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Lob dem Dreck: Wie Eltern ihre Kinder vor Allergien schützen können

Kinder, die an ihren Fingern lutschen, haben ein geringeres Allergie-Risiko. Trotzdem raten Forscher davon ab. Wie Eltern sonst das Immunsystem ihrer Kinder stärken können – ein Überblick.

13.07.16, 22:40 14.07.16, 08:45

Julia Merlot



Ein Artikel von

«Holt Bakterien und Pilze in eure Wohnungen», mit diesem Anliegen haben sich Forscher an die Öffentlichkeit gewendet. Geht es nach ihnen, könnten Menschen eines Tages einen ganzen Bakterien-Zoo halten. Die Wissenschaftler regen an, Gebäude künftig so zu konstruieren, dass manche Mikroorganismen sich besonders gern darin ansiedeln – alles im Sinne der Gesundheit.

«Es ist ein verbreitetes Missverständnis, dass alle Mikroben in unserem Zuhause gesundheitsschädlich sind», sagt Jordan Peccia, der an der Yale Universität erforscht, mit welchen Bakterien und Pilzen Menschen zusammenleben und welchen Einfluss das auf ihre Gesundheit hat. «Viele Mikroorganismen haben gar keinen Effekt auf die Gesundheit, manche fördern sie sogar.»

Daumenlutschen gegen Allergien?

Thums up fürs Daumenlutschen!
Bild: Shutterstock

Darauf deutet auch eine zweite aktuelle Studie hin. Im Fachmagazin «Pediatrics» berichten Forscher, dass Kinder, die an ihrem Daumen nuckeln oder Nägel kauen, weniger anfällig für Allergien sind. Sie hatten die Nuckelgewohnheiten von über tausend Kindern aus Neuseeland im Alter von fünf, sieben, neun und elf Jahren erfasst.

Im Alter von 13 und 32 Jahren wiesen sie im Schnitt bei 38 von hundert Daumenlutschern oder Nägelkauern eine Allergie nach. In der Vergleichsgruppe bei 49. Rechneten die Forscher andere Einflussfaktoren auf das Allergierisiko heraus, blieb der Effekt bestehen. Allerdings beziehen sich die Ergebnisse auf Allergietests – und nicht auf Allergien, die nach dem Auftreten von Symptomen entdeckt wurden.

«Obwohl Daumenlutscher und Nagelbeisser bei Allergietests seltener reagierten, konnten wir keinen direkten Zusammenhang mit Asthma oder Heuschnupfen herstellen», sagt Stephanie Lynch von der University of Otago.

Ein Hoch auf den Dreck! Bild: IPPAWARDS

Unter anderem deshalb sind die Forscher zurückhaltend, was konkrete Schlussfolgerungen aus ihrer Studie angeht: Sie empfehlen nicht, Kinder zum Daumenlutschen und Nägelkauen zu ermuntern. Der konkrete Nutzen im Verhältnis zu möglichen Risiken sei noch unklar.

Händewaschen erlaubt

«Welche Verhaltensweisen im Detail das Allergierisiko verändern, weiss man in vielen Fällen nicht so genau», sagt Jörg Kleine-Tebbe von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI). Er rät Eltern, ihre Kinder möglichst viel im Freien spielen zu lassen, mit ihnen in den Wald zu gehen und auf den Spielplatz.

«Wenn sie insgesamt viel Kontakt mit der Umwelt haben, bringt das Nuckeln an ungewaschenen Händen wohl kaum einen zusätzlichen Vorteil – aber das Risiko einer Infektionskrankheit.» Vor dem Essen dürfen die Hände also ruhig unters Wasser.

Die Empfehlung, schon kleine Kinder mit einer grossen Bakterienvielfalt in Kontakt zu bringen, fusst im Wesentlichen auf einer Erkenntnis: Wer auf einem Bauernhof aufwächst, erkrankt deutlich seltener an Allergien und Asthma. Aber auch Eltern, die ihre Kinder fern von Viehhaltung aufziehen, können etwas tun, um deren Immunsystem zu stärken.

Kinder, die auf dem Bauernhof gross werden, haben seltener Allergien.
Bild: KEYSTONE

Ernährung während der Schwangerschaft

Das Training fürs Immunsystem beginnt mit der Geburt, «womöglich bereits im Mutterleib», sagt Kleine-Tebbe. So geht etwa Susan Prescott von der University of Western Australia, die seit vielen Jahren an der Allergieentstehung forscht, davon aus, dass bereits das Verhalten der Mutter in der Schwangerschaft erste Weichen stellt. Der Tenor: Vielfalt statt Vorsicht.

