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Klima-Crash im Mittelalter: Das härteste Jahrzehnt der Schweiz und ganz Europas

Mit dem Winter 1431 begann ein grausames Jahrzehnt: Hunger, Krankheiten und Kriege entvölkerten Europa. Die Ursache: eine erstaunliche Witterung. Die Katastrophe könnte sich jederzeit wiederholen.

29.12.16, 21:05 30.12.16, 12:37

Axel Bojanowski

Ein Artikel von

Das Unglück begann mit einem Hochzeitstanz. Nach langer Zeit war die Pegnitz in Nürnberg im Winter 1431/32 mal wieder zugefroren. Eine Feiergesellschaft ergriff die Gelegenheit, auf dem Eis zu tanzen.

Die fröhlichen Menschen ahnten nicht, dass sie den Aufzug einer zehnjährigen Klimakatastrophe erlebten.

Gerade erst war das Leben besser geworden in Europa, zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Zuvor hatten Krankheiten die Bevölkerung verkleinert, sodass nun die meisten Leute Arbeit fanden und gutes Auskommen hatten.

Wölfe schlichen um die Häuser

Endlich, so schien es, hatten es die Europäer geschafft, sich gegen Krankheiten und Ernteausfälle zu wappnen. Doch die 1430er-Jahre änderten alles, sie waren eines der härtesten Jahrzehnte überhaupt.

Im Winter 1431 begann ein Jahrzehnt, das Hunger und Krieg über Europa brachte. Die Konkurrenz um Nahrung verschärfte die Konflikte. In der Schweiz schloss die Stadt Zürich die Gemeinden Schwyz und Glarus mit diesem Dokument aus von seinen Getreidemärkten, woraufhin 1440 der Alte Zürichkrieg ausbrach. bild: Staatsarchiv Zürich

Lebensmittelpreise vervielfachten sich, Menschen litten Hunger, Handelskriege wurden entfesselt, Aussenseiter gelyncht, Kriege brachen aus.

Bald wanderten Wölfe ins Land, schlichen um die Häuser. Schliesslich kamen die Krankheiten zurück. Zehn Jahre später war Europa Katastrophengebiet. Was war geschehen?

Jederzeit wieder möglich

Statistik des Todes: Das Papier dokumentiert die hohe Sterblichkeit in Bern im Jahr 1439. bild: Bern Burgerbibliothek

Es musste am Wetter gelegen haben, vermuteten Historiker. Doch weder waren Vulkanausbrüche noch schwache Sonnenaktivität bekannt, die das Klima verschlechtert hätten.

Wettersimulationen weisen nun auf die Ursache: Forscher um Chantal Camenisch vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung in Bern haben am Computer berechnet, ob sich zehn Jahre Dürre, Kälte und Regenfluten einstellen können, ohne dass Vulkane ausbrechen oder die Sonne schwächelt.

Ihr Ergebnis: Die Katastrophe der 1430er lasse sich mit zufälligen Schwankungen der Witterung erklären, berichten Camenisch und ihre Kollegen im Fachmagazin «Climate of the Past». Es ist eine gruselige Erkenntnis, denn sie zeigt: Solch ein Wetter kann sich jederzeit wiederholen.

Alle europäischen Flüsse zugefroren

Die Katastrophe nahm ihren Lauf, weil ein extrem langer Winter auf den nächsten folgte, unterbrochen jeweils von warmen Sommern, in denen viel Regen fiel – es war das perfekte Rezept, Ernte zu zerstören.

Am 20. November 1431 erreichte die Katastrophe einen ersten Höhepunkt, ab diesem Tag waren alle Flüsse Nordeuropas zugefroren, auch Donau und Rhein. Auch weite Teile des Bodensees und der Ostsee froren zu, Wölfe liefen übers Eis von Norwegen nach Dänemark und weiter nach Süden.

Selbst die Lagune von Venedig konnte vom 6. Januar bis 22. Februar mit dem Wagen überquert werden, was sonst alle paar Jahrzehnte höchstens mal ein paar Tage möglich war. Der Winter 1431/32 war einer der kältesten und längsten in Europa. In Frankreich erfroren die Weinstöcke.

