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Sprout Pharmaceuticals CEO Cindy Whitehead holds a bottle for the female sex-drive drug Addyi at her Raleigh, N.C., office on Tuesday, Aug. 15, 2015. After two rejections, the U.S. Food and Drug Administration gave approval Tuesday for the drug, also known as flibanserin, as a treatment for hypoactive sexual desire disorder, a first for women. (AP Photo/Allen G. Breed)

Einmal pro Tag eingenommen soll die «Addyi» den Frauen mehr Lust bereiten. Bild: Allen G. Breed/AP/KEYSTONE

«Frauen wollen sich begehrt fühlen – eine Lustpille allein bringt nichts»

Nach langem Hin und Her ist in den USA das erste Medikament gegen weibliche Lustlosigkeit bewilligt worden. Haben die Schweizerinnen ebenfalls ein Bedürfnis danach? Helke Bruchhaus Steinert ist Sexualtherapeutin – sie weiss, was Frauen wollen.



Frau Bruchhaus Steinert, wie stehen Sie ganz grundsätzlich zu Addyi, der «Lustpille» für die Frau?
Helke Bruchhaus Steinert: Aus medizinischer und therapeutischer Sicht bleibe ich im Moment noch eher skeptisch, ob dieses Produkt tatsächlich etwas bewirkt.​

Die Lustpille für den Mann ist seit vielen Jahren erfolgreich, warum sollte es hier anders sein?
Weil die beiden Produkte ganz unterschiedlich funktionieren. Viagra für den Mann setzt direkt beim Penis an, indem es dort die Durchblutung fördert. Das Produkt für die Frau löst jedoch keine Erregung direkt am Geschlechtsorgan aus. Es versucht viel mehr, Prozesse im Gehirn zu steuern, um die sexuelle Lust zu fördern.

Dr.med. Helke Bruchhaus Steinert
Fachärztin für Psychiatrie & Psychotherapie FMH

Helke Bruchhaus Steinert führt eine Praxis für Psychotherapie und Psychiatrie. Ihre Schwerpunkte sind Beziehungsprobleme, Paartherapie und Sexualtherapie. Bild: zvg

Und warum sollte das Ihrer Meinung nach nicht funktionieren?
Die Prozesse, die dort im Hirn beeinflusst werden, sollen dafür sorgen, dass beispielsweise Dopamin und Noradrenalin auf einem hohen Niveau sind. Diese Wirkstoffe sind für Antrieb und Aktivität zuständig. Die Idee dahinter lautet also: Wenn wir diesen Hormonen viel Platz geben, dann haben die Frauen mehr Lust und wollen mehr. In Wahrheit ist das aber nur ein ganz kleiner Teil-Aspekt bei der Frage nach der Lust.

Von dem Produkt erwartet man sich also zu viel?
Ganz genau. Es mag sein, dass mich diese Pille rein physiologisch auf das richtige Niveau bringt. Aber deswegen ist die Situation, die mich sexuell anspricht, noch lange nicht gegeben. Ich bin dann vielleicht grundsätzlich in einer passenden Stimmung, aber trotzdem bleibe ich sexuell nicht ansprechbar – weil mir vieles andere auch noch fehlt.

Welches sind denn die anderen Aspekte, die nötig sind, damit Lust entsteht?
In meinem klinischen Alltag höre ich immer wieder, dass Frauen Beachtung finden und sich begehrt fühlen wollen. Das aber nicht nur unmittelbar im sexuellen Kontakt – also nicht erst beim Vorspiel – sondern bereits davor. Die Sache mit dem Kerzenlicht und der Candlelight-Stimmung ist eben doch kein blödes Klischee. Frauen wollen merken, dass sie erotisch angesprochen werden – und das braucht seine Zeit. Während viele Männer eher sagen: «Ich kann auch mal schneller, ich brauche dafür nicht das ganze ‹Drumrum›.»

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Gibt es in der Schweiz einen Markt für diese Pille, haben die Schweizerinnen ein Bedürfnis danach?
Die Frauen, die zu mir kommen, haben glaube ich weniger den Wunsch des «Ich will jetzt unbedingt können». Die würden eher sagen: «Dann bin ich wieder diejenige, die können muss. Das macht die Sache für meinen Mann ja noch einfacher.» In den meisten Fällen formulieren die Frauen ihren Wunsch eher folgendermassen: «Ich möchte von meinem Mann mehr Aufmerksamkeit bekommen. Und dann wäre ich auch durchaus sexuell ansprechbar.»

