Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.

Revolutionäre Raumfahrttechnik: Leben im Luftballon – im Weltraum

Ein US-Unternehmen will an der Internationalen Raumstation neuartige Astronauten-Unterkünfte testen. Raumfahrer sollen in einem grossen Luftballon leben. Kann das gutgehen?

10.04.16, 20:21 11.04.16, 13:53

Christoph Seidler

Ein Artikel von

Rotierende Ringe, die Tausenden Menschen ein Zuhause bieten. Wohnhäuser, Farmen, alles in einer gigantischen Raumstation vereint. Transparente Wände, die von dort den Blick hinaus in die Schwärze des Alls freigeben. Wer so etwas was sehen will, muss sich Science-Fiction-Filme ansehen. Oder in längst überholten Zukunftsvisionen aus vergangenen Jahrzehnten schwelgen.

Die Wirklichkeit ist nämlich eher trist: Seit fünfeinhalb Jahrzehnten nutzt die Menschheit fliegende Blechdosen, wenn sie im All unterwegs ist. Metallhüllen schützen Raumfahrer vor der lebensfeindlichen Umgebung. Die so konstruierten Fahrzeuge und Stationen sehen immer gleich aus.

Auf der Internationalen Raumstation (ISS) soll jetzt aber eine Technologie ausprobiert werden, die das ändern könnte. Das US-Unternehmen Bigelow Aerospace schickt – mit finanzieller Unterstützung der NASA – ein aufblasbares Modul aus Kunstfasermaterial ins All. Es soll als Prototyp für die kosmischen Behausungen der Zukunft dienen.

Der wichtigste Vorteil: Die Technik nimmt beim Start weniger Platz weg und ist daher billiger ins All zu befördern. Das «Bigelow Expandable Activity Module», kurz «Beam», soll am Freitag mit dem «Dragon»-Raumtransporter der Firma SpaceX zur ISS fliegen, dort in einigen Tagen am NASA-Modul «Tranquility» befestigt werden – um schliesslich, vermutlich im Frühsommer, wie ein Luftballon aufgepustet zu werden. So etwas hat noch niemand zuvor an der ISS versucht.

Prinzip Schlafsack

Während des Transports zur Station ist das Habitat zunächst raumsparend zusammengelegt. Outdoor-Fans kennen das Prinzip vom Schlafsack. Der verbraucht in einen Kompressionsbeutel gestopft wenig Platz – und kann pünktlich zur Nachtruhe herausgeholt und aufgeplustert werden.

Ein NASA-Video über das Bigelow-Modul. YouTube/NASA Johnson

Beim Bigelow-Modul ist es so ähnlich. Hier werden aus 3,6 Kubikmetern Rauminhalt durch Aufpumpen mit Druckluft immerhin 16 Kubikmeter. Aus einem zylinderförmigen Paket mit rund zwei Metern Durchmesser und einem Meter Höhe entsteht ein Ballon-Modul von drei bis vier Metern Durchmesser.

Raumfahrer sollen sich in dem neuen ISS-Anbau erst einmal nicht dauerhaft aufhalten. Sie kommen aber regelmässig zu Kontrollmessungen vorbeigeschwebt. «Eine der entscheidenden Fragen ist, ob das Habitat langfristig dicht ist», beschriebt der Raumfahrttechnik-Experte Ulrich Walter von der TU München eine der entscheidenden Fragen. Walter, einst selbst als Wissenschaftsastronaut mit dem Space Shuttle im Orbit, hält das Aufblasmodul für eine «tolle Lösung» – wenn die Konstruktion hält, was ihre Erbauer versprechen.

Der entscheidende Mann hinter dem Projekt ist Robert Bigelow. Einst wurde er mit einer Hotelkette reich, doch seit mehr als anderthalb Jahrzehnten ist er im Raumfahrtgeschäft. So kaufte seine Firma die Patente des eingestellten NASA-Projekts «TransHab», das sich bereits mit aufblasbaren Raummodulen befasst hatte.

Eine russische Sojus-Rakete startet am 19. März in Kasachstan Richtung ISS.
Bild: YURI KOCHETKOV/EPA/KEYSTONE

Bigelow hat einmal berichtet, er habe sich bereits im Alter von zwölf Jahren für Reisen ins All begeistert – und sich vorgenommen, seine berufliche Laufbahn darauf auszurichten. Alles was er getan habe, habe das Ziel gehabt, einmal sein eigenes Weltraumprogramm zu starten. Nun ist er seinem Ziel so nahe wie noch nie.

