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Rekonstruktion eines Neandertaler-Mädchens. 
Bild: Anthropologisches Institut der Universität Zürich

Neandertaler und moderne Menschen hatten schon viel früher Sex als gedacht

Dass der moderne Mensch Erbgut des Neandertalers in sich hat, ist bekannt. Nun haben Forscher herausgefunden, dass es zuweilen auch umgekehrt ist. Und: Die modernen Menschen hatten schon viel früher Kinder mit ihren archaischen Verwandten als gedacht.

17.02.16, 19:25 18.02.16, 07:22

Neandertaler und moderne Menschen haben sich schon viel früher vermischt als bisher angenommen. Das berichten Forscher um Martin Kuhlwilm vom Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Im Genom eines Neandertalers aus dem Altai-Gebirge in Zentralasien entdeckten sie Erbgut-Stückchen von modernen Menschen.

Anhand des Alters der untersuchten Knochen und der Beschaffenheit des Erbguts ergibt sich den Forschern zufolge, dass Neandertaler und moderne Menschen schon vor etwa 100'000 Jahren gemeinsame Kinder hatten – und damit mehrere Zehntausend Jahre früher als bisher angenommen. Sie berichten darüber im Fachmagazin Nature

Liebeleien mit archaischen Verwandten

Dass der moderne Europäer ein bis vier Prozent seines Erbguts dem Neandertaler verdankt, ist seit einigen Jahren bekannt. Es bedeutet, dass die von Afrika nach Eurasien gezogenen modernen Menschen vor etwa 47'000 bis 65'000 Jahren hin und wieder Liebeleien mit ihren archaischen Verwandten eingegangen sein müssen, aus denen Nachwuchs mit gemischtem Erbgut hervorging.

Die nun veröffentlichte Entdeckung der Forscher zeigt aber, dass nicht nur der Neandertaler seine Gene im modernen Menschen (Homo sapiens) hinterlassen hat – auch er trug umgekehrt DNA des modernen Menschen in sich.

Das gilt allerdings nicht für alle: Die Wissenschaftler untersuchten neben dem Erbgut der Knochen aus dem Altai-Gebirge auch das von zwei Neandertalern, die in europäischen Höhlen gefunden wurden. Darin entdeckten sie keine Spuren des modernen Menschen. «Das bringt uns zu dem Schluss, dass die Vermischung im asiatischen Raum stattgefunden hat», sagte Kuhlwilm. 

Einflüsse der Neandertaler-Erbinformation

Der Neandertaler gilt heute als weltweit am besten erforschter Urmensch. Der frühe Verwandte des Homo sapiens hat seinen Namen vom Fundort seiner Knochen – dem Neandertal bei Düsseldorf in Nordrhein-Westfalen.

Neandertaler-Paar im Neandertaler-Museum in Mettmann, Deutschland.
Bild: Martin Meissner/AP/KEYSTONE

Was die Neandertaler in unserem Erbgut hinterlassen haben, ist wiederum nicht nur Gutes, wie eine weitere Studie jüngst ergab. Das Risiko, von Nikotin abhängig zu werden, werde ebenso von Neandertaler-Erbgut beeinflusst wie das für Depressionen, berichteten Forscher im Fachmagazin Science.

«Das Gehirn ist unglaublich komplex, darum ist gut nachvollziehbar, dass es negative Konsequenzen haben kann, wenn aus einem ganz anderen evolutionären Pfad stammende Änderungen eingebracht werden», erklärte die Hauptautorin Corinne Simonti. 

Stärkeres Immunsystem und Kältetoleranz

Anderseits haben Neandertaler-Gene nach einer früheren Studie der MPI-Forscher das Immunsystem des modernen Menschen gestärkt (American Journal of Human Genetics). US-Forscher fanden heraus, dass Gene von Neandertalern den Vorfahren moderner Menschen wahrscheinlich dabei geholfen haben, sich an die kühlere Umgebung ausserhalb Afrikas anzupassen.

