Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Wie ein niederländisches Kriegsschiff als Insel getarnt den Japanern entkam

Einem niederländischen Minenräumboot gelang 1942 eine unglaubliche Flucht vor Japans Marine und Luftwaffe. Weil der couragierte Kapitän eine sehr gute Idee hatte.

02.03.16, 19:22 04.03.16, 11:28

Danny Kringiel



Ein Artikel von

Ein grünes Paradies, auf die Weltkarte gesprenkelt, am Rand des Indischen Ozeans. Es ist überwuchert von Regenwald und Zigtausenden Pflanzenarten, vom Javanischen Edelweiss bis zu den meterhohen Blüten von Amorphophallus titanum. Die Natur der 17'508 Inseln Indonesiens ist einzigartig. Für wenige Tage war sie um ein Eiland reicher, das ein besonderes Geheimnis verbarg.

Bei genauem Hinsehen hätte man sie am Abend des 6. März 1942 auf dem Meer nahe Surabaya erspähen können: eine kleine Insel, 50 Meter lang, dicht bewachsen, mit einem Hügel in ihrer Mitte – und auf keiner Karte eingezeichnet. Merkwürdig auch, dass aus dem Dickicht auf dem Hügel Rauch aufstieg. Und dass die Insel sich bewegte. Erst unmerklich, dann schneller, immer die Küste entlang.

1000 Seemeilen durch Feindesgebiet

Aber in dieser Nacht fiel sie niemandem auf. Darum überlebten die niederländischen Soldaten, die sich ins Dickicht duckten und an Bord des getarnten Minenräumboots «Abraham Crijnssen» eine der denkwürdigsten Fluchten des Zweiten Weltkriegs wagten.

Gerade hatte das japanische Militär die jahrhundertelange Kolonialherrschaft der Niederländer über das damalige «Niederländisch-Indien» beendet, aus Interesse am strategischen Standpunkt und den Rohstoffen. Mit dem Angriff auf Pearl Harbor hatte Japan am 7. Dezember 1941 die auf Hawaii stationierten US-Streitkräfte gelähmt – und parallel eine Invasion in Südostasien gestartet.

Gemeinsam mit den USA und Grossbritannien stemmten die Niederlande sich dagegen, wurden aber bei der Schlacht in der Javasee am 27. Februar vernichtend geschlagen. Alle alliierten Schiffe der Region waren nun zerstört oder auf der Flucht. Bis auf eine Handvoll Hilfsfahrzeuge in Soerabaja (heute: Surabaya) – zurückgelassen in einem gegen Invasoren schutzlosen Inselreich.

Das Schiff «Abraham Crijnssen» war seit 1937 hier stationiert. Den Kommandanten Anthonie Van Miert hatte man Mitte Februar 1942 angewiesen, die Flucht nach Australien vorzubereiten; sie sei auf ein codiertes Signal hin sofort zu starten.

Wie genau Van Miert, 34, das Kunststück vollbringen sollte, fast 1000 Seemeilen durch das von der japanischen Marine und von Fliegern überwachte Meer lebendig zu durchqueren – das hatte man ihm nicht erläutert. Es schien wie ein Himmelfahrtskommando, zumal die «Crijnssen» sich mit ihrer dürftigen Bewaffnung kaum gegen Luftangriffe wehren konnte. Als Van Miert es seiner Besatzung überliess, wer die Flucht wagen wolle, ging ein Grossteil der 46 Männer von Bord.

Getarnt als Mini-Insel

Das Warten wurde zermürbend: Wochenlang verharrte die Rest-Crew im Hafen, zerstörte vorsorglich die eigenen Militäranlagen, rekrutierte notdürftig neue Besatzung und nahm Zivilisten auf, die von Java fliehen wollten. Und weiter kein Fluchtsignal. Während andere Schiffe aus dem verlorenen Hafen aufbrachen, liess Van Miert die «Crijnssen» sorgfältig mit Tarnnetzen behängen – und wartete. Selbst als nach der Niederlage in der Javasee immer noch kein Zeichen kam.

