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Irdisches Gefrierfach: Die Antarktis ist ein klimatischer Sonderfall. Umkreist vom kalten Meer, liegt der Kontinent isoliert über dem Südpol. Bild: Shutterstock

Eiskollaps-Prognose

Wie ein schmelzender Eiskorken in der Antarktis die Wasserpegel weltweit um vier Meter ansteigen lassen könnte

Potsdamer Wissenschaftler verbreiten eine schrille Warnung: Eine Art Eiskorken in der Antarktis drohe zu tauen. Gletscher könnten ins Meer fliessen – die Wasserpegel würden weltweit um vier Meter steigen. Haben die Forscher also ein neues Klimarisiko enttarnt? Nein. 

05.05.14, 13:53 05.05.14, 14:23

Ein Artikel von

Axel Bojanowski, Spiegel Online

Klimaforscher wenden sich verstärkt der fernen Zukunft zu. Kürzlich sorgte eine Studie für Aufsehen, die den Anstieg der Ozeane für 2000 Jahre fortschrieb und aufgrund dessen den Untergang von 136 Weltkulturerbe-Stätten in Aussicht stellte. Nun nimmt derselbe Autor, Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung PIK, einen weiteren delikaten Ort in den Fokus seiner Langzeitszenarien: das Wilkes-Becken im Osten der Antarktis. Dort drohe der Kollaps des Eisschilds, was den Meeresspiegel um vier Meter heben könnte. 

Lediglich eine Art Korken aus Eis blockiere die Gletschermassen im Hinterland, er verhindere bislang, dass sich die Eisströme in den Ozean ergössen, schreiben Levermann und sein PIK-Kollege Matthias Mengel im Fachblatt «Nature Climate Change». Das Eis liege im Wilkes-Becken abschüssig wie in einer gekippten Flasche, erklärt Mengel in einer Mitteilung seines Instituts. «Wird der Korken gezogen, entleert sie sich.» 

Dramatische Region

Das Wilkes-Becken auf der Neuseeland zugewandten Seite der Ostantarktis ist eine dramatische Region: Steil ragt seine Eiskante aus dem oft stürmischem, kalten Südpolarmeer. Stetig hebt sich die weisse Landschaft, im Hinterland schwillt der Eiskörper drei Kilometer in die Höhe. Langsam fliessen die Gletscher ins Meer, wo sie immer wieder Eisberge kalben. Die Frage, wie stark die erwartete Klimaerwärmung das Tauen der Massen beschleunigen könnte, beschäftigt die Wissenschaft seit langem. 

gletscher antarktis

Gletscher münden ins Meer – wärmeres Wasser würde zur Gefahr. Bild: antarcticglaciers.org

«Nicht wirklich überraschend»

Der Uno-Klimareport (IPCC), der das Klimawissen zusammenfasst, gibt sich zurückhaltend: Bislang zeige die Region keinen Trend, das ostantarktische Eis scheine stabil. Der extrem kalte Ozean, sowie Schneefall gleichen Eisverluste bislang aus. Die neue Simulation aber offenbare nun Gefahr für die fernere Zukunft, meint Levermann. Er warnt: «Bislang galt nur die Westantarktis als instabil, aber jetzt wissen wir, dass ihr zehnmal grösseres Gegenstück im Osten möglicherweise auch in Gefahr ist.» 

Haben die Forscher also ein neues Klimarisiko enttarnt? Nein. Der Uno-Klimabericht schreibt über die Region: «Potentiell instabile marine Eismassen gibt es auch in der Ostantarktis, beispielsweise im Wilkes-Becken.» Komplett geschmolzen würden die Eismassen die Meere um neun Meter heben, schreibt der IPCC. Das Risiko sei bekannt, bestätigt Robert Larter vom British Antarctic Survey BAS. Das Resultat der neuen Studie «nicht wirklich überraschend», ergänzt Nicholas Golledge von der University of Wellington in Neuseeland. 

