Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
schokolade naschen

Jawohl, Schokolade zu essen bleibt vorerst eine Sünde. Bild: shutterstock

Schoggi macht schlank? Von wegen! Wie ein Journi die Welt mit einer Bullshit-Studie narrte

Hast du dich schon einmal gefragt, warum sich Studien über Ernährung ständig widersprechen? Ein Journalist zeigt es auf – und haut dabei den ganzen Medienzirkus in die Pfanne.



Trau keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast. Das ist die Lektion, die John Bohannon seiner Branche geben will. Zusammen mit seinem Team drehte er der Medienwelt eine Studie an, die angeblich beweist, dass Schokolade beim Abnehmen hilft. Sie wurde bewusst unter äusserst fragwürdigen Umständen durchgeführt.

Medien auf der ganzen Welt fielen darauf herein, auch in der Schweiz. So titelte «20 Minuten» an Ostern: «Schoggi macht schlank und schlau» und beruft sich auf Bohannons Studie. Bei der deutschen «Bild», Europas grösster Tageszeitung, landete die Story auf der Frontseite.

«Es war eine typische Studie in der Diätforschung. Das heisst: miserable Wissenschaft.»

John Bohannon

Der Clou: Die Daten sind echt. Es wurde eine klinische Studie mit Versuchspersonen durchgeführt. Und doch seien die Resultate wertlos, wie John Bohannon in einem Gastbeitrag auf io9 erläutert. Sie stützen sich auf die Daten von gerade mal 15 Teilnehmern. Ein solches Ergebnis kann statistisch signifikant sein – und doch nichtssagend. «Es war eine typische Studie in der Diätforschung. Das heisst: miserable Wissenschaft.»

Bohannon zog den Stunt zusammen mit den deutschen TV-Reportern Peter Onneken und Diana Löbl durch, die an einer Dokumentation über das System der «Ernährungs-PR» arbeiten (Die Doku läuft am 5. Juni auf Arte und am 7. Juni im Rahmen der ZDF-Sendung «planet e»). Die Filmer wollten demonstrieren, wie einfach es ist, nichtssagende Forschungsresultate zu grossen Schlagzeilen zu machen.

«Ich hoffte, die Story würde nicht so grosse Kreise ziehen. Aufgrund meiner Kenntnisse über manipulative Ernährungs-PR wusste ich aber, dass es so weit kommen würde.» 

Uwe Knop

Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop hat sie bei dem Projekt beraten. «Einerseits wollte ich den Medien vertrauen und habe insgeheim gehofft, dass die Story nicht so grosse Kreise ziehen würde», sagt er zu watson. «Aufgrund meiner Kenntnisse, wie manipulative Ernährungs-PR seit Jahren Journalisten ‹benutzt›, war mir aber klar, dass es so weit kommen würde.» 

Das Prinzip bei solchen Studien sei immer das Gleiche. «Für die Dokumentation wurde das gängige, erfolgsversprechende Muster angewandt, das bei Ernährungsmärchen immer zum Einsatz kommt», sagt Knop. Zu diesem Muster gehören gemäss Knop folgende Schritte:

Wie eine Lotterie

Für das Projekt haben Bohannon und Co. keine Mühen gescheut: Sie haben mehrere 1000 Euro investiert – für Versuchspersonen, Berater, einen Doktor und einen Statistiker, der die Daten auswertete. Schliesslich fanden sich 15 Testsubjekte, die für den drei Wochen dauernden Versuch in drei Gruppen unterteilt wurden: 

Die Resultate: Das Gewicht der Kontrollgruppe blieb in etwa gleich, Mitglieder der anderen beiden nahmen durchschnittlich fünf Pfund ab. Und dann fand der Statistiker, was er suchte: Teilnehmer der Schokoladen-Gruppe nahmen 10 Prozent schneller ab, hatten bessere Cholesterinwerte und fühlten sich besser.

