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Wenn die Kunst stumm bleiben muss: «Poemas» (1979) der brasilianischen Künstlerin Lenora de Barros.
Bild: migros museum für gegenwartskunst

Wenn Kunst von Diktatoren stumm gemacht wird, schreit sie umso lauter – und jeder versteht ihre Botschaft

Das Migros Museum für Gegenwartskunst zeigt aktuell eine Ausstellung über künstlerischen Widerstand in Südamerika. Es ist Kunst, die durch Diktaturen sprachlos gemacht wurde – und dennoch wirkungsmächtige Wege findet, ihre Forderungen zum Ausdruck zu bringen. 

26.11.15, 14:21 27.11.15, 13:31

Ab Ende der 60er Jahre sass in so ziemlich jedem lateinamerikanischen Land ein Diktator an den Hebeln der Macht. In Chile wütete Pinochet, in Paraguay versteckte Alfredo Stroessner den KZ-Arzt Josef Mengele, in Argentinien knebelte Perón hinter dem Rücken seiner Strahlefrau Evita die Presse und unter dem späteren Junta-Chef Jorge Rafael Videla verschwanden etwa 30'000 Menschen.

18. September 1973: Der blutige Putsch, der die Präsidentschaft des demokratisch gewählten Sozialisten Salvador Allende beendete und General Augusto Pinochet (zweiter von links) an die Spitze Chiles brachte.
Bild: EPA HO

Hierzulande weiss man meist nicht viel über diese Gestalten, Diktatoren halt, böse Männer, aber irgendwo weit weg, in unbedeutenden Ländern.

«Resistance Performed», die neue Ausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst, zeigt die Werke von 31 südamerikanischen Künstlern, die sich gegen das Korsett gewehrt haben, in das sie von ihrer Landesregierung gesteckt wurden. Erst jetzt beginnt allmählich die Aufarbeitung der Schreckenszeiten. Die Künstler haben endlich Galerien gefunden und dürfen ihre Arbeiten öffentlich zeigen. Auch Graciela Carnevale konnte ihr ganzes Archiv wieder aus der argentinischen Erde ausgraben, wo sie es während der Diktatur Onganías versteckt hielt.

Resistance Performed – Aesthetic Strategies under Repressive Regimes in Latin America

Die aktuelle Ausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst ist noch bis zum 7. Februar 2016 zu sehen. 
Heute Abend um 18.30: Vortrag von Cristiana Tejo und Gespräch mit dem Künstler Paulo Bruscky
Wo: Limmatstrasse 270, 8005 Zürich

Ein Teil von Graciela Carnevales Archiv ist im Migros Museum ausgestellt: Mit «Tucumán Arde» (Tucumán brennt) wollte sie über die ärmlichen Verhältnisse der Provinz-Bewohner während der Militärdiktatur aufklären. 1968 wurde die Ausstellung in Buenos Aires gezeigt – und schon nach wenigen Stunden von der Polizei geschlossen. 
bild: migros museum für gegenwartskunst

Es geht hier um Widerstandskunst. Und wäre diese zurückverfolgbar gewesen, hätte sie Gefängnis, Folter oder Tod für die Künstler bedeutet. 

Der brasilianische Künstler Cildo Meireles infiltrierte 1970 den Geldkreislauf mit kleinen, revolutionären Botschaften. Er stempelte «Wer tötete Herzog?» auf Banknoten. Vladimir Herzog war ein Journalist, der sich unter Humberto Castelo Brancos Militärdiktatur dem Kampf für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit widmete. 1975 wurde er im Gefängnis zu Tode gefoltert. 

Cildo Meireles versuchte seine Kunst in den Alltag einzuspeisen, um die Militärdiktatur unter Humberto Castelo Branco zu kritisieren. Im Bild: «Inserções em circuitos ideológicos» (Insertionen in ideologische Kreisläufe).
bild: mirgos museum für gegenwartskunst

Als Pinochet an die Macht kam, blieb Eugenio Dittborn in Chile. Obwohl der Künstlerszene – stumm gemacht durch Zensur und ausgedünnt durch Verhaftungen und Exekutionen – nicht viele Möglichkeiten blieben, sich gegen das System aufzulehnen. Doch Dittborn hatte eine gefunden: Mail Art. Er machte sich das Luftpost-System zunutze, um mit der Welt kommunizieren zu können. Diese fetzenhaften Hilferufe hat er auf einer Collage vereint: Gesichter von Vermissten, von gesuchten «Verbrechern», von psychisch Kranken. Es sind die Gesichter der Gegner und Verlierer der Diktatur, die aus dem repressiven Kontext gerissen werden, um auf seiner Leinwand wenigstens ein bisschen Gerechtigkeit zu erfahren. 

