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Vor 100 Jahren: Ku-Klux-Klan-Film in den USA

Missgeburt einer Nation

Liebe, Mut und Rassenhass: 1915 sprengte der Stummfilm «Birth of a Nation» als erster Blockbuster der Geschichte alle Kassenrekorde. Afroamerikaner waren schockiert. Ungeniert glorifizierte der Streifen den Ku-Klux-Klan.

10.02.15, 10:23 10.02.15, 11:10

Marc von Lüpke / Spiegel Online

Ku-Klux-Klan – «Birth of a Nation»

Ein Artikel von

In den Strassen herrscht der Terror. Der Amerikanische Bürgerkrieg ist seit wenigen Jahren vorbei, und ein wütender Mob drangsaliert die aufrechten Bürger der kleinen Stadt Piedmont im ländlichen South Carolina. Verzweifelt verstecken sich die Menschen in ihren Häusern und beten zu Gott. Besonderes Unheil droht der Jungfrau Elsie Stoneman: Der Anführer will sie zur Frau.

Doch die Rettung naht! Zu den Klängen von Richard Wagners «Walkürenritt» preschen Hunderte Männer im Galopp auf ihren Pferden heran. Voller Tapferkeit schlagen sie die Übeltäter in die Flucht und erlösen Elsie von ihrem Peiniger. Und sie kommen einer weiteren Frau zu Hilfe, die sich aus Angst vor den Gewalttätern in einer kleinen Hütte vor der Stadt verbarrikadiert hat. Buchstäblich in letzter Sekunde erklingt auch hier der «Walkürenritt». Aus allen Rohren feuernd treffen die Retter ein und schlagen die Bösewichter in die Flucht. Ende gut, alles gut?

«Verteidigung des arischen Geburtsrechts»

Kaum war die Rettung der beiden Frauen auf der Leinwand erfolgt, hielt es am Abend des 8. Februar 1915 im Clune's Auditorium in Los Angeles kaum einen der mehr als 2000 Zuschauer auf seinem Platz. Ausser sich vor Begeisterung stampften die Menschen mit den Füssen auf den Boden und schrieen in den Saal. So bewegend, so aufregend war für sie der heldenhafte Ritt der Männer zur Errettung der Unschuldigen gewesen. Stundenlang hatte der monumentale Streifen, der kurz nach seiner Uraufführung den Titel «Birth of a Nation» (Geburt einer Nation) erhielt, die Besucher auf das dramatische Finale warten lassen.

Doch nicht jeder Zeitgenosse war derart von der Handlung des Stummfilms begeistert. Die ursprünglich schon für den Nachmittag des 8. Februar vorgesehene Vorstellung hatte der Regisseur David Wark Griffith zuvor wegen einer einstweiligen Verfügung absagen müssen. Geklagt hatte die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP). Warum diese afroamerikanische Bürgerrechtsorganisation Vorbehalte gegen den Streifen hegte, wird an seinem eigentlichen Titel deutlich: «The Clansman». Die ach so edlen Retter der beiden bedrängten Frauen tragen auf der Leinwand weisse wehende Kapuzengewänder mit stilisierten Kreuzen auf der Brust.

Es war die unverkennbare Kluft des Ku-Klux-Klans, der 1865, nach dem Ende des Bürgerkriegs, in den besiegten Südstaaten ein Terrorregime zur «Verteidigung des arischen Geburtsrechts», wie es im Film heisst, errichtet hatte. Schwarze, Bürgerrechtsaktivisten, vermeintliche Kriegsgewinner und sogenannte Kollaborateure wurden von den Mitgliedern des Klans bedroht, gefoltert und ermordet, bis er sich 1871 selbst auflöste.

The Birth of a Nation (1915) – Trailer. Video: YouTube/MrAris67

Noch verständlicher wird die Empörung, wenn man die Bösewichter in dem Film betrachtet. Es sind ausnahmslos Schwarze, oder genauer: Schwarz angemalte Weisse, die auf der Leinwand als rohe und gewalttätige Halbwilde erscheinen, unfähig ihre niederen Instinkte im Zaum zu halten. Stets hätten es die vormaligen Sklaven vor allem auf die hübschen weissen Frauen abgesehen, so die Botschaft des Films. Eine edle Südstaatenschönheit stürzt sich in der rassistisch gefärbten Handlung des Films lieber von einem Felsen, als sich von einem vermeintlich notgeilen Schwarzen schänden lassen zu müssen.

«Birth of a Nation» stellte die historischen Tatsachen kurzerhand auf den Kopf: Die Mörderbande des Ku-Klux-Klan erscheint als heroische Bastion von Recht und Ordnung, während die aus der Sklaverei Befreiten als Missetäter dargestellt werden.

«Nur einmal in einem Lebensalter»

Kein Wunder, dass die NAACP gegen die Aufführung von «Birth of a Nation» schärfsten Protest einlegte. Allerdings vergebens. Der Film avancierte zu einem der grössten Erfolge der Filmgeschichte und machte seinen Regisseur David Wark Griffith zum Star.

