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Bipolare Störung

Feuer im Blut – Zwischen ausufernder Euphorie und Todeswunsch

Menschen mit bipolarer Störung erleben ein gefährliches Wechselbad der Gefühle. Die manisch-depressive Erkrankung bleibt oft unerkannt – das kann die Betroffenen das Leben kosten. 

Jana Hauschild / Spiegel Online

Ein Artikel von

Spiegel Online
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Hypomane Phasen: «Für manche sind es subjektiv die besten, kreativsten Phasen ihres Lebens». Bild: Shutterstock

Eine einfache Angestellte shoppt für einen fünfstelligen Betrag online – aus Spass. Ein Familienvater prescht mit 200 Kilometern pro Stunde im Auto über Landstrassen, weil er sich für unverwundbar hält. Der beliebte Kollege streitet plötzlich mit dem Chef und kündigt. All diese Beispiele beschreiben Auswüchse einer Manie, eines extremen und krankhaften Überschwangs. Die gleichen Menschen kennen auch das Gegenteil: depressive Phasen, in denen sie sich zurückziehen, grübeln, düsteren Gedanken nachhängen, und in ihnen der Wunsch zu sterben wächst. 

Bei unseren nördlichen Nachbarn in Deutschland leben etwa 800'000 Menschen mit einer bipolaren Störung. Ihr Leben gleicht einer Achterbahn, die – einmal angeschoben – nur schwer zum Stehen kommt. Dennoch werden ihre Probleme oft übersehen oder falsch therapiert. Von der ersten Episode bis zu einer angemessenen Behandlung vergehen bei der Krankheit im Durchschnitt fünf bis zehn Jahre. Vor allem die euphorischen Phasen sind häufig nicht so stark ausgeprägt, dass sie auffallen. 

Zwar seien die Betroffenen in den sogenannten hypomanen Phasen äusserst arbeitswütig, besonders kreativ oder sehr selbstbewusst und exzentrisch. «Aber sie fallen nicht aus dem gesellschaftlichen Rahmen. Für manche sind es subjektiv sogar die besten, kreativsten Phasen ihres Lebens», sagt Wolfgang Maier, der die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bonn leitet. Ernest Hemingway, Virginia Woolf und Robert Schumann schufen in gemässigten Hochs der Krankheit Weltliteratur und Musikklassiker. Doch dann flaute die Euphorie wieder ab. Unauffällige Zeiten folgten, bis die Depression übernahm. 

Fehldiagnose Depression 

Viele Betroffenen gehen erst in schwermütigen Zeiten zum Arzt, bei drei von vieren beginnt die Erkrankung gar mit einer Depression. Gewöhnlich behandeln Psychiater dann ausschliesslich diese, der andere Pol der Erkrankung bleibt ihnen verborgen. «Auch wenn die Patienten vorher schon leicht manische Phasen erlebt haben, werden sie entweder nicht danach gefragt oder erinnern sich nicht unbedingt daran», sagt Psychiater Michael Bauer, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. 

Einige Betroffene verheimlichen auch, dass sie bereits ausgeprägte manische Phasen erlebt haben. «Das veraltete Bild vom durchgedrehten, manisch-depressiven Irren ist in der Gesellschaft noch stark verankert. Viele wollen da lieber nicht dazu zählen», sagt Bauer, der seit 25 Jahren Betroffene behandelt und sich im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen engagiert. 

Ohne angemessene Behandlung erleben die Erkrankten immer wieder Episoden mit manischen oder depressiven Symptomen. Die Abstände zwischen den Krankheitsschüben verkürzen sich, das Auf und Ab setzt vielen zu. Suizidgedanken beginnen, sie zu plagen. Im Unterschied zu Menschen mit Depressionen sind sie jedoch auch in ihren depressiven Phasen recht agil, haben eher Wut im Bauch und setzen den Todeswunsch deshalb öfter um. Jeder dritte Betroffene versucht, sich das Leben zu nehmen; etwa einer von fünf Todesfällen unter Bipolar-Patienten geht auf einen Suizid zurück. So auch die von Hemingway, Woolf und Schumann. 

Ein fast normales Leben 

Dabei lässt sich auch mit der Erkrankung ein normales Leben führen, wenn sie schnell und korrekt behandelt wird. «Die Diagnose bedeutet zwar, dass man ein Leben lang ein sehr hohes Risiko für erneute manische oder depressive Episoden hat», sagt Wolfgang Maier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. «Bei günstigem Verlauf machen diese Krankheitsphasen aber im Durchschnitt kaum mehr als 15 Prozent der Lebenszeit aus. Zwischen den Episoden liegen oft mehrere Jahre.» 

Ohne Medikamente beträgt die Wahrscheinlichkeit, in eine neue Episode zu rutschen, 80 Prozent. Mit Medikamenten lebt etwa ein Drittel ohne Symptome. Bei einem Grossteil schwanken zwar weiterhin Stimmung, Aktivität und Antrieb, doch nicht annähernd so gravierend wie ohne Therapie. «Sicher gibt es in den Biografien von Menschen mit bipolarer Störung mehr Brüche zu verzeichnen. Die meisten sind aber in die Gesellschaft integriert, gehen arbeiten, leben in Beziehungen und haben Kontakt zu ihrer Familie und Freunden», sagt Maier. So auch die Buchautorin Kay Redfield Jamison. 

Die bipolare Erkrankung hat sie in ihrem Leben mehrfach aus der Bahn geworfen, heisst es in ihrer Autobiografie Meine ruhelose Seele. Die Geschichte einer bipolaren Störung. Dennoch: Die heute 68-Jährige ist verheiratet und hat trotz oder auch in Teilen wegen ihrer Krankheitsepisoden Karriere gemacht – als Psychologin und Psychiatrieprofessorin sowie international angesehene Expertin für bipolare Störungen. Die Erkrankung war für sie Hindernis und Antrieb zugleich, wie sie schreibt: «Manisch-depressive Störungen sind eine Krankheit, die sowohl tötet als auch Leben gibt. Es liegt in der Natur des Feuers, dass es erschafft und zerstört … Die Manie ist eine sonderbare treibende Kraft, eine Zerstörerin und ein Feuer im Blut.» 

Wenn eine Manie einsetzt: Frühe Warnsignale  

Noch bevor eine manische Phase beginnt, zeigen sich erste Anzeichen im Verhalten der Betroffenen. Solche Warnsignale sollten ernst genommen werden, denn umso früher die sich entwickelnde Manie erkannt wird, desto besser kann sie durch eine medikamentöse Behandlung ausgebremst und ihr möglicher Schaden begrenzt werden. Die Vorläufer-Symptome sind bei jedem anders, einige treten jedoch besonders häufig auf und gelten als typische Frühwarnzeichen: 
- Stark gesenktes Schlafbedürfnis: Einige schlafen plötzlich nur noch wenige Stunden in der Nacht, einige bleiben sogar mehrere Tage hintereinander wach. Trotz eines akuten Schlafmangels fühlen sie sich energiegeladen.
- Überaktives Verhalten: Die Betroffenen können nicht mehr lange ruhig sitzen, müssen immer etwas tun oder unternehmen. Sie können sich zudem schwer länger auf eine Aufgabe konzentrieren.
- Schnelles Reden: Nicht selten sprechen die Betroffenen im Vorstadium einer Manie besonders schnell und springen häufiger von einem Gedanken zum nächsten, ohne dass diese inhaltlich eine Verbindung haben müssen.
- Lockerer Umgang: Die Hemmung, fremde Menschen anzusprechen, ist gesenkt. Die Betroffenen wirken im Miteinander ungewohnt offen und locker.



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