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Hitler was here: Das Tag-für-Tag-Protokoll eines Führers

20 Jahre lang spürte Harald Sandner Adolf Hitler nach. Privat und auf eigene Kosten. Jetzt veröffentlicht der Geschichtsforscher auf 2400 Seiten, wo sich der Diktator an jedem einzelnen Lebenstag aufgehalten hat.

16.04.16, 19:21 17.04.16, 11:49

Marc von Lüpke



Ein Artikel von

«Das ist es, das rote!» Harald Sandner zeigt auf eine Villa in der Bayreuther Lisztstrasse. «Hier hat er 14 Tage im ersten Stock gewohnt». Er? Gemeint ist Adolf Hitler. Maler, Politiker, Massenmörder. Seit 20 Jahren ist Sandner dem «Führer» auf der Spur. «Wenn Sie wollen, klingeln Sie doch mal», sagt Sandner grinsend. Und meint, dass die jetzigen Eigentümer mit Sicherheit nichts von ihrem Vormieter wissen.

FILE - In this Dec. 5, 1931 file photo, Adolf Hitler, leader of the National Socialists, is saluted as he leaves the party's Munich headquarters. In Munich, Hitler launched his political career with speeches condemning Jews and proclaiming the ethnic superiority of Germans. (AP Photo, File)

Hitler im Dezember 1931 in München.
Bild: /AP/KEYSTONE

Harald Sandner will das ändern – mit 2400 Seiten. «Hitler. Das Itinerar» heisst das vierbändige Buch, das Ende April 2016 herauskommt. In Form von Itineraren dokumentieren Historiker in der Regel die Reisewege mittelalterlicher Herrscher. Sandner hat diese Anstrengung nun für Hitler unternommen. Einen Diktator, einen Kriegsverbrecher, für viele Menschen schlicht der Teufel in Menschengestalt. Warum?

«Man muss doch die Vergangenheit aufzeichnen, damit sie nicht verloren geht», erklärt Sandner. «Simon Wiesenthal hat einmal gesagt: ‹Aufklärung ist Abwehr›». 56 Jahre und zehn Tage hat Hitler gelebt, mehr als 4000 Tage hat er das Deutsche Reich regiert. Für jeden Tag im Leben Hitlers hat Sandner die Aufenthaltsorte ermittelt.

Schluss mit Nachkriegslegenden

«Das Interesse für Geschichte fing mit meinem 13. Lebensjahr an», erzählt der gebürtige Coburger bei Maultaschen und Bier im Hotel Goldener Anker in Bayreuths Opernstrasse. Damals kaufte er sich die Hitler-Biografie von Joachim C. Fest. Später stiess Sandner auf Ungereimtheiten in Coburgs Stadtgeschichte. Die lästige NS-Vergangenheit? Wurde, wie vielerorts, auch hier lange beschwiegen und verdrängt.

Hitlers Lieblingsfilme – von «Swiss Miss» bis «Schneewittchen»

«Dabei war Coburg die erste nationalsozialistische Stadt in Deutschland», sagt Sandner. Der Ärger ist ihm anzusehen. «Dort gab es den ersten NS-Oberbürgermeister, dort gab es die ersten Judenverfolgungen. Ganz schlimm, auf offener Strasse, am helllichten Tag.» Sandner nimmt einen Schluck Bier. «Ich war vor 15 Jahren der Erste, der das veröffentlicht hat.»

Hitler-Forscher Harald Sandner in Bayreuth

Fehler und Ungereimtheiten in kleinen und grossen Hitler-Darstellungen bringen Sandner in Rage. Nur dreimal habe sich Hitler im fränkischen Coburg aufgehalten, lautete nach Sandner eine Legende. Tatsächlich waren es 17 Besuche. Eine andere Legende besagt, der Tyrann habe Hamburg nach Möglichkeit gemieden, weil ihm die Hansestadt zu kosmopolitisch war. Von wegen: 75 Tage hielt sich der Diktator von 1926 bis 1939 dort auf.