Moment mal, mag man denken: Dann stimmt es ja doch, Schoggi macht wirklich schlank. John Bohannon weiht in ein «kleines, schmutziges Wissenschafts-Geheimnis» ein: «Wenn du eine grosse Anzahl an Faktoren an einer kleinen Gruppe testest, bekommst du fast garantiert ein ‹statistisch signifikantes› Resultat.»

So wurden bei den 15 Teilnehmern 18 verschiedene Werte geprüft – unter anderem Gewicht, Cholesterin, Natrium, Schlafqualität, Wohlbefinden. «Diese Art von Studie ist ein Rezept für irreführende Resultate», schreibt Bohannon. 

«Die Werte in einer Studie sind wie Lotterie-Tickets. Je mehr du hast, desto höher deine Gewinnchancen.»

John Bohannon

«Die Werte sind wie Lotterie-Tickets. Jeder hat eine kleine Chance, ein signifikantes Resultat zu liefern, um das man eine Story basteln kann, die man den Medien verkauft. Je mehr Tickets du kaufst, desto höher deine Gewinnchancen.» Anfangs hätten sie nicht gewusst, wie die Schlagzeilen aussehen würden. Aber sie wussten, dass die Chancen auf mindestens ein signifikantes Resultat ziemlich gut waren.

In der Kritik: Faule Journalisten

Das Papier in einem wissenschaftlichen Journal zu publizieren, sei kein Problem gewesen, und nach einer knackigen Pressemitteilung stürzten sich die Medien geradezu auf die Story. Neben den erwähnten Medien nahmen sie auch die deutschen Online-Ausgaben von Cosmopolitan und Huffington Post auf, ausserdem FocusTimes of India, ein TV-Newssender aus Texas und eine australische Morgentalkshow.

«Wer von einer Ernährungsstudie liest, darf also getrost darüber lachen und sie wieder vergessen.»

Uwe Knop

Bohannon kritisiert die Faulheit von Journalisten, genauer zu recherchieren. Nicht nur hatte die Studie viel zu wenig Teilnehmer für ein wissenschaftlich vertretbares Ergebnis, der Journalist trat auch unter dem Pseudonym Johannes Bohannon auf, der noch nie etwas veröffentlicht hatte. Und sein Institute of Diet and Health ist nichts weiter als eine Website.

Was kann der an Ernährung interessierte Leser tun, um nicht auf wertlose Studien hereinzufallen? «Etwas muss dem Leser bewusst sein: Es gibt in der Ernährungswissenschaft keine Beweise, nur Vermutungen», sagt Ernährungswissenschaftler Knop. «Wer von einer Ernährungsstudie liest, darf also getrost darüber lachen und sie wieder vergessen.»

Kennst du schon die watson-App?

Über 150'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wurde unter «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

Abonniere unseren Newsletter

Abonniere unseren Newsletter

9
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • smoe 30.05.2015 16:52
    Highlight Highlight Beachten sollte man auch, was einige Wissenschaftler immer wieder betonen:
    Eine Veröffentlichung in einem wissenschaftlichen Journal bedeutet rein gar nichts. (Im Sinne, ob etwas wahr ist oder nicht. Karrieretechnisch natürlich schon.)