Schiff mit Tarnung: 1000 Seemeilen durch Feindesgebiet

6. März 1942, endlich kommt der Rückzugsbefehl, hastig brechen die letzten Schiffe auf. Nur Van Miert nimmt sich Zeit: Er lässt sein Boot mit Bäumen, Ästen, Gestrüpp und Büschen ausstaffieren, bis es aussieht wie eine kleine Insel. Die wenigen unbedeckten Flecken streichen die Männer eilig in Tarnfarben. Der Effekt ist verblüffend: Wo vor Stunden noch die «Abraham Crijnssen» vertäut war, liegt nun ein schwimmender botanischer Garten, dem sein militärischer Ursprung kaum anzusehen ist.

Bis zum Abend wartet Van Miert. Erst um 21.30 Uhr tuckert die improvisierte Insel aus dem Hafen von Soerabaja und zieht im Schlepptau eine Segeljacht bis in die Madurastrasse mit. Nun ist die «Crijnssen» allein in völliger Dunkelheit, ohne Positionslichter, selbst die Bullaugen sind abgedeckt, um unsichtbar zu werden. Gut 50 Seemeilen schleichen die Niederländer in dieser Nacht ostwärts davon.

In den Morgenstunden erreichen sie Gili Radja. Auf dem winzigen Eiland vor der Südküste Maduras warten bereits alte Bekannte: die Minenräumboote «Jan Van Amstel» und «Eland Dubois», ebenfalls aus Soerabaja geflohen. Die Kapitäne tauschen sich aus, die Crew der beschädigten «Eland Dubois» geht an Bord der «Crijnssen». Zusammen mit der völlig ungetarnten «Jan Van Amstel» weiterfahren? Zu riskant, Van Miert lehnt ab und will hier auch nicht vor Anker bleiben. Zügig legt die «Crijnssen» wieder ab Richtung Nachbarinsel Giligenting.

Im Endspurt versiegt der Treibstoff

Des Kommandanten Bauchgefühl erweist sich als richtig: Noch am Abend um 23.30 Uhr wird die «Van Amstel» vom japanischen Zerstörer «Arashio» versenkt. 21 Mann sterben.

Der Zerstörer «Arashio», der 1942 die «Jan Van Amstel» versenkte. Ein Jahr später ereilte die «Arashio» dasselbe Schicksal, als sie in der Schlacht in der Bismarcksee von Amerikanern zerstört wurde.
bild: gemeinfrei

Knapp ist die «Crijnssen» entkommen, schlängelt sich vorsichtig an den Inseln Sapudi und Goa Goa vorbei und nördlich die Kangeaninseln entlang. Van Miert weiss, dass sein Schiff mit höchstens 15 Knoten chancenlos gegen die Japaner ist – und besinnt sich auf seine grösste Stärke: Geduld. Nur nachts fahren die Männer, am frühen Morgen ankern sie vor Inseln und schlagen noch vor Sonnenaufgang frisches Grünzeug zur Tarnung ab, um den Tag über reglos zu verharren.

Markiert: die Kangeaninseln.

Als die Niederlande Japan am 9. März ihre Kapitulation erklären, befindet sich die «Crijnssen» noch in der feindlich kontrollierten Balisee. Nachts haben die Männer einen 100-Seemeilen-Sprung nach Soembawa (heute: Sumbawa) gewagt – und viel riskiert: Um Mitternacht tauchte auf See eine grosse Silhouette auf. Sofort änderte Van Miert den Kurs und schüttelte den unheimlichen Schatten ab. Doch die Nerven liegen nun blank. Morgens kundschaftet erst ein Motorboot Soembawas Küste aus, bevor die «Crijnssen» vor Anker geht.

Sie haben Glück: Auf der ganzen Insel, so berichten Einheimische, sind keine japanischen Streitkräfte. Und seit vier Tagen wurde kein Flugzeug mehr gesichtet. Gute Voraussetzungen für die letzte Etappe, mehr als 500 Seemeilen übers offene Meer nach Australien. Ein letztes Mal lässt Van Miert neue Tarnfarbe auftragen. Mit der Abenddämmerung brechen sie auf, durch die Alas-Strasse in den Indischen Ozean.

Just zum Endspurt geht ihnen die Puste aus, der Treibstoff wird knapp. Van Miert lässt auf zehn Knoten drosseln. Und so schippert die «Crijnssen» in gemächlichem Fahrradtempo Japans Jagdflugzeugen, Zerstörern und U-Booten davon.

