Wissen

Invasion der Mongolen, abgewehrt von den Japanern. Bild: Mary Evans Picture Library

Mongolen-Invasion

Zehn Jahre vor dem Rütlischwur mussten sich auch die Japaner gegen eine Grossmacht wehren. Und wie sie das taten!

Zweimal schlug Japan Ende des 13. Jahrhunderts übermächtige Flotten der Mongolen zurück. Die Götter seien zur Hilfe gekommen, besagt die Legende, und hätten Taifune geschickt. Jetzt zeigen Geologen: Da ist was dran. 

10.12.14, 16:58 11.12.14, 15:47

Axel Bojanowski / Spiegel Online

Ein Artikel von

Die Mongolen hatten weite Teile Asiens erobert, ihr Reich dehnte sich Mitte des 13. Jahrhunderts von Europa bis nach China. Dann war Japan an der Reihe. Am 12. August 1281 segelte eine der grössten Flotten der Weltgeschichte über die Koreastrasse, 4400 Schiffe mit 140'000 Soldaten sollen in Japan gelandet sein.

40'000 Samurai und andere Kämpfer stellten sich den Invasoren entgegen. Drei Tage später waren die meisten mongolischen Krieger tot oder gefangen. Damit war nach 1274 der zweite Eroberungsversuch der Mongolen in Japan gescheitert. Wie konnte die Übermacht besiegt werden? 

Der japanischen Legende zufolge hatten sich beide Male höhere Mächte auf die Seite Japans geschlagen. «Göttliche Winde», japanisch «Kamikaze», hätten die Schiffe der Angreifer versenkt. Jetzt haben Geologen Beweise für die Legende entdeckt. 

Im Schlammboden des Daija-Sees nahe dem Schlachtfeld von 1281 haben Forscher Sandschichten gefunden, die während starker Stürme abgelagert wurden. Normalerweise sinken dort winzige Tonpartikel auf den Boden; im Sommer mehr, im Winter weniger. Wie Jahresringe in einem Baumstamm bilden sie feine Schichten. 

Mehr Taifune im Mittelalter 

Als die Wissenschaftler um Jon Woodruff von der University of Massachusetts in Amherst die Sedimente der vergangenen 2000 Jahre untersuchten, machten sie zwei erstaunliche Entdeckungen: Zum einen enthielten Schichten, die 1274 und 1281 abgelagert worden sind, ungewöhnlich viele Steinchen. Zum anderen lagerten sich im Mittelalter deutlich häufiger solch grobe Schichten ab. 

Woodruff und seine Kollegen erkennen in den Ablagerungen die Folgen von Taifunen – Wirbelstürme riesigen Ausmasses, die mit mehr als 200 Stundenkilometern wehen können. Sie treiben Sand und Geröll in den See. 

1274 und 1281 haben demnach besonders starke Taifune gewütet. Die heftigsten wehen üblicherweise im August, wenn das Meer vor Japan am wärmsten ist. «Unsere Studie stützt die These, dass Taifune entscheidend geholfen haben, die Invasionen der Mongolen abzuwehren», schreiben die Forscher im Fachmagazin «Geology». 

Doch auch die zweite Erkenntnis hat es in sich: Zwischen den Jahren 250 und 1600 erlebte Japan deutlich mehr Taifune als seither. Die Forscher vermuten, dass das Wetterphänomen El Niño für erhöhte Sturmaktivität im Mittelalter gesorgt hat. Es treibt regelmässig warmes Wasser über den Pazifik und kann Taifune anfachen. 

Sie kehrten nicht zurück 

Die Kamikaze-Erzählung hat Historikern zufolge die Überzeugung vieler Japaner begründet, ihr Land werde von Göttern beschützt. Allerdings scheint mittlerweile erwiesen, dass die Mongolen ihr Schicksal teils selbst verschuldet haben: Ihnen wurde wohl auch ihre mangelnde Erfahrung in der Seefahrt zum Verhängnis. Ihre Schiffe sollen weniger robust gewesen sein als die der Japaner. 

Der «göttliche Wind» aber zeigte eine langfristige Wirkung: Die Mongolen kehrten nicht mehr nach Japan zurück, das Land blieb jahrhundertelang von Invasionen verschont. Im Zweiten Weltkrieg nutzten japanische Feldherren die historische Siegesgeschichte, um die Selbstmordabstürze ihrer Kampfflieger als Kamikaze zu glorifizieren. 

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
5
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Daniel Severin 10.12.2014 22:24
    Highlight Spannend! Obwohl, mit dem Rütlischwur wehrten sich die Eidgenossen nicht gegen eine Grossmacht im Stile der Mongolen...
    1 0 Melden
  • Stratosurfer 10.12.2014 22:19
    Highlight Weshalb wird einem eigentlich ständig eingebläut El Niño sei ein Produkt des Treibhauseffekts? Offenbar war das Problem vor über 700 Jahren noch brisanter als heute. Ich bin kein Erderwärmungszweifler aber eventuell sollte man gewisse Dinge etwas differenzierter betrachten.
    2 0 Melden
    • sewi 11.12.2014 05:36
      Highlight Weil normalerweise niemand draufkommt. Als ich in den 80 ern zur Schule ging, erzählten uns die Hobbykommunisten der Wald würde sterben....
      1 6 Melden
    • saukaibli 11.12.2014 12:25
      Highlight Dass El Niño ein Produkt des Treibhauseffekts ist, hat mit Sicherheit noch keine seriöse Publikation geschrieben (höchstens vielleicht so was wie Blick oder 20min). Aber El Niño wird durch den Treibhauseffekt verstärkt, wie viele andere Wetterphänomene auch.
      1 0 Melden
  • sewi 10.12.2014 19:35
    Highlight Jetzt fehlt eigentlich nur noch dass sie für die jungen Leute die heldenhaften Kämpfe unserer Vorfahren beleuchten
    1 6 Melden

Verschwörungstheorie? «Jeder mit einer anderen Analyse wird mit Spinnern, Pädophilen und Antisemiten in eine Ecke gestellt»

Ein neuer Dokumentarfilm (siehe Video unten) beleuchtet am Beispiel des umstrittenen Schweizer Historikers Daniele Ganser, welch erbitterte Auseinandersetzungen bei Wikipedia-Artikeln zu kontroversen Themen oder Personen im Hintergrund ablaufen. Gansers Spezialgebiet ist verdeckte Kriegsführung und er erforscht in diesem Zusammenhang auch Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001. Seine Versuche, den Wikipedia-Artikel zu seiner eigenen Person abzuändern, …

Artikel lesen