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Die «Exxon Valdez» im Prinz-William-Sund. Bild: AP Photo/Al Gillo

Ölpest vor Alaska

Das giftige Erbe der «Exxon Valdez»

Vor 25 Jahren lief der Tanker «Exxon Valdez» vor Alaska auf Grund. Etwa 40'000 Tonnen Rohöl liefen aus. Es war eines der schlimmsten Umweltdesaster aller Zeiten – seine Spätfolgen sind heute noch spürbar. 

24.03.14, 08:57 25.06.14, 15:22

Kurz nach Mitternacht in der Nacht vom 23. auf den 24. März 1989 steuerte der übermüdete Dritte Offizier der «Exxon Valdez» – der Kapitän schlief derweil in der Kajüte seinen Rausch aus – den 300 Meter langen Öltanker auf das Bligh-Riff im Prinz-William-Sund vor der Küste Südalaskas. Elf Tanks wurden aufgerissen, rund 40'000 Tonnen Rohöl liefen aus und verseuchten über 2000 Kilometer Küste. Hunderttausende von Fischen und Seevögeln gingen ein, Seeotter, Robben, Schwertwale und andere Tiere verendeten elendiglich. Der Fischfang brach komplett ein. 

Es war aber weder die Menge des in die Umwelt gelangten Rohöls noch die Anzahl der toten Tiere, die aus der Havarie einen der schlimmsten Ölunfälle der Geschichte machten. Fatal war vor allem, dass die Ölpest ein weitgehend unberührtes Gebiet mit einem ausserordentlich empfindlichen Ökosystem traf – und zwar in einer arktischen Umgebung, wo sich das Öl aufgrund der niedrigen Temperaturen nur langsam zersetzt. 

Das Öl brachte zahllosen Seevögeln einen elenden Tod.  Bild:AP Photo/Jack Smith

Toxische Stoffe in der Nahrungskette

An den Spätfolgen leiden Tier und Mensch: Manche Tierarten, zum Beispiel die Heringe, erholten sich nicht mehr von der Katastrophe. Die toxischen Stoffe reichern sich zudem entlang der Nahrungskette an. Von den Arbeitern, die damals die vom Ölschlamm verdreckten Küsten mit Chemikalien säuberten, sind heute viele krank: Lungenprobleme, Nervenkrankheiten und andere Leiden machen ihnen zu schaffen.  

2010 waren immer noch etwa 75'000 Liter an Ölrückständen im Prinz-William-Sund vorhanden. Eigentlich hätten sie schon längst abgebaut und weggewaschen sein sollen. Der Grund dafür liegt offenbar in einer speziellen Schichtung des Bodens, wie Forscher im selben Jahr im Fachmagazin «Nature Geoscience» berichteten. Das Öl sei in eine kompakte Sandschicht gelangt, in der Wasser sich nur sehr langsam bewege. Dadurch gelange kaum Sauerstoff, den die ölzersetzenden Mikroorganismen benötigen, in den Boden. Zudem hielten Kapillarkräfte das Öl fest. 

Mit Hochdruckschläuchen versuchen Hilfskräfte den Strand zu reinigen.  Bild: AP/Stapleton

Verzweifelte Reinigungsversuche

Dass das Öl überhaupt so tief in den Boden eindringen konnte, liegt unter anderem auch daran, dass es nach dem Unglück so lange dauerte, bis Hilfe eintraf und Massnahmen ergriffen wurden – zum Teil ungeeignete: Verzweifelte Versuche, die ölverschmierten Felsen mit heissem Wasser und Seife zu reinigen, nutzten nichts und richteten mehr Schaden an. Weniger als zehn Prozent der ausgelaufenen Menge wurde eingesammelt. Über Wochen hinweg hatten die Gezeiten so den Ölschlamm an der Küste hin und her bewegt.   

Klimatische Verhältnisse, Bodenbeschaffenheit und zu spät einsetzende Hilfsmassnahmen wirkten so zusammen, dass die Spätfolgen der Katastrophe in der Subarktis besonders lange spürbar blieben – nämlich bis heute, ein Vierteljahrhundert nach dem Unglück. 

