Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.

Das bisher bekannte Sonnensystem: Was liegt weiter draussen? Bild: EPA

Jetzt beginnt die Mission «New Horizon» erst richtig: Gibt es jenseits von Pluto tatsächlich einen riesigen unbekannten Planeten? 

Die Nasa-Sonde «New Horizons» ist an Pluto vorbeigeflogen. Manche Astronomen glauben, dass es noch viel weiter draussen im Sonnensystem einen bisher unbekannten Planeten gibt. 

14.07.15, 16:49

Christoph Seidler

Ein Artikel von

Der Glückspilz war gerade 24 Jahre alt. Wobei Glückspilz die Sache nicht ganz trifft – schliesslich hatte der Farmersohn hart geschuftet: Im Februar 1930 meldete der US-Astronom Clyde Tombaugh seinem Chef am Lowell-Observatorium im US-Bundesstaat Arizona, er habe den neunten Planeten des Sonnensystems entdeckt. Auf der Suche nach diesem «Transneptun» hatte er unzählige Fotoplatten des Sternenhimmels vergleichen müssen – bis sich der gesuchte Körper endlich verriet.

Das System Pluto: Der Zwergplanet und seine fünf Monde am bisher bekannten Ende des Sonnensystems Bild: AP/NASA/JPL/Mark Showalter, SETI Institute

Astronomen hatten seine Existenz vorhergesagt. Nur so, glaubten sie, liesse sich die Bahn des Planeten Neptun erklären. Die Nasa-Sonde «New Horizons» hat nun den vermeintlichen Störenfried erstmals besucht. Die Rede ist von Pluto. Am frühen Dienstagnachmittag (13.50 Uhr Mitteleuropäischer Zeit) raste «New Horizons» am fernen Himmelskörper vorbei – rund 4.8 Milliarden Kilometer von uns entfernt. An Bord hatte sie auch einen Teil der Asche von Clyde Tombaugh.

Im Jahr 2006, Tombaugh war gerade ein paar Jahre tot, ist der Himmelskörper degradiert – und nur noch ein Zwergplanet. So wie etwa Ceres, Eris oder Makemake – also Brocken, die meist nur Fachleute kennen. Ist und bleibt also Neptun der sonnenfernste Planet unseres Sonnensystems? Da sind sich Astronomen gar nicht so sicher: Womöglich zieht ja weit hinter Pluto eben doch noch ein Himmelskörper seine Bahn. Nur konnten ihn Infrarotteleskope bisher nicht aufspüren, weil er zu klein und zu kalt ist, um aufzufallen.

«Mindestens ein unbekanntes Objekt»

So sagt zum Beispiel Mike Brown vom California Institute of Technology: «Ich vermute, dass es mindestens ein, wenn nicht sogar mehrere bislang unbekannte Objekte dort draussen gibt.» Brown, das muss man wissen, ist in dieser Diskussion nicht irgendwer. Er trägt entscheidende Schuld daran, dass Pluto seinen Status als Planet verlor. Mit dem Zwergplaneten Eris entdeckte er ein Objekt, das Pluto recht ähnlich war. Doch statt den Fund als Planeten anzuerkennen, entschied sich die Internationale Astronomische Union, beide einfach als Zwergplaneten einzustufen.

Die «New Horizon» überfliegt den Pluto-Mond Charon, im Hintergrund der Zwergplanet Bild: REUTERS/NASA/Applied Physics Laboratory/Southwest Research Institute

Brown hatte zuvor noch eine weitere spannende Entdeckung gemacht: ein rund tausend Kilometer grosser Himmelskörper namens Sedna, der an die Meeresgöttin der Inuit erinnert. Offiziell läuft das Ding gerade mal als Zwergplaneten-Kandidat. Doch spannend ist es, weil es so weit entfernt ist: Sedna ist auf einer Bahn unterwegs, die bis zu tausend Astronomische Einheiten weit im All liegt. Das ist, um es salopp zu formulieren, verdammt weit weg.

Astronomen rechnen bei Entfernungen im Sonnensystem gern mit der sogenannten Astronomischen Einheit (AE). Da geht es um die mittlere Entfernung zwischen Erde und Sonne – oder, wenn man es kompliziert mag, genau 149'597'870'700 Meter. Die Sonne ist also eine AE von uns entfernt, der Pluto aktuell etwa 32.

Clyde Tombaugh, der Entdecker des Pluto, im Jahr 1931. An Bord der «New Horizon» fliegt auch ein Teil seiner Asche mit Bild: ap

«Eine kalte, lichtarme Welt»

Ein noch unbekannter Planet am Rand des Sonnensystems – «grösser als die Erde» – müsse «sehr, sehr weit entfernt» sein, sagt Mike Brown. Doch, da gibt sich der Forscher sicher: «Ich glaube, er ist da.» Fragt man ihn, wo ein noch unbekannter Planet seine Bahn ziehen könnte, nennt Brown etwa tausend AE als mögliche Entfernung.

«Dies wäre eine kalte, lichtarme Welt», sagt Tilman Spohn, Direktor des Instituts für Planetenforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin. Er hält Browns These aber für durchaus nachvollziehbar. Ein «weit aussen kreisender, nicht allzu massiver Planet» könne durchaus bisher unentdeckt geblieben sein, bestätigt er.