Denn das junge Immunsystem muss erst lernen, was gefährlich ist – und dazu rechtzeitig mit den jeweiligen Stoffen in Kontakt kommen. Speichert es eigentlich harmlose Substanzen als problematisch ab, reagiert es beim Kontakt mit diesen zu stark und sendet Entzündungsbotenstoffe aus, um dem restlichen Immunsystem die vermeintlichen Krankmacher zu melden – die Haut juckt, die Augen tränen, im Extremfall kommt es zum Kreislaufzusammenbruch. Eine Allergie ist entstanden.

Die DGAKI empfiehlt Schwangeren und Stillenden in ihren auf wissenschaftlicher Basis erarbeiteten Leitlinien daher, sich möglichst ausgewogen zu ernähren. Sie sollen ausdrücklich auch Nahrungsmittel essen, gegen die Allergien entstehen können. Nahrungsmittel, auf die die Mutter selbst allergisch ist, sind dabei natürlich aussen vor.

Vielfalt ist auch nach – oder besser gesagt – während der Geburt angesagt: Im Geburtskanal kommt der Säugling erstmals mit einer grossen Menge unterschiedlicher Mikroorganismen in Kontakt. «Es gibt Hinweise darauf, dass Kinder, die durch Kaiserschnitt auf die Welt kommen, ein erhöhtes Allergierisiko haben», schreibt die DGAKI. Teilweise reiben Mediziner Kaiserschnittkinder deshalb nach der Geburt mit etwas Vaginalsekret ein – die Methode ist allerdings umstritten.

Nach vier Monaten den ersten Brei

Nach der Geburt trägt unter anderem das Stillen dazu bei, das Immunsystem auf die Vielzahl unterschiedlicher Stoffe in der Umwelt vorzubereiten. Nach vier Monaten sollten Babys dann bereits normale Nahrung kennenlernen – auch hier gilt: Keine falsche Zurückhaltung bei der Zutatenwahl. So gibt es beispielsweise Hinweise, dass Kinder, die im ersten Lebensjahr Fisch zu sich nehmen, ein geringeres Allergierisiko haben.

Stillen senkt das Allergierisiko der Kinder.
Bild: KEYSTONE

Neben der Ernährung prägen Hautbakterien der Eltern und Luftkeime das Immunsystem des Kindes. Letztere sind es offenbar auch, die Bauernhofkinder vor Allergien schützen. Forscher gehen davon aus, dass sogenannte Endotoxine von Kuhstall-Bakterien zum Schutz vor allergischem Asthma beitragen. Der Mensch nimmt die Bestandteile aus der Zellmembran der Mikroorganismen über die Schleimhaut auf – sie hemmen die Entzündungsreaktion.

Kein Freifahrtschein für Putzmuffel

Allerdings ist Dreck nicht gleich Dreck: Eine mehrjährige Studie mit mehr als 400 Kindern in armen Stadtvierteln von Baltimore, Boston, New York oder St.Louis zeigte: Zwar kann der Kontakt mit allergieauslösenden Stoffen von Maus, Kakerlake und Katze im ersten Lebensjahr das Allergierisiko senken. Wer in den ersten drei Lebensjahren allerdings in einer insgesamt dreckigen Umgebung mit reichlich Mäusekot, Hausstaub und Kakerlakendreck lebt, hat letztlich ein erhöhtes Allergierisiko.

Leben mit Allergie: Achtung, Nüsse!

Allergologen gehen auch davon aus, dass etwa Schadstoffe in der Luft das Allergierisiko erhöhen. Einige von ihnen sammeln sich im Hausstaub - mit dem gerade krabbelnde Kinder leicht in Kontakt kommen. Staub regelmässig zu entfernen und den Boden feucht zu wischen, ist also keine schlechte Idee. Zudem ist belegt, dass Zigarettenrauch bei Kindern das Asthmarisiko erhöht.

Wer anfällig für Allergien ist, sollte zudem keine Katzen anschaffen. Gegen einen Hund als Haustier spricht dagegen nichts - sofern nicht bereits eine Hundehaar-Allergie diagnostiziert wurde.

«Hunde sind echte Bazillenschleudern», erklärt DGAKI-Sprecher Kleine-Tebbe. Durch ihren engen Kontakt mit Menschen, tragen sie zur Bakterienvielfalt in der Wohnung bei. «Natürlich empfehlen wir nicht jedem, sich einen Hund anzuschaffen.» Wer das ohnehin wollte, kann das aber auch mit einem kleinen Kind tun.

Und was ist mit dem Vorschlag, Allergie-Schutz-Bakterien eines Tages gezielt in Wohnungen anzusiedeln? «Das halte ich nicht für zielführend», so Kleine-Tebbe. Er glaubt nicht, dass sich das Zusammenspiel zwischen Bakterienvielfalt und Immunsystem so leicht nachstellen lässt.

