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Die Buchstabiertafel stammt aus Zeiten, als die Telefonverbindungen noch nicht so stabil waren.
bild: shutterstock

Warum wir heute noch buchstabieren wie die Nazis

19.02.16, 17:59 21.02.16, 17:09

V wie viktoria

«Ich nehme ein S wie Siegfried. Und dann ein D wie Dora».
Diese Art von Sätzen ist uns heute wohl vor allem noch aus der Sendung «Glücksrad» bekannt. Aber auch im Alltag kommt die Buchstabiertafel ab und zu noch zum Einsatz. Zum Beispiel, wenn wir am Telefon einen komplizierten Namen buchstabieren wollen, ist dieses System wirklich hilfreich.

Erfunden wurde diese Buchstabiertafel bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Damals hatte man festgestellt, dass wegen der noch sehr schlechten Übertragungsqualität am Telefon eine Buchstabierhilfe nötig sein würde. Also beschloss man, ganz einfach das Alphabet durchzunummerieren: A war also 1, B war 2 und so weiter. Diese Buchstabiertafel wurde dann im Jahr 1890 zum ersten Mal in einem Telefonbuch gedruckt und somit schriftlich festgehalten.

1934 kommt es zur «Reinigung der deutschen Buchstabentafel»

Weil sich die Zahlen jedoch als unpraktisch erwiesen, wurden diese einige Zeit später durch Namen ersetzt. Im Jahr 1903 wurde dann das erste Telefonbuch mit einer Buchstabiertafel gedruckt, in der die Buchstaben durch Namen repräsentiert wurden. Das Alphabet begann damals so: Albert, Bertha, Citrone, David, Emil, Friedrich....

Was fehlt hier: ein Z wie Zeppelin – oder ein Z wie Zacharias?

Anschliessend folgten einige kleinere Reformen wie die folgenden: Aus «Bertha» wurde im Laufe der Jahre erst «Berta» und dann «Bernhard». Aus «Citrone» wurde «Cäsar», aus «Isidor «Ida», aus «Karl» «Katharina» und aus «Paul» «Paula».

Im Jahr 1934 kam es dann – unter der nationalsozialistischen Herrschaft – zu einer grösseren Reform: Bei der «Reinigung der deutschen Buchstabentafel von unerwünschten Namen» wurden alle vermeintlich jüdischen Namen von der Liste gestrichen. So hiess es ab sofort nicht mehr «D wie David», sondern «D wie Dora». Und auch Jakob, Nathan, Samuel und Zacharias mussten ihren Platz räumen. Stattdessen wurden Jot, Nordpol, Siegfried und Zeppelin in die Liste aufgenommen.

So hat sich die Buchstabiertafel verändert:

Mobile-User tippen auf die Liste, um sie zu vergrössern.
Bild: schwender.in-berlin.de

Wäre der Name «Isidor» nicht schon vor der Machtergreifung im Zuge einer anderen Reform von der Liste gestrichen worden, hätte er spätestens jetzt auch weichen müssen – galt er in der Goebbels-Propaganda doch geradezu als Synonym für das Wort «Jude».

Schaut man sich die Liste an, sieht man, dass in der Version von 1934 noch weitere Änderungen vorgenommen worden sind. Auffällig ist dabei vor allem der Buchstabe Y. Dieser war beim Buchstabieren bisher ganz einfach «Ypsilon» genannt worden. Nach der «Säuberung» hiess er dann «Ypern».

Dabei handelt es sich um einen Ort in Belgien, an dem im Ersten Weltkrieg mehrere Schlachten stattgefunden hatten, darunter eine, bei der die Deutschen zum ersten Mal Giftgas eingesetzt hatten. Man nutzte die Reform also gleich noch für ein bisschen nationalsozialistische Propaganda.