Sie haben also keine Angst, dass die Lustpille für die Frau Ihnen die Patientinnen wegnimmt?
Nein, auf keinen Fall. Ich führe aber vor allem Paartherapien durch. Das schränkt meine Sicht darauf natürlich etwas ein. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es Frauen gibt, die ganz grundsätzlich an einem Lustmangel leiden – die sagen würden: «Wenn es nach mir ginge, bräuchte ich überhaupt keinen Sex – weder mit meinem Mann, noch sonst irgendwie.» Solche Frauen wenden sich mit ihrem Problem vielleicht eher an ihren Gynäkologen. Und da möchte ich nicht ausschliessen, dass es Frauen gibt, denen eine solche Pille helfen könnte.

«Mit diesem Mittel wird das Problem der Lust sozusagen ‹wegtherapiert›.»

In gewisser Weise macht dieses neue Produkt die Lustlosigkeit aber auch zu einer Krankheit.
Absolut. Die Lust der Frau wird pathologisiert und man sieht sie nicht mehr als wichtigen Hinweis für ein sonstiges Bedürfnis – in der Beziehung, in der gemeinsamen Zeit, im spielerischen Umgang miteinander und und und. Darum bin ich zusätzlich skeptisch. Mit diesem Mittel wird das Problem der Lust sozusagen «wegtherapiert». Das kann der Erotik und einer Verhaltensänderung, die oftmals nötig wäre, den Wind aus den Segeln nehmen. 

Kritiker führen auch das Problem der Nebenwirkungen an.
Da bin ich auch sehr kritisch. Mit Blutdruckabfall, Schwindel und Ohnmachtsanfällen sind diese ja doch erheblich.

Was glauben Sie, wie lange es dauern wird, bis das Produkt in die Schweiz kommt?
Diese Frage kann ich nur schwer beantworten. Es hängt ja auch davon ab, ob die hiesige Pharmabranche sich damit einen Gewinn ausrechnen würde. In den USA hat man vielleicht auch eine andere Einstellung zu Medikamenten. In meiner subjektiven Einschätzung sind Schweizer diesbezüglich zurückhaltender. Die sagen eher: «Ich versuche es erst einmal anders und nehme Medikamente erst dann, wenn es unbedingt sein muss.»

Angenommen, das Produkt kommt in die Schweiz: Würden Sie es Ihren Patientinnen empfehlen?
Weil ich grundsätzlich neugierig bin, würde ich es nicht von Vornherein ausschliessen. Ich würde es vielleicht einer Frau verschreiben, mit der ich in engem Kontakt stehe, mit der ich auch direkt die Folgen besprechen kann – und die vor allem rein körperlich absolut gesund ist. So ist es ja immer mit neuen Produkten: Sie können einen neuen Erkenntnisgewinn bringen, aber man muss sie erst einmal mit Vorsicht geniessen.

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Kitten 22.08.2015 06:21
    Highlight Highlight Der beste Stimulator ist der Eisprung. Da aber viele Frauen zwecks Verhütung den Eisprung unterdrücken/ verhindern, flacht auch die Lust ab. Ich hab nach einer Unverträglichkeit die Pille abgesetzt, mich mit natürlicher Verhütung beschäftigt und geniesse seither ein tolles Leben! Aber alles was der Pharmaindustrie schaden könnte, wird ja verhindert.
  • Zeit_Genosse 20.08.2015 20:02
    Highlight Highlight Warum soll Frau sich eine Pille einwerfen wenn sie keine Lust hat? Um dem Männerwunsch zu entsprechen und deren Sexualität zu leben (statt die eigene oder gemeinsame)? Eine "menholderpille".

    Warum soll Mann mit einer Apotheke satt einer begehrenden Frau vögeln? Männer sind doch nicht dumm (die Mehrheit zumindest) und möchten echte Erlebnisse mit Frauen.

    Sollten wir nicht zu den Ursachen zurück finden. Was macht Euch Frauen geil? Und liebe Herren, muss es denn immer GV in der Missionarsstellung im dunklen Schlafzimmer sein? Wo ist das Abenteuer, dass Eure Frauen anspricht? Und Ladys....?

