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Die gelungene Operation von Darek Fidyka ist bisher nur ein Einzelfall. Bild: EPA/BBC

Interview mit Neurowissenschaftler

Lähmung rückgängig gemacht: «Die Ärzte waren etwas zu euphorisch»

Ein Ärzteteam feiert einen grossen Erfolg: Nach einer Transplantation von Nervenzellen kann ein Mann wieder gehen, nachdem er mehrere Jahre gelähmt war. Neurowissenschaftler Hans Rudolf Widmer erklärt, wie bahnbrechend dieses Ergebnis tatsächlich ist.

22.10.14, 15:33 23.10.14, 11:08

In Polen ist es Wissenschaftlern zum ersten Mal gelungen, die Lähmung eines Patienten rückgängig zu machen: Der 44-jährige Darek Fidyka war seit einer Messerattacke vor vier Jahren querschnittgelähmt. Das britische Ärzte-Team transplantierte Nervenzellen aus dem Riechkolben an die verletzte Stelle im Rückgrat. Nun kann Fidyka wieder laufen.

Neurowissenschaftler Hans Rudolf Widmer vom Inselspital Bern erläutert, wie dieser medizinische Erfolg zu bewerten ist.

Herr Widmer, die Ärzte, die den Mann in Polen operiert haben, sprechen von einem Erfolg, der faszinierender ist als die Tatsache, dass Menschen auf dem Mond spazieren können. Wie schätzen Sie das ein?
Hans Rudolf Widmer: Es ist sicherlich ein grosser Durchbruch, aber die Reaktionen scheinen mir etwas zu euphorisch. Man darf nicht vergessen, dass es sich hier nur um eine Person handelt. Ich bleibe so lange skeptisch, bis die Behandlung nicht repetiert wurde. Bei einer Person muss man immer davon ausgehen, dass es auch nur Zufall gewesen sein könnte. 

Prof. Dr. Hans Rudolf Widmer ist am Inselspital Bern der Leiter des Forschungslabors für restorative Neurowissenschaften. Bild:

Es handelt sich hier aber dennoch um eine Weltneuheit. 
Ja, es ist sicher das erste Mal, dass eine Lähmung rückgängig gemacht worden ist.

Wie realistisch ist es, dass sich die Methode durchsetzt? 
Die Sache klingt sehr vielversprechend, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch nicht abschätzbar, ob sie sich durchsetzen wird. Es braucht mehr Personen, bei denen die Operation erfolgreich durchgeführt wurde. Manche Ärzte neigen dazu, zu früh zu sagen: «Jetzt haben wir die ultimative Lösung gefunden!» Ich bin da immer vorsichtiger.

Aber hier gab es ja eindeutig einen Erfolg. 
Das schon. Aber ich arbeitete beispielsweise in der Huntington-Forschung. Da gab es auch schon Patienten, die nach der Anwendung einer neuen Methode aus dem Rollstuhl aufgestanden sind. Das wurde dann euphorisch kommuniziert. Dass der gleiche Mensch zwei Monate später wieder im Rollstuhl sass, weil es eben doch nicht funktioniert hat, schrieb anschliessend keiner mehr.

Wie sehen Sie die Chancen in dem aktuellen Fall? 
Bei dem Patienten aus Polen ist man da schon deutlich weiter. Seine Operation ist nun 19 Monate her und sein Zustand scheint sich tatsächlich immer weiter zu verbessern. Aber auch ihn muss man sicher noch zwei bis drei Jahre beobachten, um wirklich sagen zu können, dass die Behandlung erfolgreich war.

Darek Fidyka beim Training. Bild: EPA/BBC

Falls es weitere Personen geben sollte, bei denen die Behandlung anschlägt und die Methode sich tatsächlich als erfolgreich herausstellt: Von welchem Zeitraum sprechen wir dann, bis sie sich tatsächlich durchsetzt? 
Wenn es tatsächlich klappt, dann schätze ich, dass es noch circa zehn Jahre dauern wird. Es bleiben noch so viele Fragen zu klären: Wo genau müssen die Zellen eingesetzt werden, wie viele Zellen braucht man und so weiter. Das ist alles noch nicht optimiert, was aber gar nicht möglich ist, da man bis jetzt ja nur den einen Fall hat. Ausserdem muss man bedenken, dass die Operation mit einem grossen Risiko verbunden ist.

Wieso das? 
Bei den verpflanzten Zellen handelt es sich um Stützzellen aus dem Riechkolben. Das klingt zwar nach Zellen aus der Nase, de facto handelt es sich dabei um Hirngewebe. Bisher hatte man diese Tests mit Zellen aus der Nasenschleimhaut durchgeführt – was deutlich einfacher ist. Aus einem «glücklichen» Zufall war das bei diesem Patienten aber nicht möglich. Also hat man es mit den Zellen aus dem Riechkolben versucht. Bei Tierversuchen hatte sich diese Methode schon als erfolgreich herausgestellt. Aber nicht immer lassen sich Tierversuche auch auf den Menschen übertragen.

Spielt es eine Rolle, dass die Verletzung des betroffenen Mannes aufgrund der Messerattacke nur sehr klein war? 
Die Verletzung des Rückenmarks war in diesem Fall tatsächlich nur 8 Millimeter gross. Bei anderen Lähmungen kann die betroffene Fläche, die überbrückt werden muss, durch Nekrosen, Narben- und Hohlraumbildung deutlich grösser sein. Aber wenn die angewandte Technik tatsächlich wirksam ist, dann wird sie das auch über grössere Strecken hinweg sein.

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