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Der grosse Blob: Rätsel um historische «Seeungeheuer»-Funde

Fleisch wie Gummi, schleimiger Pelz und Kiemen: Wie aus einer fremden Welt wirkte das Wesen, das 1960 vor Tasmanien strandete. Jahrzehntelang gaben ähnliche «Globster»-Funde rund um die Welt Rätsel auf – bis man die unappetitliche Erklärung fand.

02.11.15, 18:23

Danny Kringiel

Ein Artikel von

Jack Boote und Ray Anthony ahnten gleich, dass etwas mit dem Ding nicht stimmte. Oft schon hatten die beiden Farmer, wenn sie Rinder die tasmanische Westküste heruntertrieben, gestrandete Kadaver gefunden – aber nie etwas wie das, was sie an diesem Junitag 1960 erblickten: Ein riesiger, unförmiger Leib lag auf dem Strand, sechs Meter lang, fünf breit und fast mannshoch. Sie ritten näher heran, doch Anthonys Pferd scheute, als wittere es Gefahr.

Also untersuchte Boote das reglose Geschöpf allein: Er schätzte das Gewicht auf sieben Tonnen. Der Körper war von einer Art Pelz bedeckt, Schafswolle ähnlich, und mit einer fettigen Schmiere überzogen. Kopf oder Gliedmassen konnte er nicht erkennen, aber aus einem Ende ragten vier fleischige Fortsätze, dazwischen eine Öffnung wie ein Maul ohne Zähne. Auch Knochen oder ein Rückgrat sah er nicht, dafür an jeder Seite des Körpers vier kiemenartige Schlitze. Boote steckte seine Hand hinein, um die Tiefe zu ertasten. Seine Finger fühlten keinen Grund.

Als Boote und Anthony an jenem Tag zurückritten, konnten sie noch nicht ahnen, dass ihr Fund weit über Australien hinaus für wilde Spekulationen sorgen sollte. Noch jahrzehntelang würden rund um die Welt ähnliche Geschöpfe stranden und nach dieser Kreatur benannt werden – dem ersten sogenannten «Globster» (vom englischen «glob» für «Klumpen»). Obwohl er in Wahrheit gar nicht der erste seiner Art war.

Seeschlange oder Riesenkrake?

Schon im September 1808 hatten Fischer auf der Orkney-Insel Stronsay einen ähnlich mysteriösen Fund gemacht: Von einem 16 Meter langen Kadaver mit kleinem Kopf, langem Hals und einer zotteligen Mähne berichteten Augenzeugen. Ein örtlicher Künstler zeichnete den Fund als saurierartige Kreatur mit drei Beinpaaren.

In der schottischen Hauptstadt sorgte die Nachricht für Aufregung: Bei einer Tagung der Wernerian Natural History Society, so Denis Fairfax 1998 in dem Buch «The Basking Shark in Scotland», verkündete der Vorsitzende Patrick Neill den Fund eines «einzigartigen Tieres (...), bei dem es sich den Beschreibungen von Egede und Pontoppidan nach um die Grosse Seeschlange des Nördlichen Ozeans handelt».

Seit die dänischen Geistlichen Hans Egede und Erik Pontoppidan von der Sichtung eines riesigen Seeungeheuers im Juli 1734 vor Grönland berichtet hatten, war darüber spekuliert worden. Nun schien der Beweis erbracht. Neill taufte die vermeintlich neue Art «Halsydrus Pontoppidani» (Pontoppidanis Wasserschlange).

Oktopus in gross

Ende 1896 wurde am Strand von St.Augustine, Florida, erneut ein riesiger, unförmiger Körper angespült. Ein Forscher beschrieb ihn als «weiss wie Seife» und staunte, das Gewebe des Wesens sei «so zäh, dass es vier Klingen stumpf machte» bei dem Versuch, es aufzuschneiden, so das Magazin «Natural History» im März 1971. Fotos des Tieres wurden Addison Emery Verrill, Zoologieprofessor an der Yale University, übersandt.

Wasserschlangen hatte er nicht im Sinn. Verrill schlussfolgerte vielmehr, es handele sich um einen «echten Oktopus von kolossaler Grösse», eines jener schiffsgrossen Ungeheuer, deren angebliche Sichtungen über Jahrhunderte hinweg immer wieder als Seemannsgarn abgetan worden waren. Er taufte die neue Art auf den Namen «Octopus giganteus».

Am 3. Januar 1897 berichtete auch der «New York Herald» von dem Fund und rekonstruierte aus dem verstümmelten Kadaver einen gewaltigen Oktopus, dessen Fangarme je «mindestens 23 bis 30 Meter lang» gewesen sein müssten. Obwohl Verrill schon wenig später sein Urteil widerrief, sollten sich die Geschichten über das «Monster von St.Augustine» noch lange halten.

Das gruseligste Omelett der Welt

Doch erst mit dem Fund, den die Viehtreiber Boote und Anthony 1960 an der tasmanischen Westküste machten, sollten diese Wesen unter der lautmalerischen Bezeichnung «Globster» zusammengefasst werden. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis Berichte über die Entdeckung Anfang 1962 in die tasmanische Hauptstadt Hobart vordrangen. Das Tasmanische Museum organisierte einen Expeditionstrupp.