Eine Karte des chilenischen Gedächtnisses: Eugenio Dittborns «Airmail Painting», 2004.
Bild: migros museum für gegenwartskunst

Als die Spanier im 16. Jahrhundert nach Chile kamen, überliessen ihnen die Mapuche nicht kampflos ihr Land. Die Einwohner von Arauco überrannten die Festungen der Konquistadoren – immer wieder unternahm die Spanische Krone Feldzüge in diese aufrührerische Gegend, vergebens. Die Mapuche behaupteten sich tapfer. Und Arauco erhielt fast drei Jahrhunderte später endlich Stadtrechte. 

Der Körper wird zur Karte: Elías Adasme «La Araucana 81», 1981. Auf der Karte und seiner Brust ist der Anfang von Alonso de Ercillas Gedicht geschrieben. 
bild: migros museum für gegenwartskunst 

Elías Adasme erzählt in seinem fotografischen Werk die Geschichte der Kolonisation Chiles. Sein Körper wird zur Landkarte, er will sich seine Heimat wieder aneignen, wieder zu ihr gehören. So wie es einst seinen Urahnen gelang, sich gegen die Spanier zu behaupten, so sollte auch das Pinochet-Regime niedergerungen werden. Denn die Chilenen sind das Volk der Granaten. 

«Chile, das edle und fruchtbare Land,
in der berühmten Antarktis gelegen,
von fernen Nationen respektvoll genannt:​
Macht, Stärke, Bedeutung sind ihm gegeben.​
Ein Volk wie Granaten bringt es hervor,
​so aufsässig, kriegstoll und ungezwungen,​
denn niemals beherrschte ein Fürst es zuvor​
noch hat je ein Fremder es niedergerungen.»

Aus «La Araucana» von Alonso de Ercilla, 1574

Mit allen Mitteln wurde versucht, den Raum, den Pinochet besetzte, wieder zurückzuerobern. Lotty Rosenfeld nutze dafür Klebeband, das sie in entgegengesetzter Richtung auf die offiziellen Strassen-Markierungen pflasterte. Rosenfeld zerstörte die Verkehrsordnung. Und damit Pinochets straffe Führungslinie. 

Die «Reconquista» der Lotty Rosenfeld: Die Künstlerin arbeitet gegen den Strich – hier direkt vor dem Präsidentenpalast in Santiago de Chile, 1985.
bild: migros museum für gegenwartskunst

Wahrscheinlich sind die Werke dieser Künstler so einfach lesbar, weil sie Existentielles fordern: Das Recht aufs Reden, auf Selbstbestimmung, auf Bewegungsfreiheit. In ihrer Sprachlosigkeit bedienten sie sich einer allgemein verständlichen Symbolik, die ihre Ohnmacht umso stärker zum Ausdruck brachte.

Nicht alle hatten Glück. Viele Freunde des uruguayischen Künstlers Luis Camnitzer, die während der Militärdiktatur in ihrer Heimat geblieben waren, wurden festgenommen und in den Gefängnissen von Aparicio Méndez gefoltert. 

Der Uruguayer Louis Camnitzer hat im Exil eine Serie von 35 Folter-Bildern geschaffen («Uruguayan Torture Series», 1983/84).
bild: migros museum für gegenwartskunst

Sicherer also, man tarnte sich mit einer lächelnden Maske und tat so, als wäre alles in bester Ordnung. 

Louis Pazos wehrte sich gegen die Diktatur in Argentinien mit einer lächelnden Maske: «La cultura de felicidad», 1971.
bild: migros museum für gegenwartskunst

«Das Tragen dieser Maske des Glücklichseins ist obligatorisch und jeglicher Gedanke, jegliches Wort und jeglicher Akt, der sie angreift, wird durch das Gesetz hart bestraft.»

Luis Pazos: «La cultura de felicidad», 1971
Bild: migros museum für gegenwartskunst

Kunst, Kunst, Kunst!

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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