NASA handout image released August 18, 2011 shows the first complete map of the speed and direction of ice flow in Antarctica, derived from radar interferometric data from the Japan Aerospace Exploration Agency's ALOS PALSAR, the European Space Agency's Envisat ASAR and ERS-1/2, and the Canadian Space Agency's RADARSAT-2 spacecraft. The color-coded satellite data are overlaid on a mosaic of Antarctica created with data from NASA's Moderate Resolution Imaging Spectroradiometer (MODIS) instrument on NASA's Terra spacecraft. Pixel spacing is 984 feet (300 meters). The thick black lines delineate major ice divides. Subglacial lakes in Antarctica's interior are also outlined in black. Thick black lines along the coast indicate ice sheet grounding lines.  REUTERS/NASA/JPL/Caltech/Handout  (ANTARCTICA - Tags: SCI TECH ENVIRONMENT) FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS. THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS - RTR2Q324

Das Wilkes-Becken liegt auf der Neuseeland zugewandten Seite (unten auf der Karte, Wilkes Land). Bild: Reuters

Gleichwohl finden beide Experten freundliche Worte für die Studie aus Potsdam: Die Modellierung sei nützlich, weil sie die Theorien konkretisiere, sagt Golledge. Die dreidimensionale digitale Landkarte der Antarktis «Bedmap2» erlaubt Forschern solch neue Umweltsimulationen. Aber wie wahrscheinlich ist der katastrophale Kollaps der Gletscher im Wilkes-Becken? 

Voraussetzung für das Drama wäre, dass sich das Meer vor der Ostantarktis erheblich erwärmte. Der schützende Eiskorken liegt teils in einer Mulde unter Wasser. Für ihre Simulation haben Mengel und Levermann den Ozean der Region virtuell um zweieinhalb Grad erwärmt. Das Ergebnis: Ist der Eiskorken erst mal verschwunden, sei der Weg frei für 80-mal mehr Eis, das aus dem Hinterland ins Meer flösse. 

Eisberg: Daten der Erdgeschichte zeigen, dass die antarktische Schmelze bei weiterer Erderwärmung zunehmen könnte. Bild: Shutterstock

Drama der Erdgeschichte

Das Prinzip sei bekannt aus der Westantarktis, erläutert BAS-Forscher Larter: Dort rutsche seit zwei Jahrzehnten verstärkt Eis in die Amundsen See, nachdem die unter Wasser gelegene Eiskante nachgegeben habe. Ist Ähnliches nun im Osten des Südkontinents zu befürchten? 

Welche Ursachen das isolierte Eismeer dort derart aufheizen könnten, dass es den Eiskorken anfresse, lässt die neue Studie offen. «Es müsste sich die ozeanische Zirkulation ändern, so dass erheblich wärmeres Wasser an die Küste geführt wird», erläutert Heinrich Miller vom Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung AWI. Derzeit passiert das Gegenteil: Meereis breitet sich aus

In ferner Zukunft bei fortschreitender Klimaerwärmung aber kann viel passieren. Schliesslich sei auch in ferner Vergangenheit das Eis der Ostantarktis vermutlich mehrfach deutlich geschwunden, etwa in den Erdzeitaltern Pliozän und Miozän, sagt Gollegde. 

Doch es mangelte an genauen Belegen dafür, ergänzt Miller: «Leider fehlen uns Kenntnisse über die Ablagerungen, die uns erlauben würden, Aussagen darüber zu machen, ob solch eine Schmelze früher schon mal geschehen ist», sagt der erfahrene Antarktisforscher. Solche Daten aber lassen sich nicht mit Computersimulationen gewinnen, sondern nur mit Bohrungen vor Ort, in der eisigen Kälte der Ostantarktis. 

antarktis kontinent wikipedia/dave pape

Bis zu vier Kilometer hoch türmen sich die Eismassen über dem Südkontinent. Bild: Wikipedia/Dave Pape



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