    • koks 20.08.2015 20:46
      Highlight Highlight oh je. die frau das ewig unterdrückte geschöpf. es gibt frauen, die bestimmen selbst, was sie wollen, die brauchen keine hilfe von irgendwelchen ideologen und ideologien.
  • Yelina 20.08.2015 18:59
    Highlight Highlight Irgendwie muss man da auch verschiedene "Grunderkrankungen" unterscheiden. Ich kenne Frauen, die beim Sex zwar Lust empfinden und auch kommen, aber bis sie sich überhaupt darauf einlassen, dauert es lange, weil sie einfach keine Lust auf Sex haben im Alltag, bis sie ihn dann eben haben. Andere empfinden während dem Sex wenig Lust und können dann auch nicht kommen ohne zusätzliche Stimmulation (über was man nicht alles spricht unter Freundinnen 😉). Ob die Pille bei beiden "Varianten" helfen soll, weiss ich nicht, bin aber eher etwas skeptisch und möchte mehr Studien dazu sehen.
    • Zeit_Genosse 20.08.2015 19:50
      Highlight Highlight ...weniger Studien, mehr reale und echte Welt. Wenig Lust kommt wegen den vielen Stressfaktoren der modernen Welt. Davon gibt es viele, würde den Rahmen hier sprengen. Zudem wollen Frauen ja nicht nur Entspannung und Sicherheit, sondern auch Abenteuer. Ob Frau kommt (beim GV) ist den Männer wichtiger als den Frauen. Frau will einfach auch kommen. Mit Phantasie gelingt das auch meist und ist auch geil. Die Pille wird dann schnell zur Ersatzhandlung. Der Liebhaber wird damit nicht besser und auf den kommt es schon auch noch an.
  • Bowell 20.08.2015 18:17
    Highlight Highlight Lust läuft schlussendlich auch nur molekularbiologisch/chemisch ab und ich sehe keinen Grund weshalb man nicht Medikamente entwickeln kann oder soll, die in den Prozess eingreifen. Selbstverständlich nur bei einer "pathologischen Notwendigkeit" und da sehe ich dIe eigentliche Komplexität.
  • Karl33 20.08.2015 18:08
    Highlight Highlight Frauen wollen sich begehrt fühlen - aber bitte nicht in Zürich. Hier fühlen sie sich belästigt, werden sie begehrt ('iih, ich glaube der will seinen Penis in mich reinstecken').
    • Alan Smithee 21.08.2015 13:27
      Highlight Highlight Natürlich wollen sich Frauen begehrt fühlen,aber nur von Männern die von den Frauen als begehrenswert bewertet werden.
      Ist übrigens bei uns Männern auch so!.............
  • EvilBetty 20.08.2015 17:56
    Highlight Highlight Ich sags nochmal, nehmt einfach (die richtigen) Drogen. Die haben wahrscheinlich sogar noch weniger Nebenwirkungen und machen Spass.
    • PeterLustig 22.08.2015 17:36
      Highlight Highlight Ein Beispiel?
  • droelfmalbumst 20.08.2015 17:05
    Highlight Highlight die pille hörst sich extrem nach "Marketing" an... mit viagra nicht vergleichbar denn viagra hilft beim ständer... und nicht beim "lust kriegen"...sehr viele Männer haben lust aber kriegen keinen hoch... diese pille ist doch voll unnötig. ich nehme sie und habe dann voll bock.. ehm ok? gibt sonst testo-booster (viele nehmen das die im gym trainieren) ab denen wird man auch spitz wie ein stier... *g* nicht zu vergessen das die "lust" arg komplex ist... gibt auch viele menschen die ganz einfach keine lust verspüren. ich bezweifle dass da so eine gehirn-pille was bringt...
  • rychro 20.08.2015 16:49
    Highlight Highlight Es heisst häufig der Mann muss mir mehr Aufmerksamkeit schenken. Was sicher in den Fällen richtig ist. Trotzdem wünschen sich sicher auch viele Männer, dass Ihre Frau auch mal mit dem Wunsch nach Sex zu ihnen kommen. Oder wie seht ihr das?
    Vielleicht wünschen sich das Frauen genau das, häufiger Lust zu verspühren. Warum nicht?
  • Joshzi 20.08.2015 16:30
    Highlight Highlight Auch Viagra funktioniert nur unter bestimmten Voraussetzungen, zutiefst menschlichen Voraussetzungen. Depressionen wurden auch lange unterschätzt. Man warf den Leuten vor, dass sie sich doch einfach zusammenreissen müssten, ein wenig Bewegung in der frischen Luft und alles "funktioniere" wieder bestens. Nicht die Lust, die Unlust wird pathologisiert. Sicher liegt vielleicht auch darin die Gefahr, dass sich empfindsamere Menschen dazu gedrängt fühlen, ihre Lust nicht zu hinterfragen, sondern gleich mit einer Pille zuzudecken. Aber eine Chance ist das trotzdem, aber auch Verantwortung.
    • Joshzi 20.08.2015 16:46
      Highlight Highlight Ich meinte, Unlust nicht zu hinterfragen.
  • Roman Rey 20.08.2015 16:25
    Highlight Highlight Ich bin da auch sehr skeptisch. Die menschliche Lust ist doch viel zu komplex, als dass man sie mit ein paar Hormon-Boostern einfach wieder in Schwung bringen kann.

    Der Ansatz passt sehr gut zum American Way of Gesundheit, wo man sich tendenziell lieber eine Pille reinschmeisst, um sich nicht mit den Ursachen eines Problems auseinandersetzen zu müssen.
    • stadtzuercher 20.08.2015 17:32
      Highlight Highlight der american way of gesundheit ist längst auch der schweizerische. alle findens doof, und trotzdem machts die mehrheit nachher nach. ich nicht, die anderen auch.

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