Wissen

«Verzeih mir was ich gethan»: Abschiedsbrief an die Mutter. Bild: EPA/APA

«Weine nicht um mich, ich gehe fidel hinüber»: Abschiedsbriefe von Kronprinz Rudolfs Todesgefährtin Mary entdeckt 

Ein Doppelselbstmord erschütterte 1889 die Doppelmonarchie: Im Jagdschloss von Mayerling erschoss der österreichische Thronfolger Rudolf – Kaiserin Sissis einziger Sohn – seine Geliebte Mary und sich selbst. Nun sind Marys Abschiedsbriefe in einem Banksafe aufgetaucht.  

05.08.15, 17:38 05.08.15, 17:58
«Liebe Mutter – Verzeih mir was ich gethan. – Ich konnte der Liebe nicht wiederstehen. In Übereinstimmung mit Ihm will ich neben Ihm im Friedhof von Alland begraben sein. – Ich bin glücklicher im Tod als im Leben. Deine Mary» 

Mary Vetseras Abschiedsbrief (in Originalrechtschreibung) an ihre Mutter  Österreichische Nationalbibliothek

Mary – das war der Rufname der Diplomatentochter Marie Alexandrine Freiin von Vetsera. Die 17-Jährige schrieb ihrer Mutter Helene diesen Abschiedsbrief, bevor sie in der Nacht auf den 30. Januar 1889 in den Tod ging. Die Baroness starb an einem Schuss in die Schläfe; abgedrückt hatte Rudolf, Kronprinz von Österreich und Ungarn, der sich in derselben Nacht im kaiserlichen Jagdschloss von Mayerling ebenfalls tötete. Beide machten in mehreren Abschiedsbriefen klar, dass sie freiwillig aus dem Leben geschieden waren. 

Seit 1927 im Banksafe

Die Briefe, die Mary an Mutter, Schwester und Bruder geschrieben hatte, waren aus Abschriften der Mutter im Wortlaut bereits bekannt. Bisher nahm man aber an, die Originale seien nach dem Tod der Mutter vernichtet worden. Doch nun sind die Schriftstücke bei einer Archivrevision in einem Safe der Wiener Privatbank Schoellerbank entdeckt worden. Der Ledereinband mit Dokumenten der Familie Vetsera befand sich seit 1926 in dem Schliessfach. 

«Ich bin glücklicher im Tod als im Leben»: Diplomatentochter Mary Vetsera.   Bild: EPA/APA

Prostituierte und Prinzessinnen teilten sein Bett: Rudolf, Kronprinz von Österreich und Ungarn.  Bild: EPA

Peinlicher Skandal

Der Doppelselbstmord des verheirateten Thronfolgers und seiner blutjungen Geliebten brachte den kaiserlichen Hof in Wien in arge Verlegenheit. Kaiser Franz Joseph I. und seine Gattin Elisabeth («Sissi») versuchten, den peinlichen Skandal um ihren einzigen Sohn zu vertuschen. Rudolf sei an einem Herzschlag gestorben, lautete die offizielle Version zunächst. 

Der Tatort: Das kaiserliche Jagdschloss in Mayerling im Wienerwald.  Bild: Wikipedia

«Meine liebe Hanna – Wenige Stunden vor meinen Tod will ich dir adieu sagen. Wir gehen beide selig in dass ungewisse Jenseits. Denk hie und da an mich. Sei glücklich, und heirathe nur aus Liebe. Ich konnte es nicht thun und da ich der Liebe nicht wiederstehen konnte so gehe ich mit Ihm. Deine Mary
P.S. (...) Meinen Schmuck vertheile ungefähr so wie du es am besten findest. – Weine nicht um mich ich gehe fidel hinüber.»

