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Kupferstich von Theodore de Bry (1594): «Landung des Kolumbus auf Guanahani». Bild: ulrich-menzel.de

Politik mit roten Pünktchen

Wenn sich Grenzverläufe in Atlanten der Wahrheit versperren

Wie soll die Krim künftig in Atlanten aussehen? Putin dürfte sie sich auch kartografisch schnell einverleiben, auf ukrainischen Karten wird das anders aussehen. «Einestages» erinnert an gezeichnete Grenzlinien, mit denen Politik gemacht wurde. 

03.04.14, 23:56 04.04.14, 10:53

Ein Artikel von

Christoph Gunkel, spiegel online

Die neuen Insignien der Macht waren schnell etabliert. Auf der Krim weht nun die russische Fahne, russische Einheiten patrouillieren, der Rubel ist Zahlungsmittel und die ersten russischen Pässe sind ausgehändigt. Völkerrecht hin oder her – Wladimir Putin fehlt eigentlich nur noch eines, bis er sein Lehrstück über die Annexion eines strategisch wichtigen Gebiets vollendet hat: die Veränderung des Status der Krim auf den Weltkarten. 

«Ich vermute, dass sich Russland die Krim auch kartografisch sehr schnell einverleiben wird.»

Georg Stöber

«Ich vermute, dass sich Russland die Krim auch kartografisch sehr schnell einverleiben wird», sagt Georg Stöber, Forscher am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig und Leiter des Arbeitsfeldes «Schulbuch und Konflikt». Die Ukraine wiederum könnte die Krim künftig im Gegenzug in ihren Atlanten als «unter russischer Besatzung» bezeichnen – oder die neuen politischen Realitäten komplett ignorieren und einfach so tun, als sei die Krim weiterhin integraler Teil der Ukraine. 

Seit mehr als 20 Jahren befasst sich Geograf Stöber mit Schulatlanten und weiss, wie einfach «mit Karten langfristig Geschichtsbilder und Identitäten konstruiert werden können». Die Methoden sind so subtil wie wirkungsvoll: Grenzen werden verändert und dann, je nach politischer Zielsetzung, dick wie Bollwerke oder dünn und zerbrechlich wie Haarnadeln gezeichnet. Länder werden einheitlich eingefärbt, um eine Homogenität zu suggerieren, die angesichts der gesellschaftlichen Wirklichkeiten blanker Hohn ist. Historische Beispiele für diese Macht der Karten gibt es viele – auch aus Deutschland.

Russische Karten schlagen die umstrittenen Gebiete eindeutig ihrem Land zu, wie dieses Exemplar aus einem russsichen Schulbuch von 1998 zeigt.  Karte: Spiegel Online

Zur japanischen Karte

Vielsagendes Weiß: Die langgezogene Inselkette der Kurilen gehört heute zu Russland, aber der südliche Teil der Inseln wird seit Jahrzehnten von Japan beansprucht. Dementsprechend kennzeichnet dieses japanische Schulbuch von 1974 die Kurilen (nordöstlich von Hokkaido) farblich nicht als Teil der Sowjetunion, sondern taucht sie in ein eher neutrales Weiß. Hintergrund des Streits ist ein Vertrag zwischen dem russischen Zarenreich und dem japanischen Kaiserreich, in dem Japan ein Großteil der Kurilen zugeschlagen wurde, weil das Land dafür im Gegenzug auf seine Ansprüche auf die rohstoffreiche Insel Sachalin verzichtete. Am Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben sowjetische Soldaten die Japaner von den Kurilen, seitdem beansprucht Tokio zumindest den südlichen Teil der Inselgruppe für sich. Immer wieder kam es deshalb zu heftigen Konflikten zwischen den beiden Staaten. 

Japnische Karte aus einem Schulbuch von 1974. Karte: International Society for Education

Deutschland schrumpfte – nur nicht in seinen Atlanten

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg etwa wurde Deutschland in Atlanten trotzig in seinen Grenzen von vor 1914 abgebildet. Die Gebietsverluste durch den Versailler Vertrag? Egal! Per Erlass drängte die preussische Schulverwaltung die Verlage dazu, die politische Realität zu ignorieren. Eine Kulturpolitik, die allerdings auch eine verbreitete gesellschaftliche Stimmung widerspiegelte, welche in dem verhassten Vertragswerk ein verbrecherisches «Friedensdiktat» der Siegermächte sah.

