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Partisanen liefern sich im Oktober 1944 im Val Formazza, nahe der Schweizer Grenze, ein Rückzugsgefecht mit den Nazi-Faschisten. Wer konnte, flüchtete in die Schweiz.

Partisanen liefern sich im Oktober 1944 im Val Formazza nahe der Schweizer Grenze ein Rückzugsgefecht mit den Nazi-Faschisten. Wer konnte, flüchtete in die Schweiz. Bild: Archivio fotografico Istituto storico Piero Fornara - Fondo Resistenza

Wie Partisanen die Republik von Ossola gründeten – und sie an die Faschisten verloren 

Im Herbst 1944 befreiten Partisanenverbände ein beachtliches Gebiet rund um Domodossola von den Nazis und gründeten eine eigene Republik. Doch die Widerstandskämpfer waren untereinander zerstritten und nach einem guten Monat wurde der Traum vom eigenen Staat beendet. Die Geschichte einer Tragödie an der Grenze zur Schweiz.

Andrej Abplanalp / Schweizerisches nationalmuseum



Am 3. September 1943 kapitulierte das faschistische Italien bedingungslos. Das Dritte Reich begann sofort mit der Besetzung des Landes und der Entwaffnung seiner Truppen. Teile der italienischen Armee gingen in den Widerstand und wurden zu Partisanen.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Drei Museen – das Landesmuseum Zürich, das Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis sind unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums vereint.
Im Blog veröffentlichen Mitarbeiter des Nationalmuseums und renommierte Gastautoren Beiträge zu aktuellen Themen. watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen daraus. Der Beitrag «Die Republik von Ossola» erschien am 10. September 2017.
Mehr historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

Diese Reaktion hat vor allem mit dem harten Vorgehen der Wehrmacht zu tun. Denn entgegen dem gegebenen Versprechen, die italienischen Soldaten nach Hause zu schicken, wurden diese inhaftiert und bei Widerstand erschossen. So entstanden im Herbst 1943 in Nord- und Mittelitalien starke Guerillaformationen, welche die Deutschen in der Folge in zahlreiche Kämpfe verwickeln sollten. 

Die Republik Ossola existierte im Herbst 1944 etwas über einen Monat.

Die Republik Ossola existierte im Herbst 1944 etwas über einen Monat. Bild: Archivio fotografico Istituto storico Piero Fornara - Fondo Resistenza

Im Ossolagebiet, zwischen dem Wallis und dem Tessin, existierten im Sommer 1944 fünf aktive Partisanengruppierungen: die Monarchisten (ca. 1100 Mann), die Christdemokraten (ca. 800 Mann), zwei autonome Gruppierungen (ca. je 500 Mann) und die Kommunisten (ca. 900 Mann).

Die ungefähren Grenzen der Republik Ossola.

Die ungefähren Grenzen der Republik Ossola.

Im September 1944 begannen die verschiedenen Guerillaformationen die Gebiete rund um Domodossola zu erobern, bis sie das Städtchen schliesslich ganz eingeschlossen hatten. Darin befanden sich zu dieser Zeit rund 400 deutsche und italienische Soldaten. Diese waren zwar gut ausgebildet und noch besser bewaffnet, überschätzten die Partisanen aber masslos und waren kriegsmüde.

Obwohl die Angriffe von allen Seiten wie von einer Hand geplant schienen, waren sie nicht abgesprochen und wirkten nur zufällig wie koordiniert. Damit wären wir bei einem der grössten Probleme des Partisanenkriegs in Italien: Die verschiedenen Guerillaformationen hatten andere politische Ausrichtungen und damit verknüpft auch andere politische Ziele. Deshalb gab es zwar gemeinsame Aktionen, aber auch immer wieder Rivalitäten und eine gefährliche Konkurrenz. 

Die Republik hatte sogar eine eigene Flagge.

Die Republik hatte sogar eine eigene Flagge. Bild: Archivio fotografico Istituto storico Piero Fornara - Fondo Resistenza

Der interne Machtkampf der Partisanen

Die Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen Partisanengruppen waren auch im Ossolatal spürbar. Am 9. September 1944 unterzeichneten die in Domodossola eingeschlossenen deutsch-italienischen Truppen einen Waffenstillstand mit den Partisanen.