Neandertaler-Erbgut ist demnach in heutigen Europäern und Ostasiaten insbesondere an Stellen vorhanden, an denen Wachstum und Ausgestaltung von Haut und Haaren geregelt werden (Nature). (sda/dpa)

Das Urmenschen-Quiz: Wie gut kennst du Neandertaler & Co.?

1.Der moderne Mensch – also wir – ist die einzige noch lebende Art der Gattung Homo. Was bedeutet sein wissenschaftlicher Name «Homo sapiens» auf Deutsch?
Shutterstock
Der denkende Mensch
Der weise Mensch
Der bauende Mensch
2.Wie alt ist das derzeit älteste Fossil eines Vertreters der Gattung Homo?
2,8 Millionen Jahre
2,1 Millionen Jahre
1,7 Millionen Jahre
3.Eines der bekanntesten Fossilien ist Lucy. Das weibliche Teilskelett wurde 1974 in Äthiopien gefunden. Zu welcher Art gehört Lucy?
Homo antecessor
Ardipithecus ramidus
Australopithecus afarensis
4.Wie kam Lucy zu ihrem Namen?
Sie wurde nach dem Beatles-Song «Lucy in the Sky with Diamonds» benannt.
Sie wurde nach ihrer Entdeckerin Lucy Leakey benannt.
Arizona State University
Sie wurde nach der Tochter ihres Entdeckers Donald Johanson benannt.
5.Was verstehen die Paläontologen unter dem Begriff «Hominini»?
Die Untergruppe der Affen in der Ordnung der Primaten.
Die Unterabteilung der Familie der Menschenaffen, die alle Arten der Gattung Homo umfasst.
Die Familie der Menschenaffen einschliesslich des Menschen.
6.Welche Art des Homo wanderte als erste aus Afrika aus und besiedelte Eurasien?
Homo habilis
Homo rudolfensis
Homo erectus
7.Die Olduvai-Schlucht gilt – neben dem Afar-Dreieck in Äthiopien und der südafrikanischen Provinz Gauteng – aufgrund der vielen Funde von homininen Fossilien als «Wiege der Menschheit». In welchem Land liegt diese bedeutende Fundstätte?
Wikipedia
Wikipedia
Somalia
Wikipedia
Kenia
Wikipedia
Tansania
8.2003 wurden auf der indonesischen Insel Flores Skelette einer ausgestorbenen Menschenart gefunden. Der Flores-Mensch, nach dem Fundort Homo floresiensis benannt, war auffallend klein, was ihm den Spitznamen «Hobbit» eintrug. Wann starb dieser Urmensch aus?
EPA
Etwa vor 13'000 Jahren
Etwa vor 150'000 Jahren
Etwa vor 1 Million Jahren
9.Als der moderne Mensch aus Afrika nach Europa wanderte, lebte dort bereits der Neandertaler. Vor rund 30'000 Jahren starb dieser Urmensch aus. Welche dieser Aussagen über den Homo neanderthalensis trifft zu?
AP
Vom Neandertaler zum Homo sapiens gab es keinen Gen-Fluss.
Der Neandertaler hatte im Schnitt ein etwas grösseres Gehirnvolumen als der Homo sapiens.
Neandertaler besassen ein deutlich vorspringendes Kinn.
10.Was versteht man unter einem Cro-Magnon-Menschen?
Es handelt sich um eine Kreuzung zwischen Neandertaler und Homo sapiens.
Cro-Magnon-Mensch ist eine andere Bezeichnung für den Homo ergaster.
Es ist der Homo sapiens in der Ära seit seiner Ankunft in Europa vor 40'000 Jahren bis vor ca. 12'000 Jahren.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 17.02.2016 23:34
    Highlight Blaue Augen und blonde Haare verdankt unsere Spezies auch den Neandertalern.
    2 0 Melden

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