«Die Deposition»: Das Gemälde von Fra Angelico entstand 1432 bis 1434. Es zeigt, dass selbst in der schlimmen Zeit der 1430er grosse Kunst geschaffen wurde – südlich der Alpen blühte die Renaissance. bild: wikicommons/Rufus46

Das Problem blieb zunächst unsichtbar

Das grösste Problem aber blieb zunächst unsichtbar: Weil den ganzen Winter kaum Schnee gefallen war, war die Saat auf den Feldern extremer Kälte ausgesetzt – eine Schneedecke hielt den Frost sonst ab.

Erst im März, vielerorts erst im April, taute der Boden – da war die Saat grossteils gestorben. Nun staute sich Schmelzwasser in den Flüssen zu Fluten, die in die Städte schwemmten; besonders schwer traf es Orte entlang der Donau.

Regen im Sommer besorgte den Rest, die verbleibende Ernte verrottete. Die Hungersnot begann 1432 in Böhmen.

Andernorts waren noch einige Speicher gefüllt. Ein Jahr später aber, nach einem weiteren harten Winter, verzeichnen sämtliche Handelschroniken von Dublin über Köln und Magdeburg bis Prag Spitzenpreise für Getreide.

Das Wunder von Bologna

Streit entbrannte, zum Beispiel in Ungarn: Obwohl Landsleute hungerten, exportierte das Land weiterhin lukrative Nahrungsmittel in Nachbarländer. Erst im Oktober 1434 verbot eine königliche Verfügung den Verkauf. Andere Länder erliessen ähnliche Vorschriften.

In ihrer Not wandten sich die Leute der Religion zu. In Bologna begann der Kult um das Kloster Santuario Madonna di San Luca: Weil der Regen nicht aufhörte, flehten die Menschen, ein Bildnis mit Maria und Jesus aus dem Kloster möge hinunter in ihre Stadt gebracht werden.

Als es am 5. Juli durch die Strassen getragen wurde, liess der Regen nach. Seither wird das Ritual alljährlich wiederholt.

Brot aus Baumrinde

Andernorts machten die Leute Minderheiten fürs schlechte Wetter verantwortlich – Angst und Aggression entluden sich in grausamer Gewalt: Roma und Juden wurden verletzt und ermordet. Auch Frauen, die zu Hexen erklärt wurden, mussten Gewalt fürchten.

Grausamkeit des 15. Jahrhunderts: Das Gemälde «Massaker der Unschuldigen» von Matteo di Giovanni di Bartolo. bild: gemeinfrei

Die neuen Klimasimulationen zeigen: Es war schlicht Pech, dass Jahr auf Jahr im Winter monatelang riesige wolkenarme Hochdruckgebiete über Mitteleuropa lagen, die das Land auskühlten und im Sommer dauernd Tiefdruckzonen Regen ausschütteten, der die karge Ernte faulen liess.

Der Getreidemangel zwang 1435 die Leute dazu, Brot aus Baumrinde herzustellen. Die meisten Regionen Europas meldeten nun schwere Ernteausfälle und Hungersnot, lediglich der Süden des Kontinents blieb teilweise verschont.

Der Winter 1435 war erneut so streng, dass selbst der Rhein bis auf den Grund gefror. Auf dem Eis bauten die Kölner Marktbuden, in denen sie die wenigen Lebensmittel teuer anboten.

Krieg in der Schweiz

«1438 gab es solch eine Teuerung und Hungersnot in den Niederlanden, dass niemand mehr wusste, wie er sich beschweren sollte über all das Leid», schrieb ein Chronist.

«Anbetung der Könige»: Auch dieses Werk entstand im 15. Jahrhundert; es schuf Filippino Lippi. bild: gemeinfrei

Die geschwächten Menschen wurden anfällig für Krankheiten, das feuchte Sommerwetter bot gefährlichen Keimen beste Lebensverhältnisse. Hunderttausende starben. Unzählige Nutztiere gingen ein.

Die Konkurrenz um Lebensmittel verschärfte sich in Schottland so sehr, dass lange befreundete Clans im Hochlands gegeneinander in den Krieg zogen. In der Schweiz schloss die Stadt Zürich die Gemeinden Schwyz und Glarus aus von ihren Getreidemärkten, woraufhin der Alte Zürichkrieg ausbrach.

