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Wenn die Stimmung im Arsch ist – entstehen Depressionen im Darm? 

Immer mehr bestätigt sich: Unser Darm hat einen grossen Einfluss auf unser Hirn. Die Suche nach neuen Therapien beginnt deshalb im Stuhl.

23.02.17, 06:51 23.02.17, 07:20

Stefan Müller / aargauer zeitung



Darm und Hirn sind stärker miteinander verbunden, als man lange dachte. bild: shutterstock

Was hat der Darm mit Depressionen zu tun? Das wollten Forscher genauer herausfinden und haben dafür ein Experiment gemacht: mit 34 depressiven Patienten, 33 gesunden Personen – und ein paar Dutzend Ratten. Den Menschen wurde eine Stuhlprobe entnommen, die dann in den Darm der Tiere übertragen wurde. Zuvor wurde der Darm der Ratten mit Antibiotika bakteriell gereinigt.

Wenige Tage nach der Aufnahme der menschlichen Spender-Darmflora war diese bei den Tieren wieder neu aufgebaut – und zwar mit folgendem Ergebnis: Bei den Ratten, die die «kranke» Spende erhielten, siedelte sich analog zum Spender die typisch depressionsveränderte Darmflora an. Und umgekehrt: Das gesunde menschliche Spendergut führte zu einer gesunden Darmflora bei den Ratten. Bei den «kranken» Tieren wurde das physiologische Gleichgewicht gestört, sie wurden ängstlich und entwickelten ein typisches depressives Verhalten.

Bei den depressiven Ratten nahmen ausserdem die Gehirnbotenstoffe Tryptophan und Kynurenin zu, die als Mitverursacher von Depressionen gelten. «Die Studie zeigt den Zusammenhang zwischen Darm und Psyche sehr schön auf», sagt Stephan Vavricka, Gastroenterologe und Professor am Triemlispital in Zürich.

Mittelmeer-Diät gegen Parkinson

Die Autoren selber sind überzeugt, dass ihre Studie helfen wird, neue therapeutische Strategien für Antidepressiva zu entwickeln. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Bakterium Prevotella. Das bei den depressiven Ratten nur noch in reduzierter Menge vorhanden war. Bei einer früheren Studie haben Forscher bereits festgestellt, dass das Bakterium Prevotella bei Parkinson-Patienten reduziert ist und die die sogenannte Mittelmeer-Diät einen nachweislich positiven Einfluss auf sein Gedeihen hat.

Der Darm schützt und liefert Energie

Nicht erst seit dem Bestseller «Darm mit Charme» geriet der Darm in den Fokus der Forschung – die dem Darm eine zentrale Bedeutung im menschlichen Organismus beimisst. Schon dem Griechen Hippokrates von Kos (460–370 vor Christus) wird der Ausspruch zugeschrieben: «Jede Krankheit beginnt im Darm.» Der Darm mit seinen 500 Quadratmeter Oberfläche und einer Darmflora von einem bis zwei Kilogramm Gewicht. Diese besteht aus Myriaden von Bakterien, Pilzen, Viren und Einzellern, die eine eng verbundene Lebensgemeinschaft bilden. In dieser dunklen, noch wenig erforschten Welt schlummern Geheimnisse, die die Wissenschaft erst allmählich zu bergen beginnt.
Der Darm hat vielfältige Funktionen: Er verdrängt Krankheitskeime, unterhält das Immunsystem und verarbeitet als Bioreaktor Vitamine und Nährstoffe zu Treib- und Baustoffen um. Die Darmflora ist keine Konstante, sondern eine sich ständig wandelnde Lebensgemeinschaft, beeinflusst durch Gene, Alter und Geschlecht. Einen starken Einfluss auf die Zusammensetzung der Darmflora üben auch Umwelt, Stress und Ernährung, aber auch Medikamente wie Antibiotika aus.

Wie der Darm auf das Hirn Einfluss nehmen kann, zeigt eine weitere aktuelle Studie mit Labormäusen. Schweizer und schwedische Forscher fanden heraus, dass Darmkeime aufgrund ihrer engen Verstrickung mit dem Immunsystem Entzündungen im zentralen Nervensystem verstärken oder dämpfen können. So wiesen sie nach, dass eine veränderte Darmflora von Mäusen eine Alzheimer-Demenz verursachen kann. Sie entnahmen älteren Alzheimer-Mäusen bestimmte Darmbakterien und übertrugen sie auf den keimfreien Darm jüngerer, gesunder Mäuse. Auf diese Weise konnten die krankheitstypischen Ablagerungen im Gehirn der gesunden Mäuse ausgelöst werden.