Die Idee kam aus dem Volk

Die Idee, die Buchstabentafel zu «arisieren», hatten übrigens nicht die Machthaber selbst, sondern ein paar Denunzianten aus dem Volk. Angefangen hat alles mit der folgenden Postkarte, die am 22. März 1933 verfasst und am 23. März abgestempelt worden ist. Gerichtet war diese an das Rostocker Postamt:

Dort schrieb ein Rostocker Namens Joh. Schliemann – sein Vorname wurde in den Akten abgekürzt – folgende Zeilen: «In Anbetracht des nationalen Umschwungs in Deutschland halte ich es für nicht mehr angebracht, die in der Buchstabiertabelle des Telefonbuchs aufgeführten jüdischen Namen wie David, Nathan, Samuel etc. noch länger beizubehalten. Ich nehme an, dass sich geeignete deutsche Namen finden lassen. Ich hoffe, in der nächsten Ausgabe des Telefonbuchs meinen Vorschlag berücksichtigt zu sehen.»

In der Folge kam es zu einem Schriftverkehr zwischen dem Postamt in Rostock, der Oberpostdirektion in Schwerin und dem Postministerium in Berlin. In einem Schreiben, das von Schwerin nach Berlin gesandt wurde, wird dem auf der Postkarte gemachten Vorschlag zugestimmt.

«Nachdem die nationale Bewegung zum Durchbruch allgemein gekommen ist, die sich auch zum Ziel gesetzt hat, den jüdischen Einfluss auf das deutsche Volk herabzumindern, mag es manchen nationalen Kreisen eine Überwindung kosten, bei der Verdeutlichung eines Wortes jüdische Namen anwenden zu sollen», heisst es da. Mit dem Telefonbuch von 1934 wird die Reform amtlich.

Samuel und Zacharias (eigentlich) wieder da

Nach dem Ende der Naziherrschaft wurde die Buchstabiertafel im Jahr 1948 wieder entnazifiziert: Dabei fanden aber nur zwei der biblischen Namen den Weg zurück in die Liste – nämlich Samuel und Zacharias. David, Nathan und Jakob sucht man dort vergebens.

Und wie es scheint, haben sich Siegfried und Zeppelin – also die Buchstabier-Varianten der Nazis – bis heute fest in unseren Köpfen verankert. Der Medienprofessor Clemens Schwender schrieb 1997: «In der TV-Gameshow ‹Glücksrad› buchstabieren die Kandidaten immer wieder ‹S wie Siegfried›. So zeigen die zwölf Jahre, die eigentlich 1000 währen sollten, auch heute noch Wirkung. Samuel ist völlig ungebräuchlich, selbst Sekretärinnen, die es eigentlich gelernt haben sollten, benutzen das Wort kaum.»

Übrigens: Die Schweizer Buchstabiertafel weicht in grossen Teilen von der deutschen Version ab. Dank der Sendung «Glücksrad» kommt uns aber auch hierzulande «D wie Dora» «A wie Anton» deutlich bekannter vor als «D wie Daniel» und «A wie Anna».

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • BerriVonHut 20.02.2016 11:15
    Highlight Ich denke, alle die mal in der CH-Armee waren und da funken lernen mussten, kennen nur noch das Nato-Alphabet. Dass es eine deutsche Buchstabiertafel gibt, wusste ich nicht einmal :)
    11 1 Melden
  • Rodolfo 20.02.2016 10:53
    Highlight Zahlen anstelle von Buchstaben: Ich war 6 Jahre alt, da hörte ich in Zofingen -AG- zwei Männer einander zurufen: "88" und der andere auch "88!" Es war ein Jahr nach dem Weltkrieg!Mein Vater erklärte mir dann, dass man früher "Heil Hitler" geschrien hätte, weil dies auch in der Schweiz verboten wurde, haben sich die zwei unverbesserlichen Nazis 88 zugerufen. Weil der H der achte Buchstaben im Alphabet ist……
    Wäre doch ein Tipp für die AfD in Deutschland oder eventuell auch unsere SVP……
    5 4 Melden
    • Thanatos 20.02.2016 14:02
      Highlight Das ist doch ein alter Hut ;). Und zufällig ist das "S" der achtletzte Buchstabe -> SS
      1 0 Melden
    • Metalhat 20.02.2016 17:10
      Highlight Und das S ist der 18 Buchstabe des klassischen lateinischen Alphabets, also:

      SS = 1818 o.O

      Nein Quatsch beiseite, die Neo Nazis habe noch weitere Symbole an denen man sie erkennen kann:
      - Springerstiefel mit weissen Schuhbändeln
      - Kleidermarken mit NSDAP im Namen, bspw. Consdaple (oder so)

      Es gibt einige Listen im Internet auf denen steht welche Marken man meiden sollte wenn man nicht als Nazi gesehen werden will.
      1 1 Melden
  • JoJodeli 19.02.2016 21:12
    Highlight Das wird doch hauptsächlich nur noch von älteren Semestern genutzt. Das ICAO Alphabet setzt sich mehr und mehr durch, unter anderem dank Hollywood und der voranschreitenden Anglisierung.
    16 10 Melden
  • Angelika 19.02.2016 19:32
    Highlight Wenn ich buchstabieren muss, nehm ich das erste Wort, das mir in den Sinn kommt, denn gelernt hab ich die Namen nicht.
    96 3 Melden
  • maxi 19.02.2016 19:30
    Highlight ich kenne nur die nato buchstabiertabelle!
    41 3 Melden
  • acki_ 19.02.2016 19:24
    Highlight Ich verwende einfach das Fliegeralphabet (auch bekannt als ICAO- oder NATO-Alphabet). Das hat irgendwie am meisten Stil und ich muss es sowieso können 😜
    40 3 Melden
  • Gelöschter Benutzer 19.02.2016 19:14
    Highlight Ich buchstabiere mithilfe von Länder- oder Städtenamen. A wie Argentinien, B wie Belgien, usw.
    13 2 Melden
    • Rodolfo 20.02.2016 15:39
      Highlight Joel, welches Land nimmst Du denn für X oder Y?
      1 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 20.02.2016 17:44
      Highlight Rodolfo: Stadt mit X Xiamen (China) Y Yverdon
      1 1 Melden
  • Rendel 19.02.2016 18:53
    Highlight Ich finde den Titel etwas übertrieben. Man könnte wieder einmal eine Änderung machen, wer kennt heute noch eine Berta?
    22 7 Melden
    • Pana 20.02.2016 01:52
      Highlight Einen Blitz für meine Oma :)
      14 0 Melden
    • Rendel 20.02.2016 10:21
      Highlight Der Blitz sei Dir gegönnt :) . Für meine Oma blitze ich mich nun aber nicht selber. ;)
      2 1 Melden
  • Yelina 19.02.2016 18:44
    Highlight Interessant, mein Grossonkel hiess Isidor (Rufname Dori), meine Familie ist aber nicht jüdisch.
    12 2 Melden
    • TanookiStormtrooper 19.02.2016 19:14
      Highlight Naja, der Goebbels hiess auch Joseph, was ja ein jüdischer Name wäre...
      30 1 Melden
    • Yelina 19.02.2016 19:35
      Highlight Alles klar, willkürlich und scheinheilig wie so vieles aus dieser Ecke
      14 6 Melden
    • Karl Müller 19.02.2016 20:30
      Highlight Isidor ist kein hebräischer Name (sondern ein griechisch-ägyptischer), aber ein traditionell christlicher Name. Weil ein paar Heilige so geheissen haben. Das hat mir Wikipedia verraten.

      War aber mal irgendwann zu Zeiten der Judenemanzipation (heute würde man das Integration nennen) ein Modename, weswegen in der Wirkungszeit der Nationalsozialisten viele Juden so hiessen.
      13 0 Melden
  • Madison Pierce 19.02.2016 18:38
    Highlight Lernt man das in der kaufmännischen Ausbildung immer noch so, oder hat sich mittlerweile das NATO-Alphabet durchgesetzt wie in anderen Bereichen?
    8 2 Melden
    • Hierundjetzt 19.02.2016 19:03
      Highlight Das Nato-Alphabet brauchen die Romands für die Deutschschweizer und umgekehrt. Berta (Perta?) und Zeppelin (Tsepelin?) sind ab Freiburg nicht mehr sooo geläufig

      Ansonsten das Chaos perfekt wäre. :-)
      13 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 19.02.2016 19:19
      Highlight Ich laufe meist dem NATO Code über den Weg.
      14 3 Melden

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