«Ich habe mit Herrn Paeschke vom ZDF telefoniert, der eine Dokumentation über das Hotel Adlon in Berlin gemacht hat», sagt Sandner. «Darin wird kolportiert, Hitler wäre nie im Adlon gewesen. Wegen des internationalen Flairs. Es gibt aber in der Bayerischen Staatsbibliothek in München zwei Fotos: Eines zeigt Hitler im Adlon und eines, wie er gerade reingeht.»

Der Geschichtsforscher ist weder Journalist noch Historiker. Statt Geschichte zu studieren, lernte Sandner Kaufmann. Heute ist er in der Datenverarbeitung bei einem grossen Logistikunternehmen tätig.

Per du mit Hitler

Die Fähigkeit, grosse Datenmengen zu verarbeiten, war für seine Hitler-Forschung unabdingbar. Kaum eine Stadt oder Gemeinde, in der Hitler keine Spuren hinterlassen hat. Das Hotel Goldener Anker, in dem Sandner von seinem Mammutunterfangen erzählt, hat er natürlich nicht ohne Grund ausgewählt. Er kramt in seiner Tasche. Zum Vorschein kommt ein Foto: Es zeigt eine Parade vor dem Hotelgebäude, oben im Fenster ein Mann mit Zweifingerbart. Richtig, Hitler hat hier übernachtet im Jahr 1923.

FILE - APRIL 28, 2015: On Thursday April 30, it will be 70 years since Adolf Hitler and his wife Eva Braun committed suicide in their bunker located under the Reich Chancellery in Berlin.  As the Soviet Unions' Red Army advanced into Berlin, it is believed that Hitler shot himself after taking cyanide with his new wife on April 30, 1945. In accordance with his prior instructions, their bodies were taken to the Reich Chancellery garden and burned. Nazi Germany's surrender and VE Day followed a week later.
Please refer to the following profile on Getty Images Archival for further imagery. 
http://www.gettyimages.co.uk/search/events/544863235?editorialproduct=archival&esource=maplinARC_uki_15apr April 1943:  German Nazi dictator Adolf Hitler planning his next move.  (Photo by Hulton Archive/Getty Images)

Hitler anno 1943.
Bild: Hulton Archive

Überhaupt Bayreuth. Immer wieder zog es Hitler dorthin, wo sein Idol, der Komponist und Antisemit Richard Wagner, gelebt hatte. Der «Führer» berauschte sich an Opernzyklen wie «Der Ring der Nibelungen» und rückte im Laufe der Jahre immer näher an den Wagner-Clan heran. Winifred, Wagners Schwiegertochter und Leiterin der Festspiele, duzte sich mit Hitler, für ihre Kinder war er «Onkel Wolf». Seit 1936 nächtigte der Despot im Siegfriedhaus, nur ein paar Schritte entfernt von der Villa Wahnfried, dem Sitz der Familie Wagner.

«Gehen wir doch kurz ins Esszimmer», sagt Harald Sandner beim Besuch des Siegfriedhauses. «Hier haben Winnie und Wolf miteinander gespeist. Da hinten war der Raum, in dem die Künstlerempfänge stattfanden. Hitler sass dort im Sessel.» Während Hitler mit den Wagners per du war, bewunderten Sandners Grosseltern ihn aus der Ferne. Und bejubelten seine Entscheidungen wie Millionen andere Deutsche.

«Meine Vorfahren waren normale Menschen, liebevolle Menschen. Aber im Endeffekt waren das Nazis. Die waren zwar nicht in der Partei, aber auf Linie bis zum Schluss», erklärt Sandner. Bis heute kann er nicht verstehen, warum. Vieles hat seine Familie durch Hitlers Politik verloren. Als Vertriebene aus dem Sudetenland musste sich Sandners Grossmutter nach dem Kriegsende eine neue Existenz aufbauen. Und verlor trotzdem nie ein böses Wort über den Diktator. «Ich bin der erste Demokrat in meiner Familie», sagt Sandner.

