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Angststörungen – wenn Sorgen krank machen

Angst um sich selbst, das Kind, den Partner: Wenn Sorgen den Alltag behindern, haben Betroffene möglicherweise eine Angststörung. Mit professioneller Hilfe können sie aber lernen, damit umzugehen.



Ein Artikel von

Spiegel Online

Jennifer Bauer ist alleine im Ausland unterwegs, als sie plötzlich Zahnschmerzen bekommt. Sie fühlt sich hilflos. Ihre Gedanken rasen, die Angst um ihre Gesundheit wird übermächtig: «Ich war irgendwann überzeugt, mein Zahn wird ausfallen.» Sie sei immer schon ängstlich gewesen, sagt die 31-Jährige heute. Dieses Erlebnis sieht sie jedoch rückblickend als Beginn ihrer Erkrankung.

An unemployed man in an old coat is seen lying down on a pier in the New York City docks during the Great Depression, 1935.   REUTERS/Lewis W Hine/Franklin D. Roosevelt Presidential Library and Museum/National Archives and Records Administration/Handout/File Photo  FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS

Sorgen machen krank – nicht nur zu Zeiten der Grossen Depression. Bild: HANDOUT/REUTERS

Generalisierte Angststörungen gehören neben den Phobien zu den häufigsten Angsterkrankungen. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung haben einmal in ihrem Leben generalisierte Ängste. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Anders als bei einer Panikattacke sind bei der generalisierten Angststörung Ängste und Sorgen allgegenwärtig. «Betroffene sorgen sich meist um Verwandte oder nahestehende Personen», sagt Borwin Bandelow, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen. «Sie haben Angst, diesen könnte etwas zustossen wie ein Autounfall. Die statistische Häufigkeit solcher Ereignisse wird dabei stark überschätzt.»

Wenn Sorgen in Kontrolle ausarten

Aber auch Angst um die eigene Gesundheit, wie im Fall von Jennifer Bauer, kann Teil der sogenannten Sorgenkreisläufe sein. In einen solchen hineingesteigert, erleben die Betroffenen auch körperliche Symptome wie Schwitzen, Zittern oder Herzrasen.

Generalisierte Ängste treten meist im jungen Erwachsenenalter auf. «Um das 30. Lebensjahr werden die Verantwortlichkeiten umfassender – Heirat, Kinder, Beruf. Vor allem verantwortungsbewusste Menschen mit Selbstzweifeln glauben dann, sie könnten diesen Anforderungen nicht mehr gerecht werden und reagieren mit Sorgen und Ängsten», erklärt Wolfgang Maier, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn.

Ängste oder Sorgen sind bis zu einem bestimmten Mass normal. Wenn sie jedoch den Alltag behindern, werden sie krankhaft. Das belastet dann nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die Angehörigen: «Betroffene greifen häufiger zum Telefon, um sicherzugehen, dass es ihren Angehörigen gut geht», sagt Katja Beesdo-Baum von der Technischen Universität Dresden.

«Viele fühlen sich dadurch kontrolliert oder sind genervt.» Die Beziehungen zu nahestehenden Menschen werden damit stark strapaziert. Dabei sind gerade diese für die Betroffenen so wichtig und geben ihnen Halt.

Ablenkung: Bloss nicht nachdenken

Das aktive Durchplanen des Alltags ist für viele Betroffene ein wirksames, wenn auch erschöpfendes Mittel gegen die Sorgen. Denn: Wer keine Pause hat, hat auch keine Zeit zum Grübeln. «Es gibt sogar solche, die sich innerlich Gedichte aufsagen, um an nichts anderes denken zu können», erklärt Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Beesdo-Baum.

Auch für Jennifer Bauer ist es beunruhigend, mal nichts vorzuhaben. In ihrer Freizeit telefoniert sie daher häufig. Als sie vor drei Jahren ihren Job verliert, ist sie ihren Ängsten den ganzen Tag ausgeliefert. Kurze Zeit später begibt sie sich in stationäre Behandlung. «Die Zeit zwischen Jobverlust und Klinikaufenthalt war die schlimmste meines Lebens», sagt die junge Frau heute.

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Ein Fach-Vortrag zum Thema (Dauer: eine Stunde). Video: YouTube/Dr. Becker Klinikgruppe

Die Ursachen für eine generalisierte Angststörung können vielfältig und individuell unterschiedlich sein. Häufig tritt eine Angststörung zusammen mit Depressionen auf. Ist die generalisierte Angststörung jedoch die primäre Erkrankung, entwickelt sich diese meist auf Grundlage einer unsicheren und ängstlichen Persönlichkeit, erläutert Maier.

Wer zudem mit übermässig beschützenden Eltern aufwachse, habe ein grösseres Risiko, so Beesdo-Baum: «Den Kindern wird die Erfahrung genommen, dass sie auch alleine mit Herausforderungen zurechtkommen können.»

