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Absturz beim Abstieg: Ein tödliches Drama machte das Matterhorn einst weltberühmt

Eine britisch-schweizerische Siebnergruppe gewann am 14. Juli 1865 das Rennen um die Erstbesteigung des «Horu». Auf den Triumph folgte die Tragödie: Vier der Alpinisten stürzten beim Abstieg über 1000 Meter tief in den Tod, ein Opfer wurde nie gefunden. 

13.07.15, 20:18 14.07.15, 10:45


Anfang Juli 1865 war das Matterhorn nach der Erstbesteigung der Aiguille Verte die letzte grosse Herausforderung der Alpen. Der 4478 Meter hohe markante Berg galt als König der Alpen und manche hielten ihn für unbezwingbar. Seit 1857 waren mehrere Expeditionen am «Horu» gescheitert. 

Unter den Alpinisten, die vergeblich versucht hatten, den Gipfel des Matterhorns zu erreichen, war auch ein junger, ehrgeiziger Engländer. Edward Whymper hatte seit 1861 nicht weniger als sieben Besteigungsversuche unternommen, die allesamt scheiterten. Sein achter Versuch sollte den Erfolg bringen – und sein Leben verändern. 

Whymper, der als arrogant galt, war kurz zuvor in Cervinia auf der italienischen Seite des Matterhorns vom italienischen Alpinisten Jean-Antoine Carrel im Stich gelassen worden, der die Erstbesteigung ohne den Briten durchführen wollte. Doch Whymper stiess in Zermatt auf zwei andere britische Bergsteiger, die es ebenfalls auf das «Horu» abgesehen hatten: den erst 18-jährigen Lord Francis Douglas und Reverend Charles Hudson. Möglicherweise um Carrels Expedition zuvorzukommen, einigten sich die drei Rivalen darauf, eine gemeinsame Seilschaft zu bilden. 

Spurt auf den Gipfel

Mit Lord Douglas kamen die beiden Bergführer Taugwalder ins Boot, Vater Peter und sein gleichnamiger Sohn. Reverend Hudson, der damals als bedeutendster britischer Alpinist seiner Zeit galt, brachte den Bergführer Michel Croz aus Chamonix und den weniger erfahrenen 19-jährigen Engländer Douglas Robert Hadow mit. 

Bericht zum Jubiläum vom 14. Juli 2015. Video: keystone

Die nunmehr siebenköpfige Gruppe brach am 13. Juli 1865 morgens um 5.35 Uhr in Zermatt auf. Am nächsten Tag erreichten sie um 13.40 Uhr den Gipfel – zuerst Whymper, der das Seil, das ihn mit der Gruppe verband, durchgeschnitten hatte, als der Gipfel in greifbarer Nähe war. Gemeinsam mit Croz rannte er die letzten Meter bis zum verschneiten Gipfel, zehn Minuten später trafen die restlichen fünf Alpinisten ein. 

Die glücklichen Gipfelbezwinger entdeckten die italienische Klettermannschaft 200 Meter weiter unten auf der südwestlichen Seite. Die geschlagenen Konkurrenten traten enttäuscht den Rückzug an, als sie die Männer auf dem Gipfel bemerkten. Eine Stunde lang genossen die sieben Bergsteiger ihren Triumph, dann machten sie sich an den Abstieg. 

Hadows tödlicher Fehltritt

Weit waren sie noch nicht gekommen, als das Unglück geschah: Der untrainierte Hadow, der bereits beim Aufstieg Zeichen von Erschöpfung gezeigt hatte, stolperte bei der Überquerung einer eisigen, aber nicht besonders steilen Eiswand. Der junge Engländer fiel auf Croz, der beim Abstieg vorausging. Die beiden Männer stürzten und rissen auch Hudson und Douglas mit. 

Vater Taugwalder, der hinter Douglas abstieg, reagierte blitzschnell und konnte das Seil um einen Felszacken schlingen. Doch dann riss das Seil und die vier Unglücklichen rutschten ab und fielen einer nach dem anderen mehr als 1000 Meter über die Nordwand hinunter auf den Matterhorngletscher. 