Mary Vetseras Abschiedsbrief an ihre Schwester  Österreichische Nationalbibliothek

Als sich nicht mehr verheimlichen liess, dass Mary neben Rudolf in Mayerling gestorben war, wurde ihr die Schuld zugeschoben. Sie habe dem verzweifelten Kronprinzen die Idee des Doppelselbstmords in den Kopf gesetzt, hiess es. Die Wiener Hofärzte attestierten dem toten Erzherzog, den sie obduziert hatten, «geistige Verwirrung». Nur so war noch eine kirchliche Bestattung möglich. 

Die Vernebelungstaktik war insofern erfolgreich, als Gerüchte die Wahrheit in den Hintergrund drängten. Noch die letzte österreichische Kaiserin, Zita, beharrte zeitlebens darauf, Rudolf und Mary seien «politischen Meuchelmördern zum Opfer gefallen». 

Zahllose Frauenaffären

In Wahrheit hatte der hochbegabte, aber depressive Thronfolger ein höchst promiskuitives Sexualleben geführt. Er liess sich mit zahlreichen, möglichst jungen Frauen ein – Schauspielerinnen, Prostituierte und Prinzessinnen teilten sein Bett. Auch nach seiner Hochzeit mit der jungen belgischen Prinzessin Stephanie im Mai 1881 hörte sein Frauenkonsum nicht auf. Die Ehe war unglücklich, über ihre Hochzeitsnacht notierte Stephanie: «Welche Qualen, welches Entsetzen – ich dachte, ich würde an meiner Desillusionierung sterben.»

«Mein lieber Feri – Leider konnte ich Dich nicht mehr sehen. Leb wohl, ich werde von der – anderen Welt über Dich wachen weil ich Dich sehr lieb habe. – Deine treue Schwester Mary»

Mary Vetseras Abschiedsbrief an ihren Bruder  Österreichische Nationalbibliothek

Rudolf, seit 1883 Vater eines Mädchens, hegte liberale politische Ansichten, die von seinem konservativen Vater misstrauisch beäugt wurden. Je länger je mehr stellte ihn Franz Joseph I. politisch kalt. Genährt von der Frustration über seine politische Machtlosigkeit verstärkte sich Rudolfs depressive Stimmung. Der Thronfolger, der schon als Neunjähriger sein erstes Testament verfasst hatte und mittlerweile an Syphilis litt, sprach immer öfter von Selbstmord. 

Gesucht: Eine Gefährtin im Tod

Allein wollte Rudolf aber nicht sterben. Zuerst trat er mit seinem morbiden Ansinnen an seine Geliebte Mizzi Kaspar heran. Kaspar, die ihren Lebensunterhalt als «Edelhure» bestritt, wollte allerdings nichts davon wissen. Sie starb erst 1907, fast auf den Tag genau 18 Jahre nach Rudolf. 

Erfolg hatte Rudolf dann aber bei Mary Vetsera, die er im November 1888 kennenlernte. Die blutjunge Baroness «mit dem kecken Stumpfnäschen» verliebte sich sofort in den moribunden Kronprinzen – und liess sich von diesem zum gemeinsamen Suizid überreden. 

«Mayerling: Kronprinz Rudolfs letzte Liebe» (1956). YouTube/veertje

Tod in Sarajevo: Erzherzog Franz Ferdinand

Kennst du schon die watson-App?

Über 150'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wurde unter «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Verschwörungstheorie? «Jeder mit einer anderen Analyse wird mit Spinnern, Pädophilen und Antisemiten in eine Ecke gestellt»

Ein neuer Dokumentarfilm (siehe Video unten) beleuchtet am Beispiel des umstrittenen Schweizer Historikers Daniele Ganser, welch erbitterte Auseinandersetzungen bei Wikipedia-Artikeln zu kontroversen Themen oder Personen im Hintergrund ablaufen. Gansers Spezialgebiet ist verdeckte Kriegsführung und er erforscht in diesem Zusammenhang auch Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001. Seine Versuche, den Wikipedia-Artikel zu seiner eigenen Person abzuändern, …

Artikel lesen