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Die Zahl 58 macht ihn krank: Wenn Zwänge die Gedanken dirigieren

Die Zahl 58 lähmt Oliver Sechting, er leidet unter Zwangsgedanken. Jahrelang behielt er seine Probleme für sich – wie viele Betroffene. Dabei lässt sich eine Zwangsstörung früh erkannt gut behandeln.

04.07.16, 15:01 04.07.16, 15:36


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Die Zahl 58 ist Oliver Sechtings Feind. Sie lähmt ihn, macht ihn handlungsunfähig. Innerhalb einer Stunde bekommt er Phantomschmerzen im Bein. In seiner Jugend sieht er einen Fernsehbericht über Skiunfälle, in dem die 58 auftaucht. Seither verbindet er die Zahl mit gebrochenen Armen und Beinen.

Lange verheimlichte Oliver Sechting seine Ängste.
Bild: dpa-tmn

In Sechtings Kopf läuft ständig ein Hintergrundprogramm ab. Es teilt seine Welt in positiv und negativ. Sieht er eine negative Zahl, wie die 58, muss er diese neutralisieren, um ein Unglück zu vermeiden – so schreiben es seine Zwangsgedanken vor. Neutralisieren kann er zum Beispiel mit der Zahl sieben, glaubt er. Und schreibt sie dazu auf ein Blatt Papier.

Auch Farben, Namen und Gegenstände sind in seinem Zwangssystem kategorisiert. «Teilweise fühle ich mich durch meine Zwangsgedanken regelrecht fremdbestimmt», sagt der 40-Jährige. Sogar in seinen Träumen sind sie präsent.

«Bei einer Zwangsstörung werden bestimmte Gedanken oder Handlungen zwanghaft wiederholt, sodass es die Betroffenen als unangenehm und belastend wahrnehmen», sagt Peter Falkai, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Obwohl weniger bekannt, gebe es mehr Menschen mit reinen Zwangsgedanken als mit Zwangshandlungen wie dem Waschzwang.

Wenn ich auf eine Fuge trete, stirbt meine Mutter

Erste Anzeichen einer Zwangserkrankung zeigen sich oft schon im Kindes- oder Jugendalter. «Auslöser für eine Zwangsstörung können traumatische Ereignisse sein, zum Beispiel eine starke Verunsicherung oder der Verlust des familiären Zusammenhalts», erklärt Ulrich Voderholzer, ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee.

Ähnlich ist es bei Sechting: Als er elf ist, stirbt sein Vater, für den kleinen Jungen bricht eine Welt zusammen. Schon früher vermeidet er es, auf die Fugen zwischen Pflastersteinen zu treten. Was wie bei anderen Kindern als Spiel beginnt, lässt plötzlich einen Gedanken in seinem Kopf keimen: Auf eine Fuge zu treten, könnte den Tod seiner Mutter zur Folge haben. Das spielerische Fugenüberspringen wird zwanghaft.

Zahlen kategorisiert Oliver Sechting nach negativen und positiven.
Bild: tmn

«Der Zwang wirkt wie eine Kompensation, um die äussere Verunsicherung durch eine innere Struktur auszugleichen», erklärt Voderholzer, der als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie arbeitet. Schon bald entwickelt Sechting weitere Zwangsgedanken, die er mit Zahlen oder Farben verbindet. Die Ängste kreisen mit zunehmendem Alter mehr um seine eigene Person als um seine Mutter. Die Befürchtung: Wenn er nicht den Regeln seiner Zwänge folgt, vereinsamt und stirbt er.

Viele suchen erst nach Jahren Hilfe

«Mit einer Zwangsstörung sind starke Schamgefühle bei den Betroffenen verbunden. Sie empfinden den Zwang möglicherweise als lächerlich und verheimlichen ihn deshalb. Oft vergehen sechs bis sieben Jahre, bevor Betroffene Hilfe aufsuchen», sagt Voderholzer. Auch Sechting verheimlicht seine Zwangsgedanken lange: «Ich wollte nicht in die Schublade ‹verrückt› gesteckt werden. Ich wusste ja, wie absurd und grotesk meine Gedanken sind.»