Matterhorn wird am Abend vor dem Jubiläum von der Polizei bewacht

Einen Tag der Stille hat die Gemeinde Zermatt für das Jubiläum der Erstbesteigung vor 150 Jahren am Matterhorn verordnet. Damit sich keine Alpinisten darüber hinwegsetzen, musste die Polizei in der Nacht auf Dienstag den Berg bewachen. Zwei Polizisten der Gemeinde Zermatt postierten beim Einstieg oberhalb der Hörnlihütte auf dem Nordostgrat, welche als Ausgangspunkt für Besteigungen von Zermatt aus dient. Sie waren mit Feldstechern und Nachtsichtgeräten ausgerüstet. Prompt wurden zwei Personen auf dem Südostgrat entdeckt, worauf einer der beiden Polizisten sowie ein Bergführer per Helikopter dorthin gebracht wurden. Allerdings stellten sich die beiden Personen als Wanderer heraus, welche nur ins Biwak auf dem Südostgrat unterwegs waren. Da sie am Dienstag nicht aufsteigen wollten, konnte Entwarnung gegeben werden. Auch von italienischer Seite aus werden die Aufstiegsrouten kontrolliert. Der Tag der Stille ist den über 500 am Matterhorn verstorbenen Alpinisten gewidmet. (sda)

Die drei Überlebenden, Whymper und die beiden Taugwalder, standen unter Schock und kamen nur mit Mühe zurück ins Tal. Die Leichen von drei der Abgestürzten wurden am 19. Juli geborgen und auf dem Friedhof von Zermatt bestattet. Die sterblichen Überreste von Lord Francis Douglas wurden nie gefunden. 

Üble Gerüchte

Bald machten üble Gerüchte die Runde: Whymper liess durchblicken, Taugwalder habe das Seil durchgeschnitten, um sich selber zu retten. Taugwalder wiederum beschuldigte Whymper, kurz vor dem Gipfel das Seil durchgeschnitten zu haben, um als Erster auf dem Matterhorn zu stehen. Danach habe er, Taugwalder, nur noch ein dünnes Reserveseil gehabt, um sich für den Abstieg an der restlichen Seilschaft festzubinden. Ein gerichtliches Verfahren wurde jedoch mit der Begründung eingestellt, Hadow habe den Unfall durch einen Fehltritt verursacht und niemand habe dabei ein Delikt begangen. 

150 Jahre nach dem fatalen Unglück will ein Team aus Historikern, Glaziologen und weiteren Fachleuten die Leiche des jungen englischen Lords endlich finden und die Seilfrage klären, wie der Tourismus-Direktor von Zermatt, Daniel Luggen, der Nachrichtenagentur SDA erklärte. Die Experten hoffen, dass sie das andere Ende des Seils bei Douglas finden. Dann würde sich zeigen, ob es durchgeschnitten wurde oder gerissen ist. Luggen rechnet für die Suche mit einem Budget zwischen 40'000 und 50'000 Franken. 

Lädierter Ruf

Vom alpinistischen Triumph über das Matterhorn profitierte Peter Taugwalder Sohn noch am meisten. Er wurde als «Matterhorn-Peter» bekannt und führte noch zahlreiche Besteigungen des Gipfels durch. Sein Vater dagegen starb 1880 verbittert und vereinsamt; die Gerüchte hatten seinen Ruf als Bergführer beschädigt. 

Whymper konnte sich zunächst im Erfolg der Erstbesteigung sonnen und als weiteren Erfolg 1880 die Erstbesteigung des 6310 Meter hohen Chimborazo in den Anden verbuchen. Doch auch er wurde von den Gerüchten eingeholt und starb 1911 als Aussenseiter in Chamonix. 

Am meisten profitierte wohl Zermatt von der tragisch verlaufenen Erstbesteigung des «Horu». Das vor 150 Jahren noch kaum touristisch erschlossene Walliser Bergdorf, dessen Markenzeichen der unverkennbare Gipfel des Matterhorns ist, entwickelte sich seither zu einer internationalen Topdestination. Jedes Jahr klettern rund 3000 Alpinisten von Zermatt aus auf das Matterhorn – und beinahe jedes Jahr verlieren einige dabei ihr Leben. Mehr als 500 Menschen fanden bisher am Matterhorn den Tod.

(Mit Material der Nachrichtenagentur SDA.) 

Matterhorn-Freilichttheater rehabilitiert Walliser Bergführer

Das Freilichttheater «The Matterhorn Story» will die Rolle der einheimischen Bergführer bei der Erstbesteigung des Matterhorns vor 150 Jahren in ein besseres Licht rücken. Der Unfall am Berg überschattete den Triumph und löste eine unschöne Welle von Beschuldigungen aus. Diese Tragödie setzt die Berner Regisseurin Livia Anne Richard in den Fokus ihres Freilichtspiels. Sie beleuchtet den Gegensatz zwischen den wohlhabenden und gebildeten englischen Touristen und den einfachen und abergläubischen Dorfbewohnern. Das Stück stellt die Version der Bergführer in den Vordergrund und rehabilitiert sie so.
Das Freilichttheater findet statt im Rahmen der Feierlichkeiten zum 150-jährigen Jubiläum der Erstbesteigung des Matterhorns. Es wird noch bis am 29. August jeweils von Mittwoch bis Sonntag aufgeführt. www.freilichtspiele-zermatt.ch
(sda)

«Tatort Matterhorn – Ein Krimi im Hochgebirge.» YouTube/ukday omsyus

Matterhorn-Quiz: Bist du reif für den schönsten Schweizer Gipfel?

