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Viele nehmen's täglich ein, wenige kennen die Risiken. Bild: watson

Forderung nach Rezeptpflicht

So gefährlich ist Paracetamol

Paracetamol ist günstig, ohne Rezept zu haben und darf während der Schwangerschaft genommen werden. Neue Forschungsergebnisse deuten jedoch auf seltene, schwerwiegende Nebenwirkungen.

23.10.14, 11:47 23.10.14, 15:34

Christian Gruber / spiegel online

Ein Artikel von

Paracetamol ist ein beliebtes Schmerzmittel. Dass das Medikament bei zu hohen Dosen zu Leberversagen führen kann oder das Risiko für Magengeschwüre, Herzinfarkt und Schlaganfall erhöht, ist bekannt. Nun allerdings warnen Forscher im «European Journal of Pain» erneut vor den Folgen eines zu sorglosen Umgangs mit dem rezeptfreien Schmerzmittel. 

Studienautor Kay Brune, Pharmakologe an der Universität Erlangen-Nürnberg, hält die Selbstverständlichkeit, mit der das Schmerzmittel genommen wird, für höchst bedenklich. Seit Jahren setzt Brune sich dafür ein, Paracetamol rezeptpflichtig zu machen.

Neue Erkenntnisse über Nebenwirkungen

In der aktuellen Übersichtsarbeit (online noch nicht verfügbar) gehen Brune und Kollegen der Frage nach, welche Nebenwirkungen Paracetamol in den empfohlenen Mengen von höchstens vier Gramm am Tag hat. Dies ist in der Fachwelt heftig umstritten, besonders vor dem Hintergrund, dass das Analgetikum als einziges während der gesamten Schwangerschaft eingenommen werden darf und als Zäpfchen für Kinder unter sechs Kilogramm und unter drei Monaten zugelassen ist.

Für ihre Analyse haben Brune und seine Kollegen vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) die neuere Forschung über Paracetamol zusammengetragen.

Eine grosse statistische Erhebung aus diesem Jahr mit 64'322 dänischen Müttern und ihren zwischen 1996 und 2002 geborenen Kindern zeigt: Frauen, die in der Schwangerschaft regelmässig Paracetamol schluckten, haben häufiger Kinder, die verhaltensauffällig sind oder an ADHS leiden. Etwa die Hälfe der Mütter gab an, während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen zu haben. Ihre Kinder hatten ein rund 37 Prozent höheres Risiko, die Diagnose ADS oder ADHS zu erhalten, als Kinder, deren Mütter kein Paracetamol während der Schwangerschaft eingenommen hatten. 

Gleichermassen war ihr Risiko erhöht, später ADHS-Medikamente verschrieben zu bekommen. Insgesamt wurde bei rund 1330 Kindern ADHS oder ADS diagnostiziert. Dass die Medikamenten-Einnahme für dieses höhere Risiko verantwortlich ist, kann die Studie allerdings nicht belegen.

Eine norwegische Studie mit 48'631 Kindern kam 2013 zu ähnlichen Ergebnissen: Neben verstärkter Hyperaktivität stellten die Forscher bei den Kindern eine schlechtere gesamtmotorische Entwicklung und ein gestörtes Kommunikationsverhalten fest, wenn ihre Mütter länger Paracetamol genommen hatten. In dieser Studie wurden zudem Geschwister miteinander verglichen sowie die Einnahme von Ibuprofen während der Schwangerschaft abgefragt. Einen Zusammenhang zwischen diesem Schmerzmittel und späteren Auffälligkeiten der Kinder stellten die Forscher nicht fest.

Einnahme während der Schwangerschaft wird hinterfragt

Zudem gibt es Hinweise, dass Paracetamol bei Neugeborenen Hodenhochstand auslösen kann, was die Fruchtbarkeit beeinträchtigt und das Risiko für Hodenkrebs erhöht. Und dass Ungeborene, die verstärkt Paracetamol ausgesetzt waren, womöglich ein erhöhtes Asthmarisiko haben.

«Schwangere Frauen werden seit Jahrzehnten nahezu bedrängt, Schmerzen während der Schwangerschaft mit Paracetamol zu behandeln»

Hartmut Göbel

Es gibt Mediziner, die diese Ergebnisse sehr ernst nehmen. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel, warnt auf den Internetseiten seines Hauses vor Paracetamol. «Schwangere Frauen werden seit Jahrzehnten nahezu bedrängt, Schmerzen während der Schwangerschaft mit Paracetamol zu behandeln», schreibt der Arzt. «Es wird suggeriert, dass es sich um die sicherste Medikation gegen Schmerzen handelt.» Auch wenn die aktuellen Studien nicht zweifelsfrei nachweisen könnten, dass Paracetamol ADHS verursacht, sei belegt, dass die Einnahme von Paracetamol das Risiko dafür erhöhe.

