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Tokio

Das grösste urbane Konglomerat der Erde: Der Ballungsraum von Tokio hat über 37 Millionen Einwohner.  Bild: Shutterstock

Es lebe die Stadt! Die Hälfte der Menschheit wohnt auf nur 3 Prozent der Erdoberfläche



Rund 7,5 Milliarden Menschen leben derzeit auf der Erde, Tendenz steigend. Mehr als die Hälfte von ihnen wohnt in Städten. Die Verstädterung wird aller Voraussicht nach zunehmen; lebten um 1900 nur gerade 10 Prozent der Menschheit in Städten, werden es im Jahr 2050 laut Prognosen der UNO bereits 70 Prozent sein.

«Einst war die Stadt das Symbol einer ganzen Welt. Heute ist die ganze Welt im Begriff, Stadt zu werden.»

Lewis Mumford

Schon jetzt platzen Megastädte wie Lagos oder Jakarta aus allen Nähten. Das ungebremste und meist ungesteuerte Wachstum der Metropolen führt vielfach zu unzumutbaren Zuständen, da der Ausbau der Infrastruktur nicht mit dem urbanen Wildwuchs Schritt halten kann. Gravierende ökologische und soziale Probleme sind die Folge. 

Lagos

Die nigerianische Hauptstadt Lagos hat je nach Schätzung zwischen 13 und 18 Millionen Einwohner.  Bild: Shutterstock

«Raum für die Natur frei machen»

Allen Nachteilen zum Trotz, die mit der rasanten Urbanisierung verbunden sind, hat es aber auch sein Gutes, wenn immer mehr Menschen vom Land in die Stadt ziehen. Diese Ansicht vertreten Ökomodernisten wie zum Beispiel der niederländische Molekularbiologe Hidde Boersma. Mitte August sagte Boersma in der Reihe «De Optimist» des TV-Senders NPO:  «Wir wollen einen grünen und wohlhabenden Planeten. Das geht nur, wenn wir unsere Aktivitäten konzentrieren, um so Raum für die Natur frei zu machen.» 

«Lasst uns alle in die Stadt ziehen!»

Hidde Boersma, Ökomodernist

Das Mittel dazu sieht Boersma in der Urbanisierung. «Städte nehmen derzeit drei Prozent der Erdoberfläche ein, beherbergen aber die Hälfte der Weltbevölkerung. 3,5 Milliarden Menschen auf einem Bruchteil des Planeten. Lasst uns alle in die Stadt ziehen!» Zu den Vorteilen der Stadt zählt der Ökomodernist vor allem die kürzeren Wege. Autos seien weniger wichtig als auf dem Land, die ÖV-Netze dichter.

Zudem sei der Energieverbrauch pro Kopf niedriger, «denn Städte halten die Wärme fest, da die Häuser dicht nebeneinander stehen». Es würden auch weniger Materialien verbraucht als auf dem Land. Kabel, Asphalt – von all dem benötige man in der Stadt verhältnismässig weniger, weil alles dicht beieinander liege. 

«Städte sind Brutnester von Innovationen.»

Hidde Boersma

Mehr Innovationen, weniger Kinder

Obendrein sei die Stadt der Ort, wo Lösungen gefunden würden, glaubt Boersma, und zwar auch in Sachen Nachhaltigkeit. «Städte sind Brutnester von Innovationen – eine Verdoppelung der Bevölkerung zieht mehr als eine Verdoppelung der Anzahl Patente nach sich.» Egal, ob es um Elektroautos oder nachhaltigere LED-Beleuchtung gehe, es sei stets die Stadt, in der die wichtigsten Entwicklungen stattfänden. 

Besonders wichtig für Entwicklungsländer ist laut Boersma folgende Tatsache: In den Städten bekommen Frauen weniger Kinder. In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba liegt die Geburtenrate beispielsweise bei 1,4 – das ist niedriger als in Deutschland (1,5). Auf dem Land liegt die Geburtenrate in Äthiopien dagegen bei 4 oder 5 Geburten pro Frau. Die Geburtenrate ist deshalb von Belang, weil das explosive Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern die ökologischen Probleme verschärft – und obendrein nahezu jeden Produktivitätszuwachs wieder auffrisst. 