Krieg verloren? Egal! Dass der damals vielen Deutschen verhasste Versailler Friedensvertrag von 1919 nicht anerkannt wurde, spiegelte sich auch in den nationalen Schulbüchern der Weimarer Republik wider. Trotzig wurde Deutschland in seinen Atlanten weiter in den Vorkriegsgrenzen abgebildet, hier ein Diercke-Weltatlas von 1925. Diese Art der Darstellung ging allerdings nicht auf den Willen der Verlage zurück, sondern wurde ihnen per Erlass der preussischen Schulverwaltung aufgezwungen.  Karte: Georg Westermann Verlag

Dasselbe Spiel nach dem nächsten verlorenen Weltkrieg: Deutschland schrumpfte noch weiter zusammen – nur nicht in seinen Atlanten. Da wurde etwa in einer Diercke-Ausgabe von 1951 die Bundesrepublik weiter in den Grenzen von 1937 dargestellt. Und von der DDR? Keine Spur. Das war nicht etwa der Wunsch der Verlage, sondern ein Beschluss der seit 1948 tagenden Kultusministerkonferenz. 

Zur deutschen Karte nach 1945

Noch einen Krieg verloren? Auch egal! In dieser Diercke-Ausgabe von 1951 ist die Bundesrepublik im Prinzip weiter in den Grenzen von 1937 dargestellt. Die eigentlichen Grenzen, die Oder-Neiße-Grenze etwa, werden nur in kaum erkennbaren roten Pünktchen dargestellt. Das suggeriert rein grafisch, dass diese Grenzen nur vorübergehend bestehen und keine anerkannten Staatsgrenzen sind. Auch die DDR ist kaum zu finden und nur durch kleine Pünktchen begrenzt. Hintergrund war die Position Bonns, dass die deutschen Grenzen bis zum Abschluss eines endgültigen Friedensabkommens unter Teilnahme der vier Siegermächte nur unter Vorbehalt akzeptiert sind. Per Entscheid der Kultusministerkonferenz wurden die Verlage angehalten, diese Haltung auch grafisch umzusetzen.

Diercke-Ausgabe von 1951. Karte: Georg Westermann Verlag

Die radikalen politischen Veränderungen der Nachkriegszeit deuteten diese Karten nur zaghaft an. Kaum erkennbare dünne, gepunktete Linien, so fragil wie Perlenketten, sollten das verschleiern, was sie de facto darstellten: die östlichen Staatsgrenzen Deutschlands, die Oder-Neisse-Grenze. Die Punkte aber suggerierten, diese Grenzen seien weder endgültig noch politisch anerkannt. Die dicken roten Linien weiter östlich dagegen sahen dann wie die wahren Staatsgrenzen der Bundesrepublik aus. Experte Stöber bestätigt: «Im Atlas von 1951 ist die eigentliche Grenze durch rote Punkte markiert, die Atlas-Signatur für eine Staatsgrenze war aber schon damals eine dicke rote Markierung.»

Kleine kartografische Wunder

Alles sollte also so aussehen, als wären Breslau, Stettin und Königsberg, West- und Ostpreussen sowie Schlesien noch deutsch. Oder zumindest bald wieder: Denn für diese Gebiete vermerkten die Karten deutscher Atlanten, sie seien «unter polnischer Verwaltung» beziehungsweise «unter sowjetischer Verwaltung». Daran änderte auch Brandts Ostpolitik wenig. Trotz der Annäherung blieb die offizielle Haltung der Bundesrepublik, die Ostgrenze bis zum Abschluss eines endgültigen Friedensabkommens unter Teilnahme der vier Siegermächte nur unter Vorbehalt zu akzeptieren. 

Und doch ereigneten sich in dieser Zeit kleine kartografische Wunder: Der Diercke-Atlas von 1971 etwa kennzeichnete die Oder-Neisse-Grenze nun nicht mehr mit kleinen roten Punkten, sondern mit einer dicken – wenn auch durchbrochenen – Linie. Das war zwar noch keine Staatsgrenze, aber deutlich mehr als die Pünktchen. Eine Aufwertung, die das verbesserte Verhältnis zum Nachbarn widerspiegelte. 

Erst mit der Wiedervereinigung wurden 1990 im Zwei-plus-Vier-Vertrag die deutschen Ostgrenzen endgültig anerkannt. Jetzt reagierten auch die Verlage. Die löchrigen Grenzen verwandelten sich grafisch plötzlich in durchgezogene Linien, und auch die Städtenamen wurden nun erstmals in Polnisch statt in Deutsch angegeben.

Kaschmir indisch? Nein, pakistanisch!