Die Forscher nehmen an, dass man in Zukunft mit einer probiotischen Ernährung das Demenzrisiko senken kann oder das Fortschreiten der Krankheit gebremst werden kann. Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die einen positiven Effekt auf die Darmflora haben und gesundheitsfördernd wirken sollen. Sie finden sich als Nahrungsergänzung vorab in Joghurt oder sonstigen Milchprodukten sowie als medizinische Präparate. Gesunde, darmfreundliche Ernährung heisst aber letztlich immer wieder: Früchte, Gemüse, Körner, ungesättigte Fettsäuren, mehr pflanzliche als tierische Fette, nicht zu viele konzentrierte Zucker.

Fleischfresser wurden lernfähiger

Zahlreiche Studien am Menschen befassten sich mit Probiotika und deren Einfluss auf die Psyche. So zeigten probiotisch ernährte Menschen mehr Stärke bei einem Psychotest. Gefängnisinsassen, die Probiotika nahmen, waren weniger aggressiv. Patienten mit dem chronischen Erschöpfungssyndrom hatten weniger Angstzustände.

Mit Labormäusen versuchen Forscher, dem Einfluss der Darmbakterien genauer auf die Spur zu kommen. So stellte man fest, dass wenn Mäuse mit Fleisch ernährt werden, diese eine andere bakterielle Zusammensetzung im Darm entwickeln als ihre Artgenossen, die vegetarisch gefüttert wurden. Weiter zeigte sich, dass die Fleischesser lernfähiger und weniger ängstlich wurden. Mit probiotischen Bakterien gefüttert hingegen waren sie nicht nur weniger ängstlich, sondern auch kämpferischer.

Dieses Wissen kann nicht nur genutzt werden, um neue Medikamente zu entwickeln, sondern auch viel konkreter: Mit Stuhltransplantationen wollen Forscher Erkrankungen heilen. Während einer Darmspiegelung wird hierfür eine kleine Menge fremder Stuhl in den Darm hineingespritzt. Die neuen und gesunden Bakterien siedeln sich sodann an und beseitigen oder mildern die ursächliche Krankheit. Nebenwirkungen sind keine schweren bekannt. Stephan Vavricka führt solche Stuhltransplantationen bei Kolitis oder entzündlichen Darmerkrankungen durch. Bei anderen Erkrankungen dämpft er aber allzu überzogene Erwartungen: «Psychische Krankheiten werden aber noch lange nicht mit Stuhltransplantation behandelt werden können.» 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Homes8 23.02.2017 15:02
    Highlight Elementar ist:
    Beim Essen gut Kauen.
    1/2h vor bis 2h nach dem Essen nur wenig Trinken, damit die Magensäure nicht zu stark verdünnt wird (auch als Schutz vor Parasiten, Viren, Bakterien).
    Eventuel im Frühling eine Fastenkur, um Schlacken im Darm los zu werden
    1 1 Melden
  • hoshimizu 23.02.2017 15:01
    Highlight Interessanter Artikel. Bitte mehr solche Stories. Ich kann das Thema Trump nicht mehr hören und bin froh um so lehrreiche Stories
    7 0 Melden
  • Pedro Pablo Schmidt 23.02.2017 09:04
    Highlight oben wird erwähnt das trytophan bei depressiven patienten erhöht sei, mir sind aber nur studien bekannt wo es genau umgekehrt ist und der level niedrig ist. könnt ihr dies nochmals vetifizieren? danke.
    6 0 Melden
    • Qwerty 23.02.2017 13:38
      Highlight Denke der Text ist falsch, kynurenin nimmt zu und Thryptophan ab
      1 0 Melden
    • Natuschka 09.03.2017 18:55
      Highlight Wollte ich auch sagen. Tryptophan wird auch als antidepressivum eingesetzt und ist eine vorstufe von serotonin; dem glückshormon.
      0 0 Melden

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