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Beten für Benito: Der gruselige Faschismus-Kult in Italien

Konzentrationslager? Giftgaseinsätze? Angriffskriege? Im italienischen Predappio werden die Gräuel des Faschismus verschwiegen – und Mussolini vergöttert. Ein Fotojournalist hat den Hype dokumentiert. Wir zeigen seine Bilder.

Peter Maxwill



Ein Artikel von

Spiegel Online

Nein, für Italienreisende gibt es keinen Grund für einen Zwischenstopp in Predappio. Schlichte Häuslein säumen die Strassen des 6500-Einwohner-Ortes, dazu ein paar Bars, Restaurants, Läden.

Trotzdem kennt fast jeder Italiener dieses Kaff zwischen Florenz und Ravenna; der Grund dafür kam am 29. Juli 1883 als Sohn eines Schmiedes und der Dorfschullehrerin zur Welt: Benito Amilcare Andrea Mussolini, Faschist, Kriegstreiber, Despot. Und Idol.

Denn auch 70 Jahre nach Mussolinis Ermordung durch italienische Partisanen beharren Millionen Italiener auf dem Zerrbild vom tadellosen Diktator, unter dessen straffer Führung das Land seine grösste Blüte erlebte. Auch in Predappio ist die Zahl der «Duce»-Fans gross, die Faschismus-Souvenirhändler dort lassen auch mal Sätze fallen wie «Hitler war ein Verbrecher, aber Mussolini war ein Ehrenmann.»

Das bemerkenswerte Treiben in Predappio belegt die Geschichtsvergessenheit erschreckend vieler Italiener. Deportationen, Geiselerschiessungen, Konzentrationslager? Nahezu unbekannt. Überfälle auf Albanien und Griechenland, Giftgas-Angriffe in Äthiopien, Krieg an Hitlers Seite in Frankreich, Spanien, Russland? Vergessen oder verdrängt.

Verantwortlich für diese Verbrechen ist Benito Mussolini, doch seit dessen Gebeine zwölf Jahre nach Kriegsende in Predappio ankamen, ist das Städtchen erst recht zum faschistischen Wallfahrtsort aufgestiegen. Der Fotojournalist Giorgio hat die Verehrung des totalitären Systems dokumentiert – hier zeigt und kommentiert er seine Bilder:

Bild: Roger Viollet

Der Fotograf

Giorgio Morra, Jahrgang 1988, ist ein deutscher Fotojournalist mit italienischen Wurzeln. Er studierte in Bielefeld, seine Arbeit führte ihn unter anderem nach Sibirien, Indien und Polen. Zuletzt waren seine Werke in Tschechien, Berlin und Italien ausgestellt.

So ziehen jedes Jahr Zigtausende Ewiggestrige in das Örtchen, sie bringen ihre Hakenkreuzfahnen mit, recken auf Strassen und Plätzen den rechten Arm, salutieren vor dem Geburtsort Mussolinis. Was skandalös klingt, ist in Italien Alltag: Dort bekennen sich schon mal Spitzenpolitiker zum Faschismus, Ex-Premier Silvio Berlusconi schwärmte gar mehrfach vom «Duce». Wie kann das sein, mitten im Nachkriegsuropa, in einem Gründungsland der Europäischen Union?

FILE - File photo dated Sept. 28, 1938 showing Italian dictator Benito Mussolini, at left in foreground, and  Nazi leader Adolf Hitler, at right, taken just before the four power conference in Munich, Germany. As a gesture of friendship, Hitler met  Mussolini with his car at the Italo-German frontier. Benito Mussolini was a fierce anti-Semite, who proudly said that his hatred for Jews preceded Adolf Hitler's and vowed to

Brüder im Geiste: Hitler und Mussolini 1938 in München.
Bild: AP

Morra ist dieser Frage nachgegangen. Drei Monate lang dokumentierte er das Ringen zwischen Neofaschisten und Demokraten um die Deutungshoheit in dem Ort in der Emilia-Romagna. Dafür traf er einen Mussolini-Nachfahren, einen Funktionär der ultrarechten Partei Forza Nuova - und Bürgermeister Giorgio Frassineti, der in Predappio derzeit das erste Faschismus-Museum des Landes aufbaut.

Morra besuchte auch die Gebäude aus der Mussolini-Ära, die wie ein gefährlich streuender Tumor die ganze Stadt durchziehen: eine industrielle Bunkeranlage, das einstige Wohnhaus der Mussolinis, das frühere Hauptquartier der Faschistischen Partei.

Dabei reicht im Grunde schon ein Blick in die Auslagen der Devotionalienläden, um zu verstehen, was in Predappio vor sich geht. Hitler-Gemälde, Mussolini-Büsken und unzweideutige Flaggen finden in grossen Mengen Abnehmer. Darauf zu sehen sind immer wieder die «Fasces», stilisierte Getreidebündel mit einem Beil an der Seite – das Symbol für die faschistische Diktatur, die Italien zwischen 1922 und 1943 prägte.

Für Fotograf Morra waren die drei Monate in Predappio keine einfache Mission: «Die Recherchen und das Fotografieren in diesem Milieu waren immer eine Gratwanderung», sagte er im Gespräch mit «Spiegel Online», und: «Ich hab ja auch meine Ideale, konnte und wollte aber nicht immer offen sagen, was ich von dem Kult um Mussolini in Wahrheit halte.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • MarGo 02.10.2015 09:03
    Highlight Highlight Die Propaganda-Maschinerie der damaligen Zeit sucht auch heute noch seinesgleichen... Unglaublich was für Ikonen aus dem Nichts hochstilisiert wurden. Mit so festen Fundament, dass diese heute noch bestehen können...
    Was sagt das aus? Dass der Mensch im Grunde ein gutgläubiger Trottel ist? Dazu passend lese ich momentan "Der totale Rausch" von Norman Ohler - da fällt einem die Kinnlade runter, was damals gang und gäbe war, wie die Menschen alles für bare Münze genommen haben, was die Maschinerie rausgehauen hat...
    10 1 Melden
  • Volande 01.10.2015 23:40
    Highlight Highlight Bsp.:
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    9 9 Melden
    • rasca 02.10.2015 01:20
      Highlight Highlight Ursprünglich aus römischer Zeit. Die Wachen der Kongressabgeordneten trugen die, sofern ich das noch alles richtig im Kopf hab vom Geschichtsunterricht.
      11 3 Melden
    • Stratosurfer 02.10.2015 07:14
      Highlight Highlight Das hat römischen Ursprung.
      5 3 Melden
    • satyros 02.10.2015 08:26
      Highlight Highlight Mit Getreide hat das Ganze auch nichts zu tun. Das sind Rutenbündel. Sie sind (wahrscheinlich) zusammengebunden, um zu zeigen, dass man zwar eine Rute brechen kann, aber nicht ein ganzes Bündel.
      4 0 Melden
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