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15. September ist Strohhut-Tag – wie ein dümmlicher Brauch einst in New York zu Massen-Unruhen führte

Ein Mob von 1000 Jugendlichen zieht im September 1922 marodierend durch die Strassen New Yorks. Wegen Strohhüten! Zwei Jahre später stirbt sogar ein Mensch – wegen einer Tradition, die vor den Kopf schlägt.



Der Bericht aus der New York Times vom 14. September 1922 beginnt so:

«Das unveräusserlichte Recht eines Menschen, einen Strohhut während eines Schneesturms zu tragen, wenn er das Verlangen dazu hat, wird sowohl von der Polizei als auch vom Magistrat aufrechterhalten, und im Rundfunk wurde eine Warnung an alle Strohhut-Zerdepperer von gestern Abend ausgesandt, dass sie eine Gefängnisstrafe wegen tätlichen Angriffs erwartet, wenn sie noch einmal so einen Zirkus veranstalten.»

Bitte was?

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Zeitgenössische Darstellung des «Astor Place Riot». Der Hintergrund: Ein amerikanischer und ein britischer Schauspieler konkurrierten um die Rolle des Macbeth. 
bild: gemeinfrei

Jaja, die gute alte Zeit in New York. Die Leute drehten gerne mal durch: 1849 gab es den «Astor Place Riot» – wegen eines Shakespeare-Stückes, 1857 den «Dead Rabbit Riot», einen stadtweiten Bandenkrieg, den Hollywood als «Gangs of New York» verfilmte, und 1902 den «Kosher Riot», der sich an einem jüdischen Metzger entfachte, der bei einem Boykott gegen das damalige Fleisch-Kartell nicht mitmachen wollte. Aber die Strohhut-Unruhen von 1922 sind schon besonders verrückt – zwei Jahre später musste wegen dieser trotteligen Tradition sogar ein Mensch sterben.

Der falsche Hut zur falschen Zeit

Was es mit dem Brauch auf sich hat? Der 15. September war einst das Ende der Strohhut-Saison und der Beginn der Filz-Hüte-Jahreszeit. Wer nach dem willkürlich gewählten Datum noch mit der Sommer-Kopfbedeckung erwischt wurde, durfte im besten Fall verspottet werden. Im schlechtesten Fall wurde der Strohhut mit Gewalt heruntergerissen und zertrampelt.

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Kein Ort für Ladys: Bandit's Roost, eine Seitengasse der berüchtigten Mulberry Street.
bild: gemeinfrei

1922 lief die Sache jedoch völlig aus dem Ruder. Es begann in der Mulberry Street, einer berüchtigten Meile in Manhattan – dort, wo heute Chinatown steht. Einige junge, gelangweilte «Rowdys» hatten beschlossen, den Strohhut-Tag auf den 13. September vorzuverlegen. Sie zogen durchs Quartier und schlugen Männern aus dem Viertel den Hut vom Kopf, bevor sie auf einige Werft-Arbeiter stiessen.

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Streikende Fahrer 1920: Auch der «einfache Mann» trägt Strohhut.
bild: gemeinfrei

Die liessen sich das natürlich nicht gefallen, schlugen zurück und bald war eine wilde Schlägerei im Gange, die den Verkehr auf der Manhattan Bridge zum Erliegen brachte. Die herbeigerufene Polizei verhaftete sieben Personen, denen eine Strafe von fünf Dollar (heute umgerechnet knapp 75 Franken) aufgebrummt wurde, doch die Behörden waren durch den Vorfall alarmiert. Deshalb auch die oben zitierte, merkwürdig martialische Warnung in der Zeitung.

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Manhattans East Side im frühen 19. Jahrhundert.
YouTube/Fahri Aydın

Allein: Die nützte schon mal gar nichts. Nur einen Tag später zog ein marodierender, rund 1000 Mann starker Mob vom Armenviertel Hell's Kitchen aus durch die Strassen der East Side in Manhattan. Die Jugendlichen waren mitunter mit Latten bewaffnet, einige davon mit einem Nagel versehen, um gut schlecht behüteten Opfern die Kopf-Bedeckung herunterzuhauen. «Gangs junger Strolche terrorisieren ganze Blocks», schreibt die New York Times später. Die Folge: ein «Spiessrutenlauf für die Opfer».

Die Rowdys hatten keine Hemmungen. «In einigen Fällen versteckten sich die Strolche in Hauseingängen, um dann zu Zehnt oder Zwölft hervorzustürmen und ein oder zwei Männer anzugreifen.» Die Gesetzeshüter kamen kaum hinterher. «Sobald die Polizei eine der Gangs in einem Distrikt auseinandergetrieben hatte, nahmen die Strolche ihre Aktivitäten anderswo wieder auf.»

Es gab aber natürlich auch Profiteure. «Hut-Geschäfte, die gestern Abend offen blieben, waren gefüllt mit Käufern von Filz-Hüten.»

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New York Anfang der 20er: Ohne Hut geht es nicht. Man muss nur wissen, wann welcher sozial gestattet ist.
bild: gemeinfrei

Oft genug kamen die Täter ungeschoren davon: Wenn sie jünger als 15 waren, konnte das Gesetz ihnen nichts anhaben – ausser den Eltern zu empfehlen, ihre Sprösslinge ordentlich durchzuprügeln. Sieben Jugendliche ereilte dieses Schicksal noch auf der Polizeiwache, berichtete die New York Tribune. Die Älteren, die erwischt wurden, waren laut New York Times zwischen 16 und 34 Jahre alt: Sie mussten für drei Tage ins Kittchen.

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New York 1928.
YouTube/Aaron1912

Die Tribune servierte auch noch eine heitere Anekdote am Rande: Ein Polizist verhaftete einen Polizisten! «Detective Rocco Brundiso genoss die Aufregung an der Third Avenue, als ein Junge seinen Strohhut herunterschlug und davonrannte. Brundiso jagte den Jungen von der 109. bis zur 116. Strasse, wo er ihn verlor. Er erklärte, er hätte den Burschen gefangen, wenn er nicht von Sigmund Cohn, einem Hilfspolizisten, geschubst worden wäre.»

Brundiso verhaftete Cohn, der vor Gericht aussagte, er habe nicht geahnt, dass es sich um einen Kollegen handle, bis dieser einen Revolver und einen Totschläger gezogen hätte. Cohn wurde daraufhin freigesprochen. Die Nachrichtenagentur AP fasste zusammen: «Die Polizei hatte viel zu tun. Es gab zu viele Hüte.»

Der dümmliche Brauch wiederholte sich in den Folgejahren – und kostete 1924 sogar einen Mann das Leben. US-Präsident Calvin Coolidge setzte deshalb 1925 ein Zeichen und liess sich demonstrativ am 18. September mit Strohhut fotografieren – ein Skandal, der es auf das Titelbild der «New York Times» schaffte. Es dauerte noch Jahre, bis die Tradition, von Stroh- auf Filzhut zu wechseln, ausstarb – und somit auch der Vorwand für Gelangweilte, tüchtig über die Stränge zu schlagen.

Mit besagtem Titelbild der «New York Times» können wir leider nicht dienen. Hier deshalb US-Präsident Calvin Coolidge – mit Strohhut – vor dem 15. September (im Jahr 1924). Er schüttelt Walter Johnson die Hand, weil dessen Team Washington Senator die Baseball-Meisterschaft geholt hat.
bild: gemeinfrei

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