Erstaunt musste das von Boote geführte Team am 4. März 1962 feststellen, dass der Verfall des inzwischen weit im Sand versunkenen Körpers ungewöhnlich langsam vorangeschritten war. Nur noch ein etwa 1,8 mal ein Meter grosses Stück war über dem Sand sichtbar, braun verfärbt und sichtlich von Möwen angefressen. Doch erwies sich das Gewebe selbst nach diesem langen Zerfall noch als erstaunlich widerstandsfähig: Die Forscher mühten sich länger als eine Stunde mit einer Machete ab, bis sie 25 Zentimeter tief hineingeschnitten hatten.

Bericht über das «tasmanische Seemonster» von 1962.
YouTube/British Pathé

Sie waren in einer Zwickmühle: Einerseits wollten sie wilde öffentliche Mutmassungen vermeiden. Andererseits mussten sie Geldgeber auf sich aufmerksam machen, um die Kreatur weiter freilegen und untersuchen zu können. Also gaben sie am 8. März eine Pressekonferenz in Hobart. «Wir achteten darauf, nicht zu behaupten, es sei ein der Wissenschaft noch unbekanntes Wesen», zitierte der «Tasmanian Naturalist» im Dezember 1981 einen Expeditionsteilnehmer, «aber wir wiesen darauf hin, dass (...) unsere Beobachtungen am Strand auf kein Tier zu passen schienen». Eine Formulierung, die zu Spekulationen förmlich einlud.

Ein Seemonster fast so gross wie ein Haus

Am nächsten Tag berichtete Hobarts Tageszeitung «The Mercury» unter der Schlagzeile «Fast so gross wie ein Haus!» von einer «Geschichte über ein ‹Seemonster›, die weltweites Interesse erregen könnte». Zwei australische Tageszeitungen zeigten gefälschte Luftaufnahmen des angeblichen Monsters. Ein Kamerateam versuchte, das Wesen mit einer Axt zu zerlegen.

Die Theorien überschlugen sich: Während manche, so die «Australian Women's Weekly» im März 1962, munkelten, dies sei ein «unheimliches Ding aus Millionen Jahre weiter Ferne», vermuteten andere ein Urzeitwesen, das im antarktischen Eis gefangen gewesen und dann aufgetaut sei, während wieder andere von einem Riesenkraken sprachen, den Atombombentests im Pazifik gestört und an Land getrieben hätten.

Viele Australier nahmen es mit einer gehörigen Portion Humor: So kursierten Gerüchte, dies sei ein riesiges Omelett aus Instant-Eierpulver, das im Zweiten Weltkrieg über Bord eines Schlachtschiffs gegangen und nun angetrieben sei. Oder die Theorie, es handele sich um Haggis, das bei einem schottischen Bankett ins Wasser gefallen, nach Australien getrieben und dabei aufgequollen sei.

Ob ernsthaft oder nicht, der Fund erregte Aufsehen. Binnen 24 Stunden nach der Pressekonferenz bekamen die Forscher Anrufe aus London und New York – ihr «Globster», wie die australische Presse das Wesen nannte, war zum internationalen Rätsel geworden.

«Geschöpfe, die die Menschheit noch entdecken muss»

Dass die Forscher bereits wenig später bekanntgaben, es habe sich wohl doch nur um Überreste eines vom Fangschiff gefallenen Wales gehandelt, fand weit weniger Beachtung als die wilden Spekulationen, die immer wieder durch neue Funde genährt wurden: Etwa als 1968 der sogenannte New Zealand Globster bei Muriwai an der Küste Neuseelands antrieb.

Und auch dann noch, als 1970 ein zweiter «Tasmanian Globster» an der Küste Tasmaniens landete – mitsamt einer verräterischen Walfangharpune in seinem Fleisch. Ob 1988 beim Fund des fünfarmigen «Bermuda-Blobs», 1990 in Schottland beim «Hebriden-Blob» oder 1997, als in Tasmanien der «Four Mile Globster» angespült wurde – stets regten die amorphen Gebilde die Fantasie an.

Schliesslich untersuchten Forscher um den US-Zoologen Sidney K. Pierce 1995 Gewebeproben des «St.-Augustine-Monsters» und des «Bermuda-Blobs» per Elektronenrastermikroskop und mittels biochemischer Untersuchungsverfahren. Mit ernüchterndem Ergebnis – die Kadaver entpuppten sich eindeutig als die verfallenen Überreste von Walen, genauer: als Walblubber, jene dicke Fettschicht von Walen, die trotz ihrer hohen Schadstoffkonzentrationen jährlich tonnenweise von Japan als Delikatesse importiert wird. Unappetitlich, aber unspektakulär. 2002 stellte sich auch ein vor Neufundland gestrandeter Globster bei der DNS-Analyse durch den Biologen Steven M. Carr als Überrest eines Walkadavers heraus. Das Rätsel um die Seeungeheuer war vom Tisch.

Hätte man jedenfalls meinen können. Als in der letzten Juniwoche 2003 ein zwölf Meter langer Globster an der Küste Chiles angespült wurde, meldete «National Geographic News» den Fund einer «mysteriösen Kreatur». Das Wesen, so der Artikel, diene «als Erinnerung daran, dass das Meer noch voller Geschöpfe sein mag, die die Menschheit erst noch entdecken muss.»

Zum Weiterlesen: Richard Ellis' «Seeungeheuer – Mythen, Fabeln und Fakten».

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