Gefahr nähert sich mit 36'000 km/h

Dabei ist «Beam» zuallererst ein Testballon, im wahrsten Sinne des Wortes. Bigelows Firma hat längst Pläne für grössere Module. Ein Habitat namens «B330» soll dank eines Rauminhalts von 330 Kubikmetern – über den Daumen gepeilt ist das mit einer Vierzimmerwohnung vergleichbar – sechs Menschen beherbergen können. Bei Bedarf lassen sich auch mehrere der Module zusammenkoppeln. So soll es eine «Bigelow Commercial Space Station» entstehen.

Doch vor dem zweiten und dritten Schritt braucht es erst einmal den ersten. Neben der Druckdichtigkeit, der Temperaturkontrolle und dem Schutz vor gefährlicher Strahlung gibt es beim nun startenden Test einen weiteren entscheidenden Punkt: «Beam» muss – wie der Rest der ISS – dem Aufprall von Mikrometeoriten genauso widerstehen können wie kleineren Partikeln von Weltraumschrott. Diese können mit Geschwindigkeiten von zehn Kilometern in der Sekunde unterwegs sein, also mit 36'000 Kilometern in der Stunde.

Die bisherigen Module sind durch ein mehrschichtiges System gesichert. Heranrauschende Partikel treffen zunächst auf eine erste Metallschicht, die sie in Windeseile durchschlagen. Dabei verlieren sie im Idealfall genügend Energie, ausserdem werden sie aufgespalten. Eine zweite, mit einigem Abstand angebrachte Hülle muss sie dann endgültig stoppen. Hinter ihr liegt nur noch die Druckhülle der Station, die nicht zerstört werden darf.

Der Versuch dauert zwei Jahre

«Unser Schutz funktioniert mindestens genauso gut wie der im Rest der ISS, wenn nicht sogar besser», glaubt Mike Gold von Bigelow. Das habe man bei Tests auf der Erde herausgefunden. Das Aufblasmodul wird nicht durch Metallplatten geschützt, sondern durch mehrere Lagen Kunstfasern, vergleichbar mit dem äusserst robusten Kevlar.

«Wenn sie sich vor einem Schuss schützen wollen, würden Sie eine Weste aus Aluminium nehmen? Oder doch lieber eine aus Kevlar?», fragt Gold beim Gespräch provokant. Doch am Ende wird erst der Praxistest zeigen, ob seine Firma ihre Versprechen tatsächlich halten kann.

Nach aktueller Planung soll das «Beam»-Modul zwei Jahre an der Raumstation angedockt bleiben. Womöglich ist das zu kurz, warnt Ulrich Walter: «Einen direkten Treffer gibt es statistisch gesehen nur alle paar Jahre. Aber genau den braucht man, um zu sehen, ob die Technik tatsächlich standhält.»

Zusammengefasst: Der US-Raumfahrtkonzern Bigelow Aerospace schickt ein aufblasbares Modul zur Internationalen Raumstation. Es geht darum, die Technik dort zu testen. Es wäre das erste Mal, dass Menschen im All nicht in fliegenden Blechbüchsen unterwegs sind, sondern in einer Art grossem Luftballon. Besonders wichtig ist dabei der Schutz vor kleinen Meteoriten und Weltraumschrott. Klappt alles, will Bigelow auch grössere aufblasbare Weltraumstationen bauen.

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
Themen
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Entomophagie

Jeder von uns isst mindestens ein halbes Kilo Insekten im Jahr

Für die meisten von uns ist das Essen von Insekten undenkbar. Anders in Lateinamerika, Südostasien oder Zentralafrika. Weltweit verzehren zwei Milliarden Menschen regelmässig Insekten – und das aus gutem Grund, wie unsere Grafik zeigt. 

In der Schweiz ist der Verkauf von Insekten als Nahrungsmittel noch verboten. Ende November 2013 forderte die Grünliberale Nationalrätin Isabelle Chevalley in einem parlamentarischen Vorstoss die Aufnahme von Insekten in die Lebensmittelverordnung. Der Bundesrat hielt am Verkaufsverbot fest, mit der Begründung, die Frage über eine mögliche Gesundheitsgefährdung sei noch nicht abschliessend geklärt. 

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO ermutigt seit vergangenem Jahr zum …

Artikel lesen