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Four Corners Monument: An dieser Stelle stossen vier US-Bundesstaaten zusammen.  Bild: Wikimedia

Verrückte Grenzen, Teil IV: Sechs seltsame Grenzlinien in Amerika

17.12.17, 20:03 18.12.17, 06:20


Es geht weiter mit der Serie «Verrückte Grenzen»: Nachdem wir Beispiele aus der Schweiz, aus Europa und Afrika vorgestellt haben, befinden wir uns nun auf dem amerikanischen Kontinent.
Bei diesen sechs skurrilen Beispielen geht es um internationale Grenzen, aber auch um Scheidelinien zwischen US-Staaten. 

Klein, und doch geteilt: Sint Maarten / Saint-Martin

Auch in der westlichen Hemisphäre haben europäische Kolonialmächte Grenzen gezogen, die heute noch bestehen – und die manchmal merkwürdig anmuten. Ein Beispiel dafür ist die Karibikinsel St.Martin, die zu den nördlichen Kleinen Antillen gehört. Das nur 87 km2 grosse Eiland ist die kleinste Insel der Welt, die zwischen zwei Staaten geteilt ist – sie besteht aus einem nördlichen französischen und einem südlichen niederländischen Teil. 

St.Martin gehört zu den Inseln über dem Winde im Norden der Kleinen Antillen. Bild: übersegler.de

St.Martin – auf Französisch heisst die Insel Saint-Martin, auf Niederländisch Sint Maarten – wechselte seit der Entdeckung durch Kolumbus 1493 mehrmals den Besitzer. Auch nachdem Frankreich und die Republik der Vereinigten Niederlande die Insel 1648 im Vertrag von Concordia unter sich aufgeteilt hatten, änderten sich die Besitzverhältnisse bis 1816 nicht weniger als zehn Mal – St.Martin war abwechselnd nur französisch, zwischendurch britisch, dann wieder nur niederländisch. 

Der französische Teil im Norden ist grösser als der niederländische.  Bild: tomdelaat.reislogger.nl/

Die Tatsache, dass der französische Teil mit 61 Prozent der Gesamtfläche deutlich grösser als der niederländische ist, verdankt sich der Legende nach einer kreativen Methode, die Besitzverhältnisse zu klären: Franzosen wie Niederländer schickten je einen Matrosen ins Rennen. Die beiden Läufer starteten am selben Punkt an der Küste und umrundeten die Insel in entgegengesetzter Richtung – wo sie wieder aufeinandertrafen, sollte sich der Endpunkt der Scheidelinie befinden. Sicher ist, dass der Niederländer klar langsamer war. Über den Grund gehen die Ansichten indes auseinander: Gemäss französischer Auffassung war der Niederländer betrunken, die Niederländer hingegen behaupten, der Franzose habe eine Abkürzung genommen. 

Strand auf Sint Maarten. Bild: www.reisgraag.nl

Heute gehört der nördliche Teil als französisches Überseegebiet zur EU – er ist deren westlichster Punkt – und zur Eurozone, nicht aber zum Schengenraum. Der niederländische Teil, dessen Währung der Antillen-Gulden ist, bildet ein autonomes Land innerhalb des Königreiches der Niederlande. Bezahlen kann man jedoch überall auch mit dem US-Dollar. 

Staatsgrenze in der Bücherei: Derby Line

Die Grenze zwischen den USA und Kanada ist die weltweit längste gemeinsame Grenze zwischen zwei Staaten. Über weite Strecken, namentlich im Westen, folgt sie schnurgerade dem 49. Breitengrad. Auch zwischen dem US-Bundesstaat Vermont und der kanadischen Provinz Québec verläuft die Grenze schnurgerade, allerdings entlang dem 45. Breitengrad. Dort liegt direkt an der Grenze der kleine Ort Derby Line, dem auf der kanadischen Seite Stanstead gegenüberliegt. 

Lage von Derby Line im US-Staat Vermont.  Bild: Wikimedia

Die beiden Ortschaften teilen sich nicht nur eine gemeinsame Hauptstrasse, sondern auch eine gemeinsame Bibliothek mit Opernhaus: Die Haskell Free Library and Opera House wurde 1904 vom Amerikaner Carlos Haskell und seiner kanadischen Frau Martha Stewart direkt auf der Staatsgrenze erbaut; sie verfügt über eine kanadische und eine amerikanische Adresse. Eine schwarze Linie am Boden markiert im Inneren die Grenze – nicht nur als Gag, sondern auch aus versicherungstechnischen Gründen. Die kanadischen und amerikanischen Versicherungen kommen nur für Schäden auf, die auf «ihrer» Seite der Grenze vorliegen. 

