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Autorin Hanni Rützler: «Früher hiess es: Man ist, was man isst. Heute heisst es: Man ist, was man nicht isst.» Bild: Nicole Heiling

Ernährungsdebatte

«Wir blicken lustfeindlich auf unsere Nahrung, stellen alles unter Generalverdacht»

Die Gesundheitspsychologin Hanni Rützler kritisiert Menschen, die Ernährung ernst nehmen wie eine Religion. In einem Buch fragt sie, wer dem guten Leben mehr schadet: die Ernährungsindustrie oder die Ernährungsfundamentalisten?

12.02.15, 21:33 13.02.15, 17:53

Tobias Becker / spiegel online

Ein Artikel von

Frau Rützler, Sie sind Ernährungswissenschaftlerin und Gesundheitspsychologin. Sündigt jemand wie Sie beim Essen schon mal?
Hanni Rützler: Ich erinnere mich, dass ich nur mit viel Schokolade und Kannen voll Kaffee durchs Studium gekommen bin. Da habe ich mich schon gefragt: Wie geht das zusammen, gesunde Ernährung zu pauken und sich so zu ernähren? Inzwischen ist aus mir eine Gemüseliebhaberin geworden.

Sie essen kein Fleisch?
Doch, durchaus. Ich bin Flexitarierin: Ich brauche nicht unbedingt Fleisch, aber manchmal schmeckt es mir. Fisch mag ich auch sehr gerne.

Und dazu dann ein Glas Wein? Oder doch lieber Wasser?
Ein guter Wein ist ein grosses Vergnügen und gehört für mich zu einem guten Essen dazu. Ich bin doch kein Asket! Wenn ich mit Freunden zusammen sitze, darf's auch schon mal mehr als ein Glas sein. Auch mehr, als mir gut tut. Wir essen und trinken viel zu oft am Genuss und an der Freude vorbei. Wir blicken lustfeindlich auf unsere Nahrung, stellen alles unter Generalverdacht: Nikotin und Alkohol, Fett und Zucker, Glutamat natürlich, Fleisch und immer häufiger auch alle anderen tierischen Lebensmittel. Ach ja, Gluten und Laktose beäugen wir auch skeptisch. Überall sehen wir Probleme.

Wieso fürchten wir uns so vor Lebensmitteln?
Das ist eine Reaktion auf den Überfluss. Viele von uns schaffen es noch nicht, sich in dem Schlaraffenland zurechtzufinden, in dem sie leben. Die vollen Supermärkte sind zwar ein altes Traumbild, aber im Moment sorgen sie eher für Stress als für Freude.

Für die Qual der Wahl.
Genau. Verstärkt wird die Qual dadurch, dass das Versorgungskochen an Bedeutung verloren hat: Der Anteil an Ein-Personen-Haushalten ist gewachsen, ebenso wie der Anteil berufstätiger Frauen. Heute müssen daher viel mehr Menschen tagtäglich selbst entscheiden, was sie essen. Sie können die Entscheidung nicht mehr an die erfahrene Hausfrau delegieren. Wer in dieser Situation radikale Schnitte macht, also wer sich sagt: «Ich esse dies nicht mehr und das nicht mehr, kein Gluten mehr und kein Fleisch», der reduziert seine Auswahl.

Was ist dagegen zu sagen?
Prinzipiell erst mal nichts. Die Frage ist nur, ob die Kriterien für die Reduktion sinnvoll sind. Bei radikalen Ernährungsformen spielt Ideologie oft eine zu grosse Rolle. Mich stört auch der Gestus moralischer Überlegenheit.

Ist Essen etwa nicht politisch?
Natürlich ist es das. Und natürlich müssen wir uns fragen, wie wir unser Gemüse anbauen oder wie wir die Tiere halten, die wir essen. Gerade in Zeiten des Überflusses. Aber ich wehre mich gegen Fundamentalismus, gegen Essen als neue Religion. Manchmal frage ich mich, wer dem guten Leben mehr schadet: die Ernährungsindustrie oder die Ernährungsfundamentalisten. Ihr Vorbild erzeugt wahnsinnig viel Druck.