Geschichte als Sucht

Seine jahrzehntelange Beschäftigung mit Hitler ist demnach auch Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte. Sandner will verstehen. Und anderen beim Verstehen helfen. Darum wälzte der Geschichtsforscher Bücher, Akten, Zeitungen und Zeitzeugenerinnerungen. Korrespondierte mit Archiven, Historikern und Heimatforschern. Prüfte und verwarf Fundstellen aus der Fachliteratur. Bisweilen halfen ihm banalste Details weiter, zum Beispiel eine Quittung aus dem Bundesarchiv. Am 17. September 1931 kaufte Hitler in der Grosshandlung Michael Dichtl & Söhne in der Schleissheimer Strasse 26 in München Autoreifen. Und zahlte erst nach einer Mahnung.

(FILE) August 2nd will mark 80 Years since Adolf Hitler became the Fuhrer of Germany. His reign as Fuhrer was between August 2, 1934 - April 30, 1945. In his last official photo, Adolf Hitler (1889 - 1945) leaves the safety of his bunker to award decorations to members of Hitler Youth.   (Photo by Keystone Features/Getty Images)

Das letzte Foto von Hitler aus dem Jahr 1945.
Bild: Hulton Archive

«So kommt ein Puzzlestein zum anderen», sagt Sandner. «Wissen Sie, irgendwie wird es dann einfach zur Sucht.» Deswegen verzichtete er auf vieles. Statt im Urlaub zu entspannen, studierte er Akten. Statt zu schlafen, arbeitete Sandner bis Mitternacht an seinem Itinerar. Zigtausende Euros investierte er privat in Reisen auf den Spuren Hitlers. Ist das normal? «Mit Sicherheit nicht», sagt der Hitler-Forscher. «Aber ich hatte den Ehrgeiz, das zu Ende zu bringen.»

In einem Nebeneingang der Villa Siegfried zückt Sandner ein weiteres Foto. Es zeigt Hitler, wie er mit Winifred Wagner das Gebäude in Richtung des Festspielhauses verlässt. Die Aufnahme verdeutlicht, warum Sandners Buch für die weitere Forschung zum Nationalsozialismus wichtig ist. «Wo Hitler war, war die Macht», erklärt er. Als Diktator traf Hitler unterwegs an beliebigen Orten Entscheidungen. Ähnlich wie die mittelalterlichen Herrscher des Heiligen Römischen Reichs. Daher ist es von grosser Bedeutung, wann und in wessen Gesellschaft er Entschlüsse fällte. Auch die Familie Wagner beeinflusste Hitler in ihrem Sinne: Er wendete den drohenden Bankrott der Festspiele ab.

Exakt hat Sandner deshalb alle Aufenthaltsorte, Reiserouten und Tagesabläufe Hitlers bis hin zu genutzten Verkehrsmitteln ermittelt – so weit sie heute noch rekonstruierbar sind. Seine Akribie hält er für gerechtfertigt. «Natürlich kann man sagen, dass es egal sei, ob Hitler um 15 Uhr oder später durch irgendeinen Ort gefahren ist. Für diejenigen, die aber an Lokalgeschichte interessiert sind, ist es äusserst spannend.» Sein «Hitler. Das Itinerar» schliesst als Nachschlagewerk für Wissenschaftler, Heimatforscher und Geschichtsinteressierte eine bedeutende Lücke in der Forschung über den Diktator.

Am 23. Juli 1940 besuchte Hitler übrigens seine letzte Oper in Bayreuth. «Götterdämmerung», erklärt Harald Sandner. «Das passt ja.»

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 17.04.2016 01:18
    Highlight Es war mir immer schon ein Rätsel, wieso Leni Riefenstahl nicht zum Tode verurteilt worden ist. Und allen Leuten war es egal. Sogar den Juden. Hatte Leni Riefenstahl gute Beziehungen? Die Justiz ist eine Lotterie. Immer und überall.
    7 16 Melden
  • Heinz Kremsner 16.04.2016 23:33
    Highlight Hmmm und der Hitler-Besuch in Zürich ? Ist das Bekannt ? Im August 1923 reiste Hitler mit einem gefälschten Visum (Studienzwecke) in die Schweiz um Geld zu sammeln für sich und die NSDAP. Nur Reiche spendeten. Es gab eine Hitler-Rede in Zürich und anderswo. Wie sich Hitler ja von Reichen finanzieren liess. Und ab 1933 gab es die Hitler-Spende. Siehe auch http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/hitlers-rede-in-zuerich-hallt-nach/story/19210521
    14 1 Melden
    • Thinkerer 26.04.2016 12:34
      Highlight Wenn das so war, dann ist es zweifellos bekannt.
      2 0 Melden
  • Karl Müller 16.04.2016 19:43
    Highlight "Simon Wiesenthal hat einmal gesagt: ‹Aufklärung ist Abwehr›"

