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So erkennt Matterhorn-Hüttenwart Lauber, ob jemand bergtauglich ist

Das Matterhorn feiert den 150. Jahrestag seiner Erstbesteigung mit einer ungewöhnlichen Idee: Einen Tag lang soll niemand auf den Gipfel. Kurt Lauber erklärt, warum – und erzählt seine Lieblingsepisode aus über 20 Jahren als Hüttenwart auf der Hörnlihütte.

08.07.15, 11:01

Stephan Orth / spiegel online 

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Sie sind seit mehr als 20 Jahren Hüttenwart am Matterhorn. Ihre Hörnlihütte wurde gerade umgebaut – gefällt Ihnen die neue Version?Kurt Lauber: Ich muss mich noch daran gewöhnen. Wir haben das Gebäude bis auf die Aussenmauern ausgehöhlt und neu gemacht. Die Küche ist grösser, es gibt keine Plumpsklos mehr, dafür eine neue Wasserversorgung und Solarenergie. Und: Wir haben nun weniger Schlafplätze, 130 statt 170.

Machen Sie sich damit nicht das Geschäft kaputt?
Am Matterhorn sind zu viele Menschen unterwegs. Der Weg zum Gipfel ist ein reiner Felsgrat mit Steinschlaggefahr. Wir wollen den Berg entschleunigen. Auch Campieren ist ab jetzt oberhalb von 2800 Metern verboten, dadurch gehen weitere 30 Übernachtungsmöglichkeiten verloren.

Zu diesen Ansätzen passt die Art, wie Sie das 150. Jubiläum der Erstbesteigung durch Edward Whymper feiern.
Unsere Idee ist, den Berg für einen Tag in Ruhe zu lassen. Niemand soll am 14. Juli auf den Gipfel gehen. Ein schöner Gegensatz zum Motto «schöner, besser, spektakulärer», das sonst für solche Veranstaltungen gilt.

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«Ich habe das Gefühl, dass die Leute heutzutage weniger Eigenverantwortung kennen. Es gibt in ihrem Leben zu viele Regeln, das ganze Jahr hindurch, sie sind das so gewohnt.»

Lässt sich das durchsetzen? Abriegeln kann man einen Berg nicht.
Wir hoffen auf den gesunden Menschenverstand. Die Hörnlihütte wird an dem Tag nicht für Bergsteiger geöffnet, genausowenig wie das Rifugio Abruzzi auf der italienischen Seite.

Sie haben ein Buch herausgegeben, in dem Bergführer ihre besten Anekdoten vom Matterhorn berichten. Welche Episode würden Sie erzählen?
Einmal erwischte ich vier spanische Bergsteiger dabei, wie sie Wasser aus der Kloschüssel schöpften. Sie wollten damit kochen, das machten sie angeblich immer so. Auf meinen Hinweis, dass das keine gute Idee sei, erwiderten sie, ich solle mich um meine eigenen Probleme kümmern. Am nächsten Mittag kam ein Notruf vom Gipfel: Mehrere Männer brauchten einen Rettungshubschrauber, weil sie unter Bauchkrämpfen litten. Da ich auch Bergretter bin, machte ich den Einsatz selber. Am Gipfel konnte ich mir ein kleines Lächeln nicht verkneifen: Es waren die vier Spanier, die nun doch zu «meinem Problem» geworden waren. Für den Heli mussten sie später 4000 Franken bezahlen – wenn sie auf meiner Hütte Trinkwasser gekauft hätten, hätten sie viel Geld gespart.

Haben sich die Matterhorn-Bergsteiger verändert in den letzten 20 Jahren?
Ich habe das Gefühl, dass die Leute heutzutage weniger Eigenverantwortung kennen. Es gibt in ihrem Leben zu viele Regeln, das ganze Jahr hindurch, sie sind das so gewohnt. Manche können dann im Gebirge nicht verstehen, dass nicht überall ein Warnschild steht, wo es gefährlich werden kann.

Wie oft raten Sie Bergsteigern ab von der Tour?
Ich halte niemanden davon ab, die sind alle alt genug. Wer hierher kommt, hat die Entscheidung gefällt, dass er da hoch will. Wenn mich jemand fragt, was ich denke, gebe ich natürlich eine Einschätzung.

