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Vor 75 Jahren überfielen die Nazis die Sowjetunion: «Stark aufgeräumt, ohne Gnade»

Sie nannten es «Unternehmen Barbarossa» – vor 75 Jahren begann Hitlers Feldzug gegen die Sowjetunion. Minutiös beschrieb der deutsche General Gotthard Heinrici den Kriegsverlauf. Ein Dokument des Grauens.

22.06.16, 09:50 22.06.16, 10:20

Marc von Lüpke



Ein Artikel von

Gotthard Heinrici war ratlos. Zehntausende Rotarmisten hatte seine Truppe bereits getötet, verwundet oder gefangen genommen. Aber die sowjetischen Soldaten kapitulierten einfach nicht:

«Erstaunlich ist für uns alle immer wieder die Zähigkeit, mit welcher der Russe kämpft. Seine Verbände sind alle halb zerschlagen, er stopft neue Leute herein und sie greifen wieder an. Wie die Russen das fertig kriegen, ist mir unverständlich.»

Lagebesprechung mit Gotthard Heinrici (rechts) Mitte 1943.
bild: deutsches bundesarchiv

Das schrieb der deutsche General am 3. August 1941 an seine Frau. Sechs Wochen zuvor, am 22. Juni 1941, hatte die Wehrmacht die Sowjetunion ohne Kriegserklärung überfallen – Deckname «Unternehmen Barbarossa».

Deutsche Kampfflieger attackierten sowjetische Flughäfen, Tausende Geschütze feuerten ohne Unterlass ins Grenzgebiet: «Die russische Armee ist buchstäblich aus ihren Betten herausgeschossen worden», triumphierte Heinrici.

Als Befehlshaber eines Armeekorps überschritt der Offizier mit über drei Millionen deutschen und verbündeten Soldaten die sowjetische Grenze. Die Frontlinie, rund 2000 Kilometer lang, erstreckte sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.

Binnen weniger Wochen wollten Adolf Hitler und seine Generäle das sowjetische Riesenreich unterwerfen – ein Blitzkrieg wie im Vorjahr in Frankreich. Und doch ein ganz anderer Krieg als im westlichen Europa. Als «Kreuzzug Europas gegen den Bolschewismus» bezeichnete die deutsche Propaganda den Überfall. «Herrenmenschen» gegen «Untermenschen», Nationalsozialismus gegen Kommunismus. Bis zum bitteren Ende.

Feldzug ohne jedes Erbarmen

Dieser «Kreuzzug» war von Anfang an als Vernichtungs- und Ausbeutungskrieg gegen die sowjetische Bevölkerung konzipiert. Zum Chronisten werden sollte der Berufssoldat Gotthard Heinrici, Jahrgang 1886, mit seinen zahlreichen Briefen an seine Frau, Tagebucheinträgen und Berichten an die Familie aus den Jahren 1941/42.

In der kürzlich erschienenen Edition «Notizen aus dem Vernichtungskrieg» hat der Historiker Johannes Hürter vom Münchner Institut für Zeitgeschichte die Aufzeichnungen auszugsweise veröffentlicht. Sie schildern wie kaum eine andere historische Quelle den Krieg an der Ostfront aus Sicht eines hohen deutschen Offiziers.

Heinricis anfängliche Euphorie sollte sich bald als voreilig erweisen. Zwar rückten die deutschen Panzerverbände mit Höchstgeschwindigkeit ins Landesinnere vor, die Infanterie eilte in Gewaltmärschen hinterher. Zwar machte die Wehrmacht in Kesselschlachten wie bei Bialystok und Minsk zunächst Gefangene zu Hunderttausenden. Doch wehrte sich die Rote Armee heftiger, als es die deutschen Planer an ihren Kartentischen vorausgesehen hatten.

«Gefangene Bolschewisten – statt Soldaten ein wilder, verkommener Haufen»: So berichtete die deutsche Wochenschau 1941 über den Überfall auf die Sowjetunion. YouTube/c.u. Milson

«Der Feind uns gegenüber ist ein erstaunlich aktiver u[nd] zäher Bursche», zollte Heinrici den sowjetischen Verteidigern Ende Juli 1941 widerwillig Respekt. Kurz zuvor notierte er aber auch: «Verschlagen und hinterlistig» würden die Rotarmisten gegen die deutschen Invasoren kämpfen. «Manche Verluste entstehen dadurch, dass hinterrücks unsere Leute abgeschossen werden.»

Erhängte Partisanen: «Am Morgen kein schöner Anblick»

In völliger Verkehrung der Tatsache, wer Angreifer und wer Angegriffener war, rechtfertigte Heinrici so die ungeheure Brutalität der deutschen Landser. «Stark aufgeräumt, ohne Gnade», beschrieb der gläubige Christ das Verhalten seiner Soldaten.

Erbarmen oder die von ihnen selbst so oft beschworene Ritterlichkeit waren keine Massstäbe für die deutschen Generäle. Was sie im Krieg gegen die Sowjetunion antrieb: Hass auf den Kommunismus, Hass auf Slawen, Hass auf Juden.

Gnadenlos frass die Wehrmacht ganze Landstriche leer, nahm Bauern Vieh und Pferde weg. Strafe musste kein Landser befürchten, der Hungertod von Millionen sowjetischer Bürger war eingeplant. Gefangene Politische Kommissare der Roten Armee wurden reihenweise völkerrechtswidrig «erledigt». «Nicht schön für unsere Leute», kommentierte Heinrici lapidar einen solchen Mord im November 1941.