Allerdings waren die kommunistischen Guerillas nicht Teil dieses Abkommens. Aus Zeitgründen, betonten die anderen Gruppierungen. Doch eigentlich wollten die restlichen Partisanen die erbeuteten Waffen unter sich aufteilen. Ausserdem wussten sie, dass die kommunistischen Widerstandskämpfer von ihrem Oberkommando den Befehl erhalten hatten, nicht mit den Deutschen zu verhandeln. Das hätte den angestrebten Waffenstillstand gefährdet.

Ossolanische Partisanen in Aktion.

Ossolanische Partisanen in Aktion. Bild: Archivio fotografico Istituto storico Piero Fornara - Fondo Resistenza

Es kam deshalb zu mehreren heissen Aufeinandertreffen der verschiedenen Partisanengruppierungen und nur mit viel Verhandlungsgeschick und Glück konnte ein bewaffneter Konflikt verhindert werden. Schliesslich zogen die Soldaten der Wehrmacht und die italienischen Faschisten am 10. September ab. Am gleichen Tag wurde die Republik Ossola ausgerufen. 

Doch die kommunistischen Widerstandskämpfer gaben ihren Machtanspruch nicht auf. Am 13. September griffen sie im Alleingang das Städtchen Gravellona im Süden von Domodossola an. Mit einem glorreichen Sieg wollten sie ihr angekratztes Image aufpolieren und eine Beteiligung an der Regierung der Republik Ossola erzwingen. Als sie merkten, dass sie die dort stationierten Nazi-Faschisten (vermischte Truppe, bestehend aus Soldaten der Wehrmacht, der SS und der italienischen Sozialrepublik) nicht vertreiben konnten, forderten sie bei den anderen Partisanenverbänden Hilfe an. Diese schickten zwar einige Männer, jedoch mit einer zeitlichen Verzögerung und in nur geringer Anzahl. Die Niederlage war nicht mehr abzuwenden.

Die Krankenschwester Maria Peron kümmerte sich im Ossolatal um die verletzten Partisanen.

Die Krankenschwester Maria Peron kümmerte sich im Ossolatal um die verletzten Partisanen. Bild: Archivio fotografico Istituto storico Piero Fornara - Fondo Resistenza

Dieser 13. September ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Taten der Widerstandskämpfer im Ossola und in ganz Norditalien oft mehr vom Eigennutz als vom Freiheitsgedanken bestimmt waren. Es ging den Partisanen vor allem um den eigenen Einfluss auf die künftige Politik des beherrschten Gebiets. 

Die Republik Ossola

Die ständige Konkurrenz zwischen den verschiedenen Partisanengruppen soll jedoch die Leistung im Ossola nicht schmälern. Bis zur Rückeroberung des Gebiets durch deutsch-italienische Truppen zwischen dem 9. und 14. Oktober 1944 legte die junge Republik ein enormes Entwicklungstempo hin.

Die Regierung der Republik Ossola setzte sich aus sieben Männern zusammen. Präsident war Ettore Tibaldi. Er wurde später Bürgermeister von Domodossola und nationaler Politiker.

Die Regierung der Republik Ossola setzte sich aus sieben Männern zusammen. Präsident war Ettore Tibaldi. Er wurde später Bürgermeister von Domodossola und nationaler Politiker. Bild: Archivio fotografico Istituto storico Piero Fornara - Fondo Resistenza

Die provisorische Regierung, in der trotz aller Differenzen auch die Kommunisten vertreten waren, setzte ein gemeinsames Militärkommando ein, gründete ein überregionales Polizeikorps, die Guardia Nazionale, machte die Pressefreiheit wieder möglich, produzierte eigene Briefmarken und organisierte das Schulsystem neu. Ausserdem löste sie die faschistische Gewerkschaft auf und organisierte den öffentlichen Verkehr mit der Schweiz, der schon nach wenigen Tagen wieder einwandfrei funktionierte.

Im Nachkriegsitalien wurde die Republik Ossola immer wieder als Modell für einen demokratischen Staat betrachtet. Ein Modell, das zwar innert kürzester Zeit eine funktionierende Administration hervorgebracht hatte, jedoch bereits im Oktober 1944 wieder zusammenbrach. 