Wie erkennt man in ein paar Sekunden, ob jemand gipfeltauglich ist?
Ich sehe es daran, wie jemand läuft, schon nach fünf Metern. Ich lasse die Leute einfach eine Treppe an der Hütte hochsteigen: Wer geübt und trittsicher ist, schaut dabei nicht auf seine Schuhe, sondern geradeaus. Wer beim Treppengehen seine Füsse fixiert, ist vermutlich kein guter Bergsteiger.

Bei uns lässt sich diese Frage zur Gipfeltauglichkeit übrigens (fast) genauso präzise klären – mit unserem Matterhorn-Quiz …

Das Matterhorn-Quiz
1.Ein echtes Vorbild: Mehr als 150 Berge weltweit tragen Spitznamen, in denen das Wort Matterhorn vorkommt. Drei der folgenden Bezeichnungen kursieren tatsächlich – welche aber ist erfunden?
APA
Shivling, das Matterhorn Indiens
Grand Teton, das Matterhorn Amerikas
Uluru, das Matterhorn Australiens
Ama Dablam, das Matterhorn des Himalaya
2.Vor 150 Jahren standen erstmals Menschen auf dem Gipfel des Matterhorns. Wie hiess der Erstbesteiger?
Zermatt Tourismus
Edward Whymper
Paul Preuss
George Mallory
Melchior Anderegg
3.Wie hoch ist es eigentlich, dieses Matterhorn?
AP
3798 Meter
4016 Meter
4478 Meter
4810 Meter
4.Welcher der folgenden Sätze trifft auf das Matterhorn zu?
KEYSTONE
Es ist der höchste Berg der Schweiz.
An keinem Berg der Schweiz starben so viele Menschen.
1927 gelang dem Flugpionier Ernst Udet 50 Meter unterhalb des Gipfels ein Start mit einem Segelflugzeug.
Der erste Hund, er hiess Tschingel, erreichte den Gipfel im Jahr 1875.
5.Der Tiroler Regisseur und Bergsteiger Luis Trenker drehte den bekanntesten Film über das Matterhorn. Wie lautete der Titel?
Der Berg ruft
In eisigen Höhen
Sturz ins Leere
127 Hours
6.Über die 1100 Meter hohe Matterhorn-Nordwand führt eine der spektakulärsten Klettertouren der Alpen. Die Erstbesteiger brauchten noch zwei Tage, heute reichen acht bis zehn Stunden. Am 30. April 2015 schaffte der Schweizer Dani Arnold auf der sogenannten Schmid-Route einen neuen Geschwindigkeitsrekord – was war seine Bestzeit?
MAMMUT
59 Minuten
1 Stunde 46 Minuten
2 Stunden 59 Minuten
3 Stunden 46 Minuten
7.Der Berg ist so bekannt, dass er auch als Logo in der Werbung benutzt wird, und zwar von ...
... dem Filmstudio Paramount.
... der Getränkemarke Mountain Dew.
... der Outdoor-Marke Mammut.
... der Schokoladenfirma Toblerone.
8.1988 gelang der Sendung «Verstehen Sie Spass?» ein Coup am Matterhorn. Was brachte den weltbekannten Bergsteiger Reinhold Messner mitten in der steilen Wand völlig aus der Fassung?
KEYSTONE
Ein Mann im Yeti-Kostüm, der ihn beim Aufstieg überholte.
Ein Auftritt seines Bergpartners Hans Kammerlander mit Sauerstoffmaske, der wirres Zeug redete.
Ein Kiosk mit Souvenirs und Klatschpresse.
Ein aufdringlicher Sherpa, der unbedingt seinen Rucksack tragen wollte.
9.Die Erstbesteigung des Matterhorns vor 150 Jahren war mit einem tödlichen Drama verbunden – im Foto ist ein zerrissenes Seil von Edward Whymper zu sehen. Wie viele der sieben Bergsteiger schafften es, lebendig zurück ins Tal zu kommen?
Einer
Zwei
Drei
Sechs
10.Der legendäre Schweizer Bergführer Ulrich Inderbinen stand 84-mal auf dem Mont Blanc, 81-mal auf der Dufourspitze – und 371-mal auf dem Matterhorn. Beim 125-jährigen Jubiläum der Erstbesteigung im Jahr 1990 stellte er einen Rekord auf. Welchen?
Ihm gelang die schnellste Besteigung auf der Normalroute.
Er hielt sich länger auf dem Gipfel auf als je ein Bergsteiger vor ihm.
Er war der erste Mensch, dem eine Skiabfahrt von ganz oben gelang.
Mit 89 Jahren war er der älteste Mann auf dem Gipfel.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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