Grenzverlauf zwischen Kanada und den USA in Derby Line.  Bild: Flickr

Der grösste Teil der Bibliothek und die Opernbühne befinden sich in Kanada, während der Eingang und der Grossteil der Opern-Sitzplätze in Derby Line liegen. Spötter nennen das Gebäude deshalb gern «die einzige Bibliothek in den USA ohne Bücher» und «das einzige Opernhaus in den USA ohne eine Bühne». 

Die Grenze ist am Boden der Bibliothek markiert.  Bild: Wikimedia

Streit um den «Pfannenstiel» von Alaska

1867 machten die USA einen Deal, der sich in der Folge als äusserst vorteilhaft erweisen sollte: Sie kauften dem Russischen Reich Alaska ab. 1,6 Millionen km2 wechselten für 7,2 Millionen Dollar den Besitzer. Ein Nebeneffekt des Landkaufs war, dass sich die amerikanisch-kanadische Grenze beträchtlich verlängerte (heute sind es 2477 von insgesamt 8891 Kilometern). Da aber Kanada – ebenfalls seit 1867 – ein britisches Dominion war, wurden seine aussenpolitischen Belange vom Vereinigten Königreich von Grossbritannien und Irland wahrgenommen. Die USA erbten nun die seit 1821 schwelenden Grenzstreitigkeiten zwischen Briten und Russen. 

Russisch Amerika um 1860. Die russische Expansion in «Dalni Wostok» («Fernost») folgte der nordamerikanischen Pazifikküste entlang nach Süden; dadurch entstand der heutige «Pfannenstiel» von Alaska.  Bild: Wikimedia

Diese hatten 1825 einen Vertrag unterzeichnet, in dem der Grenzverlauf beschrieben wurde, allerdings in teilweise vagen Begriffen. Während im äussersten Norden der 141. Längengrad klar definiert war, blieb die Situation im Südosten unklar. Im heutigen «Panhandle» von Alaska – eine Folge des russischen Vorstosses entlang der Küste nach Süden – , war die Rede davon, dass die Grenze den Gipfeln des Gebirgszugs folgen sollte, der parallel zur Küste verlief. Zudem sollte die Grenze nicht mehr als zehn «Marine Leagues» von der Küste entfernt verlaufen. 

Die heutige Grenze (gelb) im Alaska-Panhandle geht auf den Schiedsspruch von 1903 zurück.  Bild: Wikimedia

Da die Angaben im Vertrag vage und teilweise unrichtig waren, konnten sich Briten und Amerikaner nicht einigen; erst 1903 richteten sie ein sechsköpfiges Schiedsgericht ein, das die Frage endgültig klärte – und zwar mehrheitlich zugunsten der USA, denn die Briten waren mittlerweile mehr an guten Beziehungen zu Washington interessiert als an vorteilhaften Grenzen ihres Dominions. Dieser britische «Verrat» stärkte letztlich die kanadische Identität, denn  er entfremdete Kanada weiter von London. 

So verlor New York fast ganz Ellis Island

Mehr als 12 Millionen Immigranten kamen hier von 1812 bis 1954 an, bei rund 40 Prozent aller Amerikaner taucht die Insel in der Familiengeschichte auf: Ellis Island, einst die zentrale Sammelstelle für Immigranten in die USA. Die Insel im Hudson River gehört nach einem Schiedsspruch des Obersten Gerichtshofes zum Bundesstaat New Jersey – aber nicht vollständig. Ein kleiner, scheinbar völlig zufällig umgrenzter Teil gehört zu New York. Warum? 

Museum of Immigration: Heute sind keine Immigranten mehr auf Ellis Island anzutreffen, dafür Ströme von Touristen.  Bild: AP/AP

Die Grenze zwischen New York und New Jersey verlief in der Kolonialzeit entlang der Uferlinie von Hudson und New York Bay. Die Inseln in diesen Gewässern – darunter das spätere Liberty Island mit der Freiheitsstatue und Ellis Island – gehörten mithin zu New York. Damit fand sich New Jersey nicht ab. Der US-Staat versuchte erfolgreich, die Grenze in die Mitte des Flusses verlegen zu lassen, obwohl New York sich dagegen vor Gericht wehrte. Die Inseln verblieben indes, obwohl sie westlich der neuen Grenze lagen, bei New York.