Es geht um Distinktion.
Darum ging es beim Essen schon immer. Aber es haben sich zwei Dinge verändert. Erstens: Die Individualisierung und das Internet haben die Frage forciert, wie man sich selber darstellt. Foodies, die Fotos von ihrem veganen oder Bio-Essen posten, wollen damit auch signalisieren: Ich bin sensibel, ich bin reflektiert, ich bin politisch engagiert. Die zweite Veränderung ist fast noch auffallender. Früher hiess es: Man ist, was man isst. Heute heisst es: Man ist, was man nicht isst. Die sogenannten Free Froms sind ein absolutes Zeitphänomen: Menschen, die auf dem Teller alles Mögliche meiden. Sie essen und trinken sehr problemorientiert, sorgen sich permanent: um die Umwelt, um ihre eigene Gesundheit.

Sind Genuss und Gesundheit überhaupt Gegensätze?
Im Gegenteil. Es mehren sich Studien, die zeigen, dass kleine Genussinseln im Alltag eine Riesenkraft haben. Sie steigern die Lebensfreude, sind also gut für die Psyche. Und noch mehr: Sie steigern auch die Selbstwahrnehmung, also die Fähigkeit, zu spüren, was einem gut tut. Das führt dazu, dass derjenige, der sich ab und an mal eine Sünde erlaubt, unter dem Strich gesünder isst. Er isst abwechslungsreicher, findet leichter die richtige Dosis.

Ist das der Ratschlag der Ernährungswissenschaftlerin: «Sündigt häufiger»?
Warum nicht? Mein Rat ist es, sich nicht verrückt machen zu lassen, nicht nur über mögliche Probleme und Gefahren unseres Essens nachzudenken. Wir sollten uns häufiger erlauben, einfach mal bewusst hinzuschmecken. Das schult den Gaumen. Und es hilft, uns zu reflektierten Geniessern zu entwickeln.

Was ist damit gewonnen?
Zunächst Lebensfreude, aber in einem zweiten Schritt auch Qualität. Ich plädiere für sensorische Kompetenz, so wie viele sie beim Wein schon heute haben. Seit dem Mittelalter hat sich eine Alltagssprache entwickelt, mit der wir seinen Geschmack und seine Qualität beschreiben können. Beim Brot zum Beispiel ist das anders. Da fragen wir vielleicht nach der Herkunft des Getreides und dessen Verarbeitung, aber wir sind sehr sprachlos, sobald wir beschreiben sollen, was uns wie schmeckt. Es würde sich lohnen, das zu ändern. Der Geschmack kommt viel zu kurz in all unseren Ernährungsdebatten.

Zur Person

Hanni Rützler, geboren 1962 in Bregenz, ist eine der international renommiertesten Foodtrend-Forscherinnen. Die Ernährungswissenschaftlerin und Gesundheitspsychologin leitet das futurefoodstudio in Wien und hat zahlreiche Bücher über Esskultur geschrieben. Sie ist mit dem Kulturwissenschaftler, Theatermacher und Journalisten Wolfgang Reiter verheiratet und hat gemeinsam mit ihm soeben ein neues Buch veröffentlicht: «Muss denn Essen Sünde sein? Orientierung im Dschungel der Ernährungsideologien». 

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    Alle Leser-Kommentare
  • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 13.02.2015 11:05
    Highlight HAED Light. Ich bin sicher die Dicken lieben sie!
    1 1 Melden
  • Citation Needed 13.02.2015 00:22
    Highlight Ihre Aussage bzgl der Frage, ob Massenproduktion oder Foodamentalismus mehr schade ist etwas polarisierend, erinnert aber an eine schöne These Pfallers (der den Hedonisten vor dem Puristen in Schutz nimmt): etwa so: 'die Furcht vor der Beschädigung des Lebens ist die Beschädigung des Lebens selbst..' Bedenkenswert. :-/
    3 0 Melden
  • kyuss 12.02.2015 22:11
    Highlight Naja, die Dame blendet einige wichtige Sachen wie z. Bsp. Antibiotikaresistenzen und die massiven Umweltschäden durch die Massentierhaltung komplett aus. Für mich gibt es da halt nur eine Antwort drauf: konsequenter Veganismus, weil ich diese Verantwortungslosigkeit nicht mittragen will.....
    5 21 Melden
    • Citation Needed 13.02.2015 00:11
      Highlight Sie spricht ja davon, dass man bei der Tierhaltung einiges überdenken müsse. Dass sie in einem Kurzinterview nicht alle Facetten der Nahrungsmittelwirtschaft detailliert aufzählt heisst ja nicht, dass sie diese "ausblendet." Ich geh mal davon aus, dass ihr diese Probleme bewusst sind.
      13 0 Melden

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