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Gletschermumie: Ötzi hatte es wohl mit dem Magen

Musste sich Ötzi vor 5300 Jahren mit Bauchweh herumplagen? Zumindest zeigt eine neue Analyse, dass er mit dem Bakterium Helicobacter pylori infiziert war – und das kann Magengeschwüre und Magenkrebs verursachen.

08.01.16, 13:35 08.01.16, 15:17


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Helicobacter pylori ist ein eher unangenehmer Mitbewohner. Etwa die Hälfte aller Menschen auf der Erde hat mit dem Bakterium zu tun, das wie ein Korkenzieher aussieht und in der Magenschleimhaut lebt. Und rund zehn Prozent der Infizierten entwickeln ernsthafte Probleme wie Magengeschwüre, Magenentzündungen oder gar Magenkrebs.

Ein internationales Forscherteam mit deutscher Beteiligung hat den Erreger nun auch bei der Gletschermumie Ötzi nachgewiesen. Und nicht nur das: Den Untersuchungen zufolge hatte er sogar eine aggressive Variante des Erregers im Magen.

Der gefundene Erreger ähnele Varianten, die heute in Mittel- und Südasien kursieren, berichten die beteiligten Forscher im Fachblatt «Science». Aus dieser Erkenntnis, so die Wissenschaftler, liessen sich auch Rückschlüsse über Wanderungsbewegungen von Homo sapiens nach Europa ableiten. Oder aber, das ist die andere Variante: Ötzi war gar kein typischer Bewohner der Gegend, in der er sein Leben liess.

«Es war sehr unwahrscheinlich, etwas zu finden, da Ötzis Magenschleimhaut nicht mehr vorhanden ist.»

Albert Zink, Paläopathologe

Die ältesten bisher bekannten Varianten von Helicobacter pylori stammen aus den Achtzigerjahren. Das Bakterium wurde erst 1983 entdeckt und bescherte den australischen Forschern Barry Marshall und Robin Warren im Jahr 2005 den Nobelpreis. Doch vermutlich begleitet der Erreger den Menschen schon seit mindestens 100'000 Jahren. 

Magenschleimhaut war nicht mehr vorhanden

Der Mageninhalt der Gletschermumie war vor fünf Jahren schon einmal analysiert worden. Doch noch immer gibt es neue Erkenntnisse. Allein die Tatsache, dass die Forscher das Genom des Magenkeims nun rekonstruieren konnten, wertet der Mikrobiologe Sebastian Suerbaum von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) als technologischen Durchbruch. Suerbaum war nicht an der Untersuchung beteiligt.

«Es war sehr unwahrscheinlich, etwas zu finden, da Ötzis Magenschleimhaut nicht mehr vorhanden ist», sagt auch der Paläopathologe Albert Zink von der Europäischen Akademie (EURAC) in Bozen, einer der Studienleiter. Daher analysierten die Forscher die Gesamt-DNA des Mageninhalts – und wurden fündig.

Ötzi Photoscan

Das Südtiroler Archäologiemuseum und die Europen Academy of Bozen (EURAC) haben ein hochauflösendes zoombares Bild der Gletschermumie online gestellt. 

«Nachdem wir das Genmaterial des kompletten Mageninhaltes extrahiert hatten, konnten wir mit einer speziellen Methode die einzelnen Helicobacter-Sequenzen herausfischen und ein 5300 Jahre altes Helicobacter-pylori-Genom rekonstruieren», so Zinks Kollege Frank Maixner.

Das Genom deutet darauf hin, dass Ötzi eine aggressive Variante des Keims in sich trug. Ob der Erreger beim Gletschermann aber tatsächlich Magenbeschwerden verursachte, liess sich wegen der fehlenden Magenschleimhaut nicht mehr ermitteln.

Überraschenderweise trug Ötzi nicht jene Variante der Erregers, die heutige Europäer tragen. Stattdessen ähnelt der Typ stark jenen Stämmen, die heute in Mittel- und Südasien vorkommen. Forscher glauben, dass es ursprünglich einen afrikanischen und einen asiatischen Stamm des Erregers gab, die sich irgendwann zum heutigen europäischen Stamm vermischten. 

Eine der am besten untersuchten Leichen der Welt

«Bislang vermutete man, dass die Menschen der Jungsteinzeit, die sesshaft wurden und begannen, Ackerbau zu betreiben, diesen europäischen Stamm bereits mitbrachten», sagt Maixner. «Ötzi lehrt uns, dass dies nicht der Fall war. Die Vermischung der beiden Helicobacter-Stämme hat somit vermutlich erst nach Ötzis Zeit stattgefunden, was zeigt, dass die Besiedlungsgeschichte Europas viel komplexer ist als angenommen.»

«Der H. pylori des ‹Eismannes› ist fast vollständig typisch für die Bakterienpopulation asiatischen Ursprungs, die vor der Vermischung in Europa existierte», schreibt das Team in «Science». Das deute darauf hin, dass die afrikanische Population des Bakteriums Europa erst vor wenigen Tausend Jahren erreichte.

Unklar sei allerdings, so räumen die Forscher ein, ob die Variante tatsächlich typisch ist für die damalige Jungsteinzeit in Europa.

Die etwa 5300 Jahre alte Gletschermumie Ötzi war 1991 in den Ötztaler Alpen im Grenzgebiet zwischen Italien und Österreich gefunden worden. In Gletschereis verpackt, hatten sich seine sterblichen Überreste über Jahrtausende erhalten. Seither arbeiten Scharen von Wissenschaftlern daran, Ötzi möglichst viele Informationen zu entlocken.

Eine in der Schulter entdeckte Pfeilspitze aus Feuerstein offenbarte, dass der Mann getötet wurde. Kurz zuvor hatte er unter anderem Fleisch von einem Ziegenbock gegessen. Man weiss auch, dass er Karies und Parodontitis hatte und unter Stress und Borreliose litt. Augenfarbe, DNA und Blutgruppe sind bekannt – ebenso, dass der Gletschermann laktoseintolerant und mit 61 Tattoos verziert war. Auch Versuche zur Rekonstruktion seines Gesichts gab es. (chs/dpa)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Humbolt 09.01.2016 07:42
    Highlight Der Artikel wird die Leute unnötig zum Hausarzt schicken. Es laufen sicher nicht 5% der Schweizer Bevölkerung mit einem Magengeschwür oder gar Krebs herum!
    Die Auswirkungen von H. pylori hängen mit hygienische Zuständen zusammen. Zudem ist er sehr gut therapierbar und daraufhin bildet sich das Geschwür zurück. Sogar gewisse mit HP-assoziierte Krebse reagieren auf diese Antibiotika und schrumpfen.
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