Die Folgen der Katastrophendekade blieben lange spürbar: Die Bewohnerzahl Europas fiel drastisch. Die Menschen waren nicht vorbereitet gewesen auf solch einen Ernteausfall. Sie zogen Konsequenzen: Städte bauten grössere Kornkammern und erstellten Notfallpläne, die unter anderem den Import von Nahrung aus fernen Ländern vorsahen.

Drohender Ernstfall – auch heute

«Das Klima der 1430er war einmalig in den Daten von 400 Jahren, die wir untersucht haben», sagt Kathrin Keller vom Oeschger-Zentrum, Mitautorin der neuen Studie.

Die grössten Klimasünder

Zivilisationen seien auch heute anfällig für ungewöhnliche Witterung, schreiben die Forscher weiter. Zwar hortet etwa Deutschland Hunderttausende Tonnen Weizen und Hafer für den Notfall, dennoch seien selbst Hochzivilisationen stets in Gefahr.

2003 starben in Folge einer Hitzewelle in Europa Zehntausende Menschen – dabei dauerte die Extremhitze lediglich 14 Tage. Die Studienautoren empfehlen, Gesellschaften sollten sich besser auf den Ernstfall einstellen – auf eine jahrelange Wetterkatastrophe.

Vulkanausbruch versetzte Neandertalern den Todesstoss

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • Architect 30.12.2016 14:00
    Highlight Vielleicht war das Spörerminimum dafür mitverantwortlich oder doch die zahlreichen Vulkanausbrüche um 1430, oder auch die erhebliche Reduktion von co2 durch das zahlreiche Sterben der Menschen aufgrund von Krankheiten. Galt auch für die Tiere. Es wurde weniger Brennholz verwendet und der Wald eroberte sein Terrain zurück und somit noch weniger co2 in der Luft.
    3 2 Melden
  • Commander 30.12.2016 11:39
    Highlight Interessant und ähnlich ist auch das "Jahr ohne Sommer" 1816. Nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora kam es zur Kältewelle. Im Appenzellerland zum Beispiel sind damals viele verhungert.
    6 1 Melden
    • Citation Needed 30.12.2016 18:31
      Highlight Genau! Und Frankenstein wurde geschrieben, weil die Sommerferien der Shelleys am Genfersee total verregnet waren, dass man kaum aus dem Haus kam und stattdessen drin blieb und Gruselgeschichten schrieb, um sie den anderen Gästen vorzutragen. Mary Shelley schrieb wie gesagt Frankenstein, Lord Byrons Leibarzt Dr. Polidori schrieb eine Vampirgeschichte, lange vor Stokers Dracula, die später auch veröffentlicht wurde. Waren bestimmt sehr gruselige Erzählabende in jenem Sommer, in jenem Haus...
      :-)
      6 1 Melden
  • Wehrli 30.12.2016 02:14
    Highlight Mimimimi für Historiker. Perper, oder Mega-Mimimis, haben Hochkunjunktur ... wenns zu kalt wird verbringen wir den Winter halt in den Bahamas. Nochmals ein Mimimimi ans Watson-Team
    4 100 Melden
    • Shin Kami 30.12.2016 08:31
      Highlight Nicht jeder kann in die Bahamas flüchten. Und das ist auch keine Lösung...
      15 2 Melden
    • SilWayne 01.01.2017 04:46
      Highlight Du hast schlichtweg nichts begriffen...
      5 1 Melden
    • Wehrli 09.01.2017 11:55
      Highlight Was für eine Antwort. Aber vollgeschissene Hosen geben auch warm, nicht wahr Wayne?
      0 1 Melden
  • Jol Bear 29.12.2016 23:32
    Highlight Dank moderner Technologien in Landwirtschaft und Medizin sowie dank weltweit funktionierender Transportsysteme sind, im Gegensatz zum Mittelalter, heutzutage Voraussetzungen gegeben, vergleichbare Katastrophen zu bewältigen. Dass das Ungemach dennoch droht, liegt an uns Menschen selber. Wenn allein schon der Support verschiedener Fussballclubs Grund ist, dass Fans aufeinander losgehen und sich gegenseitig lebensgefährlich verletzen, bleibt die Hoffnung, dass Völker, Nationen, Religionen sich auf ein einigermassen friedliches Miteinander verständigen erst recht illusionär.
    93 3 Melden
  • Sveitsi 29.12.2016 22:23
    Highlight Interessanter Artikel, danke dafür!
    128 1 Melden

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