Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

So wollen die Polen die Biene retten 

Die Zahl der Bienenvölker ist dramatisch gesunken. Im Osten Polens haben Förster nun Hilfe aus Russland angeheuert. Die Experten bauen Wildbienen ein neues, sicheres Zuhause.  

21.06.16, 09:41 21.06.16, 14:30

Jan Puhl



Ein Artikel von

Von ihren Kollegen werden sie nur «der schwarze Adam» und «der weisse Adam» genannt. Die beiden sind in einer Mission unterwegs, die ganzen Völkern das Leben retten soll. Deshalb steht der polnische Förster Adam Kolator mit seinen schwarzen Haaren jetzt auf einer Aluminiumleiter, die an einer Kiefer lehnt, und sein Vorgesetzter Adam Sienko mit den weissen Haaren hält die Leiter fest.

«Es ist ein internationales Problem», sagt Adam Sienko, «35 Prozent der globalen Lebensmittelproduktion verdanken wir der Insektenbestäubung.» Aber Honig- und Wildbienen sterben in Massen, weltweit und auch hier in der «Augustower Wildnis» Ostpolens, der Puszcza Augustowska. Das über 100'000 Hektar grosse Waldgebiet grenzt an Weissrussland.

AUGUSTOW, MAY 31, 2016:Deputy chief forester Adam Sienko is working by one of the wild beehives, which he has set up in Augustow Wilderness, near town of Augustow, Nort-East Poland.(Photo by Piotr Malecki)

Adam Sienko an neu gebautem Bienenheim: Mit dem Rauch schwelender Baumrinde hält sich der polnische Forstexperte die summenden Insekten vom Leib.
bild: Piotr Malecki

Behutsam öffnet Kolator den Bienenstock, eine Baumhöhle in einer Kiefer. «Die Tiere sind ruhig heute.» Zur Vorsicht schwenkt er ein Gefäss, in dem Baumrinde schwelt: «Der Rauch hält sie mir vom Leib», sagt er und greift in die Öffnung, lockert eine der Waben, der Honig läuft ihm bis hinab zum Ellenbogen. Das Summen der Bienen wird lauter.

Der Honig schmeckt herb, nach Kräutern und Wald, eine Delikatesse: «Man kann die Blaubeere erahnen», sagt Sienko, und deutet auf die Büsche in der Nähe. 32 Bienenstöcke haben sie in ihrem Revier schon angelegt: «Im 18. Jahrhundert gab es hier 20'000, doch dann geriet die traditionelle Imkerei immer mehr in Vergessenheit.»

Aber die Natur und die Menschheit brauchen die Bienen, unbedingt, egal welche. Deshalb haben sich die beiden Polen Hilfe aus Baschkirien geholt, dort gibt es Kollegen, die sehr viel von wilden Bienen verstehen – diese müssen nicht wie herkömmliche Honigbienen permanent vom Imker gehätschelt werden.

AUGUSTOW, MAY 31, 2016:One of the wild beehives,  set up in Augustow Wilderness, near town of Augustow, Nort-East Poland.(Photo by Piotr Malecki)

Bienenstock in der Augustower Wildnis: Polnische Förster haben Experten aus Russland angeheuert, um die Zahl der Wildbienen-Völker zu erhöhen.
biuld: Piotr Malecki

40 Prozent weniger Bienen

Sienko hat seine Doktorarbeit einst über Elche geschrieben. Seit mehr als 30 Jahren durchstreift er im Auftrag des Staates die Wälder. Sein grosser Stolz ist das Foto eines Luchses, der vergangenen Winter unter seinem Hochsitz vorbeischnürte.

Sienko ist zufrieden mit seinen 114'000 Hektar Wald: Die Bäume sind gesund, die sechs Seen in seinem Revier sauber, ab Herbst durchstreifen Wisente die Puszcza Augustówska. Nur die Bienen machen ihm Sorgen: «Der Bestand ist um mindestens 40 Prozent zurückgegangen.» Die Insekten sterben an Pestiziden, an Milben und sie leiden unter den landwirtschaftlichen Monokulturen.

Das Phänomen zeigte sich Anfang des Jahrtausends drastisch, massenhaft starben etwa 2006 in den USA die Bienenvölker, die Verluste werden seit 2008 vom Forschungsnetzwerk «Coloss» erfasst. Es ist ein gespenstischer Vorgang, vor allem weil viele Nutzpflanzen vom Apfelbaum bis zur Wassermelone die Bestäubung durch die Bienen oder andere Insekten brauchen.

Know-how aus Baschkirien

Vor fünf Jahren etwa stiess Sienko auf eine Lösung: Aus Baschkirien, einer russischen Provinz am Ural, waren Försterkollegen angereist. Die Kontakte dorthin gehen noch auf sozialistische Zeiten zurück. Die Männer kennen sich gut aus mit Bienen. Im Naturreservat Schulgan-Tasch würden sie Hunderte wilder Völker hüten, so erzählen sie.