Nach dem Abitur beginnt er, Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Doch er kann das zahlenbasierte Studium nicht beherrschen. Seine Zwangsgedanken rauben ihm jegliche Kraft, er hat Depressionen. Mit Anfang 20 kommt er in eine psychiatrische Klinik. Die Zwangsgedanken haben sich so verstärkt, dass die Ärzte ihn auf Schizophrenie behandeln. Er bricht die Therapie nach sechs Monaten ab.

Was die Ursachen für Zwangsstörungen sind, ist bis heute nicht abschliessend geklärt. «Genetische Faktoren spielen eine Rolle, aber nur zu 30 bis 40 Prozent. Wir wissen zudem, dass bestimmte Hirnfunktionen gestört sind», erklärt Vorderholzer. «Man könnte sagen, das Fehlermeldesystem im Gehirn ist überaktiv.» Betroffene zweifeln infolgedessen ständig an sich selbst.

Diese Unsicherheit und Angst auszuhalten, kann in einer Therapie erlernt werden. Am besten sei eine kognitive Verhaltenstherapie, bei der sich die Betroffenen gezielt ihren Ängsten aussetzen müssen, sagt Voderholzer. Zudem sei es wichtig, den Betroffenen klar zu machen, dass ihr Zwangsverhalten nur kurzfristig Sicherheit bringe, langfristig aber die Zwänge verstärke.

«Akzeptanz heilt nicht, aber hilft»

Oliver Sechting lehnt jahrelang jegliche Hilfe ab. Erst ein neuer Lebenspartner kann ihn zu einem Therapieversuch überreden. Er lässt sich auf eine Verhaltenstherapie ein und nimmt Antidepressiva. «Danach ging es mir das erste Mal in meinem Leben besser.»

Sein langer Leidensweg hätte durch eine frühe Diagnose und Therapie verkürzt werden können. «Wenn Zwänge möglichst früh erkannt und behandelt werden, bestehen gute Erfolgschancen einer Therapie», sagt Falkai. Zudem ist die Unterstützung von Freunden und Familie wichtig: «Angehörige sollten den Betroffenen möglichst vor Augen führen, wie stark der Zwang ihr gemeinsames Leben beeinträchtigt. Bemerkungen wie ‹Du bist ja verrückt› sind kontraproduktiv.»

Oliver Sechting arbeitet heute als Sozialpädagoge. Nach wie vor ist er in therapeutischer Behandlung und hat immer wieder Erschöpfungsdepressionen. Seine Zwangsgedanken sind nicht verschwunden, aber er kann seinen Alltag bewältigen.

Der Trailer für Oliver Sechtings Doku.
YouTube/vipmagazin

2014 dreht er mit einem Freund einen Dokumentarfilm, in dem er seine Zwänge offen thematisiert. «Die positiven Reaktionen auf den Film haben mir sehr geholfen. Das erste Mal bin ich auch in Kontakt mit anderen Betroffenen gekommen.»

Früher habe er die Zwangsgedanken als etwas Fremdes betrachtet, sagt Sechting. «Heute weiss ich, sie sind ein Teil von mir, für den ich mich nicht schämen muss. Akzeptanz heilt nicht, aber hilft.»

Von Mira Fricke, dpa

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    Alle Leser-Kommentare
  • ThePower 05.07.2016 03:06
    Highlight Na dann ist er hoffentlich kein Fan von 1860 München😄

    2 6 Melden

«Wer sich nicht konzentrieren kann, wird in 20 Jahren arm sein»

Sebastian Berger hat an der Universität Bern eine Studie über den Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle und Smartphone-Gebrauch verfasst. Sein Fazit: Je geringer die Selbstkontrolle, desto schneller der Griff zum Handy. Im Interview verrät er, warum die Konzentration im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie die entscheidende Kompetenz ist.

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