1.Ein echtes Vorbild: Mehr als 150 Berge weltweit tragen Spitznamen, in denen das Wort Matterhorn vorkommt. Drei der folgenden Bezeichnungen kursieren tatsächlich – welche aber ist erfunden?
APA
Shivling, das Matterhorn Indiens
Grand Teton, das Matterhorn Amerikas
Uluru, das Matterhorn Australiens
Ama Dablam, das Matterhorn des Himalaya
2.Vor 150 Jahren standen erstmals Menschen auf dem Gipfel des Matterhorns. Wie hiess der Erstbesteiger?
Zermatt Tourismus
Edward Whymper
Paul Preuss
George Mallory
Melchior Anderegg
3.Wie hoch ist es eigentlich, dieses Matterhorn?
AP
3798 Meter
4016 Meter
4478 Meter
4810 Meter
4.Welcher der folgenden Sätze trifft auf das Matterhorn zu?
KEYSTONE
Es ist der höchste Berg der Schweiz.
An keinem Berg der Schweiz starben so viele Menschen.
1927 gelang dem Flugpionier Ernst Udet 50 Meter unterhalb des Gipfels ein Start mit einem Segelflugzeug.
Der erste Hund, er hiess Tschingel, erreichte den Gipfel im Jahr 1875.
5.Der Tiroler Regisseur und Bergsteiger Luis Trenker drehte den bekanntesten Film über das Matterhorn. Wie lautete der Titel?
Der Berg ruft
In eisigen Höhen
Sturz ins Leere
127 Hours
6.Über die 1100 Meter hohe Matterhorn-Nordwand führt eine der spektakulärsten Klettertouren der Alpen. Die Erstbesteiger brauchten noch zwei Tage, heute reichen acht bis zehn Stunden. Am 30. April 2015 schaffte der Schweizer Dani Arnold auf der sogenannten Schmid-Route einen neuen Geschwindigkeitsrekord – was war seine Bestzeit?
MAMMUT
59 Minuten
1 Stunde 46 Minuten
2 Stunden 59 Minuten
3 Stunden 46 Minuten
7.Der Berg ist so bekannt, dass er auch als Logo in der Werbung benutzt wird, und zwar von ...
... dem Filmstudio Paramount.
... der Getränkemarke Mountain Dew.
... der Outdoor-Marke Mammut.
... der Schokoladenfirma Toblerone.
8.1988 gelang der Sendung «Verstehen Sie Spass?» ein Coup am Matterhorn. Was brachte den weltbekannten Bergsteiger Reinhold Messner mitten in der steilen Wand völlig aus der Fassung?
KEYSTONE
Ein Mann im Yeti-Kostüm, der ihn beim Aufstieg überholte.
Ein Auftritt seines Bergpartners Hans Kammerlander mit Sauerstoffmaske, der wirres Zeug redete.
Ein Kiosk mit Souvenirs und Klatschpresse.
Ein aufdringlicher Sherpa, der unbedingt seinen Rucksack tragen wollte.
9.Die Erstbesteigung des Matterhorns vor 150 Jahren war mit einem tödlichen Drama verbunden – im Foto ist ein zerrissenes Seil von Edward Whymper zu sehen. Wie viele der sieben Bergsteiger schafften es, lebendig zurück ins Tal zu kommen?
Einer
Zwei
Drei
Sechs
10.Der legendäre Schweizer Bergführer Ulrich Inderbinen stand 84-mal auf dem Mont Blanc, 81-mal auf der Dufourspitze – und 371-mal auf dem Matterhorn. Beim 125-jährigen Jubiläum der Erstbesteigung im Jahr 1990 stellte er einen Rekord auf. Welchen?
Ihm gelang die schnellste Besteigung auf der Normalroute.
Er hielt sich länger auf dem Gipfel auf als je ein Bergsteiger vor ihm.
Er war der erste Mensch, dem eine Skiabfahrt von ganz oben gelang.
Mit 89 Jahren war er der älteste Mann auf dem Gipfel.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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