So leer ist die Erde

Würde die Weltbevölkerung nun Boersmas Wunsch nachkommen und gesamthaft in die Städte ziehen, nähme ihr Platzbedarf dramatisch ab. Wie leer die Erde eigentlich ist, zeigen die Karten sehr schön, mit denen der amerikanische Journalist Tim de Chant 2011 illustriert hat, wie viel Platz die Menschheit – damals noch 6,9 Milliarden Köpfe stark – einnehmen würde, wenn sie in einer einzigen Megalopolis konzentriert wäre.

Paris

Paris. Die französische Kapitale ist innerhalb des Boulevard périphérique sehr dicht besiedelt.  Bild: Shutterstock

Hätte diese hypothetische Stadt dieselbe Bevölkerungsdichte wie Paris (über 21'000 Einwohner/km2), würde sie lediglich eine Fläche einnehmen, die ungefähr den US-Bundesstaaten Louisiana, Mississippi und Arkansas entspricht: 

Fläche einer hypothetischen Stadt, in der die gesamte Weltbevölkerung wohnt, bei einer Bevölkerungsdichte wie Paris

Die gesamte Weltbevölkerung hätte auf der eingefärbten Fläche Platz, wenn die Menschen so dicht beieinander leben würden wie in Paris.  Bild: persquaremile.com

Mit der aktuellen Grösse der Weltbevölkerung berechnet, ergibt sich eine etwas grössere Fläche von rund 351'000 km2. Das entspricht knapp der Fläche von Deutschland (357'000 km2). Wäre die Bevölkerungsdichte dieser hypothetischen Riesenstadt jedoch so niedrig wie jene von Houston, dann würde das Stadtmonster fast ganz Europa bedecken. Diese und weitere Beispiele, darunter London und Zürich, folgen in der Bildstrecke: 

Könnte man – um die Gedankenspielereien noch etwas weiterzuführen – alle aktuell auf der Erde lebenden Menschen an einem Ort versammeln und sich Schulter an Schulter und Bauch an Rücken aufstellen lassen, würden sie natürlich noch viel weniger Platz benötigen. Und zwar erstaunlich wenig: nur gerade ca. 740 km2 – das ist etwas weniger als die Fläche der Stadt Hamburg (755 km2). 

Die Menschheit ist ungleich verteilt

Auch in der wirklichen Welt gibt es Bevölkerungs-Cluster mit extrem hoher Konzentration. Die Menschheit verteilt sich recht unregelmässig über den Planeten – während riesige Zonen ganz (Antarktis) oder nahezu (Sahara, Nordsibirien) menschenleer sind, stehen sich die Menschen in manchen Ballungsgebieten schon beinahe auf den Füssen.

Sehr schön zeigt das die Karte des New Yorker Datenjournalisten Max Galka. Mit Daten der NASA aus dem Jahr 2000 (neuere waren nicht verfügbar) hat er die Verteilung der Weltbevölkerung minutiös ins Bild gebracht. Die gelben Punkte auf der Karte entsprechen jeweils einem Gebiet, in dem die Bevölkerungsdichte bei mindestens 347 Einwohner pro km2 liegt.

Verteilung der Weltbevölkerung

Die NASA hat die Landfläche der Erde in 28 Millionen gleich grosse Quadrate (4,8 km • 4,8 km) eingeteilt. Der Datenjournalist Galka hat jene davon gelb eingefärbt, in denen mindestens 8000 Menschen leben (das entspricht einer Bevölkerungsdichte von 347 Einwohnern / km2 oder mehr).  Karte: Max Galka

Die gelb eingefärbten Gebiete sind allerdings nicht zwingend städtisch; gerade in den Bevölkerungsgiganten China und mehr noch Indien sind auch ländliche Gebiete dicht besiedelt. 

Am extremsten ist der «Dichtestress» übrigens in Kairo: Die ägyptische Hauptstadt hat eine schwindelerregende Bevölkerungsdichte von 47'805,4 Einwohnern pro km2. Zum Vergleich: Zürich kommt nur auf schlappe 4310 Einwohner/km2, Basel auf 7698 und Genf immerhin auf 12'701. 

