Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Resting his chin on the handle of his cane, Spanish surrealist painter Salvador Dali studies an exhibit of contemporary Greek art in New York, Jan. 4, 1956.  Dali called his trademark mustache his

Salvador Dalí malte seine zerfliessenden Uhren während einer Kopfschmerzattacke. Bild: AP

Gute Neuigkeiten für Migräne-Patienten: Euer Gehirn löst Probleme besonders gut – und ausserdem seid ihr wahrscheinlich ziemlich talentiert

Gequälte Genies: Salvador Dalí litt unter Migräne, ebenso Richard Wagner und Marie Curie. Eine besondere Funktionsweise des Hirns verursacht die Erkrankung – scheint aber auch aussergewöhnliche Leistungen möglich zu machen.

Irene Habich / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Wie ein heraufziehendes Gewitter kündigt sich Richard Wagners Oper «Siegfried» im ersten Akt an: Ein düsteres Brummen, dann schleicht sich ein dumpfer, sich steigernder Rhythmus ein, schliesslich ertönen laute und schrille Streicher. Die erste Zeile des Sängers ein Aufschrei: «Zwangvolle Plage! Müh ohne Zweck!» Für den Migräne-Experten Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel ist klar: Hier hat Wagner sein Leiden an der Migräne vertont, die viele auch als Gewitter im Kopf bezeichnen.

Die Musik gleicht dem typischen Verlauf eines Anfalls, vom beginnenden Schädelpochen bis zum Ausbruch starker, pulsierender Schmerzen. Aufzeichnungen Richard Wagners und seiner Frau Cosima beweisen: Der Komponist litt tatsächlich unter den quälenden Kopfschmerzattacken – auch während der Arbeit an «Siegfried». Wie genau sich das aus Wagners Musik heraushören lässt, stellt Göbel in einer Analyse dar, die 2013 im British Medical Journal veröffentlicht wurde.

richard wagner wikipedia

Auch Komponist Richard Wagner litt unter Migräne-Anfällen.

«Bei Wagners Musik kann man sich schon fragen, wie ein Gehirn beschaffen sein muss, um so etwas Phänomenales und Neuartiges erschaffen zu können», sagt Hartmut Göbel. Er glaubt, dass Migränepatienten spezielle Voraussetzungen mitbringen: «Sie haben ein besonderes Betriebssystem, das Reize anders wahrnimmt und verarbeitet. Die Übertragung von Informationen verläuft in ihrem Gehirn ungebremst, ihnen geht einfach viel mehr durch den Kopf», sagt Göbel.

Ein solches Gehirn ist anfällig für Überlastungen, was Teil des Krankheitsgeschehens ist. Doch es leistet gleichzeitig das, was bei kreativen Denkprozessen gefragt ist.

Das Gehirn tickt anders

Dass Migränepatienten tatsächlich anders ticken, zeigte eine 2012 im Fachblatt Journal of Neural Transmission veröffentlichte Studie. «Wir fanden heraus, dass Betroffene ein besonderes Problemlöseverhalten zeigen», sagt Studienautor Peter Kropp, der das Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Rostock leitet.

Jeweils 24 Patienten mit und ohne Migräne hatten die Aufgabe bekommen, auf ein bestimmtes Tonsignal hin einen Knopf zu drücken, um es zu stoppen. Gelang ihnen das schnell genug, bekamen sie dafür Geld, falls nicht, verloren sie das Geld wieder. Im zweiten Teil des Versuchs hatten die Probanden dann plötzlich keine Chance mehr, zu gewinnen. Selbst wenn sie so schnell wie möglich den richtigen Knopf drückten, liess sich das Tonsignal nicht mehr stoppen, und ihnen wurde Geld abgezogen.

Wie die Messung der Hirnströme zeigte, reagierte das Gehirn der Migränepatienten deutlich stärker auf die neue Versuchsanordnung als das der anderen Teilnehmer. «Es suchte aktiver nach einer Lösung», sagt Kropp. Als die Belohnung ausblieb, drückten die ohnehin von Anfang an geschwinderen Migränepatienten immer schneller den Knopf und gaben nicht auf. Bei den Probanden ohne Migräne hingegen sank die Motivation, sie reagierten langsamer als zuvor.

Aus Migräne wird Kunst

Sternennacht van gogh

Wenn aus Kopfschmerzen Kunst wird – die «Sternennacht».

Vor schwierigen Problemen nicht zu kapitulieren, sondern erst recht aufzudrehen und dranzubleiben – im Alltag könnte das auch zu kreativeren Lösungen führen. Daher ist es vielleicht kein Zufall, wenn Migränepatienten eine ganz neue Richtung von Musik oder Malerei begründen.

Genau wie Wagner litten wohl auch die Komponisten Gustav Mahler, Frédéric Chopin und Claude Debussy unter Migräne sowie etliche weitere Künstler. Und auch deren Werke soll die Erkrankung beeinflusst haben. So malte Salvador Dalí seine zerfliessenden Uhren während einer Kopfschmerzattacke. 