Zudem gibt es eine Reihe von neurobiologischen Einflussfaktoren: «Wir wissen, dass das Serotoninsystem geschwächt ist», so Bandelow. Medikamente die das Serotonin beeinflussen, wirkten daher gut gegen Ängste.

Das kann man tun

Grundsätzlich lassen sich Angststörungen gut behandeln. Maier betont jedoch: «Viele Betroffene erleben die Angst nicht als Krankheit, sondern als reales Problem.» Als Therapeut müsse man daher bei den erlebten Einschränkungen ansetzen und sagen: «Du lieferst dich der Angst aus, du machst dich handlungsunfähig. Dagegen kann man etwas tun.»

Eine Verhaltenstherapie ist dann die erste Wahl. «In einer von uns durchgeführten Follow-up-Studie hat sich gezeigt, dass auch zehn Jahre nach einer Verhaltenstherapie die Rückfallquote gering ist», so Beesdo-Baum. In der Verhaltenstherapie lernen Betroffene Strategien, um mit ihren Ängsten umzugehen. Diese Effekte hielten bei den meisten auch über die Therapie hinaus an.

Jennifer Bauer begibt sich nach ihrem Klinikaufenthalt in psychotherapeutische Behandlung und besucht Selbsthilfegruppen. Es dauert, bis sie eine Gruppe findet, in der sie sich wohl fühlt. Die Atmosphäre bei den vorherigen Treffen empfindet sie als zu traurig. Noch immer hat sie Schwierigkeiten, ihre Angststörung anzunehmen und offen über ihre Ängste zu sprechen. Sie fühlt sich minderwertig – psychisch krank zu sein, empfindet sie nach wie vor als Stigma.

Dennoch: Das Bewusstsein, mit der Erkrankung nicht alleine zu sein, gibt ihr Kraft: «Ich versuche, die Krankheit nicht mehr zu verdrängen. Ich sage mir, es ist eine Krankheit wie jede andere, so wie manch anderer Diabetes hat.»

Mira Fricke/dpa/hei

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    Alle Leser-Kommentare
  • birdybird 17.10.2016 20:30
    Highlight Highlight Mein Ex hat dies auch, er wollte es sich jedoch nicht eingestehen. Für mich war das schlimmste das er mich dauernd "kontrollieren" musste. Er wollte zt sogar wissen ob ich bei der Arbeit angekommen bin. Aus Angst einen Unfall zu haben wollte er auch nicht mehr Autofahren, das klingt jetzt böse aber ich hatte danach das Gefühl das wenn ich einen Unfall baue mit der Schuld umgehen kann, er nicht. Deshalb hat er das Risiko mir überlassen...für mich war das echt hart! Für mich war das in dieser Zeit eine Art von Egoismus mit der ich Mühe hatte, obwohl ich ja wusste das es eine Krankheit ist.
  • Martin Sommer (1) 17.10.2016 13:14
    Highlight Highlight Der Moment, wenn du mit Angststörungen und Depressionen aber völlig stoned zum Psychologen gehst, er die Benzodiazepine verschreibt und du zu Lachen beginnst.
    Heureka! Geheilt!

  • Mehmed 16.10.2016 23:29
    Highlight Highlight "Frauen sind häufiger betroffen als Männer."
    Es scheint mir, heute wird in den linken Medien eine Krankheit nur als solche akzeptiert, wenn sie vor allem Frauen betrifft. Und wenns Männer betreffen würde, würden dieselbe Medien nicht mit dem verständnisvollen Opferblick draufschauen, sondern mit dem bösen Mahnfinger: böse, kostenverursachend, schlechte männliche Lebensweise.
    Ist etwas leicht durchschaubar, diese politische Ideologie.
    • Xeno 17.10.2016 08:12
      Highlight Highlight Himmelherrgott, was für ein Maximalmüll. Gründen Sie ein Medium nur für "rechte Männer" und sparen Sie uns hier Ihren Verfolgungswahn.
  • Seralina 16.10.2016 22:16
    Highlight Highlight Guter artikel!Ich litt vor 5 jahren auch an einer anststörung.Ich fühlte mich gefangen in meinem körper und in meinen gedanken!Es war sehr energieraubend und für meine familie und freunde nicht sehr einfach damit umzugehen und zu verstehen!Glücklicherweise fand ich eine super psychologin und konnte ihr zu 100% vertrauen!Ich habe viel über mich gelernt und bin heute dankbar,dies durchgemacht zu haben!Ich gabe gelernt mich selbst nicht zu vergessen,nein sagen zu dürfen und auch zu müssen,auf mich und meinen körper zu hören und mir selbst zu vertrauen!
    Ein harter kampf,viel kraft den betroffenen!
  • Echo der Zeit 16.10.2016 20:13
    Highlight Highlight Guter Artikel !
  • El Schnee 16.10.2016 17:25
    Highlight Highlight Jetzt kommt wieder dieser Serotonin-Mist. Auf dieser chemisch Ungleichgewicht-Lüge basiert seit Jahrzehnten diese mittlerweile bedenkliche Psychopharmakawelle. Und nein, im Gegensatz zu Diabetes gibt es bis jetzt keine Biomarker für psychische 'Erkrankungen'. Ich habe noch NIE von jemandem gehört, bei dem der Serotoninspiegel gemessen wurde vor der Behandlung. Angst zu haben ist übrigens nicht unwichtig - und Angst zu haben vor einer Behandlung mit Psychopharmaka würde ich haben. Sie sind eine regelrechte Helferfalle. Ich würde nur zu einem Therapeuten, der keine Medikamente verschreibt.
    • Menel 16.10.2016 18:00
      Highlight Highlight Man weiss aber, dass das Erhöhen des Seratoninspiegels die Neurogenese ankurbelt und das hat einen signifikanten Einfluss auf Angsstörungen und Depressionen.
    • mrmikech 16.10.2016 18:27
      Highlight Highlight Also, mit ein Teil bin ich einverstanden: es gibt beweis dafür das antidepressiva nur erleichterung bringen bei schwer depressive menschen. Bei diese Gruppe bringt es dann aber tatsäglich auch was, also ganz gegen antidepressiva soll man auch nicht sein.