Göbel wie auch Brune und seine Kollegen empfehlen daher das Schmerzmittel Ibuprofen, das derartige Nebenwirkungen nicht habe und in Studien wirksamer gewesen sei als Paracetamol, das bei starken Schmerzen ohnehin wenig nutze. Nur im letzten Schwangerschaftsdrittel sollten Frauen auf Ibuprofen verzichten, rät Göbel.

Neue Massstäbe erfordern erneute Prüfung des Wirkstoffs

Warum die Wissenschaft erst jetzt auf die möglichen Nebenwirkungen von Paracetamol aufmerksam wird, erklären Brune und seine Kollegen mit neuen Nachweismethoden und computergestützten Verfahren, die es erlaubten, riesige Datenmengen auszuwerten.

«Die Gewissheit, mit der die Medizin noch heute Paracetamol als gut verträglich und harmlos betrachtet, ist wissenschaftlich nicht unterfüttert», kritisiert Brune.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Bjoern Aeschlimann 26.10.2014 15:00
    Highlight In Neuseeland gibts 20stk für 1.80SFr.
    0 0 Melden
  • Zuagroasta 23.10.2014 22:26
    Highlight Neulich hat die FAZ schon einen Artikel in Sachen Schmerzmittel gebracht.
    Interessanterweise gings da unter anderem über den übermäßigen Gebrauch von Ibuprofen.

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/schmerzmittel-ibuprofen-laeuft-aspirin-ass-den-rang-ab-13202942.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2


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  • Qwertz 23.10.2014 20:30
    Highlight Ich wusste gar nicht, dass man 4g Paracetamol pro Tag einnehmen kann. Das sind ja 8 Tabletten! Kein Wunder hat das Nebenwirkungen.
    3 0 Melden
    • saukaibli 24.10.2014 12:32
      Highlight Doch, das ist schon richtig so. Musste selber dieses Jahr nach einer Operation ein paar Wochen lang das Zeug einnehmen (und dazu Ibuprofen und Tramadol). Rezeptpflichtig gibt's ja noch die 1g-Tabletten, dann sind es nur noch 4/Tag ;-)
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  • christian_meister 23.10.2014 19:39
    Highlight Eine Tablette, von der die Packung weniger als 1kg Brot kostet, kann doch nicht schädlich sein?! Dass Paracetamol nicht unbedenklich ist wissen wir schon lange. Doch wenn ich als Fachperson den Kunden darauf hinweise, werde ich oft belächelt. Ich bin der Meinung dass es ein umdenken braucht! Gewisse Medikamente, die wie Bonbons konsumiert oder mit denen Missbrauch betrieben wird, sollen verteuert werden. Z.B Abführ- und Schmerzmittel. Ähnlich wie bei Tabak oder Alkohol. Die Steuer fliesst in die Krankenkasse um die Folgekosten zu decken welche zur Zeit die Allgemeinheit bezahlt.
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    • Bowell 24.10.2014 07:47
      Highlight Ja klar, nur immer rauf mit den Medikamentenpreisen...
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    • saukaibli 24.10.2014 12:34
      Highlight Der Preis hat leider ganz und gar nichts mit der Gefährlichkeit zu tun. Morphium z.B. ist auch drecksbillig und nicht gerade ungefährlich.
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  • MediaEye 23.10.2014 17:18
    Highlight Ach was die Forscher nicht so alles herausfinden........

    Weder Paracetamol noch Ibuprofen haben bei starken Schmerzen eine nachhaltige Wirkung!
    Dann sollten auch sogenannt "stärkere" Medis rezeptfrei angeboten werden,z.B. Novalgin, was aber auch nicht wirklich stärker ist
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    • saukaibli 24.10.2014 12:36
      Highlight Schmerzmittel haben nie eine nachhaltige Wirkung, sie sollen ja auch nur die Symptome lindern und sind keine Heilmittel. Auch Morphium hat keine nachhaltige Wirkung, nach wenigen Stunden ist der Schmerz wieder da.
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  • elivi 23.10.2014 16:44
    Highlight Jede Pille hat doch in seltenen fällen krasse nebenwirkungen. Man sollte ned eine einzige quasi verurteilen sondern generell der umgang damit
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