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Durch Neurofeedback sollen Kinder mit ADHS lernen, ihr Verhalten im Alltag besser zu steuern. Bild: shutterstock

Neurofeedback statt Tabletten: Gezieltes Training soll gegen ADHS und das Chaos im Kopf helfen

Die meisten Kinder mit ADHS bekommen Medikamente. Doch Konzentration und Impulskontrolle können trainiert werden – durch Neurofeedback. In Studien hat die Methode beachtliche Ergebnisse gezeigt. 

16.04.15, 08:37

Katrin Neubauer / spiegel online

Ein Artikel von

«Ich brauche jetzt mal zwei Minuten Ruhe. Bitte nicht ansprechen.» So kündigt Lars* an, dass er über einer Matheaufgabe brütet. Lehrer und Eltern wissen dann, dass sich Lars trotz seiner Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) konzentriert und seine Aufgaben löst. Gelernt hat der Zehnjährige dies durch Neurofeedback.

Über ein Jahr ging er dafür einmal pro Woche in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Göttingen. Dort übte Lars vor einem Computerbildschirm, seine Gedanken auf den Punkt zu bringen und seine Erregung zu kontrollieren. Dabei behilflich waren ihm Autos, Flugzeuge oder Torhüter auf dem Monitor, die er über Messelektroden am Kopf in eine bestimmte Richtung oder mit einer bestimmten Geschwindigkeit bewegen musste – ohne Tastatur oder Maus, nur mit seinen Hirnströmen.

Auf einem separaten Bildschirm verfolgte Psychologe Holger Gevensleben, Leiter der Arbeitsgruppe Neurofeedback, Lars' hirnelektrische Aktivität im EEG. «Durch Neurofeedback lernen Kinder mit ADHS, ihr Verhalten im Alltag besser zu steuern und sich bewusst konzentrieren zu können», sagt Gevensleben.

Beim klassischen Biofeedback werden unbewusste Körperfunktionen wie Muskelspannung und Herzfrequenz gemessen und dem Übenden akustisch oder visuell rückgemeldet. Beim Neurofeedback passiert dies mit Hirnfrequenzen. Patienten lernen hierbei, jene Hirnaktivitäten wahrzunehmen und bewusst zu verändern, die Aufmerksamkeit und Verhaltenssteuerung betreffen.

Hirnwellen gezielt beeinflussen

Forscher haben festgestellt, dass ADHS-Patienten einen höheren Anteil an sogenannten Thetawellen haben als Gesunde. Diese Frequenzen kommen in Zuständen des Dösens und Entspannens sowie im Übergang zum Schlaf vor. Hingegen sind die für Aufmerksamkeit charakteristischen schnellen Beta-Wellen im Gehirn von ADHS-Kindern schwächer. Die Folge ist eine langsamere Hirnaktivität.

Beim Neurofeedback soll unter anderem das Verhältnis von langsamer zu schneller Aktivität (Theta/Beta-Ratio) verbessert werden. «Wir stellten fest, dass sich die Thetawellen durch das Training verringerten. Die Betafrequenzen blieben jedoch nahezu unverändert», sagt Gevensleben.

Studien belegen den Nutzen des Neurofeedbacks. «Die ADHS-Symptomatik reduzierte sich nach dem Training um 25 Prozent und drei Monate nach Abschluss um 35 Prozent», sagt Gevensleben. Eine andere Studie ergab, dass auch zwei Jahre nach dem Training Verhaltensänderung und erhöhte Aufmerksamkeit stabil geblieben waren oder sich verbessert hatten.

«Am liebsten warf er die Bauwerke anderer Kinder ein»

Typisch für Kinder mit der hyperkinetischen Verhaltensstörung sind Impulsivität und ein Mangel an Konzentration und Ausdauer. Oft haben sie einen überschiessenden Bewegungsdrang und Probleme, ihr explosives Verhalten zu zähmen.

Auch Lars eckte ständig an. «Am liebsten kämpfte er mit Stöcken oder warf die Bauwerke anderer Kinder ein», erzählt die Mutter. Freunde hatte er kaum. In der Schule hagelte es Einträge, weil er den Unterricht störte. «Lars stand in der Stunde einfach auf und widersprach oft. Bei den Hausaufgaben schweifte er nach fünf Minuten ab.» Nach einem Jahr wechselte er die Schule. Kurz darauf folgte die Diagnose ADHS.

Lars bekam Medikamente, wie viele Kinder, die an ADHS leiden. Das bekannteste ist Ritalin. Dessen Wirkstoff Methylphenidat ist ein Amphetaminabkömmling mit einer langen Liste von Nebenwirkungen.

«Das grösste Problem der medikamentösen Behandlung ist, dass sie rein symptomatisch ist. Wenn keine begleitende andere Therapie eingeleitet wird, ist nach Absetzen der Medikamente die Situation wie zuvor», sagt Ute Strehl, Psychologin am Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen.

Ist Neurofeedback eine Alternative zu Ritalin?

Beim Neurofeedback soll das anders sein. «Objektive Messungen belegen, dass das Gehirn nach Neurofeedback mit Reizen von aussen hilfreicher umgeht», sagt Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der LWL Universitätsklinik Hamm. Er leitete zusammen mit Strehl die jüngste und grösste deutsche Kontroll-Studie mit 144 Kindern. Eines der wichtigsten Ergebnisse der noch nicht komplett ausgewerteten Daten: Von Neurofeedback profitieren auch Kinder mit besonders schwerem ADHS.

In den USA wird die Methode von der American Academy of Pediatrics seit 2012 als ebenso wirksam eingestuft wie Medikamente.

«Es gibt auch Kinder, die von einer Kombination aus beidem profitieren oder erst nach Neurofeedback die Medikamente absetzen können», sagt Strehl. Auch bei Lars haben sich nach einigen Sitzungen Neurofeedback schnell Erfolge eingestellt. Ganz ohne Medikamente kommt er allerdings noch nicht aus.

(* Name geändert)

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • moe_evergreen 16.04.2015 10:38
    Highlight Ich besuche selber auch das Neurofeedback, allerdings aus einem anderen Grund: Während ich früher noch 2-3 Mal pro Woche an Migräne litt reduzierte sich diese Zahl auf eine Migräne pro Monat - dank dem Neurofeedback.
    1 0 Melden

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