Kairo

Kairo rivalisiert mit Lagos um den Titel der bevölkerungsreichsten Stadt Afrikas.  Bild: Shutterstock

Urbanisierung bringt Wildnis nicht zurück

Ein urbaner Moloch wie Kairo mit seinen ausgedehnten Slums ist allerdings auch geeignet, die möglicherweise allzu optimistische Sicht von Boersma und seinen ökomodernistischen Mitsteitern herauszufordern. Schliesslich lebt eine Stadt nie von sich allein – sie benötigt stets ein Umland, das sie ernährt. Daran ändern auch Trends wie Urban Gardening nichts. Und dieses Umland muss naturgemäss mitwachsen, wenn die Stadt wächst. 

Ohnehin ist die ökomodernistische Vision einer Welt, in der die Menschheit sich in Städten konzentriert und dadurch weite Gebiete der wilden Natur überlässt, vielleicht zu blauäugig. Was wir als Natur sehen, ist in Wahrheit oft bis ins Letzte gebändigte Kulturlandschaft – vom Menschen für den Menschen gestaltet. So viele Vorteile die Urbanisierung der Menschheit auch haben mag, die Rückkehr der ursprünglichen, unberührten Natur dürfte kaum dazugehören. 

Auch das ist Urbanität: Die 20 gefährlichsten Städte der Welt

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    Alle Leser-Kommentare
  • De Shipi 28.08.2017 10:27
    Highlight Highlight Alle zusammen die Fläche wie Deutschland also.

    Da würde mich folgendes interessieren:
    -Luftzufuhr, schliesslich könnte man kaum atmen bei all den Abgasen
    -Wie würde die Kanalisation aussehen
    -Heizungsanschluss
    -Stromzufuhr
    -Infrastruktur
    -Schule
    usw.

    Bei so vielen Leuten im engsten Raum, muss dies auch gewährleistet sein...wäre das alles möglich? Momentan bestimmt nicht...
    • Olaf44512 28.08.2017 23:15
      Highlight Highlight Natürlich wäre das möglich, wenn richtig geplant. Es wäre sogar noch erheblich mehr Lebensqualität möglich als im moment.
  • Luca Brasi 28.08.2017 08:57
    Highlight Highlight Lagos ist seit 1991 nicht mehr die Hauptstadt von Nigeria. Die Hauptstadt ist Abuja. (Siehe Text zum 2. Bild)

    *Klugscheissmodus aus*

    :P
  • derEchteElch 28.08.2017 07:37
    Highlight Highlight Normalerweise wird immer verteufelt wenn es heisst, 3% der Menschheit würde 50% der Reichtümer besitzen..