AUGUSTOW, MAY 31, 2016:Deputy chief forester Adam Sienko, standing below and forester Adam Kolator are posing by one of the wild beehives, which they have set up in Augustow Wilderness, near town of Augustow, Nort-East Poland.(Photo by Piotr Malecki)

Adam Sienko (oben) und Adam Kolator: Die Bienenexperten schnitzen mit einer groben Klinge eine grosse rechteckige Öffnung in den Baum. Darin werden einige Kanthölzer angebracht – als Rohbau für die Arbeitsbienen, die dann ihre Waben bauen.
bild: Piotr Malecki

Also folgten Adam Kolator und Adam Sienko einer Einladung nach Baschkirien. Als Willkommensgruss schlachteten die Gastgeber erst einmal ein Pferd. «Es gab nichts anderes und mit Wodka geht es», sagt der schwarze Adam.

Dann wiesen die Baschkiren die Polen in die Geheimnisse ihrer traditionellen Imkerei ein: Vermittels eines Holztritts und einiger Seile klettert ein baschkirischer Imker einen Baum bis zu sechzehn Meter hoch – schliesslich sollen die Bienen vor Nachstellungen durch Bären sicher sein.

Dann schnitzt er mit einer groben Klinge eine grosse rechteckige Öffnung. Darin werden einige Kanthölzer angebracht, gewissermassen als Rohbau für die Arbeitsbienen, die dann ihre Waben bauen. Als Köder hinterlässt man einige Löffel Honig und verschliesst das Loch mit zwei passgenau geschnitzten Brettern. Das eine ist mit einem Bohrloch als Eingang versehen. Kundschafterbienen finden die so vorbereiteten Nester, alsbald kommen andere Bienen hinterher.

«Bisher hatten wir keine längeren Leerstände», sagt der weisse Adam über die neuen Nester, die er nach der baschkirischen Methode in der Puszcza Augustowska angelegt hat. Er muss heute noch einen Projektantrag ins Ministerium nach Warschau schicken. Es war schwierig, Sienkos Vorgesetzte vom Nutzen der wilden Bienenvölker zu überzeugen. Was sollen uns die Russen schon beibringen können, fragte einer.

AUGUSTOW, MAY 31, 2016:Forester Adam Kolator is working by one of the wild beehives, which he has set up in Augustow Wilderness, near town of Augustow, Nort-East Poland.(Photo by Piotr Malecki)

Als Köder hinterlassen die Männer einige Löffel Honig und verschliessen das Loch mit zwei passgenau geschnitzten Brettern. Das eine ist mit einem Bohrloch als Eingang versehen. Kundschafterbienen finden die so vorbereiteten Nester, alsbald kommen andere Bienen hinterher. Das Konzept funktioniert, wie die Waben auf diesem Foto beweisen. bild: Piotr Malecki

Es geht um viel mehr als Geld

Auch die EU wollte kein Geld für die Reise der Baschkiren nach Polen ausgeben. «Die Biene ist in Europa kaum geschützt, sie steht artenschutzrechtlich auf der gleichen Stufe mit Schweinen und Kühen», sagt Sienko. Den Brüsseler Behörden sei die ökologische Bedeutung der Tierchen immer noch nicht klar.

Schliesslich zahlte ein norwegischer Öko-Fonds, und die Baschkiren konnten anreisen. Für die Männer vom Ural war die Reise ins moderne Ostpolen offenbar ein Kulturschock. «Sie kauften sich säckeweise Kondome, die scheinen da Mangelware zu sein», flüstert ein Försterei-Angestellter.

Die Baschkiren bildeten den schwarzen und den weissen Adam im Umgang mit Waldbienen aus, der einzige Unterschied: «Statt der Tritthölzer haben wir eine Aluleiter», sagt Sienko. Neulich war sogar ein Kamerateam in Augustów und dann auch in Baschkirien, um einen Dokumentarfilm zu drehen, der demnächst ins Kino kommt, Titel «Honigjäger», in einer Hauptrolle: Adam Kolator.

Wenn allerdings Touristen Sienko nach dem würzigen Waldhonig fragen, fährt er fast aus der Haut: «Wir wollen mit unseren Bienen kein Geld verdienen, es geht um viel mehr. Nur wenn es den Bienen gut geht, geht es auch dem Wald gut», sagt er.

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.

Abonniere unseren Daily Newsletter

2
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen

«Ein Befreiungsschlag» – wie ein Zürcher Bauer für eine Beere alles über den Haufen warf

Das Bauernsterben ist Tatsache. Heute machen drei Betriebe pro Tag den Laden dicht. Ein Rezept dagegen gefunden hat die Zürcher Bauernfamilie Räss. Auf ihrem Hof hüten sie einen korallroten Schatz. Eine Reportage. 

In Benken ZH, einem 850 Seelendorf am südwestlichen Hang des Cholfirsts, ist die Welt noch in Ordnung. Das Ortswappen zieren eine blaue Pflugschar und ein silbernes Rebmesser. Rebstöcke prägen das Landschaftsbild. Die Herbstsonne strahlt warm vom Himmel, während Traktore durch die Strassen tuckern und ein älterer Herr seelenruhig in einem Fahrradanhänger Holzscheite hinter sich herzieht.

Etwas ausserhalb des Dorfes erstreckt sich der Hof der Familie Räss. Direkt daneben schlängelt sich …

Artikel lesen