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Das menschliche Verdauungssystem hat grossen Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit. Bild: shutterstock

Verdauung und Psyche

Stuhltransplantation? Ja, das klingt hässlich. Doch Forscher versuchen, damit Alzheimer und Autismus zu behandeln 

Im menschlichen Darm leben etwa hundert Billionen Bakterien. Forscher beginnen erst, ihr Zusammenspiel zu verstehen. Eines aber ist sehr wahrscheinlich: Die Untermieter haben einen grossen Einfluss – vielleicht sogar auf unser Verhalten.

10.02.15, 07:16

Jens Lubbadeh / spiegel online

Ein Artikel von

Herr Mayer, stimmt es, dass in unserem Darm mehr Bakterien leben, als wir Körperzellen haben?
Emeran Mayer: Ja, etwa hundert Billionen, das sind zehnmal mehr.

Wie kommt es zu dieser erstaunlichen Wohngemeinschaft?
Die ist evolutionär sehr alt, schon die primitivsten Tiere hatten Bakterien im Darm. Es ist eine Symbiose: Wir geben den Bakterien ein geschütztes Umfeld und Nahrung. Und sie helfen uns bei der Verdauung.

Forscher haben die Darmflora als neues Thema entdeckt. Sie vermuten, dass die Bakterien unseren Körper erheblich beeinflussen und uns beispielsweise dick machen können.
Das ist richtig. Wir können pflanzliche Fasern nicht verdauen, die sogenannten Ballaststoffe. Manche der Darmbakterien aber können das und wandeln sie in für uns verdauliche kurze Fettsäuren um. Übergewichtige haben möglicherweise besonders effiziente Bakterien.

Die Darmflora könnte sogar unser Verhalten beeinflussen. Es gibt ein sehr interessantes Experiment: Ängstlichen Mäusen wurde die Darmflora von mutigen Tieren übertragen. Danach waren sie mutiger.
Man muss diese Studie mit Vorsicht betrachten. Das waren keimfreie Mäuse, also Tiere ohne eine Darmflora. Das ist schlecht auf den Menschen übertragbar.

Deswegen haben Sie eine Studie an Menschen gemacht. Sie haben Probanden vier Wochen lang Joghurt mit bestimmten Bakterienstämmen gegeben. Wurden diese auch mutiger?
Nein. Das kann daran liegen, dass sie völlig gesund waren. Möglicherweise hätten wir eine Wirkung bei Angst- oder Depressions-Patienten gefunden.

Dennoch haben Sie Veränderungen in den Gehirnen beobachtet.
Die Probanden mussten im Hirnscanner Gesichtern, die Trauer, Angst oder Wut zeigten, so schnell wie möglich Emotionen zuordnen. Tatsächlich waren die Hirnregionen des limbischen Systems, die negative Emotionen verarbeiten, in der Joghurt-Gruppe weniger aktiv. Aber das schlug sich nicht im Verhalten nieder. Das menschliche Gehirn ist nun mal viel komplexer als das einer Maus, möglicherweise haben höhere Gehirnregionen die Funktion dieser sehr alten Hirnregionen überlagert. Aber wir werden die gleiche Studie nochmals mit Angstpatienten machen.

Was haben die Bakterien davon, dass sie auf unser Hirn einwirken?
Es geht den Bakterien um ihr Überleben, dafür brauchen sie Futter. Es gibt Forscher, die glauben, dass unser mächtiges Hungergefühl von den Darmbakterien erzeugt wird.

Animiert uns eine gesunde Darmflora also dazu, uns weiterhin gut zu ernähren – und umgekehrt?
Es ist nicht mal völlig klar, wie eine gesunde Darmflora aussieht. Im menschlichen Darm leben Tausende verschiedene Bakterienstämme. Momentan gehen Wissenschaftler davon aus, dass der Darm wie ein Ökosystem in der Natur ist – da ist hohe Diversität immer vorteilhaft. Aber das ist nur eine These. Ich glaube eher, dass diese Symbiose unter völlig anderen Bedingungen entstand und auf unsere heutige Ernährung mit hoch verarbeiteten Lebensmitteln nicht eingestellt ist.

Die Industrie versucht, mit Probiotika Geld zu verdienen, mit Joghurts und anderen Produkten mit Heilversprechen. Wie sehen Sie das?
Es gibt derzeit viele Studien, die Auswirkungen von Probiotika auf Krankheiten untersuchen, zum Beispiel auf das metabolische Syndrom, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Darmkrebs und viele andere. Sie finden bei vielen Krankheiten Veränderungen der Darmflora, aber niemand weiss, ob diese die Wirkung oder die Ursache der Krankheit sind. Es fehlt noch an grossen guten Studien. Die Heilversprechen sind deshalb derzeit nicht gerechtfertigt. Ausserdem stecken Probiotika ja nicht nur in Joghurts, sondern in allen fermentierten Nahrungsmitteln – Sauerkraut, Kimchi, Weissbier ...

Die Bakterien müssen ausserdem die Magensäure überleben und im Darm heil ankommen.
Genau. Dieser Aspekt wird sehr oft vernachlässigt.

Antibiotika machen die Darmflora kaputt. Wie schlimm ist das?
Das ist je nach Antibiotikum unterschiedlich. Ein Breitbandantibiotikum zerstört bis zu 90 Prozent der Darmbakterien. Das regeneriert sich aber von selbst. Bei Kindern ist der Schaden möglicherweise grösser und dauerhaft. Es gibt Wissenschaftler, die glauben, dass die exzessive Gabe von Antibiotika an Kleinkinder mit verantwortlich ist für die Übergewichtsepidemie.

Bieten Antibiotika auch die Chance, sich eine bessere Darmflora aufzubauen?
Diese Strategie wird bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms verfolgt. Aber bei gesunden Menschen bin ich skeptisch. Sie haben immer das Risiko, dass sich schädliche Erreger wie Clostridium difficile ausbreiten, wenn die Darmflora-Diversität stark vermindert ist.

In diesem Fall hilft eine Stuhltransplantation ja phänomenal.
Ja, das ist bislang die einzige Indikation, bei der eine Verpflanzung der Darmflora so erfolgreich ist. Derzeit laufen sehr viele Studien, auch andere Krankheiten mit Stuhltransplantation zu behandeln – vom Reizdarm über Autismus bis hin zu Alzheimer. Aber es gibt noch keine Ergebnisse, und das Ganze hat Risiken. Was ist, wenn Sie eine Darmflora bekommen, die möglicherweise andere schädliche Wirkungen hat – Angstzustände, Suchtverhalten oder Alzheimer selbst?

Stuhltransplantation klingt auch recht unappetitlich.
Es gibt da mehrere Möglichkeiten: Per Magensonde, Einlauf. Aber es gibt auch schon Kapseln. Das wird in den nächsten Jahren eine ganz heisse Sache, herauszufinden, was die beste Darmmischung für eine Indikation sein könnte. Es kann sein, dass Darmbakterien die Medizin revolutionieren werden. Es kann aber auch sein, dass Clostridium difficile die einzige Anwendung bleiben wird.

Emeran Mayer ist Gastroenterologe, Neurowissenschaftler und Arzt. Mayer ist ein Pionier auf dem noch jungen Gebiet der Neurogastroenterologie und erforscht, wie Darm und Gehirn miteinander interagieren. Der gebürtige Bayer lebt seit den Achtzigerjahren in den USA. Derzeit ist er Professor an der University of California in Los Angeles.

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