Es gibt spektakuläre Vorschläge, wie ein noch unbekannter Planet aussehen könnte. Da ist zum Beispiel Tyche, benannt nach einer griechischen Schicksalsgöttin. Das wäre allerdings ein ziemlicher Brocken, vielleicht viermal so schwer wie der Jupiter, rund 15'000 AE entfernt – unter anderem daran schuld, dass Kometen aus den Aussenbereichen des Sonnensystems abgelenkt werden.

Doch bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass Tyche tatsächlich existiert. Vielleicht ja aber ein Planet namens Eurydice? Den hat John Murray von der Open University im britischen Milton Keynes vor einiger Zeit vorgeschlagen – inklusive der Stelle, an der zu suchen wäre – in etwa 32'000 Astronomischen Einheiten Entfernung. «Wir können uns nicht sicher sein, dass es keinen zusätzlichen fernen Planeten gibt», sagt Murray bis heute.

«Wise»-Daten bremsen die Euphorie

Nur, wie wäre der zu finden? Das Nasa-Teleskop «Wise» («Wide-Field Infrared Survey Explorer») hat danach gesucht. Ned Wright von der University of California in Los Angeles war Chefwissenschaftler der Mission – und drückt etwas auf die Euphoriebremse: «'Wise' kann entfernte Planeten jenseits des Neptuns in bestimmten Entfernungen ausschliessen, je nach ihrer Masse.»

Ein Artikel, der im vergangenen Jahr im «Astrophysical Journal» erschienen ist, zeigt, was das konkret bedeutet: Einen Planeten von der Grösse des Jupiters dürfte es laut «Wise»-Daten im Abstand von bis zu 82'000 Astronomischen Einheiten nicht geben. Bei einem Himmelskörper von der Grösse des Saturns läge das Limit bei bis zu 28'000 Astronomischen Einheiten. Eher schlechte Karten für Tyche und Eurydice also.

Einen Planeten von der Grösse des Neptuns, also ungefähr viermal so gross wie die Erde, könne man für Entfernungen von 300 bis 700 Astronomischen Einheiten ausschliessen, erklärt Ned Wright weiter. Und für einen Himmelskörper von der Grösse der Erde sei zumindest klar, dass er im Abstand von hundert Astronomischen Einheiten nicht existiere, so der Forscher.

Allerdings sei «Wise» auch nicht ideal für die Beobachtung erdähnlicher Planeten. Besser werde das zum Beispiel mit dem Large Synoptic Survey Telescope funktionieren, das gerade im Norden Chiles entsteht. Im Jahr 2022 soll es vollständig fertig sein.

Wo müsste man suchen?

Im Stillen hofft John Murray, der geistige Vater von Eurydice, noch auf eine andere Lösung: Wie wäre es, wenn eine eigene Mission nach seinem Planeten suchte? Schliesslich hat er ja vorhergesagt, wohin das Teleskop schauen müsse. Es müsse einerseits viel lichtschwächere Objekte als «Wise» erkennen, andererseits aber nicht den ganzen Himmel absuchen. «Trotzdem habe ich Zweifel, ob so eine Mission Geld bekommen würde», gesteht er. «Es gibt doch viel Skepsis, ob so ein Objekt wirklich existiert.»

Andererseits, sagt Murray, gebe es da die Geschichte eines Braunen Zwerges, den das «Wise»-Teleskop aufgespürt habe. Vereinfacht gesprochen ist das kalte Ding namens WISE 08550714 irgendetwas genau zwischen einem riesigen Planeten und einem Stern – und das von uns gesehen siebtnächste grössere Himmelsobjekt. Wenn ein so sonnennahes Objekt erst vor Kurzem entdeckt wurde, dann sei das doch ein Hinweis darauf, dass es womöglich noch näher gelegene und kühle Körper gebe – die wegen ihrer niedrigen Temperaturen bisher unsichtbar geblieben sind.

Zusammenfassung: Nach dem Vorbeiflug der Nasa-Raumsonde «New Horizons» am Pluto spekulieren Astronomen, ob es weit draussen im Sonnensystem noch unbekannte Planeten gibt. Manche Wissenschaftler sind davon überzeugt. Allerdings gibt es bislang noch keine Hinweise auf einen solchen Himmelskörper. Klar scheint: Er müsste vergleichsweise kalt und weit von der Erde entfernt sein.

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
3
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hierundjetzt 14.07.2015 20:04
    Highlight Charon (Mond) ist doch grösser als sein Planet. Also irgendwie stimmen die Grössenverhältnisse auf dem Bild nicht... ;-)
    3 2 Melden
    • River 14.07.2015 20:33
      Highlight Hast du schon mal Bilder von der Erde, die vom Mond aus geschossen wurden, gesehen?
      6 1 Melden
    • Hierundjetzt 14.07.2015 23:50
      Highlight Kleiner Witzbold, was?
      Charon 1200 km
      Pluto 2400 km
      1 1 Melden

Dank einer vorbeiziehenden Galaxie: Schweizer Astronomen entdecken abgelegensten Stern

Ein internationales Forschungsteam mit Schweizer Beteiligung hat einen Stern entdeckt, der neun Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Damit ist er der abgelegenste bisher bekannte Stern.

Der Stern, dem die Forscher den Übernamen Ikarus gaben, konnte nur dank dem Gravitationslinseneffekt überhaupt beobachtet werden. Sein Licht wäre unter normalen Umständen zu schwach, um von der Erde aus erhascht zu werden, wie die Universität Genf am Montag mitteilte.

Der Gravitationslinseneffekt kommt …

Artikel lesen