Auch andere Ölunfälle zogen gravierende Spätfolgen nach sich – während bei wieder anderen das ausgelaufene Öl erstaunlich schnell abgebaut wurde. Hier einige Beispiele: 

«Amoco Cadiz» (1978)

Der Öltanker der US-amerikanischen Amoco Oil Corporation fuhr unter liberianischer Flagge. Am 16. März 1978 fiel die Ruderanlage aus und die «Amoco Cadiz» kollidierte mit einem Felsen an der bretonischen Küste. Der Tanker brach in drei Teile auseinander, 223'000 Tonnen Rohöl gelangten ins Meer und verschmutzten über 350 Kilometer der französischen Küste. 
Die Natur regenerierte sich erstaunlich schnell: Die felsige, stürmische Küste der Bretagne verfügt über eine hohe Selbstreinigungskraft (die Schäden waren in den Buchten und Flussmündungen gravierender). Die Küsten waren schon ein Jahr nach dem Unfall wieder sauber. Doch noch Jahre später fand man Fische mit Geschwüren. Der Selbstreinigungsprozess dauerte gemäss französischen Forschern etwa 13 Jahre.
1998 hatten sich Fauna und Flora dann vollständig von der Verseuchung erholt. Keine Tierart starb aus. Dagegen gab es dort bleibende Schäden, wo Helfer mit dem Dreck bis zu einem halben Meter Marschland abgetragen hatten. 
Bild: AP NY

«Ixtoc I» (1979)

Nach einem Unfall auf der mexikanischen Ölbohrplattform im Golf von Mexiko am 3. Juni 1979 trat über neun Monate lang nahezu unkontrolliert Rohöl aus – schätzungsweise 440'000 bis 1'400'000 Tonnen. An der mexikanischen und texanischen Küste wurde die Population von Vögeln und Meerestieren stellenweise stark dezimiert. Eine Untersuchung vor der texanischen Küste zeigte eine allgemeine Abnahme der Biomasse, aber keine Veränderung der Artenzusammensetzung auf. Insgesamt überstand der westliche Golf von Mexiko die Ölpest einigermassen gut. Zwei Jahre später hatten Stürme die Strände gesäubert und die Krabbenfischerei in Texas wurde wieder aufgenommen.  Bild: AP

«Prestige» (2001)

Der 26 Jahre alte Tanker, der unter Billigflagge fuhr, geriet im November 2002 vor der galicischen Küste in Seenot. Die spanischen Behörden liessen die «Prestige» nicht in einen Hafen einlaufen, sondern auf hohe See schleppen, wo sie am 19. November auseinander brach und sank. Das Wrack lag 200 Kilometer vor der Küste in 3,6 Kilometern Tiefe, wo sich das Öl nicht abpumpen liess. Die Tanks barsten und rund 64'000 Tonnen Schweröl flossen ins Meer, bevor die Lecks versiegelt werden konnten. Ein rund 3000 Kilometer langer Küstenstreifen von Portugal bis Frankreich wurde verseucht. Mehr als 250'000 Seevögel verendeten; das grösste Vogelsterben in der Geschichte Europas
Die Folgen des Unglücks sind noch nicht überwunden. Bei schwerer See werden manchmal noch vom Sand bedeckte Ölreste an die Oberfläche gespült. Seit 2002 soll der Fischfang um bis zu 40 Prozent zurückgegangen sein. 2006 bildeten sich neue Ölteppiche an der Unglücksstelle; nach wie vor besteht die Gefahr, dass das restliche Öl im Wrack auslaufen könnte. 
Bild: AP AVION POLMAR II

«Deepwater Horizon» (2010)

Nach der Explosion der Ölplattform «Deepwater Horizon» am 20. April 2010 flossen etwa 700'000 Millionen Liter Rohöl in den Golf von Mexiko. Der Ölteppich dehnte sich in wenigen Tagen auf eine Fläche von über 9'900 Quadratkilometern aus. Das Öl erreichte auch bald die US-Küste und verschmutzte sie von Louisiana bis Florida auf einer Länge von 1700 Kilometern. 
19 Monate nach dem Unfall war gemäss einer Studie rund die Hälfte des Öls verdunstet oder von Mikroorganismen abgebaut. Die andere Hälfte bildet langlebige Rückstände, die auf den Meeresgrund sinken oder ans Ufer geschwemmt werden. Zudem steckt auch in den Sedimenten und in den Böden der Salzwiesen noch Öl, das bei heftigen Stürmen ausgewaschen und freigesetzt wird. 
Es gibt starke Hinweise darauf, dass nicht nur das Öl zu Schäden geführt hat, sondern auch die 6,8 Millionen Liter Dispergiermittel, die von BP ausgebracht wurden, um den Abbau des Öls zu beschleunigen. Hilfskräfte litten danach an Hautirritationen, neurologischen Schädigungen und Problemen mit der Lunge
Bild: AP

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • CG aus G :-) 25.03.2014 07:52
    Highlight Auf irgendwelche Art und Weise führte immer menschliches Versagen zu all den Unfällen.

    Manchmal waren die Leute übermüdet, andere ignorierten Sicherheitsstandarts und wieder andere versagten, weil der Mensch eben nicht perfekt ist.

    Warum nur ist der Mensch im allgemeinen so arrogant zu glauben er könnes alles beherschen?

    Wenn wir weniger arrogant sind und uns eingestehen, dass wir fehlerhafte Geschöpfe sind, werden wir vorsichtiger, dadurch passieren weniger Unfälle.
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