Nur die ursprüngliche Insel gehört zu New York; der Rest ist New Jersey. Bild: Flickr

Ellis Island war aber vor dem Gerichtsurteil mit Aushub vom Bau der New Yorker U-Bahn zwischen 1892 und 1934 beträchtlich vergrössert worden. Der gesamte aufgeschüttete Teil der Insel kam zu New Jersey; nur das ursprüngliche kleine Eiland blieb bei New York. Die Grenze zwischen den beiden US-Staaten verläuft nun mitten durch die Gebäude auf der Insel. Da Ellis Island aber ohnehin seit 1965 zusammen mit der Freiheitsstatue als Teil des Liberty Island National Monuments durch den National Park Service verwaltet wird, ist dies kaum von Bedeutung. 

Wie Oklahoma zu seinem «Pfannestiel» kam

Drei vollkommen rechteckig geformte Countys, die in West-Ost-Richtung nebeneinander liegen, bilden den sogenannten Oklahoma-Panhandle («Pfannenstiel von Oklahoma»). Diese knapp 16'000 km2 grosse Ausstülpung des US-Staats Oklahoma, die sich zwischen Texas im Süden und Kansas sowie Colorado im Norden schiebt, ist eine Folge der Auseinandersetzungen über die Sklaverei in den USA. 

Drei Countys bilden den «Pfannenstiel» von Oklahoma. Bild: Wikimedia

Um 1820 war das Gleichgewicht zwischen Sklavenstaaten und freien Staaten im Senat gefährdet, weil Missouri als Sklavenstaat in die Union aufgenommen werden sollte. Die Lage wurde mit dem Missouri-Kompromiss entschärft; Missouri durfte sich der Union als Sklavenstaat anschliessen, dafür wurde Maine von Massachusetts abgetrennt und trat als freier Staat der Union bei. Zugleich kam man überein, dass jeder neue Staat nördlich der Compomise Line (36° 30‘ Breitengrad) sklavenfrei sein sollte. 

Verlauf der Compromise Line. Bild: justeastofwest.me

Als nun Texas 1845 der Union als Sklavenstaat beitreten wollte, konnte es das nicht tun, solange es Territorium nördlich der Compromise Line besass. Im Kompromiss von 1850 verzichtete Texas daher auf alle territorialen Ansprüche nördlich dieser Linie.

1850 verzichtet Texas auf territoriale Ansprüche im Norden und Westen.  Bild: Wikimedia

Mit der Konstituierung des Kansas-Territoriums 1854 entstand dann die nördliche Grenze des heutigen Oklahoma, das vorläufig jedoch ein «Unorganized territory» blieb, für das sich der Name Indianer-Territorium einbürgerte. Erst 1907 wurde Oklahoma als Bundesstaat in die Union aufgenommen. 

Bild: justeastofwest.me

Das einzige Vierstaateneck der USA

Die Grenzen mancher amerikanischer Bundesstaaten sehen aus, als habe man sie mit dem Lineal gezogen. Das extremste Beispiel dafür ist Wyoming – dieser US-Staat ist nahezu perfekt rechteckig. Ausgerechnet Wyoming stösst aber nicht an die Four Corners. Dies ist das einzige Vierländereck von US-Bundesstaaten; hier treffen Utah, Colorado, New Mexico und Arizona aufeinander. An der präzisen Stelle befindet sich ein Denkmal, das Four Corners Monument. 

Das Gebiet, in dem sich heute das Vierländereck befindet, kam erst nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg mit dem Vertrag von Guadalupe Hidalgo unter amerikanische Herrschaft.  

Mexiko musste im Vertrag von Guadelupe Hidalgo ein riesiges Gebiet abtreten: Es umfasste die heutigen Bundesstaaten Kalifornien, Arizona, Neu-Mexiko, Utah, Nevada, Texas und einen Teil von Colorado und Wyoming. Bild: Wikimedia

Das Vierländereck im Südwesten der USA war zuerst nur ein Dreiländereck. Erst als 1866 das Arizona-Territorium endgültig neu gebildet und vom New-Mexico-Territorium abgetrennt wurde, stiessen an dieser Stelle vier Territorien aneinander, da die neue Grenze exakt entlang desselben Längengrads verlief wie jene zwischen dem Colorado- und dem Utah-Territorium, die seit 1861 bestand. Zu Bundesstaaten wurden die Territorien erst danach, zwischen 1876 und 1912. 

1866 wurde das Arizona-Territorium endgültig vom New-Mexico-Territorium abgetrennt.   Bild: Wikimedia

Der Grenzpunkt wurde 1868 von Landvermessern festgelegt und 1875 mit einer Sandsteinsäule markiert. Das Four Corners Monument wurde mehrmals umgestaltet, bis es 1992 in seiner heutigen Form entstand. Heute markiert eine im Boden eingelassene Granitplatte mit einer metallenen Grenzmarke das Vierländereck. Das Monument befindet sich auf dem Gebiet der Navajo Nation Reservation, kann aber ganzjährig gegen Eintritt besichtigt werden.

