzwischen hat er Basketball aufgegeben, auch Joggen verursacht Schmerzen. Als er selbst nachts einen Ruheschmerz verspürte, riet ihm sein Arzt zur Operation – ein künstliches Hüftgelenk sollte eingesetzt werden. Doch Reimers ist noch skeptisch. Ein Physiotherapeut hat ihm Übungen gezeigt, die er regelmässig im Fitnessstudio macht. Auch Radfahren funktioniert ganz gut. Nun überlegt er, ob er sich ein Rennrad kaufen soll.

Bewegung ja, Überlastung nein

Beim Schwimmen muss man nicht das ganze Gewicht tragen. Bild: KEYSTONE

Bei Arthrose sind Spielsportarten mit schnellen Bewegungen und Richtungswechseln nicht ratsam: Basketball, Handball, Squash, Tennis oder Fussball sollte man lieber lassen. Aber als Ausrede für ein Leben ohne Sport taugt die Diagnose nicht: Ist der Knorpel angegriffen, braucht das Gelenk regelmässig Bewegung, damit er mit ausreichend Gelenkflüssigkeit versorgt wird. Ruht der Patient ganz, schreitet der Verschleiss weiter voran. Es kommt also darauf an, das Gelenk zu bewegen, aber nicht zu überlasteten. Reimers könnte ausser Rad fahren beispielsweise schwimmen. Bei beiden Sportarten muss der Körper nicht sein gesamtes Gewicht tragen – anders als etwa beim Joggen.

Hans-Arthur Müller war klug genug, sein neues Leben als Läufer langsam zu beginnen. «Ich hab noch keine Sportverletzung gehabt, seit ich laufe – wahrscheinlich weil ich aufgrund meines Alters von Anfang an professionelle Unterstützung in Form von Trainingsplänen und Fitnessberatung in Anspruch genommen habe», sagt er. Auch wenn sicher nicht für jeden ein Marathon realistisch ist: Müller hat dieses Ziel geholfen, gesünder zu werden. Die alten Beschwerden konnte er nach und nach abhaken. Sein Blutdruck liegt bei 120 zu 80 – ein sehr guter Wert für sein Alter. Und auch seinen Diabetes hat er im Griff. Inzwischen muss er sich nicht einmal mehr Insulin spritzen.

*Name von der Redaktion geändert

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • kobL 09.05.2015 10:54
    Highlight Ja mir ging es ähnlich, obwohl ich jetzt erst 25 bin. Als vor 3 Jahren die Wage 107 kg angezeigt hat, wusste ich, so kann es nicht weitergehen. Aber auf etwas verzichten kam für mich auch nicht infrage, so fing ich einfach an, mehr Rad zu fahren. Arbeitsweg, Weg zum Einkaufen, Eltern besuchen alles mit dem Rad, auch wenn es mal regnet oder schneit oder stürmt. Es hat recht gut funktioniert, ohne das ich gross auf meine Ernährung geachtet habe und habe bis jetzt rund 20 kg abgenommen. Mein Tipp: Wichtig ist, das man sich jeden Tag mindestens eine halbe Stunde bewegt.
    1 0 Melden
  • saugoof 05.05.2015 04:38
    Highlight Bei mir war das die selbe Geschichte. War mein ganzes Leben übergewichtig und habe jedes Jahr noch ein bisschen zugenommen. Mit 42 Jahren war ich dann bei 115kg angelangt. Habe dann ein paar mal probiert mit Jogging anzufangen aber weil ich nie Sportler war hat das immer fehlgeschlagen weil ich immer das Ziel viel zu hoch gesteckt hatte. Irgendwann bin ich über das "Couch to 5km" program gestolpert und mit dem hat es funktioniert. Habe zudem auch aufs Velo umgestellt und esse weniger Desserts. Ueber zwei Jahre hatte ich so 30kg abgespeckt und die blieben auch weg. Zudem bin ich jetzt Fit!
    10 0 Melden
  • Androider 04.05.2015 21:31
    Highlight Dieser Kommentar dient nur zur Wiederfindung des Artikels, da bei mir die Favo-Funktion nicht geht & ich immer noch keine Antwort von watson bezüglich dieses Problems erhalten habe.
    7 2 Melden
  • Ilovepies 04.05.2015 09:57
    Highlight Das typische. Eine seiner aussagen finde ich absolut richtig und wichtig: das abnehmen hat ihm ermöglicht sport zu machen.
    Wenn man sau schwer und total unfit ist, versucht bitte nicht rumzujoggen. Das ist total ungesund und bringt auch nix. Ist höchstens demotivierend.
    Ernährungsumstellung (total einfach: gekochtes/gedünstetes gemüse, eiweiss, kohlenhydrate, alles wertvoll, süssigkeiten soweit runter wie möglich, gut 2 liter wasser, ist keine hexerei) und dann wenn man gewichtmässig fortschritte macht stetig mehr sport und kräftigungsübungen.
    Ist echt keine wissenschaft. Einfach ne frage vom durchhaltewillen. Dabei schön piano. Nix überstürzen, aber konsequent bleiben.
    18 1 Melden
  • Baba 04.05.2015 07:58
    Highlight Beeindruckender und motivierender Bericht! Weiss watson, wie seine Ernährungsumstellung ausgesehen hat?
    26 0 Melden

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