    Jetzt wird vergöttert, dass 50% der Menschheit auf nur 3% der Erdoberfläche wohnen unf folglich die restl. 50% fast 97% der Erdoberfläche "besitzen" (ja, absichtlich besitzen & ja, das Meer rechnen wir auch mal dazu)..
    • kettcar #lina4weindoch 28.08.2017 17:46
      Highlight Highlight Nicht alles was hinkt...
  • Schneider Alex 28.08.2017 05:56
    Highlight Highlight Eine qualitativ hochwertige Verdichtung der Besiedlung ist zu begrüssen und entspricht auch den Vorlieben der urban gesinnten Leute. Es gibt aber einen grossen Bevölkerungsanteil, der gerne sein „Hüsli mit Garten“ hat, ob das nun den Architekten und Stadtplanern passt oder nicht. Im Übrigen weist der Modetrend des „urban gardening“ darauf hin, dass auch bei den urban Gesinnten noch ein Rest an Natursehnsucht vorhanden ist, der gerne im Wohnumfeld erfüllt werden will.
  • Spooky 28.08.2017 01:03
    Highlight Highlight Die Bevölkerung mittels Kondomen auf 1 Milliarde reduzieren.
  • AskLee 27.08.2017 21:15
    Highlight Highlight Spannender Artikel bitte mehr.
    Die Berrechnung, die Menschen aneinander zu stellen (Bauch an Rücken) war lustig. Gäbe das eine riesen stinkende Fleischlandschaft.
  • Wasmeinschdenndu? 27.08.2017 21:12
    Highlight Highlight "Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten" das ist auch eine Frage der Definition. Christian Schmid verfasste dazu einen interessanten Text.
  • Zeit_Genosse 27.08.2017 18:02
    Highlight Highlight Was nützt es so dicht zusammen zu hocken, wenn der ökologische Fussabdruck gigantisch ist und eine riesen Logistik um solche Städte herum entstehen müsste, die Güter aus dem Umland ins Zentrum bringen. Die thermische Säule liesse womöglich ein "eigenes" Klima entstehen. Die schmelztigelartigen Megacitys sind gegen Viruserkrankungen, Terror, Krieg und Blackouts (Strom, Kommunikation, usw.). Die Städte werden bezüglich Lebensqualität überschätzt.
    • lkay 27.08.2017 19:14
      Highlight Highlight Grossstädte sind nicht unbedingt schlechter für die Umwelt.
      Die Menschen in Grossstädten haben kürzere Arbeits- und Transportwege, leben umwelteffizienter in Mehrfamilienhäusern, und nutzen häufiger ÖV.
      Hong Kong zum Beispiel hat eine sehr gute pro Kopf Ökobilanz da es sehr dicht besiedelt ist.
    • Donald 27.08.2017 22:56
      Highlight Highlight Hong Kong ist nicht einmal besonders dicht besiedelt. 70% der Fläche sind Natur. Dafür ist die genutzte Fläche dicht besiedelt :)
  • Shin Kami 27.08.2017 17:48
    Highlight Highlight Die einzige Lösung für die Menschheit und die Erde wäre die Population der Menschen drastisch zu reduzieren, genauso wie wir Rehe schiessen, wenn es in einem Wald zu viel hat. Leider gibt es dafür keinen Humanen Weg und im Moment sieht es auch nicht danach aus, als ob eine Krankheit oder ähnliches die Drecksarbeit für uns erledigen würde...
    • Hugo Wottaupott 27.08.2017 18:14
      Highlight Highlight Die Elite arbeitet darauf hin! Wurde ich doch vom Psychiater gefragt ob ich zu EXIT gehen würde.
    • Firefly 27.08.2017 20:51
      Highlight Highlight Es gibt einen humanen Weg, die Befreiung, Bildung und Emanzipation der Frauen.
    • Firefly 28.08.2017 08:16
      Highlight Highlight Was sollen die Blitze, man sieht es ja in Europa, weniger Kinder, weniger Nachwuchs, die Zahl der Menschen geht zurück. Natürlich haben wir dann ein problem mit einer immer auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaft und Gesellschaftsvertrag.
  • Amanaparts 27.08.2017 17:42
    Highlight Highlight De hämmer ja no chli platz
  • Telomerase 27.08.2017 17:05
    Highlight Highlight Eine Megacity "Schweizer Mittelland" ist für mich trotzdem eine alptraumhafte Vorstellung, auch wenn wir mit grossen Schritten diesem Ziel zueilen.
    Leider gibt es kein politisch opportunen Weg dem momentanen Populationswachstum einhaltzugebieten; die Wirtschaft verlangt nach immer mehr Arbeitskräften, die Sozialisten sehen unentwegt rassistische Motive hinter jeglichen Ansätzen zur Kontrolle der Migration.
    • Lami23 27.08.2017 20:13
      Highlight Highlight Rendel, da geht esmir auch so.
  • whatthepuck 27.08.2017 16:59
    Highlight Highlight Für mich zählt nur der letzte Absatz, da er alle anderen aufgeführten Argumente platt macht.

    Städte sind sicher nicht das Allheilmittel zur Rettung des Planeten. Mehr Menschen benötigen mehr Ressourcen - wenn es nur der Beton wäre, mit dem wir der Umwelt zusetzen.

    Und seit wann ist es gut, wenn die Wärme in den Städten gehalten wird? Bereits in einer Stadt wie Zürich in den gemässigten Breiten führt der Wärmeinseleffekt zu unruhigem Schlaf, Stress und Kreislaufproblemen. Klimaanlagen zur Kühlung verschlingen ebenfalls Energie und lösen dabei, stadtweit betrachtet, das Hitzeproblem gar nicht.
  • Mikki 27.08.2017 16:54
    Highlight Highlight Eigentlich total bescheuert auf den land ist es viel schöner!
    • Caturix 27.08.2017 18:04
      Highlight Highlight Ja nur die sollen bitte in Ihren Städten bleiben sonnst ist fertig mit schöner.

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