Bild: Wikimedia

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15
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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • crik 18.12.2017 19:53
    Highlight Wurde Südamerika bewusst weggelassen? Gäbe doch auch ein paar interessante Grenzen. Z.B., warum ist die Grenze zwischen Venezuela und Guyana auf vielen Karten gestrichelt? Oder die Streitigkeiten zwischen Chile und Argentinien, und warum macht die Grenze südlich von Ushuaia einen Knick nach Osten?
    3 0 Melden
  • rummelsnuff 18.12.2017 16:33
    Highlight Die Geschichte mit dem betrunkenen Holländer und dem abkürzenden Franzosen ist einfach zu genial. Da wäre ich gerne dabei gewesen.
    13 0 Melden
  • Amboss 17.12.2017 23:50
    Highlight Es muss einfach Mal wieder gesagt werden: Eine richtig tolle Serie. Herzlichen Dank!
    20 0 Melden
  • saugoof 17.12.2017 22:35
    Highlight Auch eine verrückte Grenze, Point Roberts, eine winzige Halbinsel südlich von Vancouver die zu den USA gehört. https://www.citylab.com/design/2012/02/strange-existence-point-roberts-washington/1265/
    22 1 Melden
    • Nosgar 17.12.2017 23:06
      Highlight Wollte ich auch gerade erwähnen.
      31 0 Melden
  • Magnum44 17.12.2017 22:12
    Highlight Zum Vierländereck kann ich nur eines sagen: besucht es nicht. Der Eintritt ins Indianergebiet kostet pro Person (nicht pro Auto wie sonst in allen US Parks), die Toiletten sind "still under construction" und um den Betonplatz sitzen irgendwelche grimmigen Gestalten, die den Touristen Müll aus China andrehen. Zudem liegt die Platte gemäss Google Earth rund 10 Meter daneben.
    43 11 Melden
    • derEchteElch 18.12.2017 07:40
      Highlight Hahaha... Google Earth ist ja such eine so zuverlässige Quelle was geografische Vermessung betrifft. Alle öffentlichen Vermessungsbüros der Welt arbeiteb mit dieser hochpräzisen Messungen.

      Ironie off
      24 2 Melden
    • Anded 18.12.2017 08:21
      Highlight Der letzte Punkt ist eher ein Argument, Google Earth nicht für Vermessungszwecke zu nutzen.
      26 0 Melden
  • Heinz Nacht 17.12.2017 22:10
    Highlight Point Roberts in Wahington hätte hier meiner Meinung nach auch einen Platz verdient. 😉
    20 1 Melden
  • Seuls - Toutvabien 17.12.2017 20:32
    Highlight Das Vierstaateneck kam mal in Breaking Bad vor.
    36 1 Melden
    • Mia_san_mia 17.12.2017 22:29
      Highlight Stimmt, das kommt mir bekannt vor 🤔
      12 1 Melden
  • derEchteElch 17.12.2017 20:28
    Highlight Heisst das, ein Five Corner gibts gar nicht? Die Simpsons haben mich mein ganzes Leben lang angelogen... ☹️
    179 7 Melden
    • Heisenberg88 17.12.2017 22:34
      Highlight Hast du nie bemerkt, dass die Staaten die in dieser Folge genannt werden überhaupt nicht in der nähe zu einander sind. Dies wurde bewusst so gewählt, damit niemand weiss wo genau Springfield liegt bzw. In welchem Staat.
      48 5 Melden
    • Pasch 17.12.2017 22:36
      Highlight Kommt noch... die Simpsons sagen die Zukunft voraus. 🤣
      43 1 Melden
    • Nelson Muntz 17.12.2017 23:05
      Highlight abwarten, das kommt noch. Die Simpsons sind wie Nostradamus... die yt Videos wirst du ja sicherlich kennen.
      19 2 Melden

Die geschändete Papstleiche, die 3 Mal ausgegraben und 2 Mal im Tiber versenkt wurde

Papst Stephan VI. hatte ein Problem. Nun haben das alle Menschen zu allen Zeiten, doch im Jahr 896 – also vor 1122 Jahren – zweifelte man die Rechtmässigkeit seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt an. Und wenn ein Mann, der es schon so weit gebracht hat, in seiner Stellung bedroht wird, dann empfindet er die Gefahr natürlich als höchst existentiell. Was sie im Übrigen auch tatsächlich war in einer Welt, wo Päpste, Könige und Kaiser einander ständig bekriegten und nach dem Leben trachteten. 

Nun …

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