      Die meiste Angststörungen kann man aber sehr gut ohne behandeln, Verhaltenstherapie wirkt sehr gut.
    • El Schnee 16.10.2016 18:42
      Highlight Highlight @Menel: soso, es ist aber so, dass das Serotonin die Blut-Hirnschranke gar nicht überwinden kann, wo findet dann diese Genese statt? im Labor sind viele Dinge möglich, die nachher nicht funktionieren. Glauben Sie nicht alles was Ihnen 'plausibel' erklärt wird.
    Weitere Antworten anzeigen
  • lilie 16.10.2016 16:55
    Highlight Highlight Neben Psychotherapie und Medikamenten ist es auch sehr wichtig, den Hirnstoffwechsel durch Anpassung der Gewohnheiten zu stabilisieren, so dass man auf Dauer keine Medikamente mehr braucht:
    - gesundes, naturbelassenes Essen liefert alle Stoffe, welche der Körper für eine ausgeglichene und zuversichtliche Stimmung braucht
    - Bewegung, frische Luft und viel Sonnenschein sind unentbehrlich, damit das Hirn normal funktionieren kann
    - ausreichend Ruhezeiten sind wichtig, damit das System auch wieder regenerieren kann

    Unnötige Ängste sind unnötig. Das habe ich gelernt.
    • lilie 16.10.2016 18:49
      Highlight Highlight @Rendel: Ich spreche aus Erfahrung. Psychotherapie hat manchmal nur einen begrenzten Nutzen, wenn das Hirn so ausgelaugt ist, dass es gar nicht mehr in der Lage ist, positive Gedanken zu formen. Dann ist eine Umstellung der Gewohnheiten unumgänglich, wenn man seine Ängste loswerden will.
    • El Schnee 16.10.2016 18:55
      Highlight Highlight @Rendel: Es geht nicht darum, dass Menschen mit Ängsten nicht ernst genommen werden, aber leider wissen nur Therapeuten, wie schwer die sein sollen und in der Regel sind sie dann immer ziemlich schwer, das legitimiert dann auch die Verschreibung von untauglichen Medis.
    • lilie 16.10.2016 21:40
      Highlight Highlight @Rendel: In meiner Verhaltenstherapieausbildung haben wir nichts über gesunde Lebensweise und schon gar nicht über den direkten Einfluss von Ernährung, Atmung und Bewegung auf die Stimmung gelernt. Das musste ich alles selber herausfinden, als ich selbst betroffen wurde. Unterstützung bekam ich von meinen Therapeuten dabei nicht.

      Heute lebe ich entgegen den Voraussagen meiner Ärzte frei von synthetischen Medikamenten und vor allem frei von Ängsten.
  • Capoditutticapi 16.10.2016 16:35
    Highlight Highlight Ich leide seit Mittlerweile zwei Jahren an einer solchen Störung. Danke für den Artikel.
    • pamayer 16.10.2016 21:58
      Highlight Highlight Poverino!
      Buona fortuna!
    • Seralina 16.10.2016 22:42
      Highlight Highlight Ich wünsche dir für deinen weg zur genesung viel kraft,energie und ausdauer mit einer frossen portion zuversicht!! Alles gute!!
    • The Origin Gra 16.10.2016 23:05
      Highlight Highlight Gute Besserung, viel Erfolg in der Behandlung, viel Kraft und alles Gute
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