    Richtig. Und in diesem Sinne ist es natürlich zu begrüssen, dass wir jetzt darüber aufgeklärt sind, dass Hitler 14 Tage im ersten Stock einer Villa in der Bayreuther Lisztstrasse gewohnt hat. Damit es nie wieder einen Holocaust gibt.

    Ich möchte auch auf mein demnächst erscheinendes Werk aufmerksam machen: "Hitlers Schnurrbartpomade. Die Marken, die Dosis, der Fettgehalt - die volle Wahrheit." Bitte kaufen, denn Vergessen heisst, dass Geschichte sich wiederholt!
    30 103 Melden
    • Anidal 16.04.2016 23:15
      Highlight Und ich möchte auf mein Buch aufmerksam machen "Satire ja - Holocaust verspotten nein; lerne auch du deine Mitmenschen mit Witzen zu verzaubern"
      Erscheint im mirhändüsaligärn Verlag
      30 12 Melden
    • Karl Müller 17.04.2016 09:19
      Highlight @Anidal: Ich habe mit keinem Wort den Holocaust verspottet. Ich finde es unangemessen, wenn ein Werk, in dem Daten aufgelistet werden, zu welchem Zeitpunkt Hitler am 11. März 1925 mit welchem Fahrzeug wo vorgefahren ist, als Werk der "Abwehr" verstanden wird. Darüber habe ich mich lustig gemacht und über nichts anderes.
      9 11 Melden
    • Toerpe Zwerg 17.04.2016 11:52
      Highlight Und genau damit liegen Sie falsch. Es ist hervorragen, in diesem Detaillierungsgrad über die Aufenthaltsorte Hitlers bescheid zu wissen und es wird vielen Historikern wertvolle Hinweise geben und manche Geschichtslegende entlarven, gerade bei der extrem verbreiteten Relativierung der Beteiligung von Personen, Organisationen und Orten am NSDAP Wahnsinn und direkt oder indirekt auch am Holaucaust.
      9 2 Melden
    • Randy Orton 17.04.2016 12:00
      Highlight Wenn gewisse Städte und Dörfer sich schon fast damit rühmen, nichts mit Hitler zu tun gehabt zu haben und dann rauskommt, dass Hitler selbst fast 20 Mal dort war und eben die Stadt doch mehr geprägt hat und reiche Bürger mit Hitler bekannt waren, dann ist so ein Werk sicher zur Faktensicherung sicher dienlich.
      17 0 Melden
  • Citation Needed 16.04.2016 19:43
    Highlight Slide 23/25: da steht Reni Liefenstahl, hihi. Habt ihr statt des Filmplakats einen Youtube-Tribut gescreenshottet? ;-)
    31 1 Melden
    • NackNime 18.04.2016 09:02
      Highlight Kamera: Falter Wrentz. :)
      4 0 Melden

Who runs the world? 148 Frauen, die ihr euch zum Vorbild nehmen könnt 

Wir haben einen Kanon gemacht. Das ist dieses Ding, in dem normalerweise steht, welche männlichen Künstler, Wissenschaftler, Denker für die Welt notwendig sind. Aber nicht bei uns. #DIEKANON

In Zusammenarbeit mit: Jelena Gučanin, Nana Karlstetter, Mahret Kupka, Julia Pühringer, Theresia Reinhold, Hedwig Richter, Nicole Schöndorfer, Margarete Stokowski und Brigitte Theissl.

Je verwirrender die Welt scheint, um so stärker wird dem Menschen die Sehnsucht nach einer Ordnung. Nach einer Einordnung. Nach anderen Menschen, die ihm Ideen, Anregung und Halt geben. Die ihm Leuchtturm sein können, in der immer wiederkehrenden, scheinbar schrecklichsten aller Zeiten.

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