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Glace besser als Gemüse – wenn das mal keine guten News sind! Bild: shutterstock

Mythos oder Medizin: Schadet es wirklich, vor dem Schwimmen etwas zu essen?

Schwimmen macht hungrig. Doch bis heute hindern Eltern ihre Kinder daran, gleich nach dem Essen wieder ins Wasser zu gehen. Muss das sein?

Irene Berres / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Erst Pommes, dann Glace und danach ab ins Wasser: Dieser Dreiklang ist der Traum aller Kinder, wobei, eigentlich ist er auch der Traum aller Erwachsenen. Wären da nicht die warnenden Stimmen im Kopf. «Du hast doch gerade erst gegessen», sagen sie. «Dann darfst du nicht ins Wasser, du musst warten.»

Gehe niemals mit vollem oder ganz leerem Magen ins Wasser, heisst es auch in den Baderegeln der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG. Die Folgen sind hinreichend bekannt: Kinder hippeln ungeduldig auf der Decke herum, Erwachsene legen sich kurz hin – und schlafen prompt ein, um anschliessend noch träger und mit verbrannter Haut zu erwachen. Richtig glücklich ist keiner. Muss die Zwangspause also wirklich sein?

Bauchmassage gegen den Untergang

Die Antwort auf diese Frage trieb Wissenschaftler bereits vor mehr als 50 Jahren um. 1961 ereiferte sich Arthur Steinhaus vom George Williams College in Chicago in einem Meinungsbeitrag: «Das Amerikanische Rote Kreuz hält standhaft daran fest, dass man nach dem Essen für eine oder eineinhalb Stunden aus dem Wasser bleiben muss.» Wissenschaftliche Belege dafür gebe es aber nicht, weil Studien zu dem Thema fehlten.

«Auch der Ursprung der Idee ist nicht aufzuspüren», schrieb der damals 63-Jährige, der während des Zweiten Weltkriegs Fitnessberater bei der US Navy war. Er habe nur mal davon gelesen, dass sich Amerikanische Ureinwohner nach dem Essen die Bäuche massierten, um beim Schwimmen nicht unterzugehen.

Die Frage nach Essen und Schwimmen liess die US-Forschung im Anschluss nicht mehr los. Während aus anderen Ländern keine Veröffentlichungen zum Thema zu finden sind, begannen Robert Singer vom Manuato State College und Robert Neeves von der Illinois State University 1968 ein Experiment. Testpersonen waren zwölf Wettkampfschwimmer im Alter von 15 bis 21 Jahren, die sich für die Studie ausgiebig die Bäuche vollschlagen durften.

Ein bisschen übel, aber voller Kraft

Ihre Aufgabe war es, nach dem Essen 200 Yard – knapp 183 Meter – so schnell wie möglich zu schwimmen. Zwar trauten sich die Forscher offenbar nicht, die Sportler direkt nach der Mahlzeit in den Pool zu schicken. In einem Durchgang liessen sie die Schwimmer aber schon nach einer halben Stunde ins Wasser, in einem anderen erst nach einer und in einem dritten sogar erst nach 1,5 Stunden. Ausserdem startete jeder Schwimmer noch einmal nach einer mindestens dreistündigen Essenspause.

Das Ergebnis: Die Essenszeit war egal. Selbst die üppige Mahlzeit eine halbe Stunde vorm Schwimmen hatte keinen Einfluss auf die Leistung. Auch Bauchkrämpfe gab es keine. Vier der zwölf Teilnehmer klagten jedoch etwas über Übelkeit, nachdem sie nur eine halbe Stunde vor dem Schwimmen gegessen hatten, schrieben die Forscher im Journal «Research Quarterly».

(Nach der Diashow folgt die Fortsetzung des Artikels)

Mit Haien schwimmen – diese Australierin hat den krassesten Job der Welt

Zwei ähnliche Studien 1965 und 1968 bestätigten das Ergebnis: Auch über längere Strecken von 400 Yard (rund 366 Meter) oder sogar einer Meile (rund 1600 Meter) büssten die 24 Versuchs-Schwimmer trotz Verdauung nicht an Kraft ein. Hier beobachteten die Forscher ebenfalls keine gravierenden Nebenwirkungen des vollen Magens.

Abgesehen davon ermüdete die Forschung zu dem Thema wieder. In einer umfassenden Literaturrecherche konnte das Amerikanische Rote Kreuz auch keinen Fallbericht finden, bei dem jemand aufgrund seiner Mahlzeit vor dem Schwimmen ertrunken sein sollte. Stattdessen beschränkten sich Mediziner darauf, den Ratschlag theoretisch zu überdenken: Ergibt er aus körperlicher Sicht überhaupt Sinn?

«Der Körper hat genug Blut, um alles zu versorgen.»

Martin Halle, Leitender Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München

Zumindest auf den ersten Blick klingen die Bedenken plausibel. Nach einem ausgiebigen Mahl fliesst mehr Blut zum Verdauungstrakt, um Nährstoffe abzutransportieren und Muskeln, die den Nahrungsbrei kneten, mit Sauerstoff zu versorgen.