Der Eiertanz um Punkte und Striche ist kein deutsches Phänomen. Indische Schulbücher etwa schlagen bis heute das von Pakistan und Indien beanspruchte Kaschmir komplett der Heimat zu; pakistanische Schulbücher machen es umgekehrt ähnlich. 

Zur indischen Karte: 

Aus indischer Sicht gibt es in diesem Punkt keine Fragen, ganz Kaschmir gehört natürlich zu Nordindien. So wird es auch in diesem Schulbuch von 2002 dargestellt. Die Karte von Jammu und Kaschmir entspricht aber in keiner Weise der komplexen Realität in dem Gebiet, das seit 1947 heftig umkämpft ist, nachdem die britische Kolonialmacht Indien und Pakistan in die Unabhängigkeit entlassen hatte. Denn auch Pakistan beansprucht und kontrolliert einen Teil des ehemaligen Fürstentums Kaschmirs, die Northern Areas. Es gibt nach mehreren indisch-pakistanischen Kriegen um die Region seit 1971 eine «Line of Control», eine mehr als 700 Kilometer lange militärische Grenze, welche die Northern Areas von der indischen Provinz Jammu und Kaschmir trennt. Auf der Karte im Schulbuch sind die Umrisse der Region so gezeichnet, als wären auch die pakistanischen Gebiete Teile Jammu und Kaschmirs – also Indiens. 

Zur pakistanischen Karte

Ganz so dreist sind die Kartografen dieses pakistanischen Schulbuches von 2005 nicht vorgegangen. Die Aufteilung in Northern Areas und Jammu und Kaschmir ist zumindest gekennzeichnet. Allerdings sieht es durch die ganze Gestaltung der Karte so aus, als sei die indische Provinz Jammu und Kaschmir ein Teil Pakistans – etwas verschämt wird noch einschränkend gesagt, dies sei «disputed», also umstritten.

Indisches Schulbuch von 2002. Karte: Spiegel Online

Aus einem pakistanischen Schulbuch von 2005. Karte: Spiegel Online

Auf chinesischen Karten ist Taiwan nicht als eigenständiger Staat, sondern als Teil der Volksrepublik China verzeichnet. 

Zur chinesischen Karte

Bereits farblich ist in diesem Schulbuch von 2001 klargemacht, dass die rosa Insel integraler Bestandteil der Volksrepublik ist. 

Chinesisches Schulbuch von 2001. Karte: Spiegel Online

Zur taiwanischen Karte

Zwei Chinas? Der Status von Taiwan, auch als Republik China bekannt, ist bis heute umstritten. Taiwan – am Ende des Chinesischen Bürgerkrieges der letzte Rückzugsort der nationalen Kuomintang vor den Kommunisten – wird heute nur noch von ein paar überwiegend unbedeutenden Staaten anerkannt. Allerdings wurde die Insel lange Zeit de facto von den USA anerkannt und wirtschaftlich und militärisch unterstützt – als Gegengewicht zum kommunistischen Festlandchina. Taiwan war ab 1945 auch Mitglied der Uno. Doch dann näherten sich wichtige Staaten wie Frankreich, Großbritannien und die USA der Volksrepublik an. Das führte zu einem dramatischen Kurswechsel: China wurde 1971 in die Uno aufgenommen, während Taiwan seinen ständigen Sitz in der Uno verlor. Das hindert taiwanische Kartografen bis heute nicht daran, die Insel in ihren Schulbüchern – wie hier 1997 – als eigenständigen Staat darzustellen

Taiwanische Kartografen hingegen verfahren da ganz anders: 

Taiwanische Karte aus einem Schulbuch von 1997. Karte: Spiegel Online

«Solange die Bundesrepublik den Status der Krim nicht anerkennt, werden wir die Krim auf unseren Karten nicht als russisch kennzeichnen.» 

Sprecherin des Klett-Verlags

Die Verlage bringen Kriege und plötzliche Grenzänderungen also immer wieder in arge Schwierigkeiten. Wer in Atlanten blättert, sucht nach Klarheit, Orientierung und Objektivität, die er dort aber nicht immer finden kann. So wird es auch im Fall der Krim sein. Eine Sprecherin des Klett-Verlags, der den Haack Weltatlas herausgibt, sagt: «Solange die Bundesrepublik den Status der Krim nicht anerkennt, werden wir die Krim auf unseren Karten nicht als russisch kennzeichnen.» Putin dürfte das verschmerzen. Die Atlanten seines Landes werden anders aussehen.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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