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«National Geographic»-Illustrationen: So schön können Infografiken sein

Seit 138 Jahren erklärt das Magazin «National Geographic» Natur und Technik mit Infografiken. Nun erscheinen die Illustrationen als opulenter Bildband. Man lernt, dass auch ein Bild von 1920 reichen kann, um die Welt zu verstehen.

Frank Patalong



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Dom-Bau bei «National Geographic». bild: Taschen/ National Geographic

Ein Artikel von

Spiegel Online

Im Jahr 1538 veröffentlichte Andreas Vesalius seine «Tabulae anatomicae»: Auf sechs Schautafeln eröffnete er seinen Lesern im Sinne des Wortes den menschlichen Körper. Schicht für Schicht ging er ihm unter die Haut und die Muskeln bis hinab zu den Organen und zum Skelett.

Wenn man so will, waren die Tabulae das erste Werk, das komplett auf Infografiken fusste: Statt umständlich komplexe Dinge zu beschreiben, genügten ihm detailreiche, kommentierte Zeichnungen. So naheliegend uns das heute erscheint, war es zu seiner Zeit eine Offenbarung: Wenn man Dinge visualisiert, werden komplizierte Sachverhalte selbst für Laien nachvollziehbar.

Seit neben der wissenschaftlichen Fachliteratur auch eine populärwissenschaftliche Presse entstand, ist die Infografik zur Brücke zwischen Fachwissen und Laien-Verständnis geworden. Kaum eine Zeitschrift hat das dermassen gekonnt auf die Spitze getrieben wie «National Geographic», 1888 als Mitgliedzeitschrift der Forschungsgesellschaft National Geographic Society gegründet.

Der Beginn der Wissenspresse

Die stützte sich auf Spenden wissenschaftsbegeisterter Laien, und die wollten natürlich auch sehen und verstehen, was ihr Geld bewirkte. Die Grafiker des «National Geographic» taten ihr Bestes, um das möglich zu machen: Auf Konstruktionsschemata, anatomische Zeichnungen oder kommentierte Karten in den ersten Jahren folgten bald schon visualisierte statistische Daten, vor allem aber bildliche Darstellungen komplexer Zusammenhänge.

Die Breite der Inhalte produzierte Vielfalt: Die Society, ursprünglich von der klassischen Welterkundung kommend, erweiterte ihr Themenportfolio auf immer mehr Themengebiete. Sie machte ihre Zeitschrift zu einer wahren Wundertüte, Prototyp der nun immer populärer werdenden Wissenspresse.

Gern durfte da Astronomie neben Geschichte stehen, Psychologie neben Geologie, die Amazonas-Fauna neben der Erklärung der Methoden der Energieerzeugung. Dabei greift die Zeitschrift gern zum Mittel des gemalten Bildes, selbst wenn prinzipiell Fotos möglich wären.

Erklärende Zeichnungen machen sichtbar, was man sonst nur im Film visualisieren könnte. Sie bringen Dinge zusammen, die durch Raum und Zeit getrennt sind. Die Evolution des Elefanten? Kein Problem: Wie auf einem Familienporträt stehen sie im Bild Kopf an Kopf nebeneinander, auch wenn sie durch Millionen Jahre getrennt sein mögen.

Das zeigt, dass die Illustration letztlich stärker ist als die fotografische Dokumentation, wenn sie gut gemacht ist. In 138 Jahren kam eine Menge davon zusammen, und so ist selbst der äusserst opulente Foliant «National Geographic Infographics», den der Taschen Verlag nun vorlegt, nur ein kleiner Ausschnitt aus diesem umfassenden Output.

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Julius Wiedemann (Hrg.): «National Geographic Infographics»; Taschen-Verlag; Englisch; circa 54 Franken.

Dem aber gibt Taschen ein riesiges Format. Das Hardcover-Buch breitet auf 480 Seiten von fast DIN-A-3-Grösse nach Themenfeldern geordnet Highlights aus verschiedenen Epochen aus, an denen vor allem eines verblüfft: Sie haben Bestand. Viele sind grafisch erkennbar alt, inhaltlich aber nach wie vor korrekt.

Bilderbuch für Erwachsene mit Wissendurst

Natürlich ist das eine Frage der Auswahl, das Buch will beeindrucken, nicht mit überholten Inhalten oder Kuriosa amüsieren. Mitunter ist das schade, weil es kurzweilig wäre, die Sachlichkeit ab und an ein wenig zu brechen.

Die ist – auch das typisch Taschen – dreisprachig: Das Buch ist deutsch, englisch und französisch zu lesen. Die Texte sind knapp und kommentieren meist direkt Bilder, die fast seitenfüllend sind.

Das ist auch deshalb interessant, weil eine der Schwächen der «National Geographic»-Infografik ihre relative Kleinteiligkeit ist: Das Magazin hat ein sehr handliches Format, was es gross zeigen will, muss es auf mehrseitigen Ausklapp-Bildern präsentieren. Auch von denen finden sich im Taschen-Buch so einige – und hier sieht man sie sozusagen endlich im Kinoformat.

So gross hat man das alles noch nicht gesehen, denn wenn man dem Buch eines nicht vorwerfen kann, dann ist es Handlichkeit: Es fühlt sich ein wenig so an, wie im Bus die «Zeit» zu lesen. Nur dass dieses Druckwerk hier vier Kilogramm wiegt.

Das Buch der Wunder

Fazit: «National Geographic Infographics» ist wie die Zeitschrift, auf dem der Band basiert, eine populärwissenschaftliche Wundertüte. Leser, die in solchen Inhalten schwelgen können, werden es lieben. Es ist ein Blätterbuch, das wirklich von seinen Abbildungen lebt. Der dreisprachige Kommentar ist sparsam, nie überfordernd und hier und da wirklich willkommen. Das ist gut, so wie auch der chronologische Index am Ende, der die Illustrationen in ihre zeitliche Abfolge ordnet.

Einen Sach-Index sucht man hingegen vergeblich, aber so ist das Buch ja auch nicht gemeint: Man schlägt darin nichts nach, sondern sieht sich an, wie man früher Wissen aus Astronomie, Geologie oder Medizin visualisierte. Es ist ein Bilderbuch der Entwicklung unserer illustrativen Fertigkeiten bei der Vermittlung von Wissenschaft – und als solches macht es Wissens-Junkies jede Menge Spass.

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