Vincent van Gogh hat angeblich sogar auf die Leinwand gebracht, wie sich das Sehen während der Aura verändert – einem Zustand, der bei einigen Patienten den Migräneanfällen vorausgeht. Das Ergebnis soll der verschwommene, scheinbar wabernde Himmel auf seinem Bild «Sternennacht» sein.

Migränepatienten sind besonders hartnäckig

Ob die Migräne Maler und Komponisten in besonderer Weise inspirierte oder einfach nur einige ihr Leiden daran in der Kunst verarbeitet haben, lässt sich trotz der Besonderheiten ihres Gehirns nicht abschliessend klären. Hinzu kommt, dass nicht alle Migränepatienten mit musikalischem oder zeichnerischem Talent gesegnet sind. Tatsächlich gehören zu den berühmten Betroffenen neben Künstlerpersönlichkeiten auch grosse Strategen wie Julius Cäsar und Napoleon Bonaparte.

Kropp glaubt, dass Migränepatienten von ihrer Veranlagung her sogar eher die geborenen Wissenschaftler sind als Maler, Musiker oder Feldherren. «Weil sie ausdauernd und gewissenhaft nach Lösungen suchen, aber auch offen und aufnahmefähig sind.» Auch hier gibt es Beispiele: Charles Darwin soll genauso unter Migräne gelitten haben wie Alfred Nobel und Sigmund Freud.

Hartmut Göbel nennt am liebsten die Ausnahmewissenschaftlerin Marie Curie, die als bisher einziger Mensch in zwei verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen den Nobelpreis bekam. Ihre Hartnäckigkeit sei für eine Migränepatientin typisch gewesen: «Bevor sie mit ihren Forschungen nicht am Ziel war, gab sie ganz einfach nicht auf.»

Abonniere unseren Newsletter

5
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Tanzleila 12.08.2015 00:22
    Highlight Highlight Nun, wenn wir schon solche Schmerzen erdulden musste, muss ja auch etwas positives daran sein.
    Und jeder beim Lesen dieses Artikels grinsend an die Worte "nein Schatz, heute nicht, ich habe Migräne" dachte, hat offensichtlich noch nie jemanden mit einer richtigen Migräne gesehen. Denn richtige Migränepatienten müssen obige Worte gar nicht erst aussprechen, der Partner merkt alleine, dass etwas nicht stimmt, wenn man regungslos und praktisch blind im Bett liegt und darauf hofft, dass diese Schmerzen bald aufhören mögen.
  • Yelina 11.08.2015 20:26
    Highlight Highlight Ich leide seit 22 Jahren an Migräne mit Aura, die erste bekam ich am letzen Schultag der zweiten Klasse, diesen Tag vergess ich nie mehr... Mir wäre nie aufgefallen, dass Dalís Bild die Sehstörungen zeigt, aber die sind sehr individuell. Ich hab immer das Gefühl, auf einem Auge blind zu sein und schwarze Flecken im Blickfeld... kann leider nicht malen ;-)
    • Yelina 12.08.2015 21:38
      Highlight Highlight Interessanter Ansatz! Hab mich bisher nur auf den Versuch "ohne Koffein" eingelassen, aber wirkte nicht effektiv bei mir. Vegan stell ich mir immer etwas kompliziert vor und ich mag nunmal Milch in meinem Kaffee 😊 aber versuch ich vielleicht mal, wenns mich wieder schlimmer erwischt. Momentan halten sich die Attacken zum Glück in Grenzen. 😀
    • Tanzleila 13.08.2015 08:55
      Highlight Highlight Lustig, mir wurde gerade Koffein als Mittel gegen die Attacken empfohlen.
    • Desiree Dar-Zgraggen 11.10.2015 10:20
      Highlight Highlight Mandelmilch ist superlecker

Spür mich, ich war mal dein Kind: Darum ist es wichtig, über Fehlgeburten zu sprechen

Wenn eine Frau ihr Kind vor der 12. Schwangerschaftswoche verliert, gilt das als Krankheit. Die Versicherung bezahlt nicht alles. Dass sich Frauen wegen einer Fehlgeburt schämen und schweigen, hat System, sagt unsere Autorin. Sie hat es selbst erlebt.

An einem Donnerstagvormittag sass ich im Warteraum des Basler Unispitals und blutete ohne Unterlass. Eine riesige Binde lag in meiner Unterhose und sog sich voll. Ich spürte das warme, dickflüssige Blut, das nicht schnell genug einsickerte. Es bildete sich ein nasser Schleimklumpen, der eine Auseinandersetzung forderte: Spür mich, ich bin deine Fehlgeburt.

Als ich schwanger wurde, war ich nicht überrascht. Ich kannte meinen Zyklus gut, mein Freund und ich verhüteten seit anderthalb Jahren mit …

Artikel lesen
Link to Article