«Birth of a Nation» war ein Werk nie da gewesener Superlative: Gut drei Stunden währte das mit einem Eintrittspreis von zwei Dollar ungewöhnlich teure Spektakel, das die Geschichte zweier Familien im Amerikanischen Bürgerkrieg und den Jahren danach zur Handlung hat. Derartige Ausmasse hatte noch kein Regisseur gewagt, normalerweise dauerten Filme damals um die 15 Minuten. Sagenhafte hunderttausend Dollar hatte sich Griffith für die gewagte Produktion zusammengeliehen.

Neugierig sah sich selbst Präsident Woodrow Wilson den Film an. «Birth of a Nation» war der erste Streifen, der im Weissen Haus gezeigt wurde. Das Oberhaupt der Nation war restlos begeistert. «Es ist, als wenn man mit einem Blitz Geschichte schreiben würde. Das einzige, was ich bedaure ist, dass alles so furchtbar wahr ist», behauptete Wilson, der selbst ein Befürworter der Rassentrennung war. Auch die Richter des Obersten Gerichtshofs, die Mitglieder des US-Kongresses und Millionen weiterer Amerikaner sahen «Birth of a Nation». Das Einspielergebnis dieses später als ersten Blockbuster der Filmgeschichte bezeichneten Streifens wird auf bis zu hundert Millionen Dollar geschätzt.

Aus filmgeschichtlicher Sicht bot David Wark Griffith den Zuschauern in der Tat einiges für ihr Geld. Der Regisseur wendete zum ersten Mal systematisch technische Innovationen und Stilmittel an, die den Film revolutionieren sollten. Rückblenden, Ausblenden, Kreuzschnitte, Parallelmontagen, die grosszügige Verwendung der Irisblende, beeindruckende Kamerafahrten und die Einfärbung verschiedener Szenen setzte Griffith zweifellos meisterhaft zur dramatischen Steigerung der Spannung ein. Vor allem ergötzte sich das Kinopublikum aber an den Schlachtszenen, bei denen Griffith unzählige Darsteller und Komparsen dirigierte. «Nur einmal im Leben eines Menschen wird eine so grossartige Produktion hergestellt», schwärmte die Zeitung «Baltimore American».

«Schmutzige Dollars»

Die NAACP hatte eine ganz andere Meinung zu dem Film. Wenn Schwarze als «abscheuliche Bestien» dargestellt werden, seien «Bitterkeit und Unfrieden zwischen den Rassen» die Folge. Vor allem waren die Bürgerrechtsaktivisten darüber empört, dass die Filmhandlung «Lynchmorde und andere Gewalttaten» gegen Schwarze rechtfertige. In zahlreichen Staaten setzte sich die Organisation für eine Zensur des rassistischen Streifens ein – bisweilen mit Erfolg. Acht US-Bundesstaaten untersagten die Vorführung, in vielen Städten musste der Film nicht zuletzt wegen seiner Gewaltszenen geschnitten werden.

Wo «Birth of a Nation» anlief, erhitzten sich dagegen die Gemüter. In Boston und anderen Städten kam es zu gewalttätigen Tumulten. Auch einige Zeitungen kritisierten den rassistischen Inhalt. Der «Globe» in New York City griff Griffith wegen seiner verzerrten Geschichtsdarstellung hart an. «Für ein paar schmutzige Dollar» habe er den Rassenhass geschürt. Der Regisseur entgegnete, dass er eine Geschichte erzähle, die «in jedem entscheidenden Detail auf der Wahrheit basiere». «Birth of a Nation» erfreute sich unter den Kinogängern trotz aller Kontroversen weiterhin grosser Beliebtheit.

Im November 1915, einige Monate nach der Premiere, setzte der gescheiterte Methodistenpfarrer William Joseph Simmons am Stone Mountain nahe Atlanta ein Kreuz in Brand. Der Ku-Klux-Klan war wieder geboren – und sollte einige Jahre später noch grösser, noch mächtiger und noch hasserfüllter als sein Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert werden. Neben den Schwarzen galten nun auch Juden, Katholiken und Einwanderer als seine erklärten Feinde. Tausende unschuldiger Menschen sollten in den kommenden Jahrzehnten zum Opfer des Klans werden. Zwar war «Birth of a Nation» nicht der eigentliche Anlass zur Neugründung der Terrororganisation. Doch der Film diente ihr bis in die Siebzigerjahre hinein als «Werbematerial». 

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    Alle Leser-Kommentare
  • quark 10.02.2015 13:11
    Highlight Es gibt bestimmt viele Personen auch in der Schweiz die solchem Hass huldigen und vergessen wir bloss die IS nicht.
    11 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 10.02.2015 22:59
      Highlight Oder die Pegida.....
      2 2 Melden

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