Der Zusammenbruch der Republik

Ende September wurden 13'000 italienische Soldaten, die in Deutschland ausgebildet worden waren, in die Nähe der Republik Ossola verlegt. Ausserdem zogen die Wehrmacht und die SS rund 3000 Mann zusammen. Diesen 16'000 schwer bewaffneten Soldaten standen rund 3000 Partisanen gegenüber.

Doch die Guerillas blieben gelassen. Sie rechneten fest mit der Hilfe der Alliierten. Am 25. September hatten zwei Jagdbomber die deutschen Stellungen in Gravellona und Baveno bombardiert und Radio London hatte bereits zum zweiten Mal das Signal zum Abwurf von Waffen und Munition ausgestrahlt. Die Widerstandskämpfer hatten zuvor zwei Flugfelder angelegt. Doch die Alliierten änderten in letzter Minute ihre Pläne und konzentrierten sich auf Jugoslawien. 

Flüchtlinge aus dem Val d'Ossola (Italien) beim Grenzübertritt in Gondo, 1. Oktober 1944.

Flüchtlinge aus dem Val d'Ossola (Italien) beim Grenzübertritt in Gondo, 1. Oktober 1944. Bild: Fotograf unbekannt, Staatsarchiv Aargau/RBA

Die Partisanen konnten zwar einige Tage Widerstand leisten, doch die Übermacht war zu gross und die Zusammenarbeit der verschiedenen Guerillaformationen zu unkoordiniert, um die Rückeroberung des Ossolas durch die Nazi-Faschisten zu verhindern. Am 14. Oktober 1944 marschierten die deutsch-italienischen Truppen in Domodossola ein, am 23. Oktober wurde die Republik aufgelöst und 35'000 Ossolaner flüchteten in die Schweiz.

Zwei Drittel der Partisanen waren gefallen oder ebenfalls über die Grenze geflohen. Die Erwachsenen wurden in Flüchtlingslagern untergebracht, die Kinder auf Gastfamilien in der ganzen Schweiz verteilt. Dass die Schweiz im Herbst 1944 ohne grosse Bürokratie geholfen hat, ist bis heute im Gedächtnis der Bevölkerung des Ossolatals. 

Kinder aus dem Ossolagebiet wurden vom Schweizerischen Roten Kreuz bei Schweizer Familien einquartiert. Wie diese Kinder, welche 1944 in Brig angekommen sind.

Kinder aus dem Ossolagebiet wurden vom Schweizerischen Roten Kreuz bei Schweizer Familien einquartiert. Wie diese Kinder, welche 1944 in Brig angekommen sind. Bild: Archivio fotografico Istituto storico Piero Fornara - Fondo Resistenza

>>> Weitere historische Artikel auf:
blog.nationalmuseum.ch

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pasch 30.09.2017 00:44
    Highlight Highlight Bitte mehr davon!!

    Frage: Wenn jemand den Nachnamen Ossola trägt, hat das irgendwas damit zutun?? Kenne da jemanden!
  • flausch 28.09.2017 17:02
    Highlight Highlight Schön ist auch das Foto, zensiert von der "Abteilung Presse und Funkspruch", der schweizer Zensurbehörde die übrigens sehr erfolgreich war... vor allem in der Zensur Nazikritischer Artikel und Bilder.
  • Liselote Meier 28.09.2017 08:04
    Highlight Highlight Im Zuge dessen kam es auch zu einem Grenzzwischenfall.

    Klar ersichtlichen Partisanenverbänden war der Grenzübertritt nämlich untersagt, ausser im Falle einer unmittelbarer Todesgefahr.

    Eine Partisanengruppe ersuchte um Internierung was gemäss Richtline abgelehnt wurde . Es wurde allerdings eine Absprache getroffen, falls die Faschisten vorrücken würden, sie die Grenze passieren dürften.

    Die Faschisten rückten vor und auch Geschosse vielen auf Schweizer Boden. Die Faschisten bedrohten die Grenztruppen Auslieferung oder Einmarsch. Grenadiertruppen eilten herbei, Faschisten zogen sich zurück
  • The Origin Gra 27.09.2017 22:40
    Highlight Highlight Finde es schön das die Schweiz geholfen hat ☺

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