Dadurch, so die Theorie, bleibe weniger Blut und damit weniger Sauerstoff für die Muskeln in Armen und Beinen übrig. Die Folge seien Krämpfe und Seitenstechen, die Gefahr könnte steigen, beim Schwimmen zu ertrinken. Wer das denkt, unterschätzt jedoch die Natur.

«Der Körper hat genug Blut, um alles zu versorgen», sagt Martin Halle, Leitender Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München. «Das einzige Problem ist, dass Schwimmen nach dem Essen weniger Spass macht.» Durch den Wasserdruck fühle es sich an, als ob der Magen noch voller sei als ohnehin schon. «Erst wenn die Speisen in den Darm gerutscht sind, ist das kein Problem mehr.»

Lieber Glace als Gemüse

In der Regel braucht der Essensbrei zwischen einer halben Stunde und einer Stunde, bis er den Magen passiert hat. «Wie schnell das geht, hängt aber sehr von den Speisen ab», sagt Halle. Während Flüssigkeiten sozusagen wie über eine Strasse direkt in den Darm fliessen, sei bei Ballaststoffen das Gegenteil der Fall: «Je höher ihr Anteil in einem Lebensmittel ist, desto länger braucht die Magensäure, um das Essen zu zersetzen.»

Aus diesem Grund kommt Halle – für die Zeit vor dem Schwimmen – zu einem für Mediziner eher ungewöhnlichen Ratschlag. «Lieber kein Fleisch und kein Gemüse», sagt er. Besser seien Früchte oder Eiscreme. «Auch Pommes haben wenig Struktur, sind aber fettig. Das bremst die Verdauung.» Vielleicht könne ordentlich Ketchup als Flüssigkeit helfen, sagt Halle mit einem Augenzwinkern. «Nur nicht noch Mayo, die macht das Ganze noch fettiger.»

Das Fazit ist klar: Alles spricht für Glace und unbeschwertes Planschen. «Die aktuellen Informationen deuten darauf hin, dass Essen vor dem Schwimmen nicht zum Ertrinkungsrisiko beiträgt und Ratschläge dazu als Mythos verworfen werden können», schreibt inzwischen auch das Amerikanische Rote Kreuz in einer wissenschaftlichen Arbeit. Warum aber hält die DLRG in ihren Baderegeln an der Essenswarnung fest?

«Medizinisch und wissenschaftlich gibt es dafür keine Begründung», sagt Achim Wiese, Pressesprecher der DLRG. «Wir wissen aber, dass gerade Kinder beim Spielen häufig Wasser schlucken.» Dies könne in Kombination mit einem vollen Magen dazu führen, dass ihnen übel werde und sie sich übergeben. «Dann kann es vielleicht etwas gefährlich werden», sagt Wiese. «Das ist aber der einzige Grund, warum wir das in unseren Regeln gelassen haben».

Nur mit ganz leerem Magen sollten Kinder wirklich nie ins Wasser gehen, betont der DLRG-Experte. «Sonst droht eine Unterzuckerung.» Glace und Pommes haben also durchaus etwas Gutes.

Fazit: Untergehen wird man beim Schwimmen nach dem Essen nicht, das Wasser drückt aber auf den Bauch und man fühlt sich noch voller. Deshalb ist es gut, am besten nur Lebensmittel zu essen, die schnell durch den Magen rutschen – zum Beispiel Glace. Unterzuckert sollte man hingegen nie ins Wasser gehen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • ThePower 30.08.2016 11:42
    Highlight Highlight Oh mein Gott, jetzt verfluche ich gerade meine Eltern für all die unnötige Wartezeit und den dadurch entgangenen Badespass in meiner Kindheit😡😅
  • Rdkay 30.08.2016 10:43
    Highlight Highlight Haha ich erinnere mich noch wie meine Schwester sagte, he du darfst nicht ins Wasser! Selbst dort wo man stehen konnte...😂
  • Fumo 30.08.2016 09:50
    Highlight Highlight "Dadurch, so die Theorie, bleibe weniger Blut und damit weniger Sauerstoff für die Muskeln in Armen und Beinen übrig."

    Und die Versorgung des Gehirns wird ausser Acht gelassen? Dass der Körper im Wasser mehr Energie benötigt um die Körpertemperatur zu halten auch?

    Davon abgesehen dass die genannten Studien mit Wettkampfschwimmer durchgeführt wurden, also trainierte Menschen. Wie sieht es mit normale Menschen aus die nur im Sommer mal schwimmen gehen?
    • Bowell 30.08.2016 13:03
      Highlight Highlight Ich finde die Studie auch fragwürdig. Eine representative Auswahl der Bevölkerung wäre um einiges aussagekräftiger gewesen.
    • Fumo 30.08.2016 13:59
      Highlight Highlight Das freut mich natürlich Jaing, waren auch noch 1000 andere mit dir damit es Statistik verwertbar wird? ;)

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