Erst Tage später entdeckt ein Aufklärungsflugzeug der Royal Australian Air Force das Schiff 100 Seemeilen vor der australischen Küste treibend. Der Treibstoff hatte nicht gereicht. Am 15. März, nach neun Tagen auf scheinbar aussichtsloser Mission, wird die «Abraham Crijnssen» in den Hafen von Geraldton gezogen. Als letztes niederländisches Militärschiff, dem die Flucht von Java gelungen ist.

Für seinen Mut und Einfallsreichtum erhält Van Miert das niederländische Verdienstkreuz. Die «Crijnssen» wird Australiens Marine übergeben. Doch für einen Teil der Crew ist die Freude nur von kurzer Dauer – 24 von ihnen werden verpflichtet, unter australischem Kommando weiter auf dem Schiff zu dienen. Grund: Die Kollegen aus Down Under kommen mit den niederländischen Beschriftungen an Bord nicht zurecht.

Das Ziel, Geraldton, in Australien.

Abonniere unseren Daily Newsletter

8
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Schnabuliertier 03.03.2016 15:15
    Highlight Danke Watson für solche Artikel. Schön zu sehen, dass heutige Medien doch noch interessante und inhaltlich reiche Artikel zum Besten geben können! :-)
    40 0 Melden
  • Karl Müller 03.03.2016 12:22
    Highlight Das erinnert mich an die Geschützstellung mitten in Europa, die während des Zweiten Weltkriegs in einer Aktion von bisher nie dagewesenen Ausmasses erfolgreich als Gebirgsland getarnt wurde, was bis zum heutigen Tag aufrechterhalten wurde.
    24 1 Melden
  • shoerli 03.03.2016 11:16
    Highlight Mehr davon! Toller Artikel.
    46 0 Melden
  • Ylene 03.03.2016 09:31
    Highlight Vielen Dank!!! Die Realität schreibt einfach die besten Geschichten... eine weitere unglaubliche aus dem 2. WK ist diejenige vom polnischen Gefreiten Wojtek Niedźwiedź (Wojtek Bär), der im Iran zur 22. Transportdivision des zweiten polnischen Armeekorps stiess - der Bärenwaise wurde gegen Konserven getauscht. Wojtek zog dann mit seinen Soldaten durch ganz Nordafrika und halb Europa, wo er unter anderem an der Schlacht um Monte Cassino teilnahm (er trug Munitionskisten). Am Schluss starb er im schottischen Exil. bspw. https://de.wikipedia.org/wiki/Wojtek_(B%C3%A4r)
    35 0 Melden
  • Newsaddicted 03.03.2016 09:11
    Highlight meine Grossmutter in Holland konnte auch von diesen grauenhaften Zuständen vor ort erlöst werden, jedoch nicht auf diesem Schiff.
    schöne Geschichte!
    15 0 Melden
  • SuicidalSheep 03.03.2016 09:10
    Highlight Strategische Meisterleistung des Kapitäns. Sehr schön geschrieben.
    29 0 Melden
  • Baba 03.03.2016 06:56
    Highlight Was für eine unglaubliche Geschichte! Danke watson!
    54 0 Melden
  • Sanchez 02.03.2016 23:08
    Highlight Ein grossartiger Bericht mit einem schönen Ende (trotz der dunklen Zeit damals). Thumbs up Watson! Mehr davon..
    120 0 Melden

Wie sich die indische Banditenkönigin an den Männern rächte

Mit elf Jahren wird das Bauernmädchen Phoolan Devi von ihrem Ehemann vergewaltigt. Ihr Leben lang werden sich Männer an ihr vergehen, stets in Gruppen, Polizisten, Männer ihrer eigenen und höherer Kasten. Doch Phoolan überlebt alles. Die Wut über die Ungerechtigkeit und der Gedanke an Rache lassen sie nicht sterben. 

In welchem Jahr sie geboren ist, weiss Phoolan nicht. Sie weiss nur, dass es am Tag des Blumenfestes war, deshalb hat ihre Mutter sie Phoolan getauft, Blume. Sie hatte drei Schwestern und einen Bruder, von dem man hingegen ganz genau wusste, wann er zur Welt gekommen war. Er musste rechtzeitig zur Schule angemeldet werden. 

Die Mutter klagte oft über die vielen Mädchen, die ihr die Götter bescherten, wenn sie so vor einem Kuhfladen hockte und daraus einen Dungziegel formte. Es war besser …

Artikel lesen