Farbbilder aus dem Jahre 1941. YouTube/Heil2me1942

Zu Abertausenden richteten die Deutschen Partisanen hin – oder Menschen, die sie für solche hielten. Heinricis Dolmetscher, den der Forscher Johannes Hürter später als Dr. Hans Beutelspacher identifizierte, führte eine Art persönlichen Vernichtungsfeldzug. Heinricis einzige Kritik daran:

«Ich sage Beutelsbacher, er soll Partisanen nicht 100 Meter vor meinem Fenster aufhängen. Am Morgen kein schöner Anblick.»

Auf diese Weise kämpfte sich Heinricis Armeekorps ostwärts Richtung Moskau. Brennende Dörfer, zerbombte Städte und verwesende Leichen markierten den Vormarsch in sengender Hitze über endlose Steppen und Waldgebiete.

Für die Opfer des deutschen Überfalls brachte der General, der im Ersten Weltkrieg in der Schlacht von Verdun gekämpft hatte, nur Gleichgültigkeit und Zynismus auf. Umso besorgter war er um seine eigenen Männer, als sie Tag für Tag mit schwerer Ausrüstung marschierten. Als versprengte sowjetische Einheiten und Partisanen sie in Wäldern und Sümpfen angriffen. Als die Verluste in die Höhe schnellten. «Die Truppe geht in den unaufhörlichen Waldgefechten kaput», klagte der General Ende Juli 1941 in seinem Tagebuch (Schreibfehler wie im Original).

Der Vormarsch versank in Schlamm und Eis

Die Illusion vom schnellen deutschen Sieg platzte für Heinrici bald, angesichts der heftigen Gegenwehr und der Weite des Landes. «So werden wir wohl hier im Stellungskrieg auf einer riesigen Front überwintern müssen», schrieb er Anfang August an seine Frau. «Schöne Aussichten.» Und über den Kommunismus: «Er ist greulich. Aber er ist ein widerliches Tier, das sich wütend wehrt.»

«Ohne Gnade»: General Gotthard Heinrici .
bild: deutsches bundesarchiv

Der Offizier verabscheute die kargen Lebensbedingungen der Sowjetbürger, ihre angebliche Trägheit, die Wanzen in den requirierten Unterkünften. Mittlerweile litt er am zermürbenden Krieg, der mehr Menschen tötete als die vorherigen Feldzüge des Zweiten Weltkriegs. Gewissensbisse empfand der Herrenmensch Heinrici keine: «Dies Volk ist schon gar nicht mehr mit unseren Massstäben zu messen», schrieb er Ende Oktober 1941.

Zu dieser Zeit versank der deutsche Vormarsch auf Moskau längst in Schlamm und Eis. Aus Sibirien führte die Rote Armee frische Divisionen heran. Sie waren für den Winterkrieg ausgerüstet – die Deutschen hatten nur ihre Sommerausrüstung. «Wir sind zur Zeit in äusserster Bedrängnis. Der Feind greift wie wild unsere neu gewonnenen Stellungen an», so Heinrici am 1. Dezember 1941. «Unsere Leute sind aufs äusserste erschöpft.»

Es war der Anfang vom Ende. Halb erfroren, krank, ohne ausreichenden Nachschub an Nahrung und Munition versuchten die Landser, die sowjetischen Soldaten abzuwehren, die nun ihrerseits die Deutschen zu umzingeln drohten.

«Von Tag zu Tag mehr erleben wir an uns selbst, dass uns ruckweise die Schlinge um den Hals zugezogen wird. Der Führer will es nicht glauben. Für uns selbst, die wir die Lage erkennen, ist es aber geradezu zermürbend, seit 14 Tagen stückweise geschlachtet zu werden.»

Erst Mitte Januar 1942 erlaubte Hitler den Truppen vor Moskau einen Rückzug. Das Gemetzel ging weiter. Jahrelang. Heinrici hatte es bereits zur Jahreswende 1941/42 geahnt – der Krieg war für Deutschland so gut wie verloren.

Historiker schätzen, dass rund 27 Millionen Sowjetbürger beim deutschen Feldzug starben. Erst am 28. Mai 1945, 20 Tage nach Kriegsende, ging Heinrici schliesslich in britische Gefangenschaft. «Wen die Götter verderben wollen, schlagen sie mit Blindheit», schrieb er in einem seiner letzten Briefe 1941 an seine Frau.

Seine eigene Verblendung und Kriegsschuld hat der Offizier nie erkannt und strickte nach 1945 an der Legende von einer «sauberen» Wehrmacht. 1948 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und lebte fortan als Pensionär.

Zweimal war er in Nürnberg im Zuge der alliierten Prozesse gegen deutsche Kriegsverbrecher verhört worden – aber Gotthard Heinrici selbst wurde bis zu seinem Tod 1971 niemals angeklagt.

bild: spon

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • pamayer 22.06.2016 14:28
    Highlight Diese Dimensionen des grauens überfordert mein glaube an das gute im menschen massiv.
    23 0 Melden
  • LordEdgar 22.06.2016 12:17
    Highlight Eigentlich sollte man froh sein dass Hitler den falschen Zeitpunkt zum Angriff gewählt hat, und nichts von Napoleon gelernt hat. Nicht auszudenken was passiert wäre wenn Russland gefallen wäre...
    41 2 Melden

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