    Relevant werden diese Publikationen erst, wenn andere Wissenschaftler diese aufgreifen, und unabhängig wieder und wieder mit unterschiedlichen Methoden reproduzieren können. Und auch dann hat man gegebenenfalls erst mal einen Beweis, dass ein Phänomen auftritt, aber noch lange keine Erklärung dafür.
    16 0 Melden
  • Tatwort 30.05.2015 13:44
    13 2 Melden
    • aye 30.05.2015 16:00
      Highlight Highlight Die in dem Artikel behandelte Einschätzung kommt aber immerhin von der ESFA, der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit - die ist für solche Angaben zuständig und dürfte deutlich weniger käuflich sein als einzelne Forscher. Ausserdem werden keine absoluten Aussagen gemacht (wie Koffein böse/Koffein gut) sondern Grenzwerte angegeben, wie sie für sehr viele Stoffe existieren.
      Die Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage glaubwürdig ist dürfte also höher sein als bei der oben beschriebenen Schoggistudie. ;)
      7 2 Melden
    • Tatwort 30.05.2015 17:31
      Highlight Highlight Quatsch. Es sind Angaben, die Studie selber ist wo genau? Schau nur mal die Studie über Schweissen/Parkinson: Zwar wurde auch sie von einer Behörde in Auftrag gegeben, die zuständige Kommission bei der EU liess aber die Fragestellung von der Industrie ausarbeiten. Ansonsten weise ich auf den Ausdruck Lobbyismus hin: In der EU sind rund 720 Abgeordnete, denen allein in Brüssel 20'000 Lobbyisten gegenüberstehen... Faule JournalistInnen drucken deshalb gerne solche Studien, sie können sich bei Fehlern immer auf die EU berufen...
      1 0 Melden
    • smoe 30.05.2015 21:42
      Highlight Highlight Hier das Orginal:
      http://www.efsa.europa.eu/en/efsajournal/pub/4102.htm

      Es aber keine Studie sondern eine Auswertung von bzw. Meinung zu verschiedenen Bestehenden.

      Ich verstehe aber nicht so ganz, wie die Journis auf die Idee kommen, dass die EFSA sage, über 4 Espressi am Tag seien schädlich. Ich sehe beim Überfliegen des Textest nur Aussagen, dass Mengen bis zu .7 mg/kg Körpergewicht bei Erwachsenen unbedenklich seien.
      2 0 Melden
  • Zeit_Genosse 30.05.2015 11:33
    Highlight Highlight Warum macht jemand eine Studie? Weil er etwas beweisen möchte. Aber auch um die Meinung zu beeinflussen. Das heisst, dass man vom Studiendesign auch so vorgehen kann, dass eine gewünschte Wirkung bewiesen werden kann. Deshalb ist es wichtig die Motive hinter einer Studie zu erkennen (wer hat einen Vorteil vom erzielten Resultat). Da sind wir dann beim Lobbyismus.
    14 1 Melden
  • MisterM 30.05.2015 10:40
    Highlight Highlight Ein weiterer Fehler praktisch aller Journis: Solche Studien in der Schlagzeile immer gleich als Fakt präsentieren. Also wie im oben genannten Beispiel: "Schoggi MACHT schlank" statt "Schoggi MACHE schlank, so Studie". Aber so funktioniert halt prägnante, starke Meinungsmache, die Klicks und heftige Kommentar-Diskussionen auslösen soll und wird.

    Wenn Watson sich davon also abheben will: Ihr wisst, was ihr zu tun habt...
    26 0 Melden
  • Kronrod 30.05.2015 10:10
    Highlight Highlight Wenn ich mich korrekt erinnere, ist Watson auch reingefallen.
    21 3 Melden
    • Roman Rey 30.05.2015 11:07
      Highlight Highlight Sind wir in dem Fall nicht. Womit ich nicht sagen möchte, dass uns das nicht passieren kann.
      28 0 Melden

Du denkst, ein Hirnschlag trifft nur alte Menschen? Du denkst falsch

Lara Widmer erlitt als 17-Jährige einen Hirnschlag. Mit monatelangen Therapien und einem starken Willen kämpfte sich die junge Frau zurück ins Leben.

Sie lag am Boden des Badezimmers, reagierte auf nichts mehr und weinte. Eigentlich wollte die damals 17-jährige Lara Widmer aus Kriegstetten vor rund zwei Jahren mit ihrer Freundin auf der Aare Boot fahren.

Als Lara nicht auftauchte, machte sich ihr Bruder Xeno auf die Suche. Nachdem er sie im Bad gefunden hatte, benachrichtigte er sofort die Eltern. Zwei Stunden später überführte man Lara ins Stroke Center des Inselspitals Bern. Diagnose: Hirnschlag.

Den Vorfall hatte niemand erwartet. Zum …

Artikel lesen
Link to Article