Zusammengefasst: Eine natürliche Geburt, Stillen, die Nähe zu Nutztieren oder Hunden und eine vielfältige Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft und des Kindes nach dem vierten Lebensmonat verringern das Allergierisiko. Negativ wirken sich dagegen Zigarettenrauch, eine dauerhaft hohe Belastung mit Hausstaubmilben und Luftschadstoffen aus. Optimal ist demnach ein Mittelmass an Hygiene - klinisch sauber sollte es nicht sein, eine stark verdreckte Wohnung erhöht das Allergierisiko aber auch.

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • lilie 16.07.2016 21:15
    Highlight Bei mir hats leider nicht geklappt: Trotz Aufwachsen auf einem Hof und meiner regelmässigen Dosis Dreck hab ich trotzdem Allergien entwickelt. 😕

    Dafür bin ich wirklich fast nie krank. ☺
    1 1 Melden
  • john waynee 14.07.2016 14:28
    Highlight Kinder dürfen und müssen "Dreck fressen".-
    14 1 Melden
    • Don Huber 14.07.2016 14:53
      Highlight Genau du sagst es. Und diese 99% Killer Bakterien Seifen etc.. ist doch alles mist. Umsonst sind Bakterien nicht auf dieser Welt. Die stärken nämlich unser Immun System. Also nicht all zu sauber leben !!
      15 1 Melden
    • Zerpheros 15.07.2016 14:33
      Highlight Das würde ich spezifizieren: Nachdem mein Sohn die letzte Nacht kotzenderweise auf einer Fähre verbracht hat, stelle ich fest: Treppengeländer ablecken - schlechte Idee. Und auch meine Augenringe sind nicht sehr ansehnlich. 😩
      7 1 Melden
  • ket4mon 14.07.2016 11:33
    Highlight Desto mehr ländlicher aufgewachsen, desto eher besitzt man ein starkes Imunsystem.. Klingt komisch, aber ich hatte praktisch nie eine Grippe.. Meinen Kollegen geht es gleich ;)
    13 3 Melden
    • saukaibli 14.07.2016 14:31
      Highlight Nur dass Studien zu folge Allergien, Asthma und Autismus auf dem Land genau so zunehmen wie in der Stadt. Die einzige Bevölkerungsgruppe, die nicht davon betroffen ist, sind Menschen, die auf Höfen mit vielen Tieren zusammen aufwachsen. Aber klar haben Allergien und co. nichts mit einem schwachen Immunsystem zu tun, sondern mit einem "überreagierenden". Ernährung ist auch ein Thema, so wegen Zusatzstoffen, GMOs usw. In den USA haben vielleicht deshalb nicht "nur" 1/3 aller Kinder Autoimmunkrankheiten (wie in Europa), sondern 2/3.
      11 0 Melden
  • saukaibli 14.07.2016 08:20
    Highlight Zu dem Thema gibt's eine extrem interessante Doku von Arte. Ich finde sie - nicht nur für Eltern - sehr sehenswert.
    12 0 Melden
  • Baba 14.07.2016 05:48
    Highlight Lustig, wie so Altbekanntes nun von "Forschern bewiesen" wird. Eine alte Kinderkrankenschwester hat mir mal gesagt "Ein Kind sollte im Jahr ein Pfund Dreck essen - das stärkt das Immunsystem" :-). Es ging damals um diese "beseitigt 99% aller Bakterien" Putzmittel.

    Was aber der Stärkung des Immunsystems sicher auch hilft ist, diesen kleinen Wesen nicht schon in den ersten Lebensjahren x-mal Antibiotika zu verabreichen! Ich habe nichts gegen Antibiotika generell, aber glaube es wird viel zu sorglos und oft verabreicht und bei Kindern finde ich's speziell bedenklich...
    14 5 Melden
    • Normi 14.07.2016 10:11
      Highlight Und noch schlimmer in den "beseitigt 99% aller Bakterien" Putzmitteln hat es stark krebserregende mittel drin die in kosmetika nicht benutzt werden dürfen...
      10 0 Melden
    • weisse Giraffe 14.07.2016 11:23
      Highlight Alltagswissen und wissenschaftliche Studien sind zwei komplett unterschiedliche Ebenen, die man nicht gegeneinander ausspielen kann (und soll). Wissenschaftliche Studien haben ihren Ausgangspunkt oft im Alltagswissen. Ihr Zweck ist im Ideal, mithilfe eines bestimmten (genau deklarierten) Vorgehens zu überprüfen, ob das Alltagswissen einem solchen Test standhält. Wenn ja, ob es allgemein oder nur unter bestimmten Bedingungen oder in einem bestimmten Ausmass stimmt, etc. Das macht das Alltagswissen nicht überflüssig - es gibt ihm Boden. "Das hätte ich auch ohne Studie gewusst" ist Unsinn.
      24 1 Melden
    • Rittiner Gomez (1) 16.07.2016 14:30
      Highlight trotz dreck und land-, stall- bergluft allergiker. was aber zutrift, je weiter weg